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Full text of "Rechnungswesen und Buchführung der Romer [microform]"

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MASTER 

NEGATIVE 
NO. 94-821 74 




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violation of the Copyright law. 



Author: 



Beigel, R. 



Title: 



Rechnungswesen und 
buchführung der Römer 

Place: 

Karlsruhe 

Date: 

1904 



^^-r2/7f^ 



MASTER NEGATIVE # 



COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES 
PRESERVATION DIVISION 

BIBLIOGRAPHIC MICROFORM TARGET 



ORIGINAL MATERIAL AS FILMED - EXISTING BIBLIOGRAPHIC RECORD 



lusiN^as 

410 

B3915 



Beigel, R 1844- 

Rechnungswesen und buchfiilirims der Römer, von 
R# Beigel. Karlsruhe, Braun, 1904. 

vii, P.Cy(^ p. ?A cm« 



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RECHNUNGSWESEN 

UND BUCHFÜHRUNG 



DER RÖMER 






VON R. BEIGEL. 




KARLSRUHE. DRUCK UND VERLAG DER 
G. BRAUNSCHEN HOFBUCHDRUCKEREI 

1904. 



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Inhaltsverzeichnis. 



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Einleitung. Seite 

Der Handelsverlcehr Roms, Maßstab für das römische Buch- 
führungswesen I 

Erster Teil. 

Das Rechnen i^ 

Das Münzwesen 1 1 

Allgemeines 31 

1. Kupfermünzen 38 

2. Silbermüuzen ^2 

3. Goldmünzen cj 

Maße 56 

Gewichte 61 

Zweiter Teil. 

Allgemeines über die altrömische Buchführung 63 

Stand der altrömischen zur heutigen Buchführung 72 

Terminologie und Buchungsformeln -jg 

Das nomen facere 87 

Die Staatsbuchhaltung im alten Rom qi 

Allgemeines qi 

1. Verwaltung q6 

2. Kassenbuchführung 105 

accepta 114 

expensa 1 1 g 

3. Die Kassenkontrolle 124 

4. Verfall des römischen Staatsfinanz vvesens 135 

Römische Inventarienbücher 13g 

Das breviarium und der libellus 13g 

Das Kalendarienwesen j^i 

I. Das kalendarium publicum 141 

1. Geschichtliches xii 

2. Zweck und Wesen 144 

3. Verwaltung j^^ 

4. Cautiones debitorum ici 

5. Buchführung j-^^ 



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IV 

Seite 

II. Das kalendariimi privatum i6o 

1. Zweck und Wesen i6o 

2. Verwaltung i6i 

3. Haftpflicht der Verwalter 162 

4. Buchführung 163 

Der Kodex 165 

Allgemeines 165 

1. Einrichtung der ratio 173 

2. Der codex accepti et expensi 181 

3. Der codex rationum 183 

4. Rechtswirkung der Einträge im Kodex 188 

a) Im Privatrecht 188 

b) Im Kriminalrecht 193 

Die Adversarien und Ephemeriden 201 

Die römische Bankbuchführung 206 

Allgemeines über das Argentariat 206 

1. Die Geschäfte der Argentarier 211 

2. Die Buchführung der Argentarier 218 

3. Die Adversarien 221 

4. Der codex rationum 224 

5. Die Beweiskraft der Argen tarienbücher 233 

Die Hausbücher 242 

Allgemeines 242 

1. Die Buchführung des Paterfamilias 242 

2. Die Beweiskraft der Hausbücher im Privat- und Kriminal- 

prozeß 246 

Die Litteralobligation 254 



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i 



Vorwort 



Die Buchführung ist, nationalökonomisch gesprochen, das 
Mittel, mit Hülfe dessen die wirtschaftliche Arbeit eines Volkes 
gemessen wird. Soll dieser Meßapparat voll und ganz seine 
Aufgabe erfüllen, so können auch die strengsten Anforderungen, 
die an ihn mit Bezug auf Leistungsfähigkeit gestellt werden 
müssen, nicht streng genug sein. 

Ist nun schon zur Beurteilung der Buchführung eines 
noch in der Arena der Wirklichkeit stehenden Volkes der 
Besitz der Kenntnisse des Verrechnungswesens unumgänglich 
notwendig, um wieviel mehr trifft diese Voraussetzung erst 
zu bei den alten Römern, einem untergegangenen Volke, 
von dessen Buchführungswesen nur Trümmer, nichts weiter 
als das, was Marcus Tullius Cicero in seinen Reden für 
Sextus Roscius^) und gegen Gaius Verres^) darüber verlautbar 
werden ließ, und was sonst noch darüber zerstreut bei den 
klassischen Schriftstellern oder in den Digesten s) zu finden ist. 
Was darüber hinausgeht, beruht mehr oder weniger auf subjek- 
tiven Vermutungen. Auch bei den in diesem Werke enthaltenen 
Darstellungen konnten keine andern Wege eingeschlagen 
werden. Dies geschah unter Anlehnung an die vorhandene 



I) Verteidigungsrede gegen die Anschuldigung des Vatermordes durch einen 
Günstling des Diktators Sulla, gehalten im Jahre 674 der Stadt. 

') Anklagereden gegen den Priitor (Gerichtspräsidenten) Verres, der von den 
vereinigten Gemeinden Siziliens wegen einer großen Reihe von Verbrechen verfolgt 
wurde, gehalten im Jahre 70 vor unserer Zeitrechnung. 

3) Hauptbestand des corpus juris civilis. 



VI 

Literatur. Hierbei habe ich es mehr als einmal schwer 
empfunden, wie jämmerlich Schade es ist, daß unter allen — • 
antiken wie modernen — Schriftstellern, die sich mit der Materie 
befaßten, nicht ein einziger vorhanden war, der — dies geht 
klar aus den einschlägigen Bearbeitungen hervor — buchhalte- 
rische Kenntnisse besaß. Die Folge war, daß alle samt und 
sonders zu recht anfechtbaren, häufig sich stracks widersprechen- 
den Ansichten in puncto des altrömischen Buchhaltungswesens 
gelangt sind. Fragen, deren Lösung ganz oder teilweise auf 
dem Gebiete der Buchhaltung lagen, suchte man auf das Rechts- 
gebiet hinüberzuspielen und vom rein juristischen Standpunkte 
aus zu lösen. Ganz natürlich! weil das erstere Gebiet für die 
Schriftsteller eine terra incognita, auf dem andern Gebiete man 
aber zu Hause war. Für sie bHeb, da sie fast durchweg Juristen 
waren, nicht die kaufmännische Form der Verrechnung, nicht 
die buchhalterische Bedeutung des codex und der ratio, sondern 
^ das kann man auf Schritt und Tritt ihrer Untersuchungen 
feststellen — lediglich der juristische Begriff maßgebend. Ein 
großer Teil der in ihren Darstellungen vorkommenden Irr- 
tümer, Widersprüche und Mißverständnisse ist der vollständigen 
Außerachtlassung der buchhalterischen Grundregeln sowie dem 
Umstände zuzuschreiben, daß man sich nicht klar darüber war, 
daß zwischen der kaufmännischen und der juristischen Beurtei- 
lung von Buchhaltungsverhältnissen eben doch eine große 
Verschiedenheit besteht. Es wäre daher kein Wunder, wenn 
dieser Sachverhalt auch die Beurteilung rein juristischer Dinge, 
wie der Lehre vom nomen facere, vom Litteralkontrakt, der 
stipulatio usw., die unmittelbar immerhin zur Buchführung in 
einer gewissen Beziehung standen, beeinflußt haben sollte.^) 



^) Vgl. Heinrich Schüler, der in seiner Schrift >die Litterarum obligatio des 
altern röm. Rechts< (Breslau 1842. S. 39) das Vorkommen einer großen Anzahl von 
Irrtümern und Mißverständnissen feststellt. Und auch in der Einleitung bes. Schrift 
spricht Schüler von Widersprüchen und Unklarheiten, in denen sich die alten wie 
Jüngern Schriftsteller bezüglich der Lehre vom Litteralkontrakt verwickelt hätten. 



VII 

In dieser Erkenntnis lag für mich ein kräftiger Anreiz, die 
Buchhaltung der alten Römer an der Hand der einschlägigen 
Literatur und unter gleichzeitiger Würdigung der juristischen 
Seite der Sache, möglichst vom Standpunkte der Buchhaitun gs« 
technik zu erklären. Inwieweit mir diese Erklärung gelungen^ 
wird bei dem ]\Iangel eines festgefügten Quellenmaterials aller- 
dings sich abschließend schwer beurteilen lassen. Indes habe 
ich mir redlich Mühe gegeben, den Gegenstand nach Kräftea 
der Möglichkeit nahe zu bringen. 

Im Zusammenhang mit der Buchführung erachtete ich es 
als nicht unangebracht, das Rechnen, sowie die Münzen, Maße 
und Gewichte der Römer unter Benützung der vorhandenen 
Quellen dem Werke als ersten Teil voranzustellen. 

Jedenfalls glaube ich das Verdienst für mich in Anspruch 
nehmen zu dürfen, zuerst den Versuch gewagt zu haben, die 
altrömische Buchführungsmaterie aus dem rein juristischen Ideen- 
kreis herausgehoben und sie — wenngleich nach der Natur der 
Sache eine ganze Reihe lateinischer iVusdrücke und Zitate ange- 
wandt werden mußte — dem kaufmännischen Gesichtskreise 
näher gebracht zu haben. 



vStraßburg, im August 1904. 



R. Beigel. 



Einleitung. 



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\ 



Der Handelsverkehr Roms, 
ein Maßstab für das römische Buchführungswesen. 

Für die römische Staats- wie Privat-Buchhaltung war der 
Census Ausgangs- und Mittelpunkt. Speziell für die Privat- oder 
Hausstandsbücher waren außerdem noch andere Kräfte wirksam, 
die zur Buchführung trieben. Wir meinen die im römischen 
Reiche im Schwünge gewesenen Handels- und Verkehrsinteressen. 
Es ist erwiesen, daß die Römer einen ausgedehnten Groß- und 
Importhandel betrieben, ein einträgliches Bankgeschäft mit Geld- 
wechsel, Kredit- und Auktionsgeschäft durchgebildet hatten und 
der Rhederei mit ebensoviel Energie wie Verständnis oblagen. 
Diese Faktoren mußten nicht nur ihrerseits zu einer methodischen 
Buchführung hindrängen, sondern auch zu einer grösseren Ver- 
vollkommnung derselben Veranlassung geben; denn als kluges 
Volk werden die Römer wohl gewußt haben, daß es nicht bloß 
gilt, durch wirtschaftliche Arbeit der Natur die Güter abzugewinnen, 
oder die Naturprodukte nach Stoff und Form zu verarbeiten, 
sondern dieselben auch zu verwalten. Diese Verwaltung durfte 
keine ziellose sein, sondern sie mußte den Erfolg, als den Zweck 
und Inhalt der gesamten Arbeit eines Volkes, zum Ausdruck 
bringen. Dies konnte nur durch die Buchführung, als die unent- 
behrliche Begleiterin einer jeden wirtschaftlichen Tätigkeit, erreicht 
werden. Schon die ganze Art, wie in Rom das mobile Groß- 
kapital sich bildete, deutet darauf hin, daß die Römer, wenn 
auch die Darstellung der Form ihrer tabulae und rationes im 
Codex auf uns nicht überkommen ist, eine systematische Buchführung 
mit einer der unsrigen sich nähernden Kontoform gekannt haben 
mußten. Wie anders hätte der Geschäftskreis der Römer die 
Ausdehnung erfahren können, die er angenommen hatte, hätte 

Beigel, Rechnungswesen. t 




Der Handelsverkehr Roms etc. 



der römische Kaufmann seine Transportspesen berechnen und 
seine Artikel auslcallculieren l^önnen. Wenn dem Geldadel eme 
nutzbringende Verwendung seiner disponiblen Kapitalien m der 
Finanzpachtung (redemtura) ■) eröffnet ward, der argentarius seme 
Geldgeschäfte besorgte, der Grol^kaufmann aus Alexandnen V.eh. 
Häute Wolle, Honig und syrische l.uxussklaven bezog, der Grol^- 
handei (mercatura) Warenmassen an den Zwischenhändler und 
Handwerker abgab und die großen, den Markt beherrschenden 
Industrien den lunesischen (karrarischen) Marmor und das Bau- 
holz aus Etrurien bezogen, so mul'.ten doch alle diese Irans- 
aktionen gründlich und richtig gebucht werden. Bekanntlich 
entbehrten die Isomer in ihrer Verwaltung derjenigen Behördeu- 
eliederung und Arbeitsteilung, die heute selbst der kleinste Staat 
besitzt Daraus entstand das System der Verpachtung, so z. B. 
der Domänen. Salinen, Steuern und Gefälle, der Armeelieferungcn 
und öffentlichen Arbeiten, der Bauten. Straßenarbeiten ^) und 
Stellung von Pferden für sacrale Prozessionen u. dergl. an private 
Unternehmer. Größere Lieferungen wurden an Kommanditgesell- 
schaften (societas publicorum), die die Erpachtungen gewerbs- 
mäßig betrieben, im Wege der Lizitation vergeben. 

Wie bedeutend mitunter die Engagements waren, geht 
daraus hervor 3), dal^ die Reinigung der städtischen Kloaken ein- 
mal für .000 Talente = 4 7>5 0oo M. vergeben war. Anderer- 
seits erpachteten die Sozietäten öfter verschiedene . aber lokal 
zusammentreffende Abgaben, wie z. B. Zölle und Grundsteuer 
von Domänen-Weide, so in Sizilien .), Domänen-Weide und Salinen 
und dann auch noch Warenzölle in DacienS,. Aus diesen Ver- 
hältnissen ergab sich zwingend das Bedürfnis der Rechnungs- 
und Buchführung nicht bloß allein für die Behörden, sondern 
auch für die Privaten. 



. ,,, I T- 1 nrv viv ■? I : S "» bs. Iwan von Müller. 

1) Serv. Sulp, bei Ulp. 3= '""1 Ed. CD. XIX. 2. I5 S - ds- 

Hindbuch der klassischen Altertumswissenschaft IV. Bd. München 1893. 

" L,v XXIV. 8. 10; XXXIX. 44, 5 ff- >^I-l- ^-7- 5- P-'y- Realencyclopadte 

VI. .. 245 ff. C. G. Dietrich, Beitrag z. Kenntnis des röm. St.aatspächtersystcms. 

Leipzig 1877. , 

3) Dion. III. 67; Cic. ad Att. XI, lo. i. ad tarn. XIII. 6,. i. 

4) Cic. in Verr. II, 70, l?!- , „ tt ^u u «»^ 

5) Cic ad Att. CIL. III, 1363, 1209, vgl. Dr. Iwan v. Müller. Handbuch etc. 

S. 371- 



Dazu trat, daß die Römer die formale Stipulation und das 
Rechtsinstitut der verschiedenen Obligationsarten, ferner den 
sacralen Schutz rechtlicher Verhältnisse, kurzum die Rechtslehre 
so scharf ausgebildet hatten, daß es ein Wunder wäre, wenn 
sie nicht auch zugleich und damit im Zusammenhange ihre Buch- 
führungsmethoden auf eine gleiche Höhe der Vollkommenheit 
gebracht hätten. Denn aus der Lehre vom römischen Litteral- 
Contrakte ist bekannt, daß jeder Vertrag in Rom erst dadurch 
rechtswirksam wurde, daß eine schriftliche Abfassung desselben 
erfolgte. Und diese Niederschrift war nicht etwa bloß ein Beweis- 
mittel, das unbeschadet der Gültigkeit des Vertrags auch fort- 
fallen konnte, sondern sie war vielmehr eine tatsächHche Not- 
wendigkeit zur Begründung der Vertragsverbindlichkeit. Dies 
führte dazu, die Stipulation im Buch zu fixieren, um sich so den 
Rechtsboden für die Vertragserfüllung zu sichern. Aus diesem 
Buch, das anfänglich ein erweitertes Inventar- oder Registratur- 
buch (liber patrimonii, oder libellus familiae) gewesen sein mag, 
dürfte sich der spätere codex entwickelt haben. Da das Bedürfnis 
zur Buchführung ganz allgemein, wie im Rechts- so auch im 
Verkehrsboden wurzelt, so läßt sich leicht ein ungefährer Maß- 
stab für den Grad der Vollkommenheit der Bücher in dem Zustand 
der Handelsinteressen eines Volkes finden. Da zeigt es sich 
denn, daß der römische Handel nach damaligen Begriffen auf 
einer hohen Stufe der Entwicklung stand. Wie war nun der 
römische Handel, dieser Gradmesser für den Tiefstand der Buch- 
führung, geartet? Zu Anfang freilich, als sich infolge der Bedürfnis- 
losigkeit der römischen Bevölkerung der Handel mehr auf den 
Platzhandel beschränkte und ledigUch Metalle und JMetallwaren 
aus Etrurien, phönizische und punische Luxusartikel, Salben zur 
Totenausstattung, kleinere Kunst- und Schmucksachen i), Elfen- 
beinarbeiten, Purpurstoffe und gestickte Staatsgewänder von den 
Etruskern und Latinern bezog ^j und dagegen Kupfer, Eisen, 
Blei, Silber und Gold auf den mittelitalischen Jahrmärkten tauschte,' 
da waren die handelspolitischen Gesichtspunkte Roms noch klein 
und eng, seine Handelsinteressen im großen und ganzen noch 

1) Die erste Bekanntschaft der Römer mit den orientalischen Luxusstoffen 
datiert von Beendigung des zweiten pun. Krieges im Jahre 553, Plaut. Stich. II, 2, 52 ff. 

2) C. Hutzelmann, Einfluss Phöniziens auf die Kultur des Occidents , Nürn- 
berg 1870. 



Einleitung 



unabhängig vom Auslande. Da der alte Römer durchaus 
unseemännisch war und dem Meere unsympathisch gegenüber- 
stand ^), so dauerte es lange, bis der Außenhandel sich zu beleben 
begann. Diese Verhältnisse änderten sich, als gegen Mitte des 
5. Jahrhunderts die Römer in den westgriechischen Kulturkreis 
eintraten und durch Eroberungskriege in den Besitz reicher 
Schätze gelangten, die sie in die Lage setzten, ihr Münzwesen 
zu reformieren ^). Bis zu diesem Wendepunkt lag der Schwer- 
punkt des Binnenhandels in Rom. Hier aber bestand das Haupt- 
handelsgeschäft im Warenaustausch, der sich an den Markttagen, 
(nundinae) vollzog und auf dem Marktplatze, dem forum, 
lokalisiert war. In der Hauptsache suchte jeder Hausstand durch 
eigene Produktion und eigene Verarbeitung des Produkts (Zu- 
bereitung der Lebensmittel zum Geniei^en, Verarbeitung von 
Wolle und Flachs zu Wirtschaftsmaterial, von Binsen und Gras 
zu Kleidungsstücken, Anfertigung von Bedarfsartikeln aus Holz 
und Ton u. dergl.) den obwaltenden Bedarf zu decken 3). 

Auch als die Römer mit der hellenischen Kultur bekannt 
wurden, als sie mit dem Besitz großer Reichtümer raffinierte Le- 
bensformen annahmen, ein grobsinnlicher Materialismus zur Herr- 
schaft gelangte und die Gier nach dem Gelde immer mehr sich 
verbreitete, wurde es mit der kommerziellen Lage des Landes 
nicht besser, denn die Ansammlung großer Kapitalsmassen, 
welche das ausschließliche Trachten der Beamtenschaft wie der 
Bürger ausmachte und alle Kräfte für sich in Anspruch nahm, 
erzeugte Korruption, Schlaffheit und Genußsucht und verhinderte 
die Bildung einer gesunden Grundlage, auf der Handel und 
Wandel gedeihen konnten. Erst als in Italien an Stelle des Acker- 
baues eine industrielle Großgrundwirtschaft trat, das mobile 
Kapital eine nutzbringende Verwendung suchte, die Konsum- 
fähigkeit sich steigerte und der Rückgang der vSelbstproduktion 
einen blühenden Kleinhandel schuf, da trat für Rom die Merkantil- 
und Industrieperiode und mit ihr die Epoche der Kreditwirtschaft 
ein. Während der Geldadel (equites) die Steuererhebungen sowie 
die fiskalischen Arbeiten und Lieferungen in Entreprise nahm 



Der Handelsverkehr Roms etc. 



1) Nissen, Ital. Landeskunde I. 88 ff. 

2) Liv. X. 46, 5. 10. 12. 14 bei Schiller -Voigt S. 770. 

3) Schiller- Voigt S. 768. 



und die Anlehen römischer Kommunen und Provinzen vermittelte, 
wandte sich das Großkapital den großen Finanzgeschäften zu' 
und suchte Verwendung in der Rhederei und im Importhandel. 
Diesem wirtschaftlichen Umschwünge paßten sich alle anderen 
Verhältnisse an. Es entstanden neue Bedürfnisse und Konsum- 
artikel, die Absatzgebiete erweiterten sich und die :\Iassen- 
produktion schuf einen geregelten Personen- und Güterverkehr '), 
nebenher entwickelte sich ein schwunghafter Seeverkehr, die 
Küstenländer des mare internum oder mare nostrum : des Mittel- 
meeres, miteinander verbindend. Der gesteigerte Verkehr forderte 
vollkommenere Zahlungsmittel, bessere Rechtsordnungen und 
bewirkte, daß die alten erlauchten, senatorischen Geschlechter 
im Besitzstand von den Industriellen überflügelt wurden, ebenso 
wie der alte Adel aus seiner Stellung als Kapitalmacht durch 
neue Geschlechter sich verdrängt sah. In dieser Epoche begann 
sich ein blühendes Bankgeschäft (argentaria) zu entwickeln-) 
Dieses umfaßte: den Geldwechsel, die Vermögensverwaltungen, 
die Kontokorrent- und Agentur-Geschäfte, die Maklergeschäfte,' 
den \^ollzug von Käufen, die Auktionen und die Zahlungen für 
Drittes). Daneben blühte die Rhederei (navicularia; und der 
Großhandel (mercatura) immer mehr empor; obschon der letztere, 
da große, lokalisierte, den Markt beherrschende Industrien im' 
Lande fehlten, lediglich im Binnenhandel bestand. Nur in ein- 
zelnen wenigen Artikeln, so in Metallen, Salz, in dem lunesischen 
(karrarischen) Marmor und seit der Abholzung Latiums in dem 
Bauholz Etruriens, fand ein Export statt 4). 

Der Import bestand in dem orientalischen und dem occi- 
dentalischen Handel. Ein afrikanisch-römischer Handel entwickelte 
sich erst seit der Zerstörung von Carthago.5) Aus Syrien bezog 
man Luxussklaven, aus Sizilien Vieh, Häute, Wolle und Honig, 
von Pontus Euxinus eingesalzene Fische (salsamenta), aus Ägypten 

y Gebrauchlich war die rheda, eine Art char-ä-banc und die zweirädrige cisium 
oder Ivabnolet, neben der meritoria, einer Art Lohn- oder Stellwagen für die minder 
Bemittelten. Schiller- Voigt. S. 832. 

2) Cic. in Verr. V. 59, 155. 

3) Pauly, Rcalencyclop. I. 2, 15 13 ff. 

4) Plm. H. X. XXXVL 6. 48 bei Dr. H. Schiller S. 844. 

V 1 ^ ^\f " ;^r"^^^"^P'-^- Trin. II. 2, soff, die mercatura und maritima negot.a. 
Vgl. Schiller.\ oigt, Handb. d. kl. Alt.-Wiss. 



Der Handelsverkehr Roms etc. 



Einleitung 



Essig, aus Griechenland Weine, aus Sizilien Safran, über Ale- 
xandrien die ostafrikanischen und asiatischen Gewürze und Spe- 
zereien, so insbesondere äthiopischen Zimmt (cinnamum); sodann 
Zinnober aus Cappadocien, bunten Marmor aus Griechenland. 
Phrygien, Numidien und Ägypten, Purpurwollstoffe aus Milet, 
leinene Stoffe aus Ägypten. Prachtgewebe zum Überdecken von 
Sofa und Betten aus Cypern usw. Dagegen lieferte Gallia cis- 
alpina Arbeitssklaven, Britannien und Ligurien Zucht- und Ar- 
beitsvieh, Südspanien Honig und feines Öl. Elegante Decken 
und Tücher wie feine Tuniken kamen aus der Belgica. Ligurien 
und der Gegend von Verona. Sklaventuniken aus Ligurien, wie 
überhaupt der okzidentale Handel überwiegend Artikel lieferte, 
die den bescheidenen persönlichen Bedürfnissen dienten. 

Was die Art und Weise des Handelsbetriebs anlangt, so 
war die Praxis der älteren Zeiten, in denen der phönizische, 
punische oder griechische Kaufmann mit seinen vaterländischen 
Waren von Hafen zu Hafen zog, um Absatz zu suchen und Rück- 
fracht einzunehmen, längst aufgegeben,^) nur ausnahmsweise ge- 
schah es, dass die Handelsgüter unmittelbar aus dem Produk- 
tionsgebiete nach dem Lande des Verbrauchs übergeführt 
wurden. 3) Ein ausgebildeter Zwischenhandel brach sich Bahn, 
welcher den Warenumsatz der hellenistischen Welt, unterstützt 
durch große Stapelplätze, regelte. Die aus den Nachbar- und 
Hinterländern bezogenen Handelsgüter wurden in Niederlagen 
eingelagert, von woher der Kaufmann sie bezog und an den 
Konsumenten, häufig mittelst auf eigene Rechnung eingerichteten 
Rhedereibetriebs, brachte. 4) Ein solcher Stapelplatz war Puteoli. 
welcher Ort zugleich der wichtigste zentrale Handelsplatz für die 
in Italien abzusetzenden Waren abgab. Hier wurde die aus- 
wärtige Ware gesammelt und aus diesen Lagern dann die Lokal- 
fracht zusammengestellt, um von dem Befrachter (exercitor navis) 
entweder zu Wasser, sei es auf eigenem oder auf ermietetem 



1) Schiller- Voigt, S. 846 ff. 

2) B. Büchsenschütz , Besitz u. Erwerb im griech. Altertum, Halle 1869. 

S. 459 ff. bei Schiller-Voigt. 

3) H. Blümner, .Griech. Privataltert. S. 85. 

4) Nach Plinius H. N. XIX. 3, 4 v. J- 661 suchte man schon damals mit 
Findigkeit nach den besten Bezugsquellen. Ebenso Philostr. vit. Apollon. VII. 12 
p. 134 bei Schiller- Voigt, Handbuch. 



Transportschiff (navis oneraria), oder aber zu Lande nach dem 
Verbrauchsplatze übergeführt zu werden. ^) Die speziell nach Rom 
bestimmten Schiffsladungen gingen nach Ostia, von wo aus sie 
entweder ganz oder teilweise auf Leichterschiffen (scaphae) von 
den navicularii caudicarii nach Rom geführt wurden, um an dem 
in der Nachbarschaft des Aventin im Jahre 561 angelegten Aus- 
ladeplatze gelöscht und sodann in Magazinen (horrea privata) 
aufgespeichert zu werden. Den römischen Kaufleuten selbst aber 
dienten in dieser Periode die Basiliken als Börse, ^j Zu dieser 
Epoche unterschied man bereits scharf zwischen dem Großkauf- 
mann (mercator), dem Kleinkaufmann (propola), dem Trödler (scru- 
tarius), sodann dem Sklavenhändler (mango) und dem Industriellen 
bezw\ Gewerbetreibenden (negotiator, negotians). Im Kleinhandel 
finden sich Kreidehändler, Obst- und Delikatessenhändler, Ge- 
müse- und Salbenhändler, Verkäufer von Nahrungsmitteln, Öl- 
händler; im Gew^erbebetrieb Kranzflechter, Leichenbestatter usw.3), 
Malvenstoffweber, Kürschner, Sticker in Kreuz- und Plattstich, 
Haarschneider -i), Geflügelmäster, Brot- und Küchelbäcker u. a. m. 
vertreten. Daneben trifft man Schank- und Gastwirtschaften, 
WeinschänkenS), Garküchen, Stallwirte, Lichtbäder usw., und als 
Zeichen für den gesteigerten Verkehr ist die Einrichtung neuer 
Jahrmärkte anzusehen.^) 

Mit dem Niedergange Griechenlands und des Orients fiel 
die Führung auch der geistigen Bewegung dieser Zeiten ganz 
von selbst an Rom, welches der geistige Mittelpunkt der zivili- 
sierten Welt wurde. Der römische Staat wurde aber auch zu- 



1) Vgl. Schiller- Voigt S. 377. 378 ff. u. Noten 105— 112. 

2) Die ältesten dieser Art Börsen sind die Porcia v. 570 Liv. XXXIX. 44, 
7, wie die Fulvia v. 574 und die Sempronia v. 584, Becker a. O. vgl. Dr. Schiller 
S. 849. 

3) Die Ubitinarii mussten Geschäftsbücher über die besorgten Bestattungen 
(Suet. Nero 39) führen, worunter wohl öffentliche Totenlisten verstanden werden 
dürften. Vgl. Dr. H. Schiller S. 854 ff. 

4) Der tonsor verschnitt Haupthaar wie Bart und Nägel. Das lange Haupthaar 
hielt man als eine Eigentümlichkeit der Barbaren, Plin. H. N. III. 5, 47, XI. 37, 
1 30, während das kurze Haar ein Kennzeichen des Freien war , der langes Haupt- 
und Barthaar nur zum Zeichen der Trauer trug. Caes. Gall. V. 24 f. 

5) Die tabernae tonstrinae und cauponae wurden zum Schwatzen wie zum 
Trinken aufgesucht. Hör. Sat. I. 7, 2 f. 

6) Im Jahre 534 und 542 vgl. Dr. H. Schüler S. 850. 



<at 






8 



Einleitung 



gleich zum Weltreiche, welches, von den Grenzwällen Britanniens, 
Gcrmaniens und Daciens, vom Rhein und der Donau, wie vom 
Kaukasus bis zu den Küsten des persischen und arabischen Meer- 
busens und zu den Grenzen des ägyptischen Äthiopien, wie bis 
zum Fuße des Atlas sich erstreckend, nach antiker Anschauung 
den orbis terrarum umspannte.^) Dabei bot dieses gewaltige Reich 
seinen Bewohnern die unschätzbaren Segnungen des anhaltenden 
Friedens nach außen, wie ungestörter Ordnung im Innern, und 
alles, was der Staat an Größe und Macht bekundete, was ihn 
an Glanz und Majestät umgab, lief zusammen in der Urbs, der 
Dea Roma, jener sagenumwobenen, von der Dichtung gefeierten 
und von dem Glänze heldenmütiger und ruhmreicher Taten um- 
strahlten Stadt, die in den Augen der Mitwelt mit einer wahren 
Heiligkeit umgeben war, und der selbst das christliche Byzantiner- 
tum das Epitheton der sacra sacratissima nicht versagte.-) 

Es ist kkir, dai^ mit den ethischen und poHtischen auch die 
wirtschafthchen Interessen sich gleichmäßig entwickelten. Das 
Streben nach Rechtseinheit und Rechtsgleichheit bewirkte eine 
Erweiterung des privatrechtlichen ins gentium, nach welchem 
sich der universelle Verkehr zu richten hatte, und in der Aus- 
prägung einer gemeinsamen Reichsmünxe trat die Einheitlichkeit 
des Staates zutage. Zu dieser Zeit entstand in dem römischen 
Kaiserreiche ein Wirtschaftsgebiet, welches einerseits für die ver- 
schiedenen Produktionsverhältnisse der einzelnen Landesteile die 
Vorbedingungen eines schwunghaften Innenhandels darbot, und 
das andererseits wieder vom Außenhandel in hohem Maße unab- 
hängig gestellt war. 3) 

Unter der Gunst dieser Verhältnisse steigerte sich die Be- 
deutung des Handels als eines Faktors des wirtschaftlichen 
Lebens 4). Sich stützend auf Emporien wie Alexandria und 



i) Vgl. Dr. H. Schiller S. 88 1. Dritte Periode bis zu Diokletian. 

2) Voigt a. O. IV. I, 42 f.; Preller, Rom. Myth. II. 353 ff-. 182 f.; H.Herbst, 
De sacerdot. roman. municip. Hai. 1883, 17. 

3) Schiller, Geschichte der niniischeii Kaiserzeit I. 4 19 ff., Friedländer, Dar- 
stellungen II. 5, 55 ff.; Durny, Hist. des Rom. IH. 258 ff.; die wichtigsten Quellen 
über die Artikel namentlich des orientalischen Handels sind das Warenverzeichnis 
aus der Zeit von Marc. Aurel, sowie der Zolltarif von Palmyra. Siehe Literatur 
hierüber bei Dr. H. Schiller S. 904. 

4) Dr. H. Schiller S. 899. 



Der Handelsverkehr Roms etc. 



Antiochia gestaltete sich der Verkehr immer reger und schwung- 
hafter, während sein Warenumsatz besonders nach dem Norden 
hin sich erweiterte. Eine prompte und wohlgeordnete Rechts- 
pflege, welche den geschäftlichen Interessen den nötigen Schutz 
gewährte, innerer und äußerer Friede, völlige Sicherheit des Ver- 
kehrs, wohlbekannte Seewege, ein großartiges System von treff- 
lichen Landstraßen und die Abwesenheit vexatorischer Zölle — 
das waren die Faktoren, welche die Konsumfähigkeit erweiterten 
und den Handel nach allen Richtungen des Reiches hin radien- 
weise zum Gedeihen und Blühen brachten. Insbesondere war es 
der orientalische und occidentalische Innenhandel^) der Kaiser- 
zeit, der sich damit befaßte, vornehmlich Sklaven, Nutz- und 
Zuchtvieh, Nahrungsmittel für den täglichen Bedarf, sodann 
Delikatessen und Gewürze, Spezereien und Farbstoffe, Mineralien 
und Nutzhölzer, Pech, Häute und Wachs, Webstoffe, Pracht- 
meubles, Glaswaren und Schreibmaterialien zu importieren, woneben 
nur vereinzelt neue Artikel aufgenommen oder auch nur neue 
Bezugsquellen gewonnen wurden. 2) In gleichem Alaße nahm 
der ausländische Importhandel seinen Aufschwung. Neben 
arabischen und indischen Kauffahrern war es der römische Kauf- 
mann, der auf dem Seewege durch das rote Meer die Produkte 
Äthiopiens und Südafrikas, Persiens und Arabiens, Indiens und 
Chinas in den Produktionsgebieten aufsuchte. Der orientaHsche 
Import umfaßte die verschiedenartigsten Artikel, wie: Sklaven, 
Affen, wilde Tiere zu Kampfspielen, Gewürze, Spezereien, Medika- 



^) Die Importen aus China, Indien und Arabien verschlangen jährlich 100 
Millionen Sesterzien = M. 21 750000 Plin. H. N. XII. 18, 84, wovon der indisch- 
chinesische Import 55 Millionen Sesr. = M. ii 963000 und somit der arabische 45 
Millionen Sest. absorbierte. 

2) Aus Nordafrika bezog man Sklaven, aus Gallia transalpina Wein. Der 
röm. Bernsteinhandel beginnt erst unter Vespasian und gewinnt seinen Aufschwung 
in den Zeiten Trajans. F. AValdmann, der Bernstein im Altert. Fellin 1883, 54!. 
Die Beziehungen Roms zu Indien etc. behandelt Osmond de Beauvoir Priaulx im 
Journal of the royal asiatic society of Great-Britain and Irland XX. 269—312, Über 
Handel und Schiffahrt des alten Indiens: W. Vincent, The commerce and navigation 
of the ancients in the Indian Ocean II. London 1807. Die Beziehungen zwischen 
Rom und China behandelt De Guignes: Sur les liaisons et le Commerce des Rom, 
avec les Tartares et les Chinois. in Ulm. de l'Acad. des Inscr. XXXII. 355 ff. usw. 
vgl. bei Dr. H. Schiller S. 903 ff. 






lO 



Einleitung 



mente, ^) Weizen, Indigo, arabischen Purpur, Stahl, eiserne Werk- 
zeuge', sodann die verschiedenen Edelsteine (Saphir, Topas, 
Diamant, Onyx, Amethyst, Smaragd etc.) und Perlen, Schildkrot, 
Elfenbein, Häute vom Nilpferd, Rhinozeroszähne, ferner Ebenholz 
und Marmor aus dem östlichen Afrika, Prunkgefäße aus Indien, 
babylonische, persische und sarische Saffiane und Maroquins, wie 
Prachtgewebe, indische Malvenstoffe, Baumwollenzeuge, sarische 
Seidenwaren und Seidengarne. 

Der Preis der importierten Artikel erhöhte sich ungemein und 
betrug, auf dem römischen Markt angelangt, das Hundertfache des 
Einkaufspreises.^) Denn abgesehen von den sehr hohen Reise- und 
Transportkosten (von Oktober bis Januar ruhte die Seefahrt 
gänzlich) 3) und der Verteuerung der Ware durch den Großhändler, 
schlug der römische Kleinhändler seinerseits über 50% auf 
dieselbe. 4) 

Aber auch der orientalische Landweg verteuerte die Ware 
beträchtlich. Denn abgesehen davon, daß der Transport einer 
Kamellast (der Transporteinheit, zu der die Eselslast = V2, die 
Wagenlast = 4 sich verhielt 5), im Gewichte von 400 Pfd. = 
1 30 Kilogramm von Sobota oder Sabatha im zentralen Südafrika 
bis Rhinocolura 688 Denare 6) = 598 M., somit per Kilogramm 
4,60 M. kostete, so belasteten auch fremdländische Zölle und 
Erpressungen aller Art den Händler ganz erheblich. 7) 

Der Exporthandel an sich blieb unerheblich. Er beschränkte 
sich darauf, nach dem Norden Geräte und Schmucksachen abzu- 
setzen Ferner wurde mit den Hermunduren und Alarkomannen 
Handel getrieben, und auch nach dem Oriente gewannen einige 
Artikel wie Getreide, Wein und Öl, Eisen, Kupfer, Zinn und 



X) Die Medikamente wurden durch die griech. Arzte in Rom eingebürgert. 
Plin. H. N. XXIX. I. 24 f. bei Dr. H. Schiller S. 906. 

2) Plin. VI. 23, loi. . T^ . 

3) Flor II. 34 {IV. 12) gibt jedenfalls in starker Übertreibung als Dauer emer 
Landreise von China nach Rom eine Zeitdauer von vier Jahren an , und vom Indus- 
delta bis zum Eingange des persischen Meerbusens soll Nearch zu seiner Forschungs- 
reise 80 Tage gebraucht haben. Vgl. Dr. H. Schiller S. 908. 

4) Juv. XIV. 201. 

5) Depan in A. I. cit. 510 ibid. 

6) Plin. XII. 14, 65 ibid. 

7) Plin. XII. 14, 63 ff., Peripl. 6, 17, I9. 24. 28 ibid. 



Der Handelsverkehr Roms etc. 



1 1 



orichalcum (griech.: oqEiyaXxoq = Messing), sodann fertige Klei- 
dungsstücke ägyptischen^) Fabrikats, ebenso Linnen, Glaswaren, 
Werkzeuge und Waffen und nach dem südlichen Arabien Weizen 
und Weine, Korallen, Salben und Spezereien, Purpurstoffe usw. 
Absatz. Als Stapelplätze dienten dem römischen Reiche die vier 
Zentren: Karthago, Alexandrien, Antiochia und Ostia. 2) 

Da dem großen Quantum des Imports ein nur bescheidener 
Export gegenüberstand und insbesondere der orientalische, vor 
allem aber der indisch-chinesische Handel fast völlig passiv war, 
und da außerdem den kostbaren Importartikeln ein Export von nur 
geringwertigen Waren gegen übertrat, so daß der orientalische 
Handel alljährlich enorme Summen verschlang, so gestaltete sich 
die römische Handelsbilanz recht ungünstig. Dadurch strömten 
große Summen baren Geldes in das Ausland, dem auch die Gold- 
und Silber-Exportverbote, zu denen man nach dem Vorgange 
früherer Zeiten griff, nicht zu steuern vermochten 3). Die Folge 
war: vollständige Erschöpfung der baren Mittel in der Byzantiner 
Zeit und Eintritt einer immer mehr sich steigernden Geldarmut 
im römischen Reich. Zu dieser Entwicklung haben nicht zum 
kleinsten Teil die großartigen Hafenbauten, welche die Kaiser 
zu Ostia ausführen ließen, beigetragen, insofern als sie zu einer 
Ablenkung des Handels von seinen alten Emporien geführt 
haben. 

Mit diesem wirtschaftlichen Rückgang zeigt sich zugleich 
eine allmähliche Abnahme in der Energie aller Lebensäußerungen 
der bürgerlichen Gesellschaft. Eine allgemeine Erschlaffung aller 
vitalen Funktionen der Volkskraft wie seiner schöpferischen Ini- 
tiative trat ein, der sich eine Erlahmung des Schwunges in Wissen- 



J) Der ägyptisch - indische Handel war kein direkter und die Ägypter 
fuhren bloß bis zum Ausgange des roten Meeres , wo sie von arabischen , indischen 
und malaiischen Seefahrern die Waren übernahmen. Erst die römischen Schiffe 
gingen bis Indien , infolge dessen dieser Handel sehr rasch einen ungemeinen Auf- 
schwung gewann. Dr. H. Schiller, Literatur S. 900 ff . 

2) Vgl. Schiller- Voigt, Klass. Altertumswissenschaft, herausgegeben von Dr. 
Iwan v. Müller. 

3) Von einem solchen Exportverbot, das zur Zeit Hadrians bestand, berichtet : 
Ulp. 8 de off. proc. ibid. S. 909. Ähnlich griff im Jahre 301, um die Tendenz 
zum Sinken der Preise infolge zu starken Abflusses von barem Gelde zu regulieren, 
Diokletian mit seinem edictum de pretiis rerum venalium ein. Lepaulie , L'edit de 
maximum et la Situation monetaire de l'emp. sous Diocl. § 30, 7, Paris 1886. 



f« 



Der Handelsverkehr Roms etc. 



13 



12 



Einleitung 



Schaft und Kunst anschloß. Der Niedergang in ökonomischer und 
finanzieller Beziehung, ein konstant fortschreitender Verfall des 
sittiichen Lebens, die Haltlosigkeit der religiösen Zustände und 
endlich der Untergang aller staatsrechtlichen Formen und Ord- 
nungen, welche in früheren Zeiten den patriotischen Sinn als 
das Fundament der Größe des Staates erkennen ließen, dies alles 
zeigte, daß der Untergang der römischen Welt sich anbahnte.^) 
Mit der durch Theodosius sanktionierten Trennung der 
beiden Reichshälften, mit der die letzte Periode der Kaiserzeit 
einsetzte, trat der Untergang sichtbar in Erscheinung. So sehen 
wir denn in der Geschichte eine Säule um die andere, einen Teil 
um den andern wanken. In diese Zeit fällt auch das allmähliche 
Schwinden des Codex accepti et expensi von der Bildfläche, der 
in der Blütezeit des römischen Handels in jedem HaushaU anzu- 
treffen war. 

Es läßt sich ohne weiteres annehmen, daß das Rechnungs- 
wesen der Römer den Phasen, welche der römische Handel in 
seiner ganzen und langen Entwicklung durchzumachen hatte, ge- 
folgt ist und Schritt für Schritt mit durchgemacht hat. Denn 
die eine Entwicklung ist mit der andern unzertrennbar verknüpft. 
Das zeigt uns die Wirtschaftsgeschichte auf jeder ihrer Blätter, 
um wievielmehr erst mußte bei den Römern, die mit einer vir- 
tuosen Rechtstechnik ein angeborenes Rechtsbewußtsein ver- 
banden und dabei sich eigentlich selbst ihren Handel schufen, 
ihn groß zogen und zur vollendeten Blüte brachten, die Ent- 
wicklung ihres Rechnungswesens mit der Entwicklung ihrer 
Rechtsbe.griffe aber auch mit derjenigen ihres Handels Hand in 
Hand gehen. Darum blieb nicht bloß allein das, was die Römer 
Grolls und Erhabenes in ihrem Geistesleben geschaffen, sondern 
auch was sie in ihrem Verkehrsleben an Institutionen ausbildeten 
und dazu muP) mit in vorderster Reihe ihr Rechnungswesen ge- 
stellt werden - als leuchtendes Beispiel für die Nachwelt be- 
stehen Wir sehen dies in den Bruchstücken, Überresten und 
Trümmern, die uns aus ihrer Literatur erhalten geblieben sind. 
Wohl ist es nicht viel, was wir da in den alten Schriften und 
Werken lesen, aber immerhin genug, um den Scharfsinn, mit 

^Th^ Od. III. 6 , 46 ff. Oio Chrysos. or. XIII. 263 ff. , vgl. bei Dr. 
H. Schiller S. 889. 



dem die alten Römer ihren Buchführungspflichten oblagen, unsere 
Bewunderung zu zollen, und über das feine Rechtsgefühl zu 
staunen, mit dem sie ihre Litteralobligation schufen und ihre 
stipulatio ausbildeten, an deren Hand sie einer jeden Buchung 
die ihr zukommende rechtliche Bedeutung beizumessen ver- 
standen. 



Erster Teil. 

Das Rechnen. 

Die Benützung der Finger als Verständigungsmittel war 
bei den Völkern des Altertums ein ständiger Brauch, und auch 
heute noch wird dieses Mittel unter Leuten benützt, die gegen- 
seitig ihre Sprache nicht verstehen oder des Schreibens unkundig 
sind.^) Daß es etwas naturgemäßes an sich hat, wenn die Finger 
zur Bezeichnung von Zahlen benützt werden, beweist, daß die 
Taubstummen ganz instinktiv zu den Fingern als Hilfsmittel 
greifen, wenn sie Zahlen auszudrücken haben.^ 



I) In der Wallachei bedient man sich der Finger, um das Produkt zweier 
einziffriger Zahlen, die größer als 5 sind, zu finden. Vgl. Cantor, Vorlesungen, 
I. Bd. S. 447. 

^) In einem an den Verfasser dieser Schrift gerichteten, aus Heidelberg vom 
18. August 1903 datierten Briefe schreibt der berühmte Mathematikprofessor an der 
Heidelberger Universität Dr. M. Cantor diesbezüglich: »Ein schriftliches Rechnen in 
unserem Sinne besaßen zwar die Griechen, die Römer aber wahrscheinlich nicht. 
Wenigstens wird nirgends davon berichtet. Was sie zu rechnen hatten, also vorzugs- 
weise Additionen und Subtraktionen, vollzogen sie auf ihrem abacus (Rechenbrett) 
mit Marken oder bei kleinen Zahlen im Kopfe und schrieben nur das Ergebnis hin. 
Auch kleine Zinsrechnungen wurden, wie wir aus Stellen bei Horaz wissen, im Kopfe 
vollzogen. Größere Rechnungen erforderten wieder Zuhilfenahme des abacus. Das 
schwierige Problem bildete die Division nnd es kann fraglich erscheinen, ob ein ge- 
wö hnl icher Römer (auch aus besserem Stande und sorgsam erzogen) 38692 
(= XXXVinDCXCn) durch 215 [z= CCXV) zu dividieren gewagt hätte! Wenn er es 
tat, so bediente er sich höchstwahrscheinlich der complementären Division, d. h. er 
dividierce durch 300 und fügte dem jedesmaligen Rest das Produkt des Teilquotienten 
in das Komplement 85 zu. Also etwa: 



14 



Erster Teil. 



Das Rechnen 



15 



Es ist in hohem Grade wahrscheinUch. daß im griechischen 

und romischen Altertum das Rechnen --f "f ^t'den'peT 
Auseangspunkt nahm. Das gleiche war der Fall be. den Per- 
fervon welchen die Griechen und Römer das versch>edene 
ulen und Legen der Finger zwecks Darstellung der Zahlen 
"hernähmen.) Nach Plinius, soll schon König NumaZ^^^^^^^ 
darstellung mittelst der Finger gekannt haben. Dieser heß nam 
tri S?andbild des doppelt beanthtzten Janus achten dessen 
Fin«r die Zahl 355 als Zahl der Jahrestage andeuteten. Der 
wTder Zahlen 'vwde durch ganz bestimmte ^^^^^^^^ 
dar>.estellt Die rechte Hand, sagt Plautus^), bnngt d^ Rech- 
dargesteiii. Fingern läßt Suetonius die Gold- 

sTcL^":S ■ B OuttU^n istlon einer Abweichung von 
der Rechnung durch «n'sichere oder ungeschickte Bewegung der 
F nger die lede. JuvenaP) läßt den mehr als Hundertjahngen 
die Zahl seiner Jahre schon an der rechten Hand zur Darstellung 



38692 

ab 38400 

292 
zu 10880 

11172 
ab 1 1 IOC 





Die Zwischenrechnungen, als da waren Multipb- 
kationen nebst Subtraktionen und schwierigere Mul- 
tiplikationen nebst Additionen, erforderten dann neuer- 
dings die Zuhilfenahme des abacus.*) 



*\ Anmerkung. Prof. Dr. Cantor bemerkt zu seinen 
Sn der Römer; andere bezweifeln d.eselbe.« 



'7 Vgl. Jahresber. der deutsch, morgenland. Gesellschaft für das Jahr .845 

^''"'''t Cantor Vorlesungen über Geschichte der Mathematik I. Band Leip^ 
,880 Pl^Histor. natl XXXIV. :6. Martianus Capeila Satura V I. laßt d.e 
l»öO. runius, mittels der Finger darstellen. 

1 r-,iir. auftretende Arithmetik die Zahl 717 miiteis uer x 1 ^ 
als Güttm auftretenae ^ .,, JT sc V Dextera digitis rationem computat. 

i) Plautus, miles glonosus act. IL sc. 3 • i^e.xiera ^ 
4) Juvenalis, Sat. X. v. 248 suos jam dextra computat annos. 



bringen. Eine ausführliche Beschreibung, wie man Zahlen durch 
Fingerbevvegung kenntlich macht, von Beda Venerabilis^), dem 
schottischen Mönche aus dem VIL und VIII. Jahrhundert, gehört 
bereits der Literatur dis Mittelalters an. Vielleicht mit jener mittel- 
alterlichen Verbreitung des Fingerrechnens, vielleicht aber auch 
schon mit römischen Gewohnheiten sind Spuren in Verbindung 
zu setzen, welche bis auf den heutigen Tag sich erhalten haben. ^j 
Zur Veranschaulichung bestimmter Wertgrößen dienten auch 
Steinchen, die nebeneinander gelegt wurden, solange bis die ge- 
wünschte Wertgröße erreicht war. Sobald aber die Notwendig- 
keit herantrat, größere Zahlenreihen auszudrücken, reichten diese 
primitiven Hilfsmittel nicht mehr aus. Hierfür bediente man sich 
verschiedener Methoden. Aus der vorhandenen Literatur lassen 
sich vier solcher Arten feststellen: 

1. die Festsetzung bestimmter Biegungen und Stellungen 

der Finger; 

2. die Anwendung von Recheninstrumenten; 

3. der Gebrauch zusammenfassender Zeichen; 

4. die Verwendung der Buchstaben als Zahlzeichen. 

Das Rechnen mit den Fingern war im Altertum weit 
verbreitet und fand in allen Schichten der Bevölkerung Anwen- 
dung. 3) Professor Rödiger^) gibt an, daß mit der rechten Hand 
folgende Zahlen ausgedrückt werden konnten: 

1) Vgl. bei Cantor, Vorlesungen, I. Bd. S. 446. 

2) Vgl. Cantor, Vorlesungen, I. Bd. S. 447, wonach man sich in der Walachei 
der Finger bedient, um das Produkt zweier einziffriger Zahlen, die größer als 5 sind, 
zu finden. Die Finger jeder der beiden Hände erhalten vom Daumen bis zum 
kleinen Finger aufsteigend die Werte 6 bis 10. Hat man nun zwei Zahlen, z. B. 8 
mal 9 zu multiplizieren, so streckt man den Achterfinger (Mittelfinger der einen und 
den Neunerfinger (Ringfinger) der andern Hand vor. Die nach dem kleinen Finger hin 
übrigen Finger beider Hände (2 Finger und i Finger) multipliziert man miteinander und 
hat damit die Einer (2-1=2) des Produktes. Die von dem Daumen aus vorhan- 
denen Finger mit Einschluß der ausgestreckten Finger (3 Finger und 4 Finger) 
addiert man und hat damit die Zehner (3 -t- 4 = 7) des Produktes (8.9 = 72). 

3) Friedlein, Die Zahlzeichen und das elementare Rechnen der Griechen und 
Römer, Erlangen 1869. 

4) Brockhaus und Avenius S. iii. »Über die im Orient gebräuchliche Finger- 
sprache für den Ausdruck der Zahlen von Prof. Rödiger. Friedlein (S. 6 ff.) gibt 
übrigens die gleichen Darstellungen, jedoch für die linke Hand an. Was Beda im 
über de loquela per gestum digitorum (Opera Basileae 1563 col. 171 — 173) gibt, ist 
im ganzen für die Zahlen von i bis 9000 dasselbe. 



i6 



Erster Teil 



Das Rechnen 



1 — 

2 — 

3 — 

4 — 

5 — 

6 — 



/ 
8 

9 

lO 



:o 



30 — 



40 



.0 



60 



70 — 



80 



90 - 



der 5. Finger der rechten Hand kurz umgelegt; 
der 5. und 4. Finger der rechten Hand ebenso um- 
gelegt; 

der 5., 4. und 3. Finger der rechten Hand in gleicher 
Weise umgelegt; 

der 4. und 3. umgelegt, der 5. aufrecht; 
der 3. Finger allein umgelegt, der 4. und 5. aufrecht; 
der 4. Finger allein umgelegt, so daß die Spitze 
mitten in der Hand; 

der 5. Finger ausgestreckt nach der Handwurzel; 
der 4. Finger dazu; 
der 3. dazu; 

die Nagelschärfe des 2. (Zeige-)Fingers der rechten 
Hand an das erste (unterste) Gelenk des Daumens 
gelegt, so daß eine Ringform entsteht; 
der Nagel des Daumens unter dem untersten Gliede 
des 2. Fingers zu bergen; 

der Daumen gerade gehalten und die Spitze des 2. 
Fingers auf die Nagelschärfe des Daumens gelegt 
so daß beide die Figur eines Bogens mit der Sehne 
bilden ; doch tut es nichts, wenn man der Bequemhch- 
keit wegen den Daumen etwas krümmt; 
der Daumen über das unterste Glied des 2. Fingers 

gelegt; 

der 2. Finger gerade gehalten und der Daumen ganz 
krumm auf den innorn Teil der Hand gelegt; 
der Daumen gekrümmt und der Nagel desselben unter 
das mittlere Glied des 2. Fingers gelegt; 
der Daumen gerade gehalten unü das Innere des 
obersten oder mittleren Gelenkes des 2. Fingers an 
den Nagelrand des Daumens gelegt, so daß der Dau- 
mennagel ganz unbedeckt ist; 

der Daumen gerade gehalten und die Spitze des 2. 
Fingers auf den äußern Teil des obersten Daumen- 
gelenkes gelegt; 

die Nagclschärfe des 2. Fingers auf das unterste Ge- 
lenk des Daumens gelegt. 



Für die Hunderte und Tausende wiederholen sich diese 
ersten achtzehn Figuren, nur daß sie an der linken Hand ge- 
bildet werden. Diese Anordnung reicht aus, um sämtliche Zahlen 
von I bis 9999 auszudrücken, indem die zusammengesetzten 
Zahlen einzeln nacheinander bezeichnet werden. Eine besondere 
Figur hat 

10 000 — die Daumenspitze mit der Spitze des 2. Fingers 
zu verbinden, so daß die Nägel zusammenstoßen. 

Für die Darstellung der 9 Zehntausender werden noch ver- 
schiedene Lagen der linken Hand auf der Brust und den Hüften 
auf der linken Seite angegeben; für die 9 Hunderttausender die- 
selben Lagen der rechten Hand auf der rechten Seite. Für eine 
Million wird als Zeichen das Zusammenfalten der beiden Hände 
angegeben. 

•Daß in der Tat die Darstellung der Zahlen an den Händen 
nach dem vorstehend beschriebenen System im römischen Alter- 
tum etwas sehr gewöhnliches war, dafür liegt eine ganze Reihe 
entschiedener Zeugnisse V'Or.^) 

Nächst dem Fingerrechnen war bei den Römern das Rechnen 
auf dem Rechenbrett oder abacus üblich und bildete einen 
Gegenstand des elementaren Unterrichts.^) Auf diesem Rechen- 



1) Prof. Rödiger (im Jahresber. der deutsch, morgenländ. Gesellschaft) führt 
auf S. 1 20 ff. eine große Zahl solcher Zeugnisse an : So in Plinius (Nat. Hist. 
XXXIV. ;, § 16) wo eine Statue des Janus erwähnt wird, an welcher die Finger 
so gestaltet waren, daß sie die Zahl der Tage in dem Jahre des Numa , 355, aus- 
drückten : »Janus geminus a Numa dicatus, qui pacis bellique argumento colitur, digitis 
ita figuratis, ut CCCLXV dierum nota, per significationem anni, temporis et aevi se deum 
indicent«. Dies ist, sagt Rödiger, ohne Zweifel so zu verstehen, daß die 300 an der 
rechten, die 55 aber an der linken Hand ausgedrückt waren. Eine allgemeine Deutung 
findet sich auch bei Plautus (Mil. glor. 2, 2. 47) in den Worten: »Dextera digitis 
rationem computat«. Aus Juvenal 10, 249, geht hervor, daß man die höheren Zahlen 
(nämlich von 100 an) an der rechten Hand zählte; er sagt von Nestor: »Felix 
nimirum qui tot per secula mortem distulit atque suos iam dextra computat annos«. 
Dasselbe erhellt aus Cic. ad Att. 5, 21 ; aus Claudius Cap. 21. Daß der vierte Finger 
der linken Hand , an welchem der Ring getragen wurde , in umgelegter Stellung die 
Zahl 6 bedeutete, bezeugt Macrobius (Saturnal. 7, 13) mit klaren Worten: »Compli- 
catus enim scnarium numerum digitus iste demonstrat«. 

2) Cantor, Vorlesungen I. Bd. gibt auf S. 448 ff. eine nähere Beschreibung 
über den Gebrauch des abacus. Nach demselben Verfasser kommt abacus von dem 
semitischem Worte abac = Staub, weil solcher zur Verdcckung desjenigen Teiles des 
Rechenbretts diente, welchen man nicht gebrauchte. 

Bei gel, Rechnungswesen. 2 



i8 



Erster Teil 



brett konnten, wie auf jedem ähnlichen Apparate, mit festen 
Marken Additionen und Subtraktionen leicht vollzogen werden. 
Wollte man multiplizieren oder dividieren, so war es nötig, die 
Zahlen, an welchen jene Operationen vorgenommen werden sollten, 
besonders, etwa schriftlich, anzumerken, denn der Abacus ver- 
mittelte nur die Vereinigung der Teilprodukte, beziehungsweise 
die Subtraktionen der aus dem Teilquotienten entstandenen Zahlen. ') 
Dabei war ein Kopfrechnen mit Benutzung des P^inmaleins 
nicht zu umgehen, und bei diesem konnte vielleicht die beschrie- 
bene Fingermultiplikation Anwendung finden. Es ist bekannt, 
daß römische Knaben in ihren Schulen im Kopfrechnen geübt 
wurden, daß dem Vorübergehenden die einförmigen Töne des 
2 mal 2 sind 4, bis bina quatuor, welches die Kn^iben gemein- 
sam herzusingen (decantare) hatten, entgegenzudringen pflegten, 
daß damit noch andere Mißtöne sich häufig genug vereinigten, 
nämlich das Klatschen der Rute oder der Peitsche und das 
Heulen der in solcher Weise Unterrichteten. ^j 

Zwei Arten des abacus sind bekannt; die eine, bei welcher 
Knöpfchen in Einschnitten verschiebbar waren; die andere, bei 



I) Das Rechenbrett spielt in den Schulen Ruiiiands und Asiens heute noch 
eine wichtige Rolle. Das instrumentale Rechnen, wozu das Rechenbrett gehört, 
hat jetzt noch selbst da eine große Verbreitung, wo das Rechenbrett nicht mehr vor- 
kommt. So sei hier nur an den Rosenkranz, der aus Indien, nämlich vom Augen- 
und Perlkranz der Brahmanen, stammen soll, ferner an das ^Marken rechnen, wel- 
ches beim Spielen, Erde- und Sleinfahrcn heute noch vorkommt und aus Ägypten 
stammen soll, erinnert. Auch Kerfhölzer waren ein viel angewandtes Rechenmittel, 
und das Württ. Lsindrecht handelte von ihnen. Kerbe wurde die Steuereinheit der 
deutschen P'amilien- oder Herdsteuer genannt. Die analoge franztisische Steuer »taille« 
(von tailler einschneiden) und die englischen Staatsschulden heißen heute noch »Stoks«, 
ohne Zweifel von dem Einkerben auf einem Stocke. Das Wort Pegel = Wasserstands- 
messer stammt vom Wort Prcgel = Prügel her, auf dem im Kanton Wallis Privat- 
schulden eingekerbt zu werden pflegten. In Baden in der Schweiz (Baden ist eine 
alte römische Kolonie) endlich buchen Bäcker und Wirte ihre Bezüge mittelst zweier 
gleicher Hölzer, der sog. Baile, ebenfalls durch Einkerbung und zwar in Form von 
römischen Zahlen. Vgl. Dr. E. Jager, Drei Skizzen über Buchhaltung. Stuttgart 1879. 

2) Cantor, Vorlesungen I. Bd. S. 449. Über abacus vgl. ferner: Recherche 
des traces anciennes du Systeme de l'abacus. Calail de Victorius et Commentaire 
d'Abbon; par M. Chasles in den Comptes rendus 1867 Tome 64 pag. 1059— 1067. 
Sodann Prof. Hermann Kinkelin, Der Calculus Victorii in den Verhandlungen der 
naturforschenden Gesellschaft in Basel. 



Das Rechnen 



19 



welcher Rechensteine, calculi, aufgelegt wurden.^) So klein die 
Erzplatte des Originals war, so reichte sie doch aus zur Dar- 
stellung aller ganzen Zahlen von i bis 99Q9999 nebst allen 
Brüchen mit dem Nenner 12 und den Brüchen ^24» V48' V36» ^172 
und denen, die durch Addition dieser Brüche zu je 2, 3 oder 4 
sich bilden lassen. Es dienten dazu 45 Knöpfchen (claviculi) in 19 
Einschnitten (alveoli).^) Über 8 größeren senkrecht gegen den 
Rechner stehenden Einschnitten befanden sich 8 kleinere und 
rechts an der Seite der größeren 3 kleine Einschnitte untereinander. 
Der erste größere Einschnitt links enthielt 4 Knöpfchen, von 
denen jedes eine Million bedeutete; der kleine Einschnitt darüber 
enthielt ein Knöpfchen, das 5 Millionen bedeutete. Ebenso ver- 
hielt es sich bei den folgenden Einschnitten für die Hundert- 
tausender, Zehntausender, Tausender, Hunderter, Zehner, Einer. 
Im 8. größeren Einschnitt von links her befanden sich 5 Knöpfchen, 
von denen jedes eine uncia oder ^,12 bedeutete; im kleinern Ein- 
schnitt darüber ein 3) Knöpfchen, das 6 unciae bedeutete. In dem 
obersten Einschnitt an der Seite befand sich ein Knöpfchen für 
V24. ini mittleren eines für ^/^g, ini untern 2, jedes für Vyz-"^) Der 
kleinste auf dem römischen abacus dargestellte Bruch war die 
sextula. 5) 

Der Calculus der Römer war nach Victorius (457 n. Chr.), 
den Christ in seinem Werke behandelt, ein sog. Faulenzer oder 
Rechenknecht, ein Übungsbuch in den römischen Schulen der 
ratiocinatores oder calculatores. Von einer Anw^endung von 

1) Dr. M. Cantor, Der römische abacus S. 299 ff. in der Zeitschrift für Mathe- 
matik und Physik. Leipzig 1864. 

2) Friedlein, Die Zahlzeichen usw. 

3) Das \Vort tabula in Horaz (Sat. I. 6, 74 und Ep. I. i, 56): Laevo sus- 
pensi loculos tabulannque lacerto wurde lange als eine Art abacus gedeutet. C. Fr. 
Hermann hat aber im Marburger Programm 1838 die tabula als Schreibtafel und die 
loculi als Schulranzen mit seinem bekannten Inhalt zu erklären versucht. In C. A. 
Böttigers kleine Schriften III. Teil S. 9 — 13 findet sich auch ein Aufsatz über die 
Rechentafeln der Alten. Vgl, Friedlein S. 22. 

4) Über die verschiedene Einrichtung des Handabacus vgl. Horaz: Laevo 
suspensi loculos tabulamque lacerto (Sat. I. 6, "2 und Ep. I. i, 56) und die Er- 
klärung dieser Stelle durch C. F. Hermann im Marburger Programm 1838; sodann 
C. A. Böttigers kleine Schriften, III. Teil S. 9 — 13; Marquardt, Handbuch der röm. 
Altertümer, V. I. S. 100. Anm. 530. 

5) Friedlein, Die Zahlzeichen und das element. Rechnen der Griechen und 
Römer. 



20 



Erster Teil 



Kolumnen findet sich darin noch keine Spur. *) Das Ganze be- 
stand aus einer Reihe von Tcibellen ausgeführter Aluhiplikationen, 
zu denen auch die vorgenommenen Quadrierungen gehören. Der 
Begriff: Quotient scheint dem ganzen Altertum fremd geblieben 
zu sein. Was wir so nennen, faßte man als die Hälfte, Drittel, 
Viertel usw. auf, und hatte man 3/^, si^ u. a. zu bilden, so nahm 
man seine Zuflucht zur Proportion.-) 

Die Additions- und Subtraktionstabellen müssen nach 
dem, was Abbo Fol. 36a — 36b angibt 3), unsere Zahlen statt der 
römischen gesetzt, folgende Gestalt gehabt haben: 



/a et V2 juncti reddunt assem 



12 Gt 5, j2 
et ^ 



usw. bis 



11/ 
/ 12 



S 
6 

9 
50 
60 
90 



12 
et 



5 juncti reddunt X 



4 
I 

40 
10 



Ferner C de AI 
CC » M 



» X 
X 

c 

» C usw. bis 

C 
DCCCC 
DCCC usw. 



Daran reihten sich Additionstabellen folgender Art^): 



Villi et Villi XVIII 

Villi et VIII XVII 

usw. bis 

Villi et I X 



usw. bis 
I et I II 



VIII et VIII XVI 

VIII et VII XV 

usw. bis 

VIII et I Villi 

Die Zehner und Hunderter mögen nach einer gleichen Art 
zusammengestellt gewesen sein. 

Wann die Römer angefangen haben, ihre Buchstaben 
zur Bezeichnung der Zahlen anzuwenden, ist nicht festgestellt. 
Das gleiche gilt auch für die Griechen. Diese benutzten nämHch 
für 5 den Anfangsbuchstaben von jievre also //, für 10 J = dexa, 
für 100 H = ixaTov, für 1000 X = //A^of, für 50, 500, 5000 die 



1) Cantor, Vorlesungen I. Bd. S. 450 spricht hingegen von einem tabel- 
larisch geordneten Rechenknecht. 

2) Cantor, in der Zeitschr. für Mathematik und Physik. 9. Jahrg. S. 315. 

3) Christ, S. 136—137. 

4) Cantor, Zeitschrift für Mathematik und Physik. 9. Jahrg. 






Das Rechnen 



21 



Verbindung von 77 mit A, H und X der Art, daß diese Buch- 
staben zwischen die vertikalen Striche von 77 angebracht wurden.^) 

Daß die Römer ursprünglich die Zahlen durch bloße Wieder- 
holung des nämlichen Zeichens darstellten, dafür findet sich bei 
Livius 7. 3 eine Spur 2), aus welcher Stelle zu ersehen ist, daß 
die Römer, wahrscheinlich einer Sitte der Etrusker folgend^), in 
dem Heiligtum der Minerva jedes Jahr einen Nagel einschlugen, 
um die Zahl der Jahre vorzustellen. 3) Abbo, der Kommentator 
des Victorius, sagt es geradezu, daß die Latini früher die Zahlen 
mit lauter einzelnen Strichen schrieben. 4) Die Verwendung der 
Finger, um durch ihre Anzahl eine Zahl auszudrücken, fand 
bei dem digitis micare statt. 5) 

Mutmaßlich gehören den Etruskern die Zeichen an, welche 
den Römern als Zahlzeichen dienten. Wann das etruskische 
Alphabet, welches nach Tacitus^) durch den Korinther Demaratus 
nach Italien kam, daselbst zur Einführung gelangte, ist bekannt. 
Es wird zwischen 650 und 600 v. Chr. gewesen sein. 7) Die Tren- 
nung des römischen Alphabets von dem gräkoitalischen Mutter- 
stamme ist nicht zeitlich genau bestimmt, doch muß sie jeden- 
falls eingetreten sein, bevor die Benutzung der Buchstaben als 
Zahlzeichen den Griechen bekannt war, also vor 500 v. Chr., denn 
bei den Römern sind niemals nach griechischem Muster die auf- 
einanderfolgenden Buchstaben des Alphabets als Zahlzeichen ver- 
wendet worden.^) Und dennoch sehen die ältesten Zahlzeichen 



1) Der Grammatiker Herodianus (S. Appendix libeliorum ad Thesaumm Graecae 
linguae pertinentium von H. Stephanus und Nesselmann S. 84—86) behauptet diese 
Art der Zahlenbezeichnung in Gesetzen Solons sowie in anderen Gesetzen und 
Volksbeschlüssen und auf alten Säulen angewendet gesehen za haben. Vgl. Dr. G. Fried- 
lein S. 8. 

2) Ottfried Müller, Die Etrusker Bd. II. S. 3 1 2-320, Breslau 1828 ; Th. Mommsen, 
die unteritalischen Dialekte (besonders S. 19-34) Leipzig 1850. 

3) Dr. G. Friedlein, Die Zahlzeichen und das elementare Rechnen der Griechen 
und Römer und des christlichen Abendlandes vom 7.-13. Jahrhundert. Erlangen 1869. 

4) Die Verwendung von Strichen zur Darstellung von Zahlen in bestimmten 
Gruppierungen findet sich bei Boetius inst, arith. II, 4—16. 

5) Vgl. Marquardt, V. 2. S. 415. 

6) Tacitus, Annales XI. 14; 

7) A. Riese, Ein Beitrag zur Geschichte der Etrusker; Rhein. Museum für 
Philologie 1865; XX. 295-298. 

8) Über andere Benutzung von Buchstaben als Zahlzeichen bei Römern in 
vermutlich recht später Zeit, vgl. Friedlein I. c, S. 20-21. 



I 



I 



22 



Erster Teil 



der Römer den Buchstaben der Etrusker ungemein gleich und 
ähneln sich untereinander so sehr, daß die vorhandenen Über- 
einstimmungen unmöglich als Zufälligkeiten er klärt wer den können.») 
Inwieweit die Römer ihre Buchstaben als Zahlzeichen 
anwendeten, hat bis jetzt nicht bestimmt werden können, da nur 
sehr wenige Spuren davon bekannt sind, und auch das Alter 
dieser Spuren nicht ermittelt ist. 2) Dagegen finden sich die Buch- 
staben von A bis Z mit Zahlenwerten verbunden in dem Werke 
Auetores lat. linguae in unum redacti corpus. Notae Dion. Gotho- 
fredi 1595. Ebenso hat Th. ]Mommsen3) ein solches Zahlen- 
alphabet von E bis Z in einer Berner Handschrift B. 42 f. igi 
(S. 97—98) und dieselben, welche Putsch S. 1683 — 1685 mitteilt, 
in der Handschrift von Einsiedeln (S. 112—113)'^) gefunden. Auf 
S. 94—95 teilt er aus dem Wiener Codex 114 Memorialverse 
über das Zahlenalphiibet mit. TerquemS) gibt bei Besprechung 
des Aufsatzes von Mommsen der Ansicht Raum, daß diese Zahlen- 
bezeichnungen nur bei Finanzoperationen oder im Handelsverkehr 
zur Anwendung gekommen sein mögen. 

Frühzeitig scheint die naheliegende Abkürzung der Worte 
centum und mille für 100 das Zeichen C und für 1000 das 
Zeichen A\, und nach Augustus M, (Mommsen I S. 30) aufgebracht 
zu haben. Ein Fortsetzen des Einfassens und Halbierens ergab 
die Formen für 10000, 5000, 100000 und 50000. Ein mehr als 
dreimaliges Einfassen durch Bögen mußte undeutlich werden. 



1) Vgl. Cantor, Vorlesungen über Geschichte der iMathemaük I. Bd. Leipzig 1880. 
Die Zahl 5 etruskisch /\, altrömisch V 



lü 
100 



X 



^ oder i ^ oder J_ 





» X oder +, » 

» ^ * ir, * 

* ® 
» » 1000 » "Ö » 

2) Friedlein, die Zahlzeichen und das elem. Rechnen der Griechen und Römer. 
Erlangen 1869. Über die Entstehung der römischen Zahlzeichen vgl. Fr. Müllers 
Bemerkungen über die Zahlwörter im »Orient und Occident«. 1862, S. 127-132; 
Nesselmann, die Algebra der Griechen, Berlin 1842; Cantor, mathematische Beiträge 
znm Kulturleben der Völker. Halle 1863. 

3) Th. Mommsen, Berichte über die Verhandlungen der k. sächs. Gesell, d. 

Wissenschaften zu Leipzig 5. Bd. 1853. 

4) Der Titel der Handschrift lautet: Item numenis de titulato alfabeto. 

5) Terquem, Bulletin de bibliographie, d'histoire et de biographie irtath^matique, 
I~V Paris 1855-1859. 



I> 



Das Rechnen 



23 



man ersetzte daher dasselbe durch Einfassung vermittelst zweier 
vertikaler Striche.^ Bei Claude du Molinet Cabinet de la bibl. de 
S. Genev. Tab. II Fig. I findet sich das Zeichen K.^ Daß die 
Tausender durch 2 Striche bezeichnet wurden, z. B. 11 d = 2500, 
wird zwar von Marquardt III 2 S. 32, Anm. 161 behauptet,^) aber 
von Friedlein bestritten, welcher betont, daß das Faksimile des Pariser 
Codex, auf das sich Marquardt beruft, diese Striche nicht habe 
und dlß es vielmehr (S. 222) ausdrücklich heiße: 700000 scribitur 
a Romanis BüC: sed omissae sunt iineolae in membranis. 

Die römischen Ziffern von eins bis neun (l II III IUI V 
VI VII VIII Villi) wurden überwiegend in der additiven Form 
zusammengestellt, V scheint die Halbierung des (vielleicht ur- 
sprünglich etruskischen) X zu sein. Auch in den höheren Zahlen 
herrscht das additive System vor (XXXX, LXXX usw.). Die 
subtraktive Form, welche bei höheren Zahlen schon auf Münzen 
des 7. Jahrhunderts a. St. auf den Meilensteinen der Via Aemilia 
[CII I 535 536] und auch sonst vereinzelt vorkommt, bheb 
auch späterhin seltener. Die Zahlen IV IX XIV erscheinen in 
den Tagesdaten der Aschentöpfe von S. Cesario (CIL I S. 613), 
sind aber im II. Jahrhundert noch seltener als IUI, VIII, Villi, 

XIII (CIL III S. 1187, VII S. 343).^) 

Zur Abkürzung größerer Zahlen, z. B. von centena miha 
oder nur centena, wenn noch andere Tausender folgten, dienten 
zwei senkrechte Striche zu beiden Seiten der Zahl der Hundert- 
tausender, die oberhalb der Zahl mit dem horizontalen Strich der 
Tausender verbunden wurden. Doch tat man dieses nur bei 
I Million und den Zahlen darüber hinaus.s) An eine Verhundert- 
fachung durch einen Punkt, wie Nesselmann S. 90 und Cantor 



1) Friedlein, die Zahlzeichen etc. der Griechen mid Römer. 

2) Keil gibt in seiner Ausgabe der Prisciani opera minora 1860 für 500000 
das Zeichen q', d. h. den Buchstaben q für cjuingenta und den Apostroph für milia, 
und für eine Million [(|)]. Vgl. bei Friedlein S. 28. 

3) Mitgeteilt in dem aus einem Pariser Codex entnommenen fragmentum 
mathematicum bei Bredow, epist. Paris. Lips. i8i2. S. 221. 

4) Dr. Iwan Müller, Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft. I. Bd. 

Nördlingen 1886. 

5) Vgl. Marquardt III. 2 S. 32, insbesondere Anm. 161 und V. i. S. 98, Anm. 
522 wo besonders der Nachweis der verschiedenen Stellenverteilun^in der nämlichen 
Urkunde und zwar undecies LVin • GL = 1 1 • 5« • ^ 50 und ixiCLXXX DC = 1. 180.600 
zu beachten ist. 



24 



Erster Teil 



S. 164 dies bei den Zahlformen aus Plinius besprochen, ist nach 
Friedlein ^) gar nicht zu denken. Es muß sonach anstatt 
XVI.XX.DCCCXXIX geschrieben stehen jxvT| .xx.DCCCXXIX, 
so wie es sich im Bamberger Codex auch findet. Da man aber 
beim Aussprechen die Zahladverbien für die Millionen anwendete 
(Plin. bist. nat. 33, 10), so konnte als Abkürzung für Sedecies 
oder sedeciens auch XVI^ oder XYI^^ von einem Kopisten ge- 
schrieben werden und daraus das bloPje XVI entstehen, wie man 
auch XIIS für decies HS oder HS jx| schreiben konnte.^) 

Was die schriftliche Darstellung von Zahlen über Tausend 
betrifft, so ist zu verschiedenen Zeiten wahrscheinlich verschie- 
dentlich verfahren worden.3) Eine Übereinstimmung in der Auf- 
fassung der einzelnen Stellen ist indessen nicht vorhanden,4) nur 
die vertciusendfachende Wirkung eines über Zahlzeichen hinweg- 
gezogenen Horizontalstriches, z. B. XXX = 30000, c 100 000. 
M = I 000 000 scheint festzustehen. 

Daß die Römer, wenn auch umständlich, sclnverfällig und 
allerdings unter Zuhilfenahme ihres abacus, größere Rechnungen 
vorzunehmen befähigt waren, ist erwiesen.5) 

Die Exempel a. qoooo X 6 = 540000; b. 540000 - 216 000 
= 324 000; c. 540 000 X V50 = 32 400; d. 324 000 -t- 32 400 nahe- 
zu =360000 rechnet Cicero in Verr. III. 116 aus. Wie mit 
den Zwölfteln des Asses in der Schule gerechnet wurde, zeigt 
Horat. de arte poet. (325 ff.). Mehrere Multiplikationsaufgaben 
und ihre Lösungen finden sich bei Boethius instit. mus., z. B. 
IL 29 : si octies decies XIII ducas, efficies CCXXXIllI, oder IL 
30 : ex CCXLIII octies multiphcatis fit numerus M . DCCCCXLIIII. 
Bei der ersten Aufgabe war zunächst auszurechnen tres octies 
decies, dies ergab als festes Glied des gesuchten Produkts IUI, 
und für den Posten des Zehners waren vorzumerken L, dann 
war auszurechnen decem octies decies; dies ergab CLXXX; dazu 
kamen aber noch die vorgemerkten L, also zusammen CCXXX. 
Mithin betrug das ganze Produkt CCXXXIllI. Ähnlich war bei 



1) Friedlein, Die Zahlzeichen etc. der Griechen und Römer S. 30. 

2) ibidem S. 30. 

3) Cantor, Vorlesungen über Geschichte der Mathematik. I Bd. Leipzig 1860. 

4) Th. H. Martin in den Annali di mathematica 1863, V, 295—297. Friedleia 
IS. 28, 31. Math. Beitr. Kulturb. S. 162-165. 

5) Paulys Real-Encyclopiidie Bd. II S. im. 



Das Rechnen 



25 



i 



der zweiten Aufgabe zunächst octies ter zu nehmen, mithin IUI 
als definitives Glied des Produktes hinzuschreiben, XX aber vor- 
zumerken. Zu dem zweiten Einzelprodukt octies quadraginta 
= CCCXX kamen die vorgemerkten XX; also waren definitiv 
hinzuschreiben XL und vorzumerken CCC usw. 

Mit den Tausenden begann, wie bei den Griechen, die 
Zahlenbezeichnung wieder von vorn. Zwar wurde noch mille 
selbst durch M oder X) bezeichnet, zuweilen auch duo milia durch 
MM oder x cc , tria milia durch MMM (Plin. n. h. XXXVI 84); 
allein schon neben MM kommt n vor, statt der schwerfälligen 
MMM ist m die gewöhnliche Bezeichnung, und so geht die Zäh- 
lung der Tausender weiter bis 999000 (vgl. z. B. DXL, CCVI, 
CCCXXlV usw. bis herab zu xc bei Cicero in Verr. IIL 116}. Von 
I 000 000 an mußte mit den Zahladverbien weiter gezählt werden, 
also decies centena miHa usw. (Plin. n. h. XXXIII 123). Es war 
aber nicht verwehrt, auch für die Zahlen von 200000 bis 900000 
die Adverbia bis, ter usw. centena milia zu verwenden. So bil- 
deten die centena milia eine neue Zahlengruppe, das Zehnfache 
des griechischen jiivQidg. Von da an wurde die Zählung, wie 
durch die oben bemerkten Zahlworte bis, ter usw., so durch die 
gewöhnlichen Zahlzeichen in der Weise fortgeführt, daß die Um- 
rahmung einer Zahl wie pj, imi usw. deren Vervielfältigung mit 
centena milia bedeutete. Ja diese beiden Worte konnten auch 
in der Aussprache der Zahl weggelassen werden, da ja das Zahl- 
adverb an sich den genügenden Hinweis gab. Besonders häufig 
kam dies bei der Geldzählung vor, in welchem Falle auch der 
Name der Münze, nummus oder sestertius, wegbleiben konnte. 
Zu -Anfang seiner Regierung Heß Vespasian das Defizit im 
Staatshaushalte zusammenstellen. Es ergab sich (nach Sueton. 
Vesp. 16), daß quatringenties milies nötig war, um sowohl die 
einmaligen außerordentlichen Ausgaben als die laufenden Bedürf- 
nisse des Staates zu bestreiten (Schiller, Gesch. der römischen 
Kaiserzeit I 2514 f.); das waren also 40 Milliarden Sesterzen, und 
diese ungeheure Geldsumme war mit nur zwei Worten ausge- 
sprochen. Die Belege für die Bezeichnungen 11, m usw. finden 
sich, außer an den schon angeführten Stellen, vielfach bei Cicero 
(in Verr. III. 72 ff.) Plinius (n. h. praef. 17, IL 242 ff., IIL 3 f. 
10, 16 ff., IV. I ff., V. 1 ff., VI. 3 ff., XXXIII. 135 «• und häufig 
auch an anderen Stellen], Boethius (instit. mus. IL 29 ff.) und 



h ■ 



26 



Erster Teil 



anderwärts bei Schriftstellern und in Inschriften (vgl. Marquardt^ 
römische Staatsvervv. II ^ 40; Privatleben der Römer I^ 97). Die 
Zahl 788000 schreibt Plinius (n. h. XXXIII. 137) jvnj LXXXVIII, 
60 MilHonen Sesterzen derselbe (ebd. 135) HS . IDCJ, und so an 
vielen anderen Stellen, vgl. II. 242 ff. usw. (wie vorher), Friedlein 
in Boncompagnis Bullotino delie scienze mathematiche I. 48 ff. 
Betreffs der Aussprache und Bezeichnung von (xeldbeträgen ist 
das Nötigste zusammengestellt von Hultsch, Metrologie 293 ff. 
So haben also die Römer trotz ihrer schwerfälligen Zahlen- 
bezeichnung an das dekadische System, das ihnen mit der Sprache 
gegeben war, beim Rechnen möglichst sich angeschlossen. Ganz 
auffällig wurde diese Gliederung der Zahlenreihe, wenn der Abacus 
(s. Marquardt Bd. i, S. 9 f.) zu Hilfe genommen wurde; denn hier 
waren Einer, Zehner, Hunderter usw. deutlich abgegrenzt, mithin war 
auch die Regel ersichtlich dargestellt, daß allemal 10 Einheiten 
in der niederen Kolumne gleich i Einheit der nächsthöheren 
Kolumne sind. Was jedoch den Abacus mit verschiebbaren 
Knöpfchen anbelangt, so konnten, wie schon bemerkt wurde, 
nur die einfachsten Rechnungen damit ausgeführt werden. Man 
denke sich (wie Friedlein 87 ff. annimmt) eine bestimmte Zahl 
durch die nach der Mitte geschobenen oberen und unteren Knöpfe 
auf dem Abacus dargestellt, z. B. 2 Einer, 5 Zehner, 8 Hunderter. 
Sollte dazu nun eine andere Zahl. z. B. 378, addiert werden, so 
war diese nebenan hinzuschreiben, denn die schwerfällige Ein- 
richtung tler Knöpfe gestattete es nicht, unmittelbar auf den 
Abacus diesen Summandus zu dem bereits dargestellten hinzuzu- 
fügen. Wenn nun zu den 2 Einern, die auf dem Abacus standen, 
8 hinzugerechnet w^urden, so gab es keinen Einer mehr. Die 
zuerst dastehenden 2 Einerknöpfe mußten also aus der Mitte 
weggeschoben werden, gleichzeitig aber war i Zehner zu merken. 
Es begann nun die Addition der Zehner: 5 waren auf dem 
Abacus dargestellt, 7 daneben geschrieben, i von der Addition 
der Einer hinzuzunehmen. Man hatte also statt des anfänglich 
dagestandenen cberen Knopfes »3 untere Knöpfe in die Mitte zu 
rücken und i Hunderter vorzumerken. Sodann kamen durch Ad- 
dition in der dritten Kolumne 2 untere Knöpfe und in der 
vierten Kolumne i unterer Knopf zur Mitte. So stand endlich 
die Summe der beiden zum Addieren aufgegebenen Zahlen auf 
dem Abacus da und konnte mit den Ziffern MCCXXX nieder- 



Das Rechnen 






geschrieben werden. In ähnlich umständlicher Weise verlief eine 
Subtraktion. Versuchen wir aber nur eine ganz leichte Multipli- 
kation, so müssen so viele Einzelausrechnungen Schritt für Schritt 
danebengeschrieben werden, daß eine Verkürzung des Ausrech- 
nens schlechterdings nicht erreicht wird. Genug, eine Erleich- 
terung gewährte der Knopfabacus nur bei den denkbar einfachsten 
Rechnungen, wo überhaupt nichts aufzuschreiben nötig war, so 
daß sowohl die Aufgabe, als auch alle einzelnen Zwischenrech- 
nungen so lange gemerkt werden konnten, bis die ganze Rech- 
nung beendigt war. 

Daß die Römer die Bruchrechnungen kannten, wird von 
den Quellen nachgewiesen. So nennt Varro bei der Rechnung 
mit dem Silber die libella = '/lo denarius, die sembella = ^/z 
libella und den teruncius = \\ libella. Sodann umfaßte die Bruch- 
rechnung noch die Ausdrücke: semuncia, sicilicus, sextula, di- 
midia sextula, scriptulum. ^) Außerdem finden sich in' Worten 
ausgedrückt folgende Bruchzahlen: sicilicus, sextans, quadrans, 
triens, semis, bessis, dodrans; ferner pars quarta, p. sexta, p. sep- 
tima usw., p. sexta decima und decuma, octava decuma, duodevi- 
censima, quinquagesima.^) 

Für die minutiae oder die Bruchteile hatte man seit Ale- 
xander Severus, d. i. seit Anfang des 3. Jahrhunderts, folgende 
Namen: semuncia (^/24), duella (^/je), sicilicus (^48), sextula (Vya), 
drachma (Vqö), hemiscscla (^/i4i), tremissis (V192), scripulus (V288). 
Ob aber mit diesen Bruchteilen tatsächlich gerechnet wurde, steht 
dahin. 3) 

Das Bruchrechnen der Römer gehört einem ausgesprochenen 
Duodecimalsystem an, das einem ähnlichen Gedanken angehört 
wie das Sexagesimalsystem der Babylonier. Nur daß dort der 
jedesmalige Zähler so angeschrieben wurde, als wenn er als ganze 
Zahl vorhanden wäre, während der Nenner durch Stellung oder 
durch ein eigentümliches dem Zähler anhaftendes Zeichen, Strichel- 
chen oder dergleichen, sich kund gab. Bei den Römern sind 
dagegen von ^/i2 bis zu ^^/i2 besondere Bruchzeichen und Bruch- 



1) Ed. Fr. Hultsch, Metrologicoriim scriptorum reliquiac. Vol. II. 

2) Ed. Fr. Hultsch ib. 61, 13 über die assis distributio (Zerlegung der Einheit 
in Summanden). 

3) Friedlein, Die Zahlzeichen usw. S. 39 ff. 



28 



Erster Teil 



namen vorhanden.^) Die Ähnlichkeit beider Systeme zeigt sich 
beispielsweise in Ausdrücken wie anderthalb Zwölftel Unseren 
Beg-riffen nach ist das weit umständlicher gesprochen, als wenn 
^vlr ein Achtel sagen. Dem Römer ist offenbar dieses Umständlichere 
das Einfachere und Faßlichere gewesen, weil er eben ein Zeichen 
für ^/,, sowie für die Hälfte von ^'i^, ein solches für ^!s da^eL^en 
nicht hat.^>) Aber auch der Grieche würde nur von 7 Sechzig- 
steln und von 30 zweiten Sechzigsteln reden, wenn er nicht neben 
und vor den Sexagesimalbrüdien die Stammbrüche besäße die 
dem Römer fehlen. Wie alt die Bruchzeichen bei den Römern 
gewesen sein mögen, ist nicht genau zu ermitteln. Ein Aus- 
spruch von Varro läßt die Deutung zu. als sei die kleinste Bruch- 
einheit von V288 As in der Zeit vor den punischen Kriegen ent- 
standen.3) 

Da in Rom Zinszahlungen bereits sehr alt waren und be- 
reits im. Jahre 342 v. Chr. eine Lex Genucia bestand, welches 
überbürdeten Schuldnern Erleichterungen bringen sollte, so waren 
dortselbst auch die Zinsrechnungen alten Datums. Ebenso 
laßt das sog. Interusurium oder die Repräsentation, wie der Römer 
sagte, wobei es sich um eine entsprechende Verminderung für 
vorzeitigen Genuß eines erst später zu erlangenden Besitzes han- 
delte, den Schluß zu, daß die Römer, wenn auch unvollkommen 
die antizipative Zinsberechnung kannten. Ahnliche Berechnungen 
stellte z. B. Ulpian, der fmi Ende des IL und zu Anfang des IIL 
Jahrhunderts n. Chr. lebte, unter Voraussetzung einer wahrschein- 
hchen Lebensdauer an. 4) Auch das Erbrecht gab Veranlassung 
zu mehr oder minder komplizierten Berechnungsarten. 

Weiter ist geschichtlich festgestellt, daß die Römer sowohl 
in der Theorie wie in der Praxis der Feldmessung Bescheid 
w^ußten.5) Die Feldmesser wurden gromatici genannt, welche 
Bezeichnun g von dem Instrumente herrührte, das dieselben mit 

1) Cantor, Vorlesungen 1. Bd. 

2) Mommsen in den Verhandlungen der Sachs. Gesell, der AVissensch III- 
281—285, 1853. 

3) Varro de re rustica I, 10: Habet iugerum scriptula CCLXXXVIII quantum 
as antiquus noster ante bellum Punicuni pendebat. Vgl. Cantor, Vorlesungen S. 445 

4) Ad legem Faicidiam XXXV, 2. 68 bei Cantor, Vorlesungen, I Bd. S. 475. 

5) Vgl. die Schriften der Römischen Feldmesser, herausgegeben und erläutert 
von F. Blume, K. Lachmann und A. Rudorff, BerHn, 1848 und 1852; sowie 
Cantor, Vorlesungen, I. Bd. S. 450 ff. 



Das Rechnen 



29 



sich führten und welches Groma genannt wurde. ^) Dieses Groma war 
nach einer Abbildung, die auf dem Grabstein eines römischen 
Feldmessers aufgefunden wurde, 2) ein Winkelkreuz, gebildet durch 
zwei in horizontaler Ebene sich schneidende Lineale und aufge- 
stellt auf einem mit Eisen beschlagenen P^ußgestelle, dem ferra- 
.mentum. An den Enden der Lineale herabhängende Bleisenkel, 
mutmaßlich vier an der Zahl, verbürgten die wagrechte Auf- 
stellung. Die Vereinigung des Groma mit der Meßstange genügte 
zur Auflösung praktisch nicht unwichtiger Aufgaben, z. B. der 
Aufgabe, die Breite eines Flusses von einem Ufer aus zu messen, 
ohne den Fluß zu überschreiten, eine Aufgabe, für w^elche ein 
bestimmter Name, fluminis varatio, bekannt ist. 3) 

Der Ursprung der wissenschaftlichen Arithmetik kann nur 
bei einem Volke gesucht werden, welches durch regen Handels- 
verkehr gezwungen, die praktische Rechenkunst verhältnismäßig 
weit gefördert hatte und so Geschmack auch an theoretischen 
Betrachtungen der Zahl bekam. Ein solches Handelsvolk w^aren 
die alten Babylonier, von denen die Griechen die Zahlentheorie 
übernommen haben. Wie weit die Arithmetik der Babylonier 
reichte, ist nicht mit aller Bestimmtheit zu ermitteln, da die 
Schriften des Peri genes und des Jamblichus über chaldäische 
(d. i. babylonische) Arithmetik und babylonische Wissenschaft 
überhaupt verloren gingen, und die Originalwerke, welche in Gestalt 
von mit Keilschrift bedeckten Backsteinen aus der Bibliothek des 
Sardanopol im britischen Museum aufbewahrt werden, nicht über- 
setzt sind. Die tlbereinstimmung mancher mathematischen Anschau- 
ungen, welche bei den Chinesen, Griechen, Indern und Arabern 
angetroffen wurden, läßt keine andere Erklärung als die eines 
gemeinschaftlichen babylonischen Ursprungs zu. Speziell in die 
Arithmetik der Griechen, welche sonst haltlos in der Luft schwebte, 
brachte Pythagoras System hinein, welcher zuerst in Ägypten 
die Methoden der Geometrie sich aneignete und dann um 520 
V. Chr. in Babylon arithmetische Kenntnisse sammelte. 



Cantor, Vorlesungen I. Bd. S. 454 Fußnote: Vgl. Agrimensoren S. 72 Figg. 
Hultsch Rezension in Flubeisen und Masius, Jahrbücher der Philol. 

2) Gazzera hat die betreffende Grabschrift 1854 mit 33 anderen im XIV. Bande 
der II. Serie der Abhandlungen der Turiner Akademie veröffentlicht. Vgl. Cantor S. 455. 

3) Römische Feldmesser I, 285—286, Agrimensores S. 108 bei Cantor,. 
vorl. I. Bd. 



30 



Erster Teil 



Die Römer sind im Rechnen nie weiter gegangen als es 
der alltägliche Bedarf des privaten und öffentlichen Lebens ver- 
langte,^) Schon die Tatsache, dai) sie an der 'schwerfälligen 
Zahlenbezeichnung durch I, II, III, IV, V usw. bis zuletzt fest- 
hielten, beweist dies. Mit solchen Zahlen war allenfalls in den 
Haushaltungsbüchern durchzukommen, deren Führung jedem Haus- 
vater oblag. Schwieriger gestaltete sich das Rechnen in den 
Conti des vStaatshaushaltes oder in den Büchern der Bankiers, 
wie überall da, wo große Rechnungsposten vorkamen und eine 
Einheit von looooo Sesterzen keine größere Bedeutung hatte 
wie für den gemeinen Mann die einzelne Sesterz. Die Haupt- 
schwierigkeit lag in den Rechnungen bis zur Zahlengröße von 
looo, weil bis hierher die verschiedensten Zahlenzeichen durch- 
einanderliefen, die eine dem dekadischen Stellensystem einiger- 
maßen entsprechende Anordnung nicht zuließen. Man half sich, 
indem man nicht mit der geschriebenen, sondern mit der ge- 
sprochenen Zahl operierte. Daraus erwuchs die Notwendigkeit 
des Kopfrechnens, mit dessen Hilfe Zahlen zu einander addiert, 
von einander subtrahiert, miteinander multiphziert und ineinander 
dividiert wurden. Die einzelnen Zahlen wurden durch Aussprechen 
derselben zerlegt in Einer und Zehner oder Zehner und Hunderter 
usw., bis das Resultat gefunden war. das dann durch Zahlzeichen 
aufgeschrieben wurde. 

Welche speziellen Ausdrücke die Römer beim Rechnen 
anwandten, ist nicht bekannt. Man weiß nur, daß duos addere 
ad decem^) als Addition zu betrachten ist. Die Schulknaben sagten 
her 3): unum et unum duo, duo et duo quattuor. Centum nummos 
deducere entsprach der Subtraktion. 4) Ter terna ducere ist mul- 
tiplizieren 5), bis bina sunt quattuor war eine ausgeführte Multipli- 
kation.^) 

1) Paulys Real-Encyclopädie der klassischen Altertumswissenschaft, neue Be- 
arbeitung II. Bd. Stuttgart 1896. Momnisen, Über das römische Münzwesen, findet 
unverkennbar zwischen den römischen und etruskischen Ziffern eine gewisse Über- 
einstimmung. 

2) Abzuleiten aus Ovid. fast IV. 702. 

3) Augustin, Confcss. I. 13 a. E. 

4) Cic. de leg. II. 53, addendo deducendoque videre, quae reliqui summa fiat 
bei demselben de off. I. 59. 

5) Gellius I. 20, 5. 

6) Cic. de nat dcvu. II. 49. 



Das Münzwesen 



31 



In einem alten Rechenbuche von Leonardo von Pisa wird 
als schwieriges Beispiel die Aufgabe ausgeführt, loo librae unter 
1 1 mercatores zu teilen. Es werden nämlich die Reste in die 
minutiae verwandelt, i libra in 40 soHdi, 7 solidi in 84 nummi. 
Um den Rest der 7 nummi werden 91 Eier gekauft, und da auch 
hier 3 übrig bleiben, bekommt sie der divisor pro mercede aut 

certe pro sale. 

Aus der einschlägigen Literatur geht übereinstimmend hervor, 
daß das Rechnen bei den Römern ein sehr umständliches und 
für die Jugend ein nichts weniger als leicht faßliches war. Darum 
nahm dasselbe als Unterrichtsgegenstand in den Schulen einen 
breiten Raum für sich in Anspruch, so daß Horaz das Rechnen 
als den vorzüglichsten Gegenstand des gesamten Unterrichts be- 
zeichnete. Er rügte es aber auch zugleich als einen Krebsschaden 
der Erziehung, daß das Rechnen fast ausschließhch nur zu Geld- 
rechnungen benützt wurde. 



Das Münzwesen. 

Allgemeines. 

Es ist geschichtlich festgestellt, daß die Hebräer zur Zeit 
ihres Auszugs aus Ägypten wohl den Gebrauch der edlen Metalle 
als Wertmesser im Handel kannten; in gemünztem Zustande aber 
war ihnen dieses Metall vollständig unbekannt. Darüber läßt 
sowohl Herodot^) wie die Bibel 2) nicht den geringsten Zweifel. 
Jedenfalls war die Eigenschaft des Metalls als Wertmesser längst 
bekannt, bevor die Ausprägung desselben zu Geld eingeführt 
wurde. Maßgebend hierfür war die Schwere der einzelnen Stücke. 
Darum behielten die Münzen des Altertums als Benennung die 
Gewichtsangabe, nach der ihr Handelswert bestimmt war. So 
die griechische Drachme, die römischen Geldpfunde (Litra, As). 
Das Pfund Sterling in England, die früheren Livres in Frank- 
reich, die früheren Lire und die heutigen Lira in Italien, sowie 
die Mark in Hamburg, Lübeck, Bremen, Holstein, Dänemark usw. 



1) Herodot, Lib. IV. No. 166, Argentorati et Parisiis, t. II. p. 360. 

2) Abraham (Genesis, XXIII. i6) zahlte bei seinem in Ephron betätigten Kauf 
mit Silberstücken, die im Handel Kurs hatten, d. h. gangbar waren. Sodann Isaias 
XLVI. 6; die Könige I., II. XVIII. 11, 12. 






iL 






32 



Erster Teil 



erinnern heute noch daran. Soweit die Kenntnisse der Hellenen 
reichten, waren die Lyder die ersten Menschen welch. Go d und 
Silber prägten. Dagegen wird die Angabe für volhg h.stor.sch 
gehauen, daß Pheidon. König von Argos. dessen Herrschaft nach 
wahrscheinlichster Ermittlung im ersten Menschenalter se,t der 
Olympiadenzeitrechnung beginnt, zuerst Geld geschlagen hat. ) 
Er zog wie die Parische Chronik sagt, die alten Maße und Ge- 
Wichte ein und Heß dagegen neue herstellen. Auf Ag,na l.eß 
er das erste Silber prägen. Zum Denkze.chen d.eser Ve- 
besserungen hing er der Hera zu Argos zess.erte Obehsken als 
Weihgeschenk auf.^) 

Während es ein Vorzug der Griechen war. ihre Münze nach 
der Verschiedenheit der Metalle fein zu gliedern, bildeten d,e 
Römer ein streng abgestuftes Münzwesen aus. «i" -"^^ 
Münzfüße sorgfältig anpaßten. Nach «beremst>m,T|^.nden Benoten 
der Schriftsteller bestand das älteste gemünzte Geld der Romer 
tinem barrenförmigen Münzstück im fliehte von ungefähr 
S Assen.3) Der As selbst gehörte zu den ältesten romischen 
LpSrmünzen, der zuerst unter dem Könige Serviusuhus nach 
Andern erst seit dem 5- Jahrhundert v. Chr. geprägt wurde.4) 
Er hatte ursprünglich das Gewicht eines römischen Pfunde 
- 3^7 45 g. doch finden sich auch Stücke, die nur .. .0 und 
r Unzen fm Durchschnitte .73 S enthalten. Im Laufe der Zeit 
wurde die Münze immer kleiner, so daß sie in der spätem Kaiser- 
dt nur noch V36 ihres ursprünglichen Gewichts wog. In dieser 
B?ziellg unt schied sich das römische Münzwesen von dem- 
fengn griechischer und asiatischer Städte. Denn während man 
n Rom mit den Münzen aus Kupfer begann, verwendete man 
;: Grch^liland und Asien gleich von Anfang die edlen Metalle 
zur ilersteUung von Geld. 3) 



. r^ ■ «^v^t^mes m6triques et monaaires des anciens pouples t. I. p. 90. 

"""'■ ^tÖ^Iwan Müller. Handbuch der klassischen Aher.umswissen^hatC. I. B. 
""'^'"TpUnius XXXm. .3. -.Servius rex ovinn, boun,q„e e.flgie pri.nus aes 

gnavit«. . . ry TT 

5) Queipo, Systemcs metriques et moneUiires. 1 . H- 



Das Münzwesen 



33 



Selbstverständlich ist Wert, Prägung, Nominal etc. in den 
verschiedenen Zeiten verschieden gewesen; ebenso waren die 
Münzen der römischen Provinzen von denen Roms verschieden. 
So ist aus Funden festgestellt worden, daß im Jahre Roms 486 
der Denar, Quinar und Sesterz mit Wertzeichen (X, V, HS) ver- 
sehen waren. Für die Zeit von 490 bis etwa 520 wurde aus 
Funden folgendes Gepräge festgestellt:^) 
Vorderseite: 

Decussis: Frauenkopf mit Vogelhelm, 



Tressis: 

Dupondius: 

As: 

Semis: 

Triens: 

Quadrans: 

Sextans: 

Uncia: 



Denar 

Quinar 

Sesterz 



Januskopf, 

Jupiterkopf mit Lorbeerkranz, 
Frauen köpf mit Helm, 
Herkulcskopf mit Löwenfell, 
Merkurkopf mit Flügelhut, 
Frauenkopf mit Helm. 
Rückseite: 
Die Prora (Vorderteil eines Schiffes), zuweilen auch die 
Viktoria in der Biga (Zweigespann), und auf der Unze statt der 

Prora ein Füllhorn. 

Frauenkopf mit Flügelhelm, zwei Reiter (Dios- 
kuren) mit flatterndem Mantel und spitzen Mützen, 
mit eingelegten Lanzen nebeneinander galop- 
pierend; über ihren Häuptern Sterne. 
Auf den meisten Münzen befand sich das Wort ROMA, 
bald mit, bald ohne Wertangabe. 

Bei Geldzahlungen größerer Summen bediente man sich 
frühzeitig des Vorwiegens der Metallstücke. Daraus kann nicht 
geschlossen werden, daß das Geldpfund, wie vielfach behauptet 
wird, schon frühzeitig vermindert worden sei. Man brauchte 
ersthch die Wage notwendig, ehe es gemünzte Stücke gab. Aber 
auch nachher war man gewöhnt, die Geldstücke, und nicht etwa 
allein die fremden, zu wiegen, weil die Ausmünzung nicht genau 
war und in großen Zahlungen genaues Gewicht verlangt wurde. 
Unbegründet ist es, daß der Gebrauch der Wage erst durch die 
Einführung eines wirklich gesetzlichen leichtern Münzfußes ent- 



I) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens, S. 478. 
Beigel, Rechnungswesen. 



INTENTIONAL SECOND EXPOSURE 



32 



Erster Teil 



erinnern heute noch daran. Soweit die Kenntnisse der Hellenen 
reichten, waren die Lyder die ersten Menschen, welche Gold und 
Silber prägten. Dagegen wird die Angabe für völlig historisch 
gehalten, daß Pheidon, König von Argos, dessen Herrschaft nach 
wahrscheinlichster Ermittlung im ersten Menschenalter seit der 
Olympiadenzeitrechnung beginnt, zuerst Geld geschlagen hat.^) 
Er zog, wie die Parische Chronik sagt, die alten Maße und Ge- 
wichte ein und ließ dagegen neue herstellen. Auf Agina heß 
er das erste Silber prägen. Zum Denkzeichen dieser Ver- 
besserungen hing er der Hera zu Argos zessierte Obelisken als 
Weihgeschenk auf. 2) 

Während es ein Vorzug der Griechen war, ihre Münze nach 
der Verschiedenheit der Metalle fein zu gliedern, bildeten die 
Römer ein streng abgestuftes Münzwesen aus. dem sie fremde 
Münzfüße sorgfältig anpaßten. Nach übereinstimmenden Berichten 
der Schriftsteller bestand das älteste gemünzte Geld der Römer 
aus einem barrenförmigen Münzstück im Gewichte von ungefähr 
5 Assen.3) Der As selbst gehörte zu den ältesten römischen 
Kupfermünzen, der zuerst unter dem Könige Servius Tullius, nach 
Andern erst seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. geprägt wurde. 4) 
Er hatte ursprünglich das Gewicht eines römischen Pfundes 
= 327,45 g, doch finden sich auch Stücke, die nur 11, 10 und 
9 Unzen, im Durchschnitte 273 g enthalten. Im Laufe der Zeit 
wurde die Münze immer kleiner, so daß sie in der spätem Kaiser- 
zeit nur noch ^l^(, ihres ursprüngHchen Gewichts wog. In dieser 
Beziehung unterschied sich das römische Münzwesen von dem- 
jenigen griechischer und asiatischer Städte. Denn während man 
in Rom mit den Münzen aus Kupfer begann, verwendete man 
in Griechenland und Asien gleich von Anfang die edlen Metalle 
zur Hersteilung von Geld. 5) 



1) Queipo, Systenies metriques et monetaires des anciens pcuples t. I. p. 90. 

2) Bückh, Metrol. Unters, über Gewichte, Münzfüße und Maße des Alter- 
tums. S. 162. 

3) Dr. Iwun Müller, Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft. I. B. 

Nördlingen. 

4) Plinius XXXIII. 13. »Servius rcx ovium boumque effigie primus aes 

gnavit«. 

5) Queipo, Systemes metriqties et monetaires. T. II. 



Das Münzwesen 



33 



Sextans: 
Uncia: 



Selbstverständlich ist Wert, Prägung, Nominal etc. in den 
verschiedenen Zeiten verschieden gewesen; ebenso Waren die 
Münzen der römischen Provinzen von denen Roms verschieden. 
So ist aus Funden festgestellt worden, daß im Jahre Roms 486 
der Denar, Ouinar und Sesterz mit Wertzeichen (X, V, HS) ver- 
sehen waren. Für die Zeit von 490 bis etwa 520 wurde aus 
Funden folgendes Gepräge festgestellt:^) 
Vorderseite: 
Decussis: Frauenkopf mit Vogelhelm, 
Tressis: > » » 

Dupondius: » » > 

As: Januskopf, 

Semis: Jupiterkopf mit Lorbeerkranz, 

Triens: Frauenkopf mit Helm, 

Quadrans: Herkulcskopf mit Löwenfell, 
Merkurkopf mit Flügelhut, 
Frauenkopf mit Hehn. 
Rückseite: 
Die Prora (Vorderteil eines Schiffes), zuw^eilen auch die 
Viktoria in der Biga (Zweigespann), und auf der Unze statt der 
Prora ein Füllhorn. 

Frauenkopf mit Flügelhelm, zwei Reiter (Dios- 
kuren) mit flatterndem Mantel und spitzen Mützen, 
mit eingelegten Lanzen nebeneinander galop- 
pierend; über ihren Häuptern Sterne. 
Auf den meisten Münzen befand sich das Wort ROMA, 
bald mit, bald ohne Wertangabe. 

Bei Geldzahlungen größerer Summen bediente man sich 
frühzeitig des Vorwiegens der Metallstücke. Daraus kann nicht 
geschlossen werden, daß das Geldpfund, wie vielfach behauptet 
wird, schon frühzeitig vermindert w^orden sei. Man brauchte 
erstlich die Wage notwendig, ehe es gemünzte Stücke gab. Aber 
auch nachher war man gewöhnt, die Geldstücke, und nicht etwa 
allein die fremden, zu wiegen, weil die Ausmünzung nicht genau 
war und in großen Zahlungen genaues Gewicht verlangt wurde. 
Unbegründet ist es, daß der Gebrauch der Wage erst durch die 
Einführung eines wirklich gesetzlichen leichtern Münzfußes ent- 



Denar 

Ouinar 

Sesterz 



I) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens, S. 478. 

Bei gel, Rechnungswesen. 



* 



s 



34 



Erster Teil 



Standen ist, obschon sie bei dieser Verringerung ganz besonders 
gebraucht wurde, um das kurrante Geld auf aes grave, als die 
eigentliche Norm, zurückzuführen.^) 

Das IMünzrecht stand, wie überall, so auch in Rom, dem 
Staate zu. Inwieweit an der Prägung als solcher die Volks- 
gemeinde, die Beamten und der Senat beteiligt war, darüber fehlt 
jede sichere Kunde. ^) Die Währung zu bestimmen war Sache 
der Gemeinde. Aus den zufällig erwähnten \'olksbeschlüssen über' 
das Gewicht des As (papirisches Gesetz), über das gesetzliche 
Verhältnis der Münzeinheit in Kupfer zu derjenigen in Silber 
(flaminisches Gesetz), über das Ausgeben von Kreditmünzen neben 
der Wertmünze (livisches Gesetz) und ähnlichen Verordnungen 
erhellt, daß die Bestimmung der IMünzmetalle, die Feststellung 
ihres Verhältnisses zu einander, sogar die der Münzsorten, über- 
haupt also Währung und Teilung der Münze, nach römischem 
Staatsrecht nicht anders geordnet oder verändert werden konnte 
als unter Zustimmung des höchsten Inhabers der Autonomie, der 
Volksgemeinde, in ihren Tributkomitien.3) 

Solange es in Wahrheit ein römisches Gemeinwesen gab, 
d. i. in der großen Zeit des vierten und fünften Jahrhunderts, 
erscheint auf den Münzen des Staates weder Wappen noch Na- 
men der Gemeinde, sondern die Galeere und Roma; höchstens 
tritt noch da und dort ein Münzstättenzeichen hinzu, am frühesten 
das von Luceria, aber auch dies nur als Initiale oder Monogramm. 
Erst als der Freistaat in die Oligarchie überging, etwa vom Ende 
des ersten punischen Krieges an, zeigen sich die Münzmeister, 
zuerst mit ihrem Wappen, später mit angedeutetem Geschlcchts- 
oder Stammnamen. Gegen die Mitte des siebenten Jc.hrhundcrts 
schw^inden die Individualnamen, um den Amtstiteln Platz zu 
machen. Die jungen Patrizier begannen den Doppelkreis mit 
den oft sehr zweifelhaften Großtaten ihrer nicht selten ebenso 



1) Gaius, I. 122. »Eorumque nummorum vis et potcstas non in numero erat 
sed in ponder'e«. Plinius, XXXIII. I3- »Librales, unde etiam nunc libella 
dicitur et dupendius, appendebantur asses^. Donat, Zu Ter. Phorm. I. 1,9: »<>"n^ 
expensa pecunia ferretur niore veterum, non ut nunc annumcraretur, assis libra erat 

eiusque partes unciae«. 

2) Plinius, XXXIII. 13: »Livius Drusus in tribunatu plebis octavr\m partem 

aeris argcnto miscuit«. 

3) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens. 



Das Münzwesen 



33 



zweifelhaften Ahnen zu füllen. Es war dies die Zeit, w^o es mit 
der Republik zu Ende ging. Die Münzen zeigten es, daß in 
Rom die Militärmonarchie an der Zeit war. Immer war es besser 
oder doch das kleinere Übel, daß Cäsars oder der Cäsaren Bild an 
den Platz des alten Romakopfes trat, als daß Faustus Sulla seinen 
Vater und Schwiegervater in sinnigen Emblemen feierte oder der 
fünfundzwanzigjährige Brutus durch die Köpfe der verschiedenen 
Tyrannenmörder aus seinem Stammbaum den angeerbten Beruf 
der Welt zunächst in dieser theoretischen Form ankündigte.^) 

Die Prägstätte befand sich in Rom bei dem Tempel der 
Juno Moneta auf dem Kapitol; daher führten die Münzmeister 
den Titel triumviri monetales. Von daher rührt es, daß der 
Reichsfuß bei den Feldmessern pes monetalis hieß und daß die 
Gefäße die Aufschrift erhielten (mensurae exactae in Capitolio) 
zum Ausweis, daß sie auf dem Kapitol geeicht worden seien. 2) 
Die Prägung wurde vom Staat geleitet 3); sie beruhte aber auch, 
besonders die Goldprägung, auf dem militärischen Imperium des 
Feldherrn, der sie durch dazu kommandierte Offiziere außerhalb 
Roms in seinem Auftrag ausüben ließ. 

Die römischen Münzstättenzeichen w^urden, wue heute auch, 
durch Initialen und Monogramme dargestellt. 4) Die in Rom ge- 
prägten Münzen enthalten sogar neben dem voll ausgeschriebenen 
ROMA, das die Gemeinde als Münzherrn bezeichnet, dasselbe 
Wort monogrammatisch zur Bezeichnung des Prägeorts. Münz- 
beamtennamen erscheinen nicht vor, aber bald nach 537 auf den 
Silber- wie auf den Kupfermünzen, z. B. Servius, Rufus, Arrius 
Secundus, P. Clodius usw. 5) 

Die IVIünzordnung, wie sie mehrere Jahrhunderte sich be- 
hauptet hatte, w^ar die, daß Gold und Silber nur dem Imperator 
zu schlagen gestattet war. Cäsar hatte dieses Recht insofern 
erweitert, als er es auch in der Hauptstadt für sich in Anspruch 
nahm. Augustus tat, nachdem er in den Vollbesitz der Gewalt 
gelangt war, den weitern Schritt, diese Gold- und Silberprägung 



1) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwe.sens, S. 364 f£. 

2) Dr. Iwan Müller, Handbuch I. S. 709. 

3) Die Existenz einer kaiserlichen Gold- und Sübermünzstätte in Lugudunum 
bezeugt Strabon 4, 3, 2, vgl. Mommsen. 

4) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens. Berlin 1860. 

5) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens, S. 740. 

3* 



^ 



h i 



36 



Erster Teil 



dem Imperator allein vorzubehalten und die konkurrierende des 
Senats zu unterdrücken.^) Vom Jahre 739 ab ist demnach die 
goldene und silberne Reichsmünze nie anders geschlagen worden 
als im Namen und Auftrag des Kaisers. 2) Die Verwaltung der 
Münze, soweit sie dem Kaiser zustand, wurde als eine Angelegen- 
heit des kaiserlichen Hauses behandelt und zunächst durch Pro- 
kuratoren, die Freigelassene, ja anfänglich selbst Sklaven des 
Kaisers sein konnten, besorgt. 

Das Recht der Kupferprägung blieb dem Senate, und zwar 
als ausschließliches. Als charakteristisches Kennzeichen der 
Reichskupfermünzen galt, dai^ in großer auffälliger Schrift dar- 
auf S-C geprägt war, offenbar zu dem Zweck, die bei der 
Wertmünze von selbst wegfallende, bei dem Kupfer aber an sich 
leicht mögliche Verwechslung der Reichsmünze mit der Provinzial- 
und Lokalkupfermünze zu verhindern. 3) 

Gemäß dem ursprünglichen Normalverhältnis der drei Me- 
talle in der Reichsmünze der Kaiserzeit entsprach i Goldstück 
25 Silberdenaren, 100 Messingsesterzen und 400 Kupferassen. 
Es war also V'40 Pf. Gold = ^s/g^ Pf. Silber = 8V3 H. Messing 
= 16V3 Pf. Kupfer 4), oder 

Messing 

333>33 
28 



Gold Silber 
I : 1 1,91 
I 



Kupfer 
666,66 

56 

2 



Fortwährende Umprägungen und Veränderungen der Le- 
gierung veränderten fortgesetzt die Verhältnisse der Metalle zu 

einander. 

Das gesamte römische Münzwesen in der Epoche von Gal- 
lienus bis auf die Mitte der Regierung Diokletians läßt sich dahin 
bezeichnen, daß der Bankerott in Permanenz und die Münze, die 
diesen Bankerott ausdrückte und in der er sich vollzog, der An- 
toninianus war. 5) Darum ist denn auch diese Sorte allein in großen 



1) :Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens, S. 745. 

2) Die kaiserlichen Münzarbeiter nannten sich officinatores monetae aurariae 
arcrentariae Caesaris nostri , der Vorstand hieß: exactor auri argenti aeris. Vgl. 
Mommsen S. 746. 

3) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens, S. 750 ff. 

4) Mommsen, S. 766. 

5) Mommsen, S. 830. 



Das Münzwesen 



37 



Massen, und zwar, je bedrängter ein Regent war, desto reich- 
licher geschlagen worden. Die Denar- und Sesterzprägung hörte 
der Sache nach mit Severus Alexander genau um diejenige Zeit 
auf, in der die massenhafte Prägung der Antoniniani beginnt. 
Selbst die provinziale Silber- und Kupfermünze wurde in das 
allgemeine Verderben hineingezogen.^) Die Aufnahme der 
schlechten, aber doch noch aus Billon bestehenden antiochischcn 
Tetradrachmen in das Reichskurant unter Gordian III., die gleich- 
artige wenigstens mit einem Teil des syrischen Provinzialkupfers 
unter Philippus vollzogene Operation, die Stockung endlich auch 
dieser Prägungen um die Zeit von Gallienus, erklären sich leicht 
aus dem Bestreben der Kaiser, durch Hineinziehen neuer, auch 
nur einigermaßen werthafter Münzsorten das Reichskurant zu 
heben. Freilich konnte die Folge nur die sein, daß auch sie bald 
ebenso verschwanden wie der römische Silber- und Billondenar 
und der römische Sesterz. Es muß eine fürchterliche Zeit ge- 
wesen sein; in ihr ist denn auch untergegangen, was vom alten 
Gemeinwesen wie von antiker Kultur noch im römischen Reiche 
bis dahin lebendig gewesen ist.^) 

Eine Besserung dieser Zustände trat unter Aurelian ein. 
Er reformierte die bei der Prägung eingerissenen Mißbräuche. 
Sein Nachfolger Tacitus verbot wenigstens im Prinzip das un- 
redliche und verderbliche Legierungs- und Plattierungssystem für 
alle drei Metalle. Ernst machten mit der Ausprägung guter Silber- 
münzen erst Diokletian und Maximian, mit der Wiederherstellung 
einer soliden und massenhaften Goldprägung erst Konstantin der 
Große. Es gab wieder gutes Gold- und Silbergeld, daneben lief 
allerdings auch noch Kupfer in der Großzahlung um, anfangs 
unter Diokletian ziemlich werthaft geprägt, aber rasch wieder 



^) Jedes Münzstück von irgend welchem Wert wurde eingescharrt, so zwar, 
daß im letzten Drittel des dritten Jahrhunderts es im römischen Reiche gar kein 
Wertgeld mehr, ja nicht einmal die ehemalige, jetzt zum "Wertgeld gewordene Billon- 
und Messingscheidemünze, gegeben hat. Charakteristisch ist dafür, daß der bei Rouen 
gefundene Schatz römischer Münzen auf 229 kupferne 3 silberne, der von Gallarate 
auf 3500 kupferne 4 silberne Münzen enthielt, obwohl beide erst vergraben wurden, 
kurz nachdem Diocletian und seine Mitregenten die Silberprägung wieder aufgenommen 
hatten. Auch daß die Mehrmünzung, wie die gefundenen Gußformen beweisen, sich 
nicht auf den weißkupfernen Antoninianus erstreckt hat, zeigt an, wie tief derselbe 
im Kurs gestanden haben muß. Vgl. Mommsen, S.831. 

2) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens, S. 831. 



i! :i 



II 



I* 



38 



Erster Teil 



entwertet und in so ungeheuren Massen in Umlauf gesetzt, daß 
es in immer steigendem Maße verlor, bis dann bei der Teilung 
des Reiches 395 das gesamte Großkupfergeld durch kaiserliche 
Verordnung demonetisiert und dadurch, freilich sicher auf Kosten 
unzähliger Privatpersonen, in das Münzwesen wieder Ordnung 
gebracht ward. ^) 

1. Kupfermünzen. 

Als erster, der in Rom aus Kupfer Münzen 2) herstellen, 
d. h. Kupfer in Formen mit einem Typus gießen ließ, wird Ser- 
vius TulHus genannt. 3) Der Typus 'war nach Plinius^) Rind oder 
Schaf, daher pecunia (von pecus). Nach anderen Schriftstellern 
ist das Wort pecunia daher zu leiten, daß ursprünglich das be- 
wegliche Vermögen vorzüglich in Vieh bestand. 5) Diese Münzen 
waren nicht identisch mit denjenigen Geldstücken, welche Numa^y 
durch besondere Kupferpräger (collegium aerariorum fabrum) her- 
stellen ließ. 7) 

Als die älteste römische Kupfermünze, die Servius mit dem 
Gewicht eines römischen Pfundes (327,45 g) prägen liei^, ist das 
As zu nennen. Doch finden sich schon Stücke aus wesentlich 
früherer Zeit zu 11, 10 und 9 Unzen, die also im Durchschnitt 
273 g wogen. Im Laufe der Zeit wurde die Münze immer kleiner, 
so daß sie in der spätem Kaiserzeit nur noch V36 ihres ursprüng- 
hchen Gewichtes wog. 8) Alle Kupfermünzen des alten Italiens 
waren entweder eine Mehrheit oder ein Bruchteil des As. Aber 



1) Mommsen, S. 832. 

2) Plinius, lib. XXXIII. c. III. 

3) Böckh, Metrologische Untersuchungen über Gewichte, Münzfüße und Maße 

des Altertums. Berlin. S. 387. 

4) Plinius, XXXIII. 13: »Servius rex primus signavit aes: antea rudi usos 
Romae Timaeus tradit. Signatum est nota pecudum: unde et pecunia appclata«. 

5) So namentlich Varro L. L. V. 19; Cic. Rep. II. 9; Ovid Fast V. 
281; Varro R. R. II. i: »Et quod aes antiquissimum, quod est flatum, pecore est 

notatum. 

6) Plinius, üb. XXXIV. c. I. 

7) Garnier behauptet in seiner Histoire de monnaies, daß es eine besondere 
Korporation gewesen sei, welche ausschließlich mit der Herstellung dieser Kupfer- 
stücke betraut war. Vgl. Queipo, Systemes metriques et monetaires des anciens peuples, 

vol. II. p. 16. 

8) Mommsen, Über das römische Münzwesen. Leipzig 1850. 



II. 



Das Münzwesen 



39 



auch bei Maßen, Gewichten, Erbschaften und Zinsen wurde das 
Ganze durch As bezeichnet und dieser nach dem Duodezimalsystem 
in 12 Teile, uncia, d. h. Einheit, deren jedes einen besonderen 
Namen hatte, z. B. uncia = ^/i2, sextans = ^6, quadrans = ^/^ 
usw. geteilt. ^) 

Die Kupfermünzen unterschieden sich von einander durch 
das Gepräge.^) Auf dem Avers hatten sie einen Pegasus mit der 
Aufschrift ROMAXOM (d. h. Romanorum), auf dem Revers den 
Adler des Jupiter als Träger des Blitzes. Darunter war die Wert- 
bezeichnung angegeben durch i, 2, 3 usw. Kügelchcn für die 
Zahl der Unzen auf den Bruchteilen des As, römische Ziffern 
für das As und die ^Mehrheiten desselben. 3) Andere Kupfer- 
münzen hatten auf dem Avers irgend einen Götterkopf, z. B. den 
des Jupiter; beim ganzen As den des Janus und auf dem Revers 
den Schiffsschnabel nebst der Wertbezeichnung. Libella hieß 
eine der kleineren Kupfermünzen, welche dem Werte nach ein 
Zehntel der Sesterz (also etwa 2 Pfg.) betrug. 

Der gewöhnliche Typus der römischen Kupfermünzen 4) be- 
stand einerseits aus einem Schiffsteil (prora) und dem Wertzeichen 
und andererseits aus einem von der Siegesgöttin geführten Zwei- 
gespann mit der Inschrift ROMA. Die Kupferstücke mit dem 
As und dem Rinde werden für ausländisches Gepräge gehalten. 5) 
Plinius^) nennt den Schiffsteil für die Asse rostrum navis, für 
Triens und Quadrans rates. 

Plutarch7) gibt an für die andere Seite des As das Doppel- 
haupt des Janus, der Semissis (= ^2 As = 6 Unzen) das Jupiter- 
haupt, des Triens das Pallashaupt, des Quadrans das Herkules- 
haupt, des Sextans das Haupt des Merkurs, und der Unze wieder 
das Pallashaupt. 



.^ 



1) Hultsch, Griech. und röm. Metrologie. II. Aufl. Berlin 1882. 

2) Don V. Vazquez Queipo, Essai sur les systemes metriques et monetaires 
des anciens peuples. Paris 1859. 

3^ Mommsen, Über das römische Münzwesen. 

4) In der Bibliothek de S*?^ G^nevieve sind Stücke mit einem Gewichte von 
9 Par. Unzen (= 10 altrömische Unzen) vorhanden. 

5) Böckh, Gewichte, Münzfüße und Maße des Altertums. Auch Rome de 
risle hat das As mit dem Rinde nicht für echt römisch gehalten; er benannte ihn 
nicht As Romain wie andere Asse, sondern As Italique. 

6) Plinius, XXXIII. 13. 

7) Plutarch, Qu. Rom. 41. 



40 



Erster Teil 



Das Münzwesen 



41 



' t 



N .1 



1 






Die Kupfermünzen unterlagen häufigen Umprägungen, teils 
um die Münzen in das richtige Verhältnis zu ihrem innern, d. h. 
Erzwert, und zum Werte des Silbers zu setzen, teils, und dies 
war der Hauptanlaß, um den gesetzlichen oder nominellen Wert 
gegenüber ihrem Wertgehalt heraufzusetzen und aus diesem Ge- 
schäft Gewinn zu ziehen. So war z. B. der Truppensold eine 
Hauptausgabe des vStaates. Indem man nun das Geld geringer 
münzte, als der nominelle Wert angab, erhielt der Soldat an 
Metall weniger Lohn. Er erhielt, sagen wir, statt 12 Gewichts- 
unzen nur 9 Gewichtsunzen. Um nun Zahlungen, die auf ein 
bestimmtes Nominal lauteten, mit weniger Metall zu bestreiten, 
wurde der Münzfuß verringert. Wurde das Mißverhältnis zu groß 
und entstand nicht etwa dadurch wieder einige Ausgleichung, 
daß zugleich die Preise der Dinge gegen das Metall gefallen 
waren, so mochte der Sold nominal etwas erhöht worden sein.^) 
Ein Hauptzeuge für die Zeit der Verkleinerung der Kupfermünzen 
ist Varro,2) der vom Jugerum wie folgt spricht: »Id habet scrip- 
tula CCLXXXVIII, quantum as antiquus noster ante bellum 
Punicum pendebat.« Solche Münzveränderungen wurden teils 
durch Senatsbeschluß, teils auf Grund gesetzlicher Bestimmungen 
vorgenommen, wie überhaupt bis ins sechste Jahrhundert es Sache 
des Senats war, den Münzfuß zu regeln. Da die Schulden nach 
dem den Wert mehr oder weniger überschreitenden Nominal be- 
zahlt wurden, während dieselben in aes grave kontrahiert waren, 
so kam der Zwangskurs einem teilweisen Staatsbankrott gleich, 
wie in Athen unter Solon, als die Schulden in leichterem Gelde 
zurückgezahlt wurden; es entstanden novae tabulae. Festus er- 
zählt, daß anstatt der Libral-Asse Sextantar-Asse gemacht wurden, 
»qui tantundem valerent«. Man erhielt hiernach anstatt 10 Libral- 
Asse nominal 10 Sextantar-Asse, d. i. einen Denar. Beide IMünzen 
galten für die wSchuldenzahlung dasselbe, weil man in dem Sex- 
tantargelde dasselbe Nominal zurückzahlte, auf welches die Ver- 
schreibung in aes grave lautete. Nach der Berechnung des 
Plinius hat der Schuldner durch die Sextantarreduktion s/ö ge- 
wonnen; zahlte er nämUch die Schulden, welche in Assen aeris 
gravis kontrahiert waren, in Sextantar- Assen As gegen As zurück, 



\ 



i 



1) Böckh, Metrologische Untersuchungen, S. 450. 

2) Varro, R. R. I. 10, 2. 



SO gewann er freilich ^6 der schuldigen Kupfermasse; dies 
war aber mit nichten ein Gewinn, den der Schuldner in Rück- 
sicht des Wertes in Silber hatte. ^) 

Kupfermünzen wurden außer in Rom auch in den mittel- 
italischen Münzstätten von Latium, Picenum und Gallien, 2) sodann 
in den apulischen Städten Barium und Caelium,3) sowie in Aus- 
culum Apulum4) gegossen und geschlagen. Endlich haben die 
drei kampanischen Städte Capua, Atella und Calatia mit ihrem 
Namen in oskischer Schrift zahlreiche Kupferstücke geschlagen. 

Gewicht, Stil und Nominal der Münzen waren sehr ver- 
schieden. Es wurden Stücke mit den Zeichen des Uncialsystems 
zu 4 bis herab auf eine Unze geprägt bzw. gegossen. Als der 
Fuß auf drei Lanzen sank, fing man an, auch den Quadrans und 
den Triens, als er auf zwei Unzen und darunter herabging, auch 
den Semis und das As zu prägen, wobei das Gießen mehr und 
mehr zurücktrat, ohne doch vollständig zu verschwinden. Der 
Stadtname erscheint durchgängig nur auf den geprägten Münzen, 
unter den gegossenen allein auf dem Decussis mit der Biga. 
Rom prägte meist das As, sodann den Dupondius, Tressis und 
Decussis mit den Wertzeichen II, III, X; als Gepräge dieser 
Nominale wurde einerseits die Prora festgehalten, andererseits 
begegnet man auf dem anomalen Decussis mit Aufschrift der ge- 
flügelten A'iktoria im Zweigespann, auf den gewöhnlichen Decussen, 
Tripondien und Dupondien demselben weiblichen behelmten Kopf, 
der sich auch auf dem Triens und der Uncia fand. Was die 
übrigen italischen Münzstätten anlangt, die den Trientalfuß 
angenommen hatten, so finden sich an Nominalen von Tuder: 
Semis, Triens, Quadrans, Sextans, Uncia; von Luceria: As, Quin- 
cunx, Triens, Quadrans, Sextans. Uncia, Semuncia; von der 
römisch-lucerinischen dieselben Nominale und überdies noch der 
Semis. Venusia, Brundisium, Barium, Caelium, Capua, Atella usw. 
prägten ähnliche Nominale. ?) Notorisch aber ist, daß die Zehn-, 
Drei- und Zweistücke außerhalb Roms nirgends vorkommen. 



I 



1) Vgl. Böckh, Metrol. Untersuchungen. 

2) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens. 

3) Nach Eckhel I. 340 haben Caelium und Barium nicht selten cd statt Q. 

4) Auf dessen Münzen erscheint das halbmondförmige Sigma, nach Friedländer, 
osk. Münzen S. 56, vgl. Mommsen S. 284. 

5) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens. 



Il 



42 



Erster Teil 



Als der Münzas, der, um seinem I.egalwert materiell zu 
entsprechen, 4 Unzen wiegen mul'te, allmählich tatsächlich auf 
3, 2, I Unze herabkam, ohne dai^ sein Verhältniswert gegen das 
Silber sich darum veränderte, hörte er auf. Wertmünze zu sein 
und sank herab zu einer nur noch nicht ganz wertlosen Scheide- 
münze. 

II. Silbermünzen. 

Nicht überall ist im Altertume die Kupfermünze die Vor- 
läuferin der Silbermünze gewesen. Die Hellenen hatten zuerst 
Silbergeld und haben dieses bis auf sehr kleine Nominale aus- 
gemünzt, so dai^ für Kupfergeld gar kein Bedürfnis bestand. V 
Der römische Staat bediente sich lange Zeit keines eigenen ge- 
prägten Silbers und Goldes. Im Schatz mochte er, seitdem große 
Renten und Kontributionen eingingen, fremde Silber- und Gold- 
münzen niedergelegt haben. Nach Varro^) wurden in älteren Zeiten 
Gold und Silber in Barren im Staatsschatz aufbewahrt. 

Der Gebrauch der edlen Metalle zu Münzen muß in Rom 
seit Romulus' Zeiten wie in den Grenzstaaten Großgriechenlands 
überhaupt bekannt gewesen sein, obschon die Kenntnis der Münz- 
prägung bereits 100 Jahre vor Romulus' Zeiten bestanden hat. 
Als Silbermünze wurde in Rom der Denar (Denarius) im Jahre 
269 V. Chr. oder im Jahre 485 a. St. unter dem Konsulat des 
Q. Ogulnius und C. FabiusS) vier Jahre nach der Einnahme Ta- 
rcnts und ebenso viele Jahre vor dem Anfange des ersten puni- 
schen Krieges im Werte von 10 Assen in einem Gewichte von 
4-55 g ausgeprägt. ^) Der Wert der Münzstücke wurde auf der 
Vorderseite neben dem Kopf der Roma, Beilona oder Pallas 
durch X oder XVI angedeutet. Als Teile des Denarius wurden 



1) Böckh, Metrol. Untersuchungen über Gfwichte, Münzfüße und Maße des 

Altertums, S. 340. 

2) Nonius, de doctorum indiigine, s. v. Lateres. Vgl. bei Böckh S. 446. 

3) Plinius, üb. XXXIII. c. III. argentum signatum anno urbis CCCCLXXXV 
Q. Ogulnio C. Fabio cos. quinque annis ante primum Punicum bellum et placuit 
dcnarium pro decem libris aeris valere, quinarium pro quinque, sestertium pro dupondio 

ac semisse. 

4) Plinius setzt die erste Silberprägung nach Pyrrhus Besiegung fest, indem er 
schreibt: »Populus Romanus ne argento quidem signato ante Pyrrhum regem devictum 
usus est«. Das war also um das Jahr a. St. 478 (484) gewesen. 



4 



Das Münzwesen 



43 



ausgeprägt der Quinarius = ' 2 und der Sestertius = ^4 der Ein- 
heit. Der Denarius erhielt sich als Silbermünze bis zur Zeit 
Konstantins des Großen.^) 

Die Ausprägung war sehr mannigfaltig, so unter Sulla mit 
Augurenattributen, unter Brutus mit P>eiheitsmütze zwischen zwei 
Dolchen als Anspielung auf die Ermordung Cäsars. Ihr Gewicht 
variierte zwischen 0,59 und 7,14 g.^) Im Jahre 248 n. Chr. wurde 
auch eine Münze als Medaillon zur Feier der looojährigen Grün- 
dung Roms geprägt. Auf der Vorderseite waren die Köpfe des 
Kaisers Philippus, seiner Gemahlin Otacilia und seines Sohnes 
Philippus, auf der Rückseite Darstellung von Spielen im Zirkus 
Maximus eingeprägt. 3) 

Als ältestes Gepräge zeigt die römische Silbermünze in 
allen Nominalen auf der einen Seite einen weiblichen Kopf mit 
einem Helm, dessen Crista ausgezackt ist und in einem Vogel- 
kopf endigt und an dessen Schläfen Flügel angebracht sind, auf 
der andern Seite die beiden Dioskuren zu Pferde mit eingelegten 
Lanzen und wehenden Mänteln, auf dem Haupte den runden 
Schifferhut, nebeneinander sprengend, über dem Haupte eines 
jeden ihr bekanntes Emblem, den Stern des Morgens und Abends. 
Ob die Römer ihre Silbermünzen, wie behauptet wird, anfangs 
nur auswärts schlagen ließen, ist nicht erwiesen, zumal da die 
Errichtung der Münzstätte auf dem Kapitol mit der Einführung 
der Silbermünze in Zusammenhang gebracht wird. 4) Wenn 
römische Münzen nicht bloß in Silber, sondern auch in Gold und 
Kupfer umliefen, die das Werk griechischer Stempelschneider zu 
sein scheinen, so lag dies daran, daß die hauptstädtischen Beamten, 
zumal seit Rom über Italien gebot, großgriechische Stempel- 
schneider herbeigezogen haben. Auch ist zu erwägen, daß die 



1) Noback, Münz-, Maß- und Gewichtsbuch. 

2) Don Queipo, Essai sur les systemes metriques et monetaires des anciens 

peuples. 

3) Nelkenbrecher, Taschenbuch für Münz-, Maß- und Gewichtskunde, neu- 
bearbeitet von Dr. Ernst Jerusalem. 20. Aufl. Berlin 1890. 

4) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens S. 301 Anm. 36 behauptet, 
daß die römische Prägstätte in dem Tempel der Juno Moneta gewesen ist (Liv. 6, 20); 
der metaphorische Gebrauch von Moneta knüpfte zunächst an das Personal an (triumvir 
monetalis, monetarius) und übertrug sich erst spät auf die Münzstücke. 



44 



Erster Teil 



Prägung rechtlich in keiner Zeit an die Hauptstadt gebunden 
war, vielmehr durfte dieselbe an jedem Orte stattfinden, wo ein 
zur Ausübung des Münzrechts befugter Magistrat vorhanden war. 

Eine bestimmte äußere Veranlassung zur Einführung von 
Silbermünzen ist nirgends angegeben,^) es sei denn, daß der 
steigende Reichtum Roms die Einführung dieser Münzen not- 
wendig machte, und damit mag wohl auch die Wahl des Dios- 
kurengepräges zusammenhängen, da Kastor und Pollux bekanntlich 
vor allen Dingen die Schutzpatrone der römischen Ritter, das 
heißt der Großkaufleute, waren und der ihnen geweihte Tempel 
zugleich der Mittelpunkt der römischen Börse war. 2) 

Im alten Rom war der Denar nach der Lex Popisia (89 v. 
Chr.) der 84. Teil, seit Nero der 96. Teil des römischen Pfundes. 
Zur Zeit des Triumvirs Antonius ebenso wie in der letzten Zeit 
der Republik wurden 84 Denare aus dem Pfunde gemünzt.3) Allein 
diese Annahme begegnet insofern Zweifeln , als nach ihr 
das Verhältnis zwischen Kupfer und Silber wie 1:840, also 
viel niedriger gewesen sein mußte, als dasjenige von 1:120, 
welches zu derselben Zeit in Ägypten, Griechenland und wahr- 
scheinlich auch in Asien maßgebend war. Außerdem hätte sich 
diese im Laufe von weniger als einem Jahrhundert eingetretene Ent- 
wertung der Kupfermünze, wenn sie wirklich eingetreten wäre, 
ohne Zweifel dem Verhältnis nach auch auf die Silbermünze über- 
tragen. Ferner bestanden nach Varro die niederen Sorten des 
Denars aus ^/lo, V20 und V40 dieser Münze, was nicht hätte sein 
können, wenn aus dem Pfund Kupfer 84 Stück Denare zu 
3,87 g pro Stück geschnitten worden wären. 

Es läßt sich annehmen, und auch die Zeugnisse verschiedener 
Schriftsteller sprechen dafür, 4) daß die Römer ihr schweres und 
plumpes Geld, welches Servius Tullius prägen ließ, allmählich 



1) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens. 

2) Die Gegend ad Janum medium, die Horaz (sat. 2, 3, 18 mit dem Schol.) 
als Börse bezeichnet, muß notwendig auch den Kastortempel mit umfaßt haben. 
Daher wurde, als das valerische Gesetz die Forderungen auf den vierten Teil reduzierte, 
die Reduktionstafel am Kastortempel angeschlagen (Cic. pro. Quinct. 4, 17). Vgl. 
Mommsen S. 301 ff. 

3) Hussey, An Essay on the anc. weights and money. p. 134. Wird an- 
gezweifelt, durch Letronne, consid. sur i'evaluat des monn. grecq. et rom. p. 18. 

4) Pinkerton, An Essay on Medals. vol. I. p. 127; Niebuhr, Römische Ge- 
Geschichte, Bd. I. S. 516. 



Das Münzwesen 



4S 



und besonders durch ihren Handelsverkehr mit den verschiedenen 
Städten Groß-Griechenlands, deren Münzen elegant und bequem 
waren, vervollkommnet haben. ^) Zu einer Herabminderung des Münz- 
gevvichtes zwang ferner einerseits der Fortschritt der römischen 
Zivilisation sowie anderseits die Preissteigerung des Kupfer- und 
Silber geldes, das zur Bestreitung der Kriegskosten aufgebracht 
werden mußte. So wurde z. B. das As, als die Römer im Jahre 
536 von Hannibal hart bedrängt wurden, auf die Hälfte seines 
Wertes herabgesetzt. In Münzsammlungen von Berlin und Paris 
finden sich römische Denare, von denen ein Teil mit der Inschrift 
Roma, zum Teil mit der Inschrift Romano, versehen ist, und die 
durchschnittlich 6,51 und 6,74 g wiegen. Das ist etwa der 
48. Teil eines Pfundes oder eine viertel Unze. 2) Das Verhältnis 
des Silbers zum Kupfer war damals wie ^/jo: 1^/3 oder wie i : 83^/3. 
Im Jahre 536 wurde der Denar von ^/84 Pfd. gegen 16 As oder 
16 Unzen, d. i. gegen 1^3 Pfd. Kupfer, umgewechselt. Mithin 
Verhältnis wie V'84: i'/s = i : 1 12.3) Der Wert des Silbers zu dem 
des Kupfers hatte sich sonach im Verhältnis von 83 V3 zu 112 oder 
3 : 4 seit dem letzten punischen Kriege erhöht. Der Denar 
der römischen Republik ist progressiv im Werte gesunken. Sein 
Durchschnittsgewicht ist unter den 12 ersten Cäsaren das folgende 
gewesen:-^). 

Tiberius: 
3.70 g 

Vss 

Otho: 
3.33 g 

V97'5 



Unter 

oder 

Unter 



Cäsar : 

3.88 g 

■/83 
Nero: 



oder 

Unter 



3,49 g 



Augustus : 

3J7 g" 

T / 

Galba : 

3o9 g 
I 



Caligula : 
3,74 g 



/93 



96 
Titus: 



3,35 g 



'87 
Vitellius: 

3,37 g 

/9615 

Domitian : 

3,39 g 



Claudius : 

3.67 g 

'/89. 
Vespasian : 

3,35 g 
V97 



oder V97 V96 

Der Sesterz (Nummus sestertius) war eine römische Silber- 
münze von 2V2 As Wert, daher der Name sestertius für semi — 
as — tertius. Sein Gewicht betrug ursprünglich etwas über 1^/2 g, 



I) Letronne, consider. sur l'eval. des monn. grecq. et rom., p. 25. 
-) Böckh, Metrol. Untersuchungen, S. 462 ff. 

3) Queipo, Systemes metriques etc. vol. II. p. 33- 

4) George Finlay, Pinder, Friedländer, Mommsen, Sabatier etc., vgl. Oueipo. 



I 



46 



Erster Teil 



sank aber bald auch unter i g. Der Sesterz war der vierte Teil 
des Denars. Sein Wert betrug nach Silberwährung ungefähr i6, 
nach der seit Cäsar namentlich üblichen Goldwährung ungefähr 
2 1 Pfg. Der Sesterz wurde mit dem Aufgeben der Rechnung 
nach As die gewöhnliche Rechnungsmünze. Bina sestertia, 
gewöhnlich mit Weglassung der milia, waren 2000 Sesterzen. 
Bei gröi^eren Summen wurden die Worte centena milia weg- 
gelassen. Man schrieb also z. B. decies sestertium für i MiU., 
vicies sestertium für 2 Mill. usw. 

Eine der kleinsten römischen Silbermünzen war die libella 
argenti, daher ad libellam bis auf den Kreuzer hinaus, über deren 
Wert und Verhältnis zu andern Münzen Varro (L. L. V. 174) 
angibt: nummi denarii decuma libella, quod libram pondo iis 
(aeris) valebat et erat ex argento parva; sembella quod libellae 
dimidium, quod semis assis; teruncius a tribus unciis; libellae ut 
haec quarta pars, sie quadrans assis eadem. Hiernach waren die 
Libellen und ihre Teile (sembella und teruncius) gemünzte Teile 
des Denars und zwar an Gewicht entsprechend dem Liberal- 
kupfergelde, dem As und seinen Teilen. Daher auch (heres) ex 
libella und ex teruncio als Bruchteile (7io und y!^o) von ex asse 
gelten. Später unterließ man das Prägen derselben (daher keine 
auf uns gekommen sind), aber behielt das Wort im gewöhnlichen 
Leben halbsprichwörtlich bei.^) 

Um das Jahr 215 ließ Caracalla Silbermünzen mit dem 
Namen Argenteus Antonianus als Ersatz des Denars schlagen, 
von denen 60 auf das Pfund gingen und die bis zum Ende 
des Kaiserreichs sich als normale Münzprägung erhalten haben. 2) 
Der Argenteus unterschied sich vom alten Denar dadurch, daß 
er größer wie dieser war und auf der Bildseite die Büsten des 
Kaisers und der Kaiserin enthielt. 

Bis zu Diocletian herrschte im Münzwesen vollständige 
Unordnung, herbeigeführt durch die unsinnigen Ausgaben der 
Weltbeherrscher. Der Silbergehalt wurde immer mehr herab- 
gemindert, so lange, bis er gänzlich verschwand. Unter Gallion 



1) Vgl. Pauly, Real-Encyclop. des klass. Altertums. IV. Bd. Cic. Verr. II. 
2. 10. Cic. pro Rose. C. 4; Piin. XXXIII. 3, 13; Cic. ad Att. VII. 2. 

2) Greece under the Romans on Roman and byzantine, by George Finlay p. 8. 



Das Münzwesen 



47 



wurde die Silbermünze gänzlich durch eine Kupfermünze ersetzt, 
die einen leichten Zinnüberzug erhielt^) Der Aureus, welcher 
25 Silberdenare wert war, wurde unter den Vorgängern Diocletians 
im Werte auf 500 bis 525 Stück dieses schlechten Geldes erhoben, 
und um die Ungerechtigkeit noch greller zutage treten zu 
lassen, schrieb die Regierung, welche ihre eigenen Gläubiger 
mit diesem entwerteten Gelde heimzahlte, vor, daß ihr selbst die 
Steuern in Gold bezahlt werden müssten. Diocletian stellte die 
Ordnung im Geldwesen wieder her. Er führte neue Silbermünzen 
ein, den Denar zu einem Gewicht von 3,25 g oder zu \ 100 des 
römischen Pfundes. Der neue Aureus wurde zu einem Gewicht 
von 60 Stück auf das Pfund festgesetzt und hatte den Wert von 
25 Denaren. Das Verhältnis zwischen Silber und Kupfer war 
wie I : 1 00, dasjenige von Gold und Silber wie =1:15 und das 
Verhältnis von Gold und Kupfer wie 1:1500. 

Im Jahre a. St. 577 fand eine neue Ausmünzung der halben 
Denarstücke statt und zwar mit dem Typus der Siegesgöttin, 
w^ovon dann der Quinar den Namen Vlctoriatus erhielt.^) 

Vor Sullas Einnahme von Rom zogen die Tribunen das 
Kollegium der Prätoren zu, »ut res nummaria de communi 
scntcntia constitueretur^s) Bei dieser Gelegenheit erließ der 
Prätor Alarius Gratidianus, welcher nach Sullas Sieg umkam, das 
Edictum Gratidianum, durch welches das Probieren der Denare ein- 
geführt wurde, eine Kunst und Vorschrift, welche dem Gratidianus 
die höchsten Ehrenbezeugungen seitens des Volkes eintrug.-*) 

Als Rom im J. d. St. 485 Silber auszuprägen begann und 
der Denar auf 10 pfundige Asse gemünzt wurde, stand das Silber- 
geld im nächsten und unmittelbaren Verhältnis zu dem aes grave. 
Seit der Reduktion des Kupfers auf den Zweimünzenfuß 
und später hat, nach Perizonius, das aes grave im großen Ver- 
kehr und im auswärtigen Handel als Geld fortbestanden, bis 
das Silbergeld allgemein wurde; 10 Pfunde aeris gravis 
hatten damals den Wert eines Denars gehabt.5) Wer also decem 



1) Queipo, Systemes m^triques et monetaires tome II. p- 37 

2) Eckhel D. X. Bd. V, .S. 20, 43 f. 

3) Cicero, Off. III. 20. 

4) Böckh, Metrol. Untersuchungen. 

5) Peri/.onius, Kap. 18, 20. 



48 



Erster Teil 



Das Münzwesen 



49 



milia aeris gravis erhielt, habe looo Denare erhalten. Diese 
Ansicht wird bestritten/) weil feststehen soll, daß ein Pfund aeris 
gravis ein wirkliches Gewichtspfund Kupfer war und im Münz- 
ful^ das Kupfer Vmo, Vi 12 und V'56 des Silbers galt, folglich nicht, 
wie es der Fall gewesen sein müßte, wenn Perizonius Ansicht 
richtig wäre, immer und immer ^/84o des Silbers gegolten haben 
kann.2) So lange der Silberdenar sich gleichblieb und derjenige 
Kupferwert, welcher bei der ersten Silberausmünzung bestand, 
Gültigkeit behielt, mußten i o Pfund aes grave für den Silberdenar 
aufgewogen werden. Unter aes grave hat man zu allen Zeiten 
Erz nach dem Pfundgewicht, sei es Münze oder Masse, verstanden, 
decem milia aeris gravis sind demnach 10 000 wirkliche volle 
Gewichtspfunde Erz.3) Im kleinen Verkehr jedoch mochten nur 
um weniges zu niedrige Kupfermünzen genommen werden, oder 
man gab ein geringes Aufgeld (coUybus).-») Aber da der Staat 
durch Ausmünzen von Kupfer über seinen Wert hinaus zu 
gewinnen glaubte, so schritt er zu dieser Operation. Als hierdurch 
das Kupfergeld in Mißverhältnis mit der Silbermünze kam, 
bedurfte man wieder einer Ausgleichung. Diese wurde dadurch 
erreicht, daß man kleine Talente prägte, deren größeres den 
wahren oder doch annähernd richtigen Handelswert der beiden 
Metalle darstellte, während das kleinere Münzstück nur ein 
Scheidemünztalent war. In Rom, wo Kupfer ursprünglich Courant 
war und seit der Silberprägung auch das Silber, verringerte man 
allmählich mit der Verringerung des Kupfergeldes, wahrscheinlich 
zugleich mit einiger Berücksichtigung der Kupferpreise, auch das 



1) Böckh, Metrol. Untersuchungen, S. 415. 

2) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens. 

3) Nach Joh. Friedr. Gronovs Meinung, schreibt Böckh, seien loooo Pfund 
aeris gravis lOOOO Pfund Asse nach dem Werte der jedesmaligen Reduktion, also 
10 000 Sextantar-, Uncial- oder Semuncial-Asse gewesen, welche man nicht in Münzen, 
sondern in Massen oder Barren gegeben habe. 

4) Im Jahre d. St. 537, wo das Ass auf eine Unze reduziert M'urde, erhielt 
ein Angeber vom Staate zur Belohnung 20 000 Pfund aeris gravis (Liv. XXII. 33, 
IV. 45). Im Jahre a. St. 556 gab man auf Staatsbeschluli für Anzeigen gefährlicher 
Dinge dem Freien 100 000 Pfund, dem Sklaven 25 000 Pfund aeris gravis (Liv. XXXII. 
26). Später, im Jahre a. St. 691, setzte man solche Belohnungen in Sesterzen fest 
(Sallust. Catil. 30). Die Töchter des Scipio Africanus wurden in aes grave, offenbar 
nach altertümlichem Gebrauch , vom Staate ausgestattet. (Seneca Cons. ad Liv. 
12. Quaest. nat I. Vgl. Böckh, S. 414. 



Silbergeld und zwar in dem Maße, als das eingetretene zu große 
Mißverhältnis jedesmal eine Berücksichtigung- zu bedürfen schien. 
Hierbei darf freilich nicht vorausgesetzt werden, daß bei solchen 
Berücksichtigungen auch schon jedesmal das Kupfergeld zum 
Silbergeld im richtigen Verhältnis gestanden habe. Der treibende 
Punkt der Umprägungen war immer der, daß die Regierungen 
dabei ihren Vorteil zu finden glaubten. Bei den Griechen war 
das gleiche der Fall. Ob dabei beabsichtigt war, durch leichtere 
Ausmünzung das neue Silbergeld mit dem altern, abgenutzten 
in Verhältnis zu bringen, sei dahin gestellt. Xur g'laube man 
nicht, daß dies bei den Römern wie bei den Griechen der einzige 
Grund war, um das Silbergeld zu geringerem Werte umzuprägen. 
Es waltete eben zu allen Zeiten der Irrtum vor, daß schlechtere 
Ausmünzung im Schrot und Korn Vorteil bringe. Allerdings 
trat dieser Vorteil für den Römischen Staat ein, wenn er die 
leichtere IMünze zu demselben Nominalwert wie das schwerere 
Gold bei Schuld- und Soldzahlung ausgab; und hiervon wird er 
wohl weidlich bei Schuldzahlungen, aber auch beim Solde bis 
zu einem gewissen Grad Gebrauch gemacht haben. ^) Notorisch 
ist, daß die rasch aufeinanderfolgenden Reduktionen des Kupfer- 
und Silbergeldes im ersten Punischen Kriege die Lage der 
Soldaten verschlechtern mußte,^) weil nicht anzunehmen ist, daß 
der Sold jedesmal erhöht wurde, wenn man das Geld verkleinerte. 
Ob der Sold zur Zeit, als der As zwölf volle Unzen wog, nominell 
ebenso hoch gewesen ist, als später, da der As nur zwei Unzen 
und eine Unze wog, ist nicht erwiesen. 3) Ehe Domitian den 
Sold erhöhte, erhielt der Legionärsoldat jährHch 9 Aureos Sold, 
den Aureus zu 25 Silberdenaren gerechnet; alle vier Monate 
3 Aureos, also monatlich 3 ^^ eines Aurei oder i83/^ Denare oder 
monatlich 300 Asse, 16 auf den Denar, für den Tag 10 Asse.-^; 

Nach dem Servianischen Zensus betrug die niedrigste 
Schätzung in der: 



1) Böckh, Gewichte, Münzfüße und Maße des Altertums. 

2) Niebuhr, Bd. III. S. 722. 

3) Plinius XXXIII. 13: »In militari tarnen stipendio semper denarius pro 
decem assibus dutus«, das heißt, die Soldaten erhielten in Silber ebensoviel Löhnung 
als früher, so daß die Verminderung der Kupfermünze keinen Einfluß auf den Silber- 
wert des Soldes hatte. Vgl. Böckh S. 425. 

4) Böckh, Metrologische Untersuchungen, S. 424, ibid. S. 428. 

Bei gel, Rechnungswesen. 4 



INTENTIONAL SECOND EXPOSURE 



II' \ 



Lt. 



48 



Erster Teil 



milia aeris i^ravis erhielt, habe 1000 Denare erhalten. Diese 
Ansicht wird bestritten/) weil feststehen soll, daß ein Pfund aeris 
gravis ein wirkliches (iewichtspfund Kupfer war und im Münz- 
fuß das Kupfer 'U^o, '1x2 und \ ,0 des Silbers galt, folghch nicht, 
wie es der Fall gewesen sein müßte, wenn Perizonius Ansicht 
richtig wäre, immer und immer Vs,o des Silbers gegolten haben 
kann.2) So lange der Silberdenar sich gleichblieb und derjenige 
Kupferwert, welcher bei der ersten Silberausmünzung bestand, 
CnUtigkeit behielt, mulken 10 Pfund aes grave für den Silberdenar 
aufgewogen werden. Unter aes grave hat man zu allen Zeiten 
Erz nach dem Pfundgewicht, sei es Münze oder Masse, verstanden, 
decem milia aeris gravis sind demnach 10000 wirkliche volle 
iiewichtspfunde Erz.3) Im kleinen Verkehr jedoch mochten nur 
um weniges zu niedrige Kupfermünzen genommen werden, oder 
man gab ein geringes Aufgeld (collybus).-») Aber da der Staat 
durch Ausmünzen von Kupfer über seinen Wert hinaus zu 
gewinnen glaubte, so schritt er zu dieser Operation. Als hierdurch 
das Kupfergeld in Mißverhältnis mit der Silbermünze kam, 
bedurfte man wieder einer Ausgleichung. Diese wurde dadurch 
erreicht, daß man kleine Talente prägte, deren größeres den 
wahren oder doch annähernd richtigen Handelswert der beiden 
Metalle darstellte, während das kleinere Münzstück nur ein 
Scheidemünztalent war. In Rom, wo Kupfer ursprünglich Courant 
war und seit der Silberprägung auch das Silber, verringerte man 
allmählich mit der Verringerung des Kupfergeldes, wahrscheinlich 
zugleich mit einiger Berücksichtigung der Kupferpreise, auch das 



») Br>ckh, Metrol. Untersuchungen, S. 415. 

2) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens. 

3) Nach J oh. Friedr. Gronovs Meinung, schreibt Böckh, seien 10 000 Pfund 
aeris gravis 10000 Pfund Asse nach dem Werte der jedesmaligen Reduktion, also 
10000 Sextantar-. Uncial- oder Semuncial- Asse gewesen, welche man nicht in Münzen, 
sondern in Massen oder Barren g^eben habe. 

4) Im Jahre d. St. 537, wo das Ass auf eine Unze reduziert wurde, erhielt 
ein Angeber vom Staate zur Belohnung 20 000 Pfund aeris gravis <Liv. XXII. 33, 
IV. 45). Im Jahre a. St. 556 gab man auf Staatsbesdilul'. für Anzeigen gefährlicher 
Dinge dem Freien 100 000 Pfund, dem Sklaven 25 000 Pfund aeris gravis (Liv. XXXII. 
26). Später, im Jahre a. St. 691, setzte man solche Belohnungen in Sesterzen fest 
(Sallust. Catil. 30). Die Tckrhter des Sdpio Africanus wurden in aes grave, offenbar 
nach altertümlichem Gebrauch , vom Staate ausgestattet. (Seneca Cons. ad Liv. 
12. Ouaest. nat I. Vgl. Böckh, S. 414. 



Das Münzwesen 



49 



Silbergeld und zwar in dem Maße, als das eingetretene zu große 
Mißverhältnis jedesmal eine Berücksichtigung zu bedürfen schien. 
Hierbei darf freilich nicht vorausgesetzt werden, daß bei solchen 
Berücksichtigungen auch schon jedesm^il das Kupfergeld zum 
Silbergeld im richtigen Verhältnis gestanden habe. Der treibende 
Punkt der Umprägungen war immer der, daß die Regierungen 
dabei ihren Vorteil zu finden glaubten. Bei den Griechen war 
das gleiche der Fall. Ob dabei beabsichtigt war, durch leichtere 
Ausmünzung das neue Silbergeld mit dem altern, abgenutzten 
in Verhältnis zu bringen, sei dahin gestellt. Xur glaube man 
nicht, daß dies bei den Römern wie bei den Griechen der einzige 
Grund war, um das Silbergeld zu geringerem Werte umzuprägen. 
Es waltete eben zu allen Zeiten der Irrtum vor, daß schlechtere 
Ausmünzung im Schrot und Korn Vorteil bringe. Allerdings 
trat dieser Vorteil für den Römischen Staat ein, wenn er die 
leichtere ]\Iünze zu demselben Nominalwert wie das schwerere 
Gold bei Schuld- und Soldzahlung ausgab; und hiervon wird er 
wohl weidlich bei Schuldzahlungen, aber auch beim Solde bis 
zu einem gewissen Grad Gebrauch gemacht haben. ^) Notorisch 
ist, daß die rasch aufeinanderfolgenden Reduktionen des Kupfer- 
und Silbergeldes im ersten Punischen Kriege die Lage der 
Soldaten verschlechtern mußte,^) weil nicht anzunehmen ist, daß 
der Sold jedesmal erhöht wurde, wenn man das Geld verkleinerte. 
Ob der Sold zur Zeit, als der As zwölf volle Unzen wog, nominell 
ebenso hoch gewesen ist, als später, da der As nur zwei Unzen 
und eine Unze wog, ist nicht erwiesen. 3) Ehe Domitian den 
Sold erhöhte, erhielt der Legionärsoldat jährlich 9 Aureos Sold, 
den Aureus zu 25 Silberdenaren gerechnet; alle vier Monate 
3 Aureos, also monatlich 3;^ eines Aurei oder i83'^ Denare oder 
monatlich 300 Asse, 16 auf den Denar, für den Tag 10 Asse.4) 

Nach dem Servianischen Zensus betrug die niedrigste 
Schätzung in der: 



1) Böckh, Gewichte, Münzfüße und Maße des Altertums. 

2) Niebuhr, Bd. III. S. 722. 

3) Plinius XXXIII. 13: »In militari tarnen stipendio semper denarius pro 
decem assibus datus*, das heißt, die Soldaten erhielten in Silber ebensoviel Löhnung 
als früher, so daß die Verminderung der Kupfermünze keinen Einflul^ auf den Silber- 
wert des Soldes hatte. Vgl. Böckh S. 425. 

4) Böckh, Metrologische Untersuchungen, S. 424, ibid. S. 428. 

Bcigel, Rechnungswesen. **" 



so 



Erster Teil 



I. KUissc looooo Asse nach Livius und Dionysius. der 
für je lo Asse eine Drachme anzugeben ijowohnt 
ist; iioooo Asse nach Plinius. Fostus i^iht als 
Census der I. Klasse 120000, GeUius 125000 
Asse an, beide jedoch nicht bestimmt für 

Servius Zeit. 

-sooo Asse nach Livius und Dionysius, 

» V» >^ i> » 



II. 

III. 

IV. 
V. 



«; O (X)0 

2 s 000 

I 1 ÖOO 

nvsius. 



nach Livius, 12500 Asse nach Dio- 



Aes equestre für den Ankauf des Ritterpferdes 10 000 Asse 
nach Livius. 

Aes hordearium für die Ernähnmg des Ritterpferdes; auf 
die vennögenden unverheirateten Frauenzimmer und die ver- 
mögenden Waisen angewiesen, jährlich 2000 Asse nach Livius. 
Das ganze steuerpflichtige Grundvermögen eines Ritters 
betrug zu Athen in Solons Zeit kurz vor Servius 3000 Drachmen. 
Zur Ausrüstung gehörte aul^er dem Schlachtroi', mindestens ein 
Reitknecht, ein gekaufter Sklave, der beritten gemacht werden 
mußte. Für das Reitpferd mit Zubehör zahlte man damals in 
Rom 1000 Drachmen. Im Jahre d. St. 324 Ralt das Schaf 10, 
der Ochse 100 Asse. Gesetzt auch, die Preise seien zu Servius 
Zeit nicht niedriger gewesen, so hätte das Aes equestre dennoch 
schon den Wert von 100 Ochsen oder 1000 Schafen betragen.^) 
Die Verschlechterung des Korns der Silbermünzen war 
unter Septimius Severus soweit vorgeschritten, daß Kupfer- und 
Silbermünzen ungefähr gleichen Wert hatten. In den Münzen der 
folgenden Kaiser von Victorinus und Claudius Gothicus an bis auf 
Diocletian ist das .Silber in dem Grade verschwunden, daß die silber- 
nen Münzen als kupferne angesehen werden konnten. Zuweilen 
fanden sich darin S, ein andermal wieder noch nicht V 2, durch- 
schnittlich etwa 4 bis 5^,0 Silber. Durch Weißsieder wurde 
diesen Münzen eine flüchtige und daher bald verschwindende 
Ähnlichkeit mit dem Silber veriiehen. Diese Entwertung der 
Silbermünzen ging von der Regierung aus und wird besonders 



I) B<»ckh, Metrol. Uniersuchunj^en, S. 4. 446. 



Das Münzwesen 



5» 






dem Münzvorsteher Felicissimus unter Claud. Gothicus zur Last 

gelegt.^) 

Zwar hob sich im Laufe der Zeiten der Wert des Silbers 
wieder auf ein entsprechend höheres Niveau; aber immer blieb 
der Nennwert mehr oder weniger hinter dem spezifischen Wert 

zurück. 

Im Jahre 663 der Stadt setzte der Tribun M. Livius Drusiis 
unter anderen Gesetzen durch, daß unter das Silbergeld \ 8 Kupfer 
gemischt wurde. Die Folge war eine Verwirrung des Münz- 
wesens und zugleich eine Zerrüttung der Vermögensverhältnisse 
besonders der unbemittelten Klassen.^) 

Goldmünzen. 

Gold war, als die Silberprägung begann, längst in Italien 
als Wertmesser gangbar. Als Tempelabgaben, Siegesgeschenke 
und Frauenschmuck war dieses Edelmetall natüriich schon längst 
vorher bekannt.3) Zunächst zirkulierte das Gold in Ban-en, deren 
Gewicht von Fall zu Fall festgestellt wurde. Der Feingehalt 
mußte überall derselbe und frei von jeder Legierung sein, so 
daß die Legierung des Goldbarrens gleichermaßen wie die \ er- 
fertigung falscher Silbermünzen in Sullas Münzgesetz unter den 
Begriff der Münzfälschung gezogen war.^) Es läßt sich annehmen, 
daß der Staat das Barrengold zum Unterschiede vom gewöhn- 

I) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens. 

Die Analysen von Sabatier ergaben für die röm. Silbermünzen folgende \ er- 

hältnisse : 



Sesterze 



Sesterz 



Severus Alexander 
Julia Mamaea . 
. Gordian III. 
Philippus II. 



Dupondius? Severus Alexander 



Zink 

8,79 
4,60 

1,36 

5.84 
1,28 



Zinn 

6,43 
15,28 

7Ö4 
20,98 



Blei 



13^09 

12,70 

12,82 

0,91 



[ 



Kupfer 

71.56 
72,01 
77.10 
76,20 

"5.84 

2) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens. 

3) Varro bei Non. s. v. torques p. 228, M. Plin. 33» L »6. Über das gallische 
<3old Liv. 5, 48. Im Jahre 695 soll Cäsar in seinem ersten Konsulat 3000 Pfund 
Gold aus dem Kapitol entwendet und durch vergoldetes Kupfer ersetzt haben. 
Sueton (Cäs. 54) vgl. bei Mommsen S. 401 Anm. 106. 

4) Dig 48. 10, 9 pr. qui in aurum vitii quid addiderit, qui argenteos nummos 
adulterinos flaverit, falsi cnmine teneri. Hiernach mußte das für den Verkehr be- 
stimmte Barrengold rein (decoctum) sein. 

4* 



52 



Erster Teil 



liehen Rohgold äußerlich durch Stempelung kenntlich machte. 
Nach gerichtlichen Akten war schon am Ende des 6. Jahrhun- 
derts d St. das Pfund Gold gleich 4000 Sesterzen oder 1000 
Denaren, das ist 11 ^9/,, Pfund Silberwert.^ Gold und Silber ver- 
hielten sich sonach nach dem damaligen Legaltarif wie i : 11,91. 
Im übrigen bestanden viele Jahrhunderte hindurch neben diesem 
durchschnittlichen Handelswert vielfältig abweichende Gleichungen, 
nach welchen das Gold bald niedriger, bald höher gewertet war.^) 
Die im Jahre 397 auf Freilassungen aufgelegte Fünfprozent- 
steuer mußte in Gold eingezahlt werden, die als Reserve im 
Staatsschatz niedergelegt wurde.3) Dazu stimmt, daß die römische 
Regierung die Ablösung der regelmäßig in Silber stipulierten 
Kriegskosten mit Gold gestattete, daß die Münzmeister nachweis- 
lieh seit der Mitte des 7. Jahrhunderts in allen drei Metallen 
tätig gewesen sind und daß im selben Jahrhundert der Staat 
schon häufig die Zahlung in Gold bedang oder leistete.4) 

Goldmünzen fingen die Römer nach Plinius?) zuerst im 
Jahre 217 v. Chr. zu prägen an. Die Münze, mit demselben 
Stempel \vie der römische Silberdenar geprägt, erhielt die Be- 
zeichnung denarius aureus. Sie bestand aus sehr feinem Golde, 
denn der Skrupel Goldes wurde zu 20 Sesterzen, mithin zu dem 
1 7 V2 fachen Münzwerte des Silbers, ausgeprägt. Die Herstellung 
des aureus wurde aber unterbrochen. Erst Sulla, Pompeius und 
Cäsar begannen wieder Goldmünzen zu schlagen. Cäsars aureus 
galt 100 Sesterzen. Sein Normalgewicht betrug 8,186 g. Häu- 
figer wurde der Aureus in der Kaiserzeit geprägt, wo er jedoch 
immer mehr an Gewicht verlor. Später wurde der x\ureus als 
Solidus bezeichnet. 

Auf erhaltenen Stücken des Scrupulus sind die Zahlen XX, 
und LX sichtbar. Die 40 Stück, welche auf das Pfund 



1) Vgl. über das Gold- und Silberverhültnis in Griechenland und Asien: Böckh, 
Staatshandbuch I, 42, H- Aufl. Für die Griechen scheint das Verhältnis i : 10 als 
durchschnittliches gegolten zu haben. 

2) Mommsen, Möglich, da« man damals das Goldpfund = 12 Pfund Silber 

oder 3456 Sesterzen rechnete. 

3) Nach Plinius (h. n. 33, 3, 5^) 15000 Gold-, 30000 Silberbarren und 30 

Millionen Sesierze. 

4) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens. 

5) Plinius, Hb. XXXIII. c. III. 



I 



i) 



Das Münzwesen 



53 



gingen, sanken (paulatimque principes imminuere pondus) unter 
Nero und seinen Nachfolgern bis auf 45 herab. 

Nach Letronne^) hatte der römische Gold-Scrupulus einen 
Handelswert von 4 Denar oder 16 Sesterzen, während sein le- 
galer Wert auf 20 Sesterzen erhoben wurde. Dadurch gewann 
die Republik auf jedes Pfund, efficit (lucri) in libras, 4 X 288 
Scrupulus = 1152 Sesterzen, welche nach Abzug der Prägungs- 
kosten annähernd, wie Plinius^) behauptet, einen Reingewinn 
von 900 Sesterzen ergaben. 

Hiernach hatte zur Zeit des Plinius (547) das Pfund gemünzten 
Goldes einen gesetzlichen Wert von 5760 h- 900 = 6660 Sesterzen, 
während der wirkliche Wert sich auf 45 aureus X 25 Denar X 
4 Sesterzen = 4500 Sesterzen stellte. Nach diesen Zahlen und 
dem Wert des Vespasianischen Denars, der V97 ^^^ Pfundes von 
325 g betrug, war das Verhältnis zwischen Silber und Gold wie 
11,60: I zu Plinius Zeiten und wie 17 : i im Jahre 547. 

Der Aureus hat mit Bezug auf sein Gewicht in gleicher 
Weise wie der Denarius verschiedene Phasen durchgemacht. 
Augustus, Claudius, Titus, Nerva usw., sie alle arbeiteten an der 
Herabminderung des Gewichts. Bald stand er auf ^/42, V45' ^Uz^^^ 
bald sank er auf V50 des römischen Pfundes, so zwar, daß unter 
Diocletian der Wert überhaupt kein einheitUcher, feststellbarer 
mehr war. Nach Diocletian bis in die ersten Jahre des Kon- 
stantin war als Typus des Aureus der von 5,40 g oder ^60 des 
römischen Pfundes der gebräuchlichste.3) 

Die Golddenare im Werte von 10 Silberdenaren wurden im 
Jahre 207 v. Chr. eingeführt. Ihr Gewicht betrug anfangs 8,18 g, 
sank aber allmäWich bis auf 6,55 g. Sie erhiehen sich bis in 
das spätere IVIittelalter. Von den Römern ging der Denar, 
wenigstens dem Namen nach, in andere Länder über. 

In den Sammlungen sind sicher als römische Goldmünzen 
nur die von Sulla aus dem Jahre 667, von Pompeius aus dem Jahre 



1) Consid, sur l'eval. des monn. grecq. et rom., p. 76. 

2) Plinius, lib. XIX. c. I.: ^>Qaod effecit (nunc) in libras ratione sestertiorum. 
qui tunc erant, sestertios noningentos«. 

3) Queipo, Systemes metriques et monetaires. t. II. p. 45. 



54 



Erster Teil 



673 und von Cäsar aus dem Jahre 708 festgestellt worden. Ihr 
Münzfuß ist ungleich, das Gewicht beträgt:^) 

. , Effektives 

Normalgewicht j^jaximalgewicht 



Sullas Goldstücke gewöhnlich 
» » selten . . 

Pompeius » 

Cäsars » 



1/ 

"/36 
'/36 

40 



10,915 g 

9,096 :> 

9,096 » 

8,186 » 



10,85 g 

8,91 » 

9,00 » 

8,16 » 



Von den vorberegten Goldmünzen ist aber nur ein Teil für die 
Zirkulation, zunächst in Asien, bestimmt gewesen. Der weitaus 
größte Teil hatte einen exzeptionellen Charakter und wurde als 
Fest- und Gelegenheitsmünze für den Triumph geschlagen. Der 
Wert des Aureus betrug damals und zwar der von V30 Pfund 
1331/3, der von \i^^6 Pfund 1 1 1V9. der von V40 Pfund 100 Sesterzen.^) 

Für den Verkehr hat Cäsar zwei Nominale und zwar Ganze 
und Hälften schlagen lassen. Die beiden Sorten heißen mit den 
vom Silbergeld entlehnten Namen: denarius aureus und victo- 
riatus aLireus.3) Das gewöhnhche Geldstück wurde glatt Aureus 
genannt.^) 

Bei dem Mangel an Papiergeld und dem wenig ausgebil- 
deten Wechselverkehr war im Altertum die Goldmünze im Groß- 
verkehr weit unentbehrlicher als heute. Das Reich Cäsars konnte 
ohne Goldmünze gerade sowenig bestehen wie das Reich Alexan- 
ders. Darum finden sich diese Münzen in den Nominalen weit 
mannigfaltiger als im ersten und zweiten Jahrhundert. Nament- 
lich war es Elagabalus, der Stücke von 100, 10, 4» 3 und 2, 
GaUienus von 3 und 2 Goldstücken prägen ließ. Unter Valerian 
beginnen die Drittelstücke (trientes oder tremisses) zu zirkulieren. 
Damit bezweckte die Regierung, daß die Steuern auch für 
kleinere Beträge jetzt in Gold erhoben werden konnten. Damit 
hängt zusammen, daß bei Zahlungen, die die Staatskasse zu 



1) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens. 

2) Cäsar wird daher bei seinem Triumphzuge im Jahre 708 jedem Soldaten 
20 000 Sesterzen in 200 Goldstücken gezahlt haben. Ähnlich wird der Fall liegen 
bei Sulla und Pompeius. Vgl. Mommsen S. 408. 

3) Der Ausdruck denarius aureus findet sich gewöhnlich im Gegensatz zum 

denarius argen teus. 

4) Der nummus aureus der Cäsarischen Goldmünzen wird wohl als Goldstuck, 

aber nirgends als gangbare Bezeichnung angewandt. Mommsen S. 75 1- 



> 



Das Münzwesen 



55 



leisten hatte, neben der allgemeinen Anweisung noch das Metall 
oder die Sorte, in der zu zahlen war, namhaft gemacht wurde.^) 

Von der konstantinischen Goldwährung ist festgestellt, daß 
einerseits alle Zahlungen in der Goldmünze nach dem Gewicht ge- 
leistet, andrerseits alles grobhaltige nicht gemünzte Gold ebenso- 
gut wie der Solidus nach dem Gewicht an Zahlungsstatt ge- 
nommen wurden,^) wie denn auch eigene Normalgewichte zur 
Nachwägung der Goldstücke (exagia solidi) von Staatswegen an- 
gefertigt und in den größeren Städten zur Erleichterung des 
Nachwiegens besondere Beamte angestellt waren.3) 

In der Epoche von GaUienus bis auf die Mitte der Re- 
gierung Diocletians läik sich das gesamte römische Münzwesen 
in einem in Permanenz erklärten Bankrott zusammenfassen; die 
Münze aber, in der sich der Bankrott vollzog, war der Antoni- 
nianus. Die Goldprägung wurde eingeschränkt, und da der Handel 
mit dem Ausland, besonders dem indischen, damit zu bestreiten 
war, so mußte sich der Mangel des Goldgeldes schwer fühlbar 
gemacht haben. Dadurch stieg der Kurs des Goldes ungemein 
in die Höhe. Um den Parikurs mögHchst zu halten, vereinigte 
die Regierung die Geldwechsler unter Verleihung besonderer 
Privilegien zu Zünften, forderte von ihnen aber, die Goldstücke 
zum normalen oder doch festen Preis (taxatio) gegen Kupfer^ aus- 
zutauschen.4) Für jeden nach der Taxe verkauften Sohdus er- 
hielten die Wechsler aus der öffentlichen Kasse der Stadt Rom, 
der arca vinaria, einen Zuschuß. Das Gold stieg aber so ge- 
waltig und die Taxe entfernte sich so viel vom wahren Wert 
des Solidus, daß auch mit Hilfe des Zuschusses die Wechsler 
nicht auf ihre Rechnung kamen. Es mußte daher eine Erhöhung 



1) Vita Alex. c. 33: Dem Tribun Claudius wird sein Gehalt ganz in Gold aus- 
gezahlt, während Probus im gleichen Amte von Valerian loo aurei Antoniniani, 1000 
argentii Aureliani, 10 000 aerei Phiiippei, ein anderer General von Valerian zur Be- 
streitung der Kosten der Spiele 300 aurei Antoniniani, 3000 argentei Phiiippei minu- 
tuli, ein anderer von demselben Kaiser als Diäten auf der Inspektionsreise 2 aurei 
Antoniniani, 50 argentei Phiiippei minutuli, aeris denarii centum, noch ein anderer 
von Aurelian 100 aurei Phiiippei, 1000 argentei Antoniniani, aeris HS decies 
empfängt. Vgl. Mommsen, S. 827, Anm. 335. 

2) Verordnung Konstantins von 325 (Cod. Just. 10, 71, i) bei Mommsen S. 835. 

3) Verordnung Julians von 353, bei Mommsen ibidem. 

4) Mommsen, S. 845. 



56 



Erster Teil 



Maße 



57 



des Zuschusses bewilligt werden. Als infolge der Teurung des 
Jahres 383 der Zustcind unhaltbar wurde, übersandte im Jahre 
384 der Stadtpräfekt Symmachus an Valentinian IL eine Eingabe 
der römischen Wechslergilde, wobei er befürwortend hervorhob, 
daß bei dem beständigen Steigen des Goldes man an der Börse 
den Solidus höher bezahle, als dies mit der gesetzlichen Taxe 
geschehe, zu der der Wechsler die Münze feilhalten müsse, so 
daß eine Erhöhung der Taxe unumgänglich notwendig sei. 
W^elchen Erfolg die Bittschrift hatte, ist unbekannt geblieben. 
Notorisch aber ist, daß versucht wurde, der Ausartung des Geld- 
wertes von der umgekehrten Seite beizukommen, dadurch, daß 
im Jahre 395 das Großkupfer in Verruf erklärt wurde. Dadurch 
hoffte man das allein übrig bleibende kupferne Kleingeld zum 
Steigen zu bringen. Der Versuch mißlang. Die Wechsler 
hielten die Goldmünze für 8750 Denare feil, nahmen also für 
684/7 Denare Gold 100 Denare Kupfer. Justinian stellte dieses 
Mißverhältnis ab, setzte die gesetzliche Taxe auf 7500 Denare 
fest und führte den Solidus oder 80 Denare Gold auf 100 Denare 
Kupfer zurück.^) 



Maße. 

Bei keinem Volke des Altertums war der Wert der Maße 
und (Tewichte mit der gleichen systematischen Regelmäßigkeit 
durchgeführt wie bei den Römern. Diese Systematik kann nur 
auf bestimmte legislatorische Bestimmungen zurückgeführt werden, 
ähnlich dem Plebiscit Silans, das von Festus beibehalten wurde. 
Ob dies nun auf Grund einer gesetzlichen Maßregel oder durch 
eine stillschweigend angenommene und durch den Gebrauch sank- 
tionierte Sitte geschah, ist unbekannt. Tatsache ist, daß die Römer 
die Einheit einer jeden Gattung von IMaß allgemein mit dem 
Namen »As« bezeichneten. Sie teilten das As in zwölf Teile 
oder Unzen ein, deren Vielfache und Einzelteile von Ulpian^) 
wie folgt dargestellt werden: 



N 



A 






1) Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens, S. 846 ff. 

2) Digest., lib. XX VIII. t. II. i, 48. 



Scrupulus 



4 


Sextula 


SiciUcum 


Duella 


Semuncia 




6 


«•A 




8 


2 


'Va 




12 


3 


2 


.-A 

1 




24 


6 


4 


3 


2 


Uncia 


36 


9 


6 


4V2 


3 


• V. 


48 


12 


8 


6 


4 


2 


72 


18 


12 


9 


6 


3 


96 


24 


16 


12 


8 


4 


120 


30 


20 


16 


10 


5 


144 


37 


24 


18 


12 


6 


168 


42 


28 


21 


14 


7 


192 


48 


32 


24 


16 


8 


216 


54 


36 


27 


18 


9 


240 


60 


40 


30 


20 


10 


264 


66 


44 


33 


22 


1 1 


288 


72 

1 


48 


36 


24 


12 



Sextans 



Ouadrans 



Triens 



Quincunx 



Seniis 



Septunx 



Bes 



Dodrans 



Dextans 



Deunx 



As 



58 



Erster Teil 



Vorstehendes System scheint anfangs nur auf das Gewicht 
angewendet worden zu sein, das später für alle andern Einheiten 
maßgebend wurde. Auch das Pfund Kupfer, welches die Münz- 
einheit darstellt und auf das man alle übrigen Münzwerte zurück- 
führte, wurde As genannt.^) 

Das römische Körpermaß und Längenmaß stand mit dem 
Gewicht in genauem Zusammenhang, weil das Quadrantal, die 
Grundlage aller Körpermaße, 80 Pfund Wasser oder Wein 
betragen hat und das Quadrantal als Kubikfuß angesehen wurde. 

Der Normalfuß der Römer war der pes monetalis auf dem 
Kapitol.'-) Nach I-^ststellungenS) soll der römische Fuß 1 1,662 eng- 
hsche Zoll gemessen haben. Indeß haben Durchschnitts- 
berechnungen einen niedrigeren Wert ergeben, 4) nämlich: 



5 Bestimmungen aus marmornen Denkmälern 



19 

3 

4 
2 

20 



I Bestimmung 



Malistäben 

Abständen der Meilensteine 
örtlichen Entfernungen . 
Abmessung der Obelisken 

Bauwerken 

dem Farnesischen Congius 

Mittel 



» 
» 



11,596 engl. Zoll 

11,591 » » 

11,591 » 
11,653 » 

11,658 » » 
11,647 » » 

11,815 » » 

1 1,650 engl. Zoll 



Was das römische Längenmaß betrifft, so unterscheidet man 
den technischen Fuß und den uncialen Fuß: Der technische Fuß 
zerfiel in 24 digiti, i digitus maß ^/i6 pes, 4 digiti gaben i palmus, 
8 digiti 2 palmi usw., 24 digiti gaben 6 palmi = i cubitus und 
waren 444 Milimeter lang. 

Die agrimensorischen Längenmaße waren wie folgt geregelt : 



pedes 

21/2 = I gradus . . 

5 = I passus . . 

10=1 decempeda 

120 = I actus . . 



meter 
0,740 

1,480 
2,96 

35Ö2 



pedes passus meter 

5 = I = 148 

625= 125= 185 

5000 = 1000 = I röm. Meile 1480 



1) Oueipo, Systemes metriques et monetaires des anciens peuples, vol. II. Paris. 

2) Jomard, Systeme metrique des anciens Eg)ptiens. S. 139 ff. Bei Böckh, 
metr. Untersuchungen S. 196. 

3) Paucker, .>Definitive Feststellung des Fußes und Pfundes«. Vgl. Böckh S. 197. 

4) Nach Cagnazzis beinernem Malistabe. Vgl. Böckh S. 197. 






1 



I 



^laße 



59 



Der Fuß als römisches Staatsmaß betrug die Länge von 
296 mm. ^) 

Der römische Fuß verhält sich zu dem griechischen wie 
24:25. Die griechische Einteilung des Längenfußes in 4 jialaioxäg 
und 16 day.Tv/.ovg erscheint bei den Römern ebenfalls neben der 
Uncialteilung. Der römische Längenfuß wird nämlich auch in 
4 palmos und 16 digitos geteilt.^) Alles spricht dafür, daß schon 
in der Servianischen Zeit die Regelung der Gewichte und Maße 
nach griechischem Muster stattgefunden hat, wobei man natürlich 
auf schon vorhandene einheimische Einrichtungen Rücksicht 
nahm, nicht aber die griechischen ohne weiteres einführte. Eine 
Übereinstimmung in einfachen Verhältnissen mußte jedenfalls für 
Tausch und Handel sehr erwünscht sein. 

Bei den Griechen war der Daktylos, der 4. Teil der Hand- 
breite, das kleinste Längenmaß; wo schärfere Bestimmungen 
nötig waren, wurde dieser bisweilen auch in Halbe, Drittel usw. 
geteilt. Besondere Namen waren also überflüssig. 

Bei den Römern war das kleinste Maß der Digitus, 3) der 
etwa dem 4. Teil der Handbreite entsprach. Daneben wurde 
aber auch die Duodecimalteilung gebraucht, wonach der ganze 
Fuß als As betrachtet, in 12 unciae zerfiel. Als Bezeichnung 
wurden dieselben Namen angewendet, welche die Teile des 
Gewichts- und Münzasses führten. Varro bezeichnet als kleinsten 
Teil des As die sextula. Scripulum-^) war die allgemeine Bezeichnung 
für eine geringe Masse ohne bestimmten Zahlenwert gewesen.5) 

Columella, unter Claudius, nennt (de re r. 5,1) dimidium 
scripulum als kleinsten Teil und bestimmt es = ^j-^-j^ pes. 



1) Handbuch der klass. Altertumswissenschaften, herausgegeben von Dr. Iwan 
Müller, I. Bd. 

2) Freret, Observations sur le rapport des mesures Grecques et des mesures 
Romaines. Mem. de l'acad. d. Inser. Bd. XXIV. S. 551 f. Ideler, Längen- und 
Flächenmaße S. 184. Wurm S. 96 ff. 

3) Hultsch, Griechische und römische Metrologie, Berlin 1862, S. 28. 

4) Cicero (ad Atticum, 4, 16, 13): neque argenti scripulum esse uUum in illa 
insula (Britannia). 

5) Isidorus (595-636 Bischof von Sevilla) nennt als minima pars agrestium 
mensurarum den digitus, als minima pars ponderis den calcus. 



6o 



Erster Teil 



Zur Vermessung der Äcker hat es perticae oder radii, 
passus, gradus, cubiti, pedes, semipedes und palmi gegeben. 
Die uncia war kleiner als der palmus, aber größer als der digitus. 
Der uncia (^/la) folgten dann nach unten digitus (Viö), stater (724), 
quadrans ('/^s), dragma (V96), scripulus (V288), abolus (V576). semibolus 
oder ceratis ('/ii52), siliqua (V'1728), punctum (V3456), minutum (V8640), 
momentum (V'34560). Die Zeichen dafür werden nicht angegeben, 
sondern die Buchstaben des lateinischen Alphabets der Reihe 
nach dafür verwendet und mit diesen die figura minutiarum 
gebildet.^) 

Nach Queipo (systemes metriques) haben die Römer, nach- 
dem sie den Fuß als Basis ihres metrischen Systems angenommen 
hatten, auch in der Vermessung der Äcker den decempedes als 
Einheit eingeführt.^) 

Die Amphora war bei den Griechen und Römern zugleich 
ein Flüssigkeitsmaß.=^) Bei den Römern war amphora der später 
allgemein übliche Name für dcis alte Quadrantal, das 26,26 Liter 
faßte. Das Quadrantal war ein aus gebranntem Ton gebildetes 
Gefäß von bauchiger Gestalt mit engem Halse und zwei Henkeln 
zum Tragen von einem Kubikfuß Inhalt. Die Römer, welche 
mehr den praktischen und positiven, als den spekulativen Theorien 
zugetan waren, gaben sich nicht die Mühe, ihre Hohlmaße nach 
dem kubischen Inhalt anzugeben, sondern rechneten nach den 
stets bequemen und leicht zu bestimmenden Gewichtsteilen. Das 
Achtel vom Quadrantal nannte man Congius. Es enthielt 
Ys Amphora und das sechsfache eines Sextarius (etwa 3 1 um- 
fassend), der einen Teil des Modius bildete. IModius war der 
altrömische Scheffel = 8,75 1, ein Sechstel des griechischen 
Medimnus. Er wurde geteilt in 16 sextarii, 32 heminae, 
64 quartarii. 



1) Böckh, Metrol. Untersuchungen. 

2) Imitation de la decapore grecque. Queipo, p. 84, t. IL 

3) Queipo, Systemes metriques et monetaires des anciens peuples. L'amphore, 
et plus conimunement Turne, qui en etait la moitie, et le conge servaient exclusivement 
pour les "liquides, de meme que le modius pour les grains; le sextaire servait indis- 
tinctement pour les uns et pour les autres, p. 74, II tome. 



Gewichte 



61 



Gewichte. 
Die Einführung von Maß und Gewicht in Rom wird dem 
König Servius Tullius zugeschrieben.^) Das römische Gewichts- 
system wird durch die streng durchgeführte Zwölfteilung ge- 
kennzeichnet, die überhaupt mit der bei den Römern üblichen 
Bruchrechnung zusammenfällt. Die Metrologen bestimmen die 
römische Mine, dupondius, zu 54 g. Unter Talent verstehen 
römische Schriftsteller ein Gewicht von 120 alten Pfund, 
das spätere centumpondium. Die Einheit hbra hieß als solche 
auch as; 2/3 derselben bes, d. h. bi-as, zwei Teile des As; ^/a semis; 
Vs triens; ^4 quadrans; 'le sextans. Ferner s,/^ dextans (d. h. 
desextans, das Ganze weniger ein Sechstel), 3 ^^ dodrans (d. h. 
dequadrans, das Ganze weniger ein Viertel). Die kleinere Einheit 
des Zwölftel heißt uncia. Die Teile der Unze heißen semuncia \ 2! 
sicilicus V/4, sextula ^/e, scriptulum scripulum V,,. Die römischen 
Gewichtstücke waren wie folgt eingeteilt: 2) 



24. 



As und seine 


Teile 


As 


Unzen 


Zeichen 


as . . . 




I 


12 


I 


deunx . 




"/- 


I I 


s 


dextans . 




5/6 


10 


s 


dodrans . 




^'4 


9 


S-- 


bes . . 




^U 


8 


s- 


septunx . 




V- 


7 


s- 


semis 




Va 


6 


s 


quincunx 




5/.. 


5 


— 


triens 




V3 


4 




quadrans 




V4 


3 


— 


sextans . 




'/6 


2 




sescuncia 




Vs 


''A 


^- 


uncia 




V'.. 


I 


— 


semuncia 




■A4 


'A 


^ 


binae sextulae 


V36 


V3 


1 1 


sicilicus . 


• • 


'As 


■A 


) 


sextula . 


• • 


V7. 


•A 


l 


dimidia sextula 


1/ 
/ 144 


Vra 




scripulum 


• • 


V'28s 


•A4 


3 



1) Aur. Victor vir. ill. 7. 8 mensuras pondera classes centuriasque constituit. 
Vgl. Dr. Iwan Müller, Handbuch der klass. Altertumswissenschaft. I. Bd. 

2) Dr. Iwan Müller, Handbuch der klass. Altertumswissenschaft. I. Bd. 



62 



Erster Teil 



Diese Rechnungsweise wurde nicht bloß auf das Gewicht 
angewandt, sondern auch auf Längen-, Flächen- und Hohlmaß, 
kurz auf jede beliebige Einheit.') In der Kaiserzeit trat durch 
die Aufnahme der hellenisch-ägyptischen Rezeptierkunst eine Ver- 
mehrung der kleinsten Gewichte ein. 

Das Pfund (libra) bildete die Einheit des römischen und 
überhaupt des italienischen Gewichts, welchem im Gelde der As 
entspricht, der ursprünglich pfundig war. Das Pfund wurde in 
12 uncias, die Unze in 2 semuncias, 3 duellas, 4 sicilicos, 6 sex- 
tulas, 24 scriptula (Skrupel, yQua^arn) geteilt, so daß 288 Skrupel 
auf das Pfund kamen.^) Die Festsetzung des geltenden Wertes 
des römischen Pfundes geschah zuerst in dem Zeitalter des 
Servius Tullius,=^) der der Pheidon und Solon der Römer war. 
Lucas Paetus4) hatte nach Gewichtsstücken das Pfund für die 
klassische Zeit auf 11 Unzen 3 Drachmen i Skrupel heutigen 
römischen Gewichts oder etwa 6076 Par. Gran bestimmt. 

Mit den römischen Einteilungen hat man später griechische 
Geld- und Gewichtsteile verbunden, und nachdem der Denar 
soweit herabgegangen war, daß ihrer 96 auf das Pfund gingen, 
hat man die Drachme (mit welchem Namen schon früher die 
griechisch Schreibenden den Denar bezeichnet hatten) mit dem 
Werte eines Denars in das römische Pfundsystem eingeführt, so 
zwar, daß 8 Drachmen :iuf die Unze, 2 scriptula auf die Drachme, 
2 Obolen auf das scriptulum kamen, weil 6 Obolen die Drachme 
bilden. Auch den xyakovg als Achtel des Obolos und folglich als 
3/8 siliquas {xeodriov) und den lupinus {§fQ/wg} als 2 siliquas hat 
man in das System eingefügt, welches die Metrologen der Kaiser- 
zeit darlegen.?) 



1) Velusii :Maeciani distributis aus der Mitte des zweiten Jahrhunderts n. Chr., 
herausgegeben von :Mommsen. Abh. d. sächs. Gcsellsch. d. AVissensch. III. 281 fg. 

Leipzig 1853. 

2) Böckh, Metrologische Untersuchungen. 

3) Böckh, Metrologische Untersuchungen, behauptet (S. 161), daß die feste Be- 
stimmung des röm. Pfundes das eigenste Werk von Servius gewesen sei. 

4) De Romanorum Graecorumque mcnsuris I. S. 161 8 f. Thes. Gronov. Bd. XI. 

5) Vgl. Leonard, Porcius de re pecun. antiqu. I. 11. Thes. Gronov. Bd. IX. 
S. 1467. 



Allgemeines über die altrömische Buchführung. 



63 



Die Römer nannten ii Unzen deunx, lo dextans, g dodrans, 
8 bes, 7 septunx, 6 semis, 5 quincunx, 4 triens, 6 quadrans oder 
teruncius, 2 sextans, 1^/2 sescunx oder sescuncia. Vielfältige des 
As wurden mit eigenen Namen: dussis oder dupondius, tressis, 
quadrussis, quinquessis, sexis, septussis usw. bis centussis oder 
centumpondium, als die höchste Gewichtseinheit, bezeichnet.^) 



Zweiter Teil. 



Allgemeines über die altrömische Buchführung. 

Wenn man unter »Buchführung« das einfache Notieren von 
bestimmten Vorkommnissen verstehen will, so ist diese Art Buch- 
führung bis in das graue Altertum zurückzudatieren: Die älteste 
Andeutung über die Buchhaltung finden wir bei Salomon, Dieser 
schreibt den Söhnen Israels vor: »Womit immer du handelst, 
zähle und schätze es; was du gibst und empfängst, schreibe 
auf«. Nach dem Italiener Orsini (>Über die Fortschritte der Buch- 
haltung«, 1878) wurden die Buchungen zuerst auf Steinen, ]\Ie- 
tallen und Baumrinden zur Darstellung gebracht, während die 
phönizischen Kaufleute bereits eine ausgeprägte Buchhaltung 
kannten. Bei den alten Griechen hatte sie bereits eine öffent- 
liche Bedeutung erlangt. So wurde in Athen den Bürgern feier- 
lich und förmlich Rechnung über den Staatshaushalt abgelegt, 
wobei jeder das Recht hatte, sie zu prüfen. Den Schatzmeistern 
der Tempelgüter war es zur Pflicht gemacht, von Zeit zu Zeit 
die Rechnungen über ihre Einnahmen und Ausgaben aufzulegen, 
sowie Rechenschaft abzugeben über das Vermögen, das sie ihren 
Amtsnachfolgern hinterließen. Ebenso mußten die Priester und 
Priesterinnen über die Opfergaben, welche man den Göttern dar- 
brachte, Rechnung ablegen. Demosthenes tut mehrmals in seinen 
Reden Erwähnung von den Aufzeichnungen, welche die Geldwechsler 
verfaßten, und bei Aristoteles ist zu lesen, daß diejenigen Landes- 
vertreter, welche die Rechnungslegung vernachlässigten, verfolgt 
werden konnten. Es ereignete sich denn auch nicht selten, daß 



I) Böckh, Metrologische Untersuchungen. 



64 



Zweiter Teil 



die Finanzbeamten wegen falscher Rechnung- zu Gefängnisstrafen, 
zum Verlust ihrer Güter und bisweilen sogar zum Tode verur- 
teilt wurden. 

Die ersten Buchungen wurden auf hölzernen, mit Wachs 
überzogenen Tafeln (tabula ceraque) ausgeführt, welche, in Buch- 
form zusammengelegt, caudex (codex) und nach Einführung des 
Papyrus chartae genannt wurden.^) In der Kaiserzeit wurden 
bereits die Bücher aus membrana oder Pergament gefertigt, wo- 
gegen für die juristische Urkunde die Wachstafel noch längere 
Zeit beibehalten wurde, zuletzt bei dem zivilen Testamente, wo 
die solenne Formel Wachstafeln erforderte, bis man endlich auch 
hier zu dem Pergamente überging. 

Hierbei handelte es sich mehr um Beurkundungen und öffent- 
liche Feststellungen, als um ein wirkliches Buchhalten, wie dieses 
im täglichen Geschäftsleben vorkommt. Die Veranlassung zu 
einer solchen entsprang im privaten Verkehr in erster Linie dem 
Argentariatsinstitut, im öffentlichen Verkehr dem Zensus. Bei 
den Argentarien, den Kapitalisten, erzeugte früh der lebhafte 
Güter-, Geld- und Darlehnsverkehr das Bedürfnis nach einem 
methodischen Rechnungswesen. Im zweiten Falle war es die 
Einführung des Zensus, des Abgabensystems, die zur Annahme 
einer regelrechten Buchhaltung führte. Bevor die Argentarii ihre 
Geschäftsbücher aus Latium mit nach Rom brachten, führte man 
in Rom nur Vermögensbestandsbücher (libelli patrimonii und 
Kalendaria).2) Erst später eigneten sich die vermögenderen 
Bürger die argentarische Buchhedtung an, von w^o aus sie immer 
mehr Gemeingut des gesamten Volkes wurde, wobei jedenfalls 
individuelle Verschiedenheiten eine Rolle spielten. 

Eine Einheitlichkeit in der Buchhaltung brachte ohne Zweifel 
der Zensus, der im Interesse der Verwaltung ein einheitlich ge- 
führtes, summarisch gehaltenes Hauptbuch gefordert haben wird, 
aus welchem Erfordernis der Codex accepti et expensi hervorging. 

In der Periode der freien Verfassung Roms nämlich kannte 
man keine anderen als direkte Steuern. Dabei wurden die 
Lasten nach dem Maße verteilt, in welchem die Bürger an den 



1) Moritz Voigt im lo. Bd. der Abhandlungen der Kgl. Sachs. Gesellsch. f. 
Wissenschaften. Leipzig 1888. 

2) Th. Niemeyer in der Zeitschr. der Savigny-Stiftung. 11. Bd. S. 315. 



Allgemeines über die altrömische Buchführung 



6s 



Vorteilen der Verfassung Anteil nahmen. Der reiche Gutsbesitzer 
war um so viel höher besteuert und diente im Kriege mit um 
so viel größerem Kostenaufwand, je mehr er zu verlieren hatte. 
Aber nach eben diesem Verhältnis nahm er auch einen mehr 
oder weniger bedeutenden Anteil an der Souveränität. Der 
Zensus führte einen auf die möglichste Gleichheit berechneten 
militärischen Steuerfuß ein, und dieser nämliche Steuerfuß ent- 
hielt den Maßstab der Verteilung der höchsten Gewalt.^) 

Eine Manifestierung des Vermögens war für den Bürger 
um so unbedenklicher, als auf Grund des Zensus nur eine einzige 
Steuer, nämlich das tributum, und auch dies anfänglich zu einem 
niedrigen Satze, sodann auch nicht regelmäßig, sondern bei außer- 
ordentlicher Veranlassung eingezogen wurde. Die beiden andern 
Abgaben aber, das vectigal, das in dem Zehnteil der Früchte 
von erpachteten Staatsländereien bestand, und der Eingangszoll 
(portorium) für Waren, standen mit dem geforderten Vermögens- 
nachweis in keinem Zusammenhang und konnten durch diesen 
Nachweis weder erhöht noch erniedrigt werden. 2) 

Eine weitere Veranlassung zur Buchführung war die Re- 
form des tributum vom Jahre 486, wonach neben dem Grund- 
eigentum auch das gesamte Mobiliarvermögen als tributpflichtig 
erklärt wurde. Der Zensit hatte über dasselbe beim Zensus nach 
vorgeschriebenen Kategorien geordnet unter Eid eine Erklärung 
abzugeben, daß er in den Kodex nichts unrichtiges eingeschrieben 
habe. Dies führte zur Anlage von Hausbüchern, in denen die 
verschiedenen Vermögensbestandteile (so die praedia, das instru- 
mentum rusticum, aurum, argentum factum, mundus muliebris, 
vestis usw.) gebucht wurden. 

So lange die Sitten einfach waren, blieben Grundstücke, 
Sklaven, Lasttiere, überhaupt das greifbare Vermögen ausschließ- 
liches Steuerobjekt. Die Ausmittlung des Vermögenszustandes 
jedes Einzelnen und die davon abhängende Bildung der Zen- 
turien und Klassen war keinen großen Schwierigkeiten ausgesetzt. 
Es zeigte sich jedoch bald nach der Verbannung der Tarquinier, 
daß sichtbare Güter nicht der einzige und vielleicht nicht einmal 



1) Censum (Servius Tullius) instituit. Rem saluberrimam tanto futuro imperio, 
Livius I. 42. 

2) Heinrich Schüler, Die litterarum obligatio S. 4. Breslau 1842. Schiller 
Voigt S. 674, 676. 

Beigcl, Rechnungswesen. C 



66 



Zweiter Teil 



der wichtigste Teil des Vermögens der Bürger waren. Es gab 
daneben noch einen unsichtbaren, auf bloße persönliche Forderungen 
gegründeten Reichtum. Hierzu gehörten sämtliche Außenstände, 
sodann die im Kalendarium eingetragenen Kapitaldarlehen, so 
daß für den Zensus auch diese Bucheinträge maßgebend wurden. 
Bei der Bildung der Steuerrolle und bei der davon abhängenden 
Bildung der Zenturien konnte der den Zensus besorgende Konsul 
sich nicht darauf verlassen, daß das ihm sichtbar vorgezeigte 
Vermögen des Bürgers sein wahres Vermögen sei. Eine be- 
eidigte Angabe mußte dem vStaat darüber Beruhigung verschaffen.^) 
Um indessen einen solchen Eid mit ruhigem Gewissen ablegen 
zu können, mußte der römische Paterfamilias den Zustand seines 
Vermögens selbst genau kennen. Dazu mulHe ihn nicht bloß 
ReHgiosität, nicht bloß Furcht vor den den Meineid oder den 
leichtsinnigen Schwur rächenden Göttern bestimmen, sondern 
vielmehr noch die einfache Erwägung, daß er als Staatsbürger 
desto mehr galt, je mehr er Abgaben entrichtete und je voll- 
ständiger er sich zu dieser Verbindlichkeit legitimierte. Die 
unpatriotische Freude, den vStaat um einen Teil der schuldigen 
Abgaben hintergangen zu haben, würde durch den Verlust eines 
größern Anteils an der höchsten Gewalt zu sehr verbittert worden 
sein. Der gewissenloseste Bürger war daher durch sein eigenes 
Interesse zu einer gewissenhaft vollständigen Angabe seines Ver- 
mögens verpflichtet. Damit w^ar die Erfüllung des allgemeinen 
Willens durch den Privat willen verbürgt, ^j 

Deswegen führte jeder Bürger nicht bloß eine genaue 
Rechnung über seine täghche Einnahme und Ausgabe, sondern 
auch einen Nachweis über sein Gesamtvermögen. Er führte 
diese Übersichten für sich und für den Staat zugleich; für letztern, 
damit dieser nichts von den Steuern verliere, welche das Gesetz 
dem Güterbesitzer auferlegte; für sich, damit ihm die Stufe von 
poHtischer Wichtigkeit gesichert bliebe, welche ihm der Zensus 
angewiesen hatte. 



1) Sollte auch Dionys von HarlikarnaH nicht ganz Glauben verdienen, wenn er 
Servius Tullius die Einführung der Verbindlichkeiten einer beeidigten Vermögens- 
angabe zuschreibt, so existierte doch gewiß diese Verbindlichkeit nach der Absonderung 
des Zensoramtes vom Konsulat. Karl Grolman, Magazin für die Geschichte und 
Philosophie des Rechts und der Gesetzgebung. Gießen 1807. 

2) Grolman, Schüler. 



Allgemeines über die altrömische Buchführung 



6r 



Darum kannte man im Verkehrsleben des alten Rom zwei 
Haupttypen von Büchern, mit Hilfe deren die gesetzlichen Nach- 
weise dem Zensus gegenüber erbracht wurden: Vorbücher und 
Hauptbücher. Die ersteren waren minderwichtig und entbehrlich, 
die letzteren wichtig und unentbehrlich. Unter den letzteren 
stand der Kodex obenan. Er übertraf alle anderen Bücher an 
Bedeutung und Beweiskraft.^) 

Wenn H. Schüler 2) schreibt, daß die Bücher ganz allgemein 
nur das Material zu einer vollständigen Vermögensberechnung 
enthielten und diese Behauptung damit begründet, daß er weiter 
ausführt, es seien in denselben auch ganze Bauten, Statuen und 
Kostbarkeiten eingetragen gewesen, was doch nicht zum Geld- 
verkehr, nicht zu der ins Habet oder Debet zu stellenden Kassen- 
einnahme und Ausgabe gehörte, so zeigt er mit dieser 
Bemerkung nur, daß er mit dem Wesen der Buchführung nicht 
vertraut ist: Die Römer haben unter Einnahme und Ausgabe 
nicht bloß Kasseneingang und -Ausgang verstanden, sondern 
jedw^eden andern Zuwachs und Abgang, gleichviel in welchen 
Vermögensbestandteilen, und durch nichts ist begründet, daß mit 
den Ausdrücken accepta et expensa auch schon Geldverkehr ver- 
bunden werden muß, vielmehr kann man sehr wohl, wie dies 
heute auch vielfach geschieht, bei diesen Ausdrücken jeden 
andern Verkehr unterstellen, wie man überhaupt die Ausdrücke 
accepta et expensa durch Debet und Habet substituieren kann, 
genau so wie man auch nach heutiger Praxis anstatt Eingang 
oder Ausgang, Soll und Haben sagt und schreibt. Dies 
vorausgeschickt, läßt sich sehr wohl annehmen, daß die Römer 
ihr Immobilienkonto mit dem Werte ihrer Gebäude, und ihre 
im Kodex angelegte ratio für Statuen oder Pretiosen mit dem 
Betrag dieser Gegenstände belastet und sich nicht bloß damit, 
begnügt haben, einfach diese ihre Vermögensbestände dem Namen 
nach in ihrem Kodex aufzuzählen. Wie sollten sie auch bei einer 
solchen Buchführung, die so viel wie keine Buchführung wäre, 
den Geldwert ihres Vermögens, den zu kennen sie sowohl zu ihrer 
eigenen Orientierung wie zu Zw^ecken des Zensus ein Interesse 



1) Näheres hierüber vgl. im Abschnitt: Kodex. 

2) Die litterarum obligatio S. 28. 



5* 



68 



Zweiter Teil 



hatten, erfahren, wenn nicht durch Buchung des Geldwertes der zu 
ihrem Eigentum gehörigen Vermögensbestandteile? Nichts steht 
dieser Annahme entgegen, auch der Umstand nicht, daß sich in 
den Büchern der Römer Gebäulichkeiten und Statuen eingetragen 
finden. Diese Gegenstände standen eben unter Accepta. Accepta 
sind aber nicht bloß Kasseneinnahme, sondern sie sind identisch mit 
Belastung, gleichviel uin welchen Kapitalzuwachs es sich handelt. 
Folglich kann es sich in den fraglichen Fällen um sogenannte 
tote Konti gehandelt haben. 

Belastung und Gutschrift erfolgte ohne Zweifel nach den 
auch heute maßgeblichen Buchhaltungsgrundsätzen. Die Kontra- 
hierung einer Schuld oder einer Literalobligation gab Anlaß zu 
einer Lastschrift oder zum Vollzug eines nomen im Kodex. Er- 
folgte der Ausgleich durch Barzahlung, so lag eine Literalsolution 
vor. Geschah der Ausgleich in Gegenrechnung, so war der Fall 
einer Verbalsolution gegeben. 

Durchstreichungen, Rasuren und sonstige Veränderungen, 
bei denen es zweifelhaft blieb, was und warum verändert wurde, 
haben jedenfalls auch bei den Römern im Falle eines Prozesses den 
Status quo und mit ihm jede Basis zu einer Prüfung, ob die Ein- 
tragung richtig sei, vernichtet. 

Eine Eigentümlichkeit der römischen Buchführung war es, 
daß im Bankrottfalle nach Regulierung der Schulden, bei der eine 
Herabsetzung der Forderungen nach bestimmten Prozentsätzen^) 
eintrat, »neue Bücher« oder Konti, tabulae novae, angelegt werden 
mußten.2) Qb vom Gemeinschuldner oder dem Ersteigerer, geht 
aus den Quellen nicht hervor. Der Ersteigerer hatte nach 
damahgem Konkursrecht ein Höchstgebot, nicht wie heute auf 
die Masse, sondern getrennt auf die Forderungen abzugeben. 
Erhielt er den Zuschlag, so war es nicht ausgeschlossen, daß an 
ihn, den Ersteigerer, auch die tabulae des in Bankrott geratenen 
Paterfamilias ausgehefert wurden, wodann er freilich diese tabulae 
nicht fortsetzen konnte, sondern ganz neu anlegen mußte, die er 



Allgemeines über die altrömische Buchführung 



69 



1) Vgl. Schüler S. 12 Note 50, wo er eine wunderliche Kritik übt und sagt: 
qua conditione quarta pars fere crediti deperibat heiße nichts anderes als: auf diese 
Weise verminderten sich die Schuldforderungen fast um den vierten Teil. 

2) Schüler, lit. oblig. S. I2; S. Schweppes Rechtsgesch. § 59»; Savigny über 
die Sacra privata der Römer in der Zeitschrift für geschichtliche Rechtswissenschaft. 
Bd. 2 S. 375. Vgl. auch in dieser Arbeit bei: »Der Kodex als Konto-Korrentbuch«. 



mit den tatsächlich gezahlten Summen und nicht mit den Sätzen, 
zu denen die Werte in den alten tabulis figurierten, beginnen ließ. 

Ein solcher Akkord, wie wir es in der heutigen kauf- 
männischen Sprache nennen würden, kam nicht wie heute unter 
Zustimmung der Gläubiger, sondern durch eine Regierungs- 
maßregel, mit der den beklagenswerten Schuldnern geholfen 
werden sollte, zustande.^) Man muß nur bedenken, daß der 
Wucher, den die Kapitalisten trieben, alle Grenzen überschritt, 
so daß jeder, der genötigt war ein Darlehen aufzunehmen, seinem 
Ruin entgegenging. So wurden zuweilen 48 Prozent jährHcher 
Zinsen genommen, 2) und Cicero rechnet es sich als ein besonderes 
Verdienst an, als Prokonsul von Cilicien in seinem Edikte 
bestimmt zu haben, daß der Zinsfuß nur 12 Prozent mit Zins 
auf Zins (Centesimae d i. eins von Hundert auf jeden Monat) sein 
solle. 3) Es war daher nur billig, wenn von Staats wegen auf 
außerordentliche Weise den Schuldnern geholfen wurde. 

Ob man unter tabulae novae wirklich die Anlage neuer 
Bücher, 4) oder nur neuer Konti zu verstehen hat, ist zwar nirgends 
mit Bestimmtheit ersichtlich, aber da man unter tabulae jedenfalls 
eher »Konti«, Tafeln, Rechnungen, als Bücher, für welche man 
ja den Ausdruck »libri« hatte, zu verstehen hat, so wird es 
sich wohl nur um die Anlage neuer Konti gehandelt haben, 
wobei im alten Konto die Reduktion abgeschrieben, oder w^enn 
nicht abgeschrieben, so jedenfalls die Wiedereröffnung der tabulae 
novae mit den verminderten Schuldvorträgen oder reliqua vor- 
genommen wurde. 

Gewiß konnte es, ganz allgemein betrachtet, dem Einzelnen 
gleichgültig sein, ob er einen Kodex führte oder nicht, und wie 
er ihn führte. Aber dem Staat war es nicht gleichgültig. 5) Zur 



1) Schüler, lit. oblig. S. 12; Cic. ad Att. 5. 21. Nach Sallust war es dem 
Schuldner gestattet, Kupfer statt Silber zu bezahlen. Aristoteles erzählt im zweiten 
Buche der Oecon., daß ein Tyrann von Klazomene mit dem Stempel der goldenen 
Münzen eiserne prägen ließ und die Reichen zwang, sie gegen goldene umzutauschen. 

2) Cic. ad Att. V. 21 und VI. 2 bei Schüler. 

3) ibid. 

4) Schüler S. 13 behauptet dies. 

5) Einteilung des römiscb'in Volkes nach dem Vermögen durch Servius TuUius. 
Jede Zenturie hatte in den Volksversammlungen, den Zenturiatkomitien , eine Stimme. 



70 



Zweiter Teil 



Organisierung der Zenturien war dieses Buch unentbehrlich. 
Jeder Bürger hatte ein Interesse daran, den größtmöghchen 
Anteil an der Regierungsgewalt zu erhalten. Er war sozusagen 
als Mitregent des Staates berufen, ein guter Haushalter zu sein. 
Und daß er es sei, hatte er durch seine Bücher zu beweisen. 
Jeder Paterfamilias war daher sein eigener Buchhalter, und jeder 
reiche Römer legte Wert darauf, die Vorzüge seines Vermögens 
möglichst genau zum Ausdruck zu bringen. Nur Sklaven und 
Filiifamilias,die kein eigenes Vermögen hatten, führten keine Bücher, 
Wer aber Vermögen besaß, hatte auch Hausbücher, und wenn 
dies irgendwo nicht der Fall war, so war dies als Ausnahme zu 
betrachten.') Jeder durch die Tabulae festgesetzte Vermögens- 
bestand wurde in das vom Zensus geführte Vermögenskataster 
— tabulae censoriae — eingetragen. Die diesbezüglichen Dokumente 
wurden im Staatsarchiv — tabularium — aufbewahrt. Dieses 
tiefe Eingreifen einer politischen Einrichtung in das häusliche Leben 
ist gerade so verblüffend, wie die Weisheit der römischen Gesetz- 
gebung bewundernswert ist, die in geräuschloser Selbstentwicklung 
eine rein vom Nationalgeist getragene Konstitution schuf, welche 
die im häusHchen Leben wirkenden Triebfedern der Wirtschaft- 
lichkeit und Sparsamkeit hervorkeimen ließ. Dem Zensor wurde 
durch den Codex accepti et expensi sein Sittenrichteramt erleichtert. 
Die gefürchtete nota censoria war oft nur die Folge eines 
einzigen Blicks in das offizielle Haushaltungsbuch. Das Resultat 
desselben brauchte nur mit dem in den jüngsten tabulae censoriae 
eingezeichneten Vermögenszustand des nämlichen Bürgers ver- 
glichen zu werden. 

Die Wirksamkeit des Kodexinstituts war damit nicht erschöpft. 
Sie erzeugte zugleich einen hohen Grad von Sicherheit bei Ver- 
trägen und Forderungen. Sie erleichterte manche Untersuchung 
im Privatrecht (Judicium privatum). Sie lieferte erhebliche Beweise 
für Schuld und Unschuld im öffentlichen Recht (judicum publi- 
cum).2) 



1) Heinrich Schüler, die litterarum obligatio des altern römischen Rechts. 
Breslau 1842. 

2) D. Karl Grolmann, Magazin für die Philosophie und Geschichte des Rechts 
und der Gesetzgebung. II. Bd. Gießen 1807. 



Allgemeines über die altröniische Buchführung 



71 



Die tabulae oder rationes sicherten^) im Kodex den Beweis 
von rechtlichen Verhältnissen und Verhandlungen. Ihr Inhalt 
erhielt, wenn sonst nichts dagegen sprach, gerichtliche Glaub- 
würdigung. 

Daß in dem Codex rationum alles enthalten sein mußte, ist 
durch die Quellen bewiesen; so Kaufgeschäfte (Cicero in Verr. 11. 
I, 23, 61; IL 4, 6, 12; IL 4, 12, 28), Sponsionen (Cic. ad Atticum 
12, 17), Vergleiche (Cic. pro Cluentio 12, 54); Schenkungen (pro 
Cluentio 12, 28), Erbschaftserwerb (ibid. 29, § 2, leg. II e), überhaupt 
sämtHche Vermögensvorgänge, derart, daß, wie es pro Cluentio 
30, 82 heißt, bei gewissenhafter Buchhaltung »nihil possit neque 
additum neque detractum de re familiari latere«.^) 

Aus dem Bedürfnis heraus, dem Zensus alle, auch die nicht 
bloß sieht- und greifbaren, sondern auch die nur in Form von For- 
derungen bestehenden Vermögensbestandteile angeben zu müssen, 
haben sich die Adversarienbücher als eine Art Manuale heraus- 
gebildet. Wie diese adversaria geführt wurden, besagen die 
Quellen nicht. Aus dem Inhalt dieser Bücher scheinen durch 
Übertragung auf die tabulae domesticaes) im Kassenkodex, und 
auf die rationes im Kontokorrentkodex diejenigen Rechnungen 
entstanden zu sein, die von Zeit zu Zeit, vielleicht von einem 
Monat zum andern, dem Zensor unter Eid für die Richtigkeit 
vorgelegt und im Familienarchiv in Verwahrung gehalten werden 
mußten. 

Wie die Buchführung der Römer im allgemeinen ausgesehen 
haben mag, vermag niemand zu sagen. Es läßt sich ohne 
weiteres annehmen, daß die Bücher der Argentarii eine andere 
innere Einrichtung haben mußten als die Bücher der Latifundien- 
besitzer oder der Kapitalisten, die ihr Vermögen in Steuer- 
pachtungen angelegt hatten. Die zentrale Buchführung der mit 
vielen Prokuratoren arbeitenden Unternehmer mußte verschieden 
sein von den tabulae des von der Hand in den Mund lebenden 



i) Cic. pro Rose. Com. 3. 

2) Th. Niemeyer in der Zeitschr. der Savignystiftung. 11. Bd. S. 319. 

3) Quid est, quod negligenter scribamus adversaria? quid est, quod diligenter 
conficiamus tabulas? qua de causa? quia haec sunt menstrua, illae sunt aeteinae: 
haec delentur statim, illae servantur sancte: haec parvi temporis memoriam, illae 
perpetuae existimationis fidem et religionem amplectuntur : haec sunt dejecta, illae in 
ordinem confectae. Cic. pro Roscio Comoedo, 2. 



72 



Zweiter Teil 



i|! 



Kleinbauern. Wer mit Kaiendarien arbeitete, der brauchte ein 
anderes Schema wie der Paterfamilias, der lediglich Barvorgänge 
zu buchen hatte und vollkommen mit seinem Codex accepti et 
expensi auskam. 

Nach Beendigung des letzten macedonischen Krieges hörte 
dieses Bedürfnis auf. Der weltbeherrschende, durch die Beute seiner 
Feldherren und durch die Einkünfte neu eroberter Provinzen auller- 
ordentlich bereicherte Staat machte seinen Bürgern das glänzendste 
Geschenk, mit welchem je eine dankbare Regierung die Werk- 
zeuge ihrer Macht belohnte-) er erklärte nämlich jede direkte 
Besteuerung als beseitigt. Nur die indirekte, z. B. die vicesima 
manu missionis,^) dauerte noch fort. Trotzdem so die unmittel- 
bare Veranlassung zur Buchführung fortfiel, so blieb dennoch 
dieses von den Sitten und Gewohnheiten des Volkes aufgenommene 
Institut bestehen, wenn schon mancherlei Einzelheiten, soweit 
diese direkt mit dem Zensus in Zusammenhang standen, nunmehr 
in Fortfall kommen konnten. 

Stand der altrömischen zur heutigen Buchhaltung. 

Daß die altrömische rat'o eine Zweiteilung aufwies, die den 
Zweck hatte, eine Trennung der accepta und expensa herbei- 
zuführen, also eine Aufstellung mit dem Prinzip unseres heutigen 
Kontos war, ist nicht bestritten. Weniger festzustehen scheint, 
ob die Trennung eine selten- oder folienweise war, ferner, ob die 
Seiten mit Geldrubriken versehen waren oder nicht. Dagegen 
steht fest, daß der Abschluß mit dem Saldo oder dem Reliquum 
vollzogen wurde, ebenso wie es erwiesen ist, daß der Kodex nach 
Art unserer heutigen Register Buchform hatte. Es darf aber 
auch sonst, d. h. mit Bezug auf die Buchführung als solcher, nach 
allem^ zu urteilen, was die juristischen Quellen bei Abhandlung 
der litterarum obligatio über den Kodex, die adversaria und die 
nomina facere zu sagen wissen, angenommen werden, daß die 
Bücher der Römer ähnlich unsern heutigen kaufmännischen 
Büchern geführt wurden, wenn schon sichere Anhaltspunkte 
darüber nicht zu finden sind. Das expensum ferre oder die Gut- 
schrift auf dem Sachkonto und das damit zusammenhängende 

M Ferguson, Progress and termination of the Roman Republic. Bock II. p. 2. 
2) Hugos Lehrbuch der Rechtsgeschichte. I. Ausg. S. 40. 



Stand der altrömischen zur heutigen Buchhaltung 



73 



expensum referre als Gegenposten in Belastung auf das Personen- 
konto, sodann umgekehrt das acceptum ferre als Debet oder Last- 
schrift auf dem Sachkonto und das daran anschließende acceptum 
referre oder die Übertragung der empfangenen Leistung auf 
das Habet als Gutschrift des Personenkontos sind zweifellose Merk- 
male einer formell nach unsern Begriffen, oder doch einer unsern 
Begriffen sehr ähnlich geordneten Buchhaltung. Von der hohen 
Ausbildung, welche die altrömische Buchführung erlangt haben 
muß, legt ein klassisches Zeugnis die Tatsache ab, daß die 
Römer den Kodex nicht detailliert führten, sondern bestimmte 
Einnahmen und Ausgaben des täglichen Lebens aus ihrem Tage- 
buch zusammenstellten und diese gruppenweise auf die bezüglichen 
rationes eintrugen. So buchte man z. B., wenn der mit einer 
Gutsverwaltung beauftragte Freigelassene oder Sklave Revenuen 
abführte: Kai. Jul. HS. XII Titius solvit reliqua ex ratione sua 
de re pecuaria Volsciana.^) Diese Gruppierung scheint sich aber 
nur, wie gesagt, auf den Geld verkehr bezogen zu haben, während 
die Belastungs- und Gutschriftsposten im Codex rationum detailliert 
eingetragen worden zu sein scheinen. Das Zusammenstellen 
gleichartiger Summen unter einem Titel nannte man dispungere, 
d. h. das Ausziehen (eigentlich Herausstechen) der einzelnen auf 
einen gewissen Schuldner sich beziehenden Summen auf ein und 
dieselbe ratio, wodurch erst die Ziehung des Saldos oder die 
pariatio möglich war. 2) Dieses buchhalterische Gruppierungs- 
verfahren beweist klar, daß den Römern eine Technik bekannt war, 
die unserem heutigen Verfahren sehr ähnlich gewesen sein muß. 
Hierfür spricht auch weiter die Tatsache, daß nach den 
Quellen den Römern bekannt war, Belastung und Gutschrift nicht 
bloß auf der ratio im Kontokorrentkodex, sondern zugleich auch 
auf das acceptum et expensum des Bestandskontos zu verrechnen.3) 



1) H. Schüler, die litterarum obligatio. Breslau 1842. S. 16. 

2) ibid. S. 18 ff. 

3) Ein Beispiel von der scharfen Auseinanderhaltung zwischen Gewährung und 
Empfang zeigt folgende Stelle in Cic. p. Q. Rose, i, I: si ille proferet tabulas, 
proferet suas quoque Roscius; i, 2: »scripsisset ille (i. e. creditor), si non iussu 
huius (i. e. debitoris) expensum tulisset? Non scripsisset hie (i. e. debitor), quod sibi 
expensum ferri (sc. a. creditore) iussiset ? p. Caec. 6, 1 7 : hac emptione facta pecunia 
solvitur a Caesennia; cuius rei putat iste rationem reddi non posse, quod ipse tabulas 
averterit; se autem habere argentarii tabulas, in quibus sibi expensa pecunia lata sit.« 
Vgl. M. Voigt S. 552. 



74 



Zweiter Teil 



Diese Verrechnungsweise entspricht aber ganz unserm 
heutigen Verfahren.^ Daß die Römer sogar sehr wohl im Besitz 
der Kenntnisse in doppelten Posten zu buchen gewesen 
sein können, dafür bietet die Stelle aus der Rede Ciceros für 
Fontejus,2) j^ welcher es heißt: »quod acceptum populo Romano, 
id expensum cuipiam est« einen nicht unerheblichen Beleg. 
Diese Stelle ist offenbar so zu deuten, daß die Ausgabe der 
gebenden ratio oder tabula im Kodex gutgeschrieben und der 
empfangenden belastet wurde, so zw^ar, daß beide Einträge sich 
gegenseitig kontrollierten. 

Merkwürdig ist, daß die beschriebene Buchungsmethode 
der Römer verschiedene Schriftsteller des altrömischen Rechts 
zu einem unserm Standpunkte entgegengesetzten Schluß, 
nämlich zur Verneinung der Buchführung nach heutiger Form, 
geführt hat. So schreibt z. B. Schüler: »Die Notwendigkeit 
dieses dispungere zeigt auch ganz deutlich, daß die tabulae 
nicht die Form der heutigen kaufmännischen Bücher und 
namentlich nicht besonderer Konti haben konnten, denn sonst 
hätte es nur des einfachen xVddierens und Subtrahierens, der 
Erteilung des Kontokorrents, wie der Kaufmann spricht,3) bedurft, 
um die gegenseitigen Ansprüche sofort ins Klare zu setzen«. 
Der Verfasser scheint nicht gewußt zu haben, dal') das dispungere 
die nomina (oder Posten) auf die ratio brachte, was, wie Schüler 
auf S. i8 selbst sagt, »das Balanceziehen möglich machte«, wobei 
das Reliquum oder der Saldo des Kontoinhabers festgestellt 
wurde. Wird aber die Möglichkeit des Bilanz- oder Saldoziehens 
zugegeben, so ist damit implicite weiter zuzugeben, daß auf der 
römischen ratio sehr wohl die gegenseitigen Ansprüche sofort 
klargestellt werden konnten. 

Schüler versucht ferner eine Verneinung der heutigen Form 
in der römischen Buchführung damit zu begründen, daß er mit 



1) Voigt S. 552 spricht von »Kredit- oder Aktiv- oder Ausgabeposten« einer- 
seits, und von »Debet- oder Passiv- oder Einnahmeposten« andrerseits; eine Zusammen- 
Stellung von buchhalterischen Begriffen, die nichts mit einander gemein haben. 

2) Pro Fontejo I. § 3. 

3) Es war ein Irrtum Schülers, wenn er, wie aus seinem Satze hervorgeht, 
glaubte, dali das Saldoziehen (Addieren der Seiten und Subtrahieren von einander) und 
die Erteilung der Konto-Korrente zwei identische Handlungen seien. 



Stand der altrömischen zur heutigen Buchhaltung 



/ D 



Bezug auf die tabulae novae , die beim Bankrott notwendig 
waren,^) schreibt: »Das war (gemeint ist die Anlage neuer Bücher) 
ganz unnötig, wenn die Bücher die Form des kaufmännischen 
Hauptbuches hatten. Es brauchte nur der Betrag, um welchen 
die Schuld vermindert war, dem Schuldner gut geschrieben zu 
werden, so war mit einer Zeile, mit einer Zahl alles in Ordnung 
gebracht und die Notwendigkeit der Anlegung neuer Bücher 
vermieden«. Schüler spricht also hier vom Gläubiger, nun aber 
hatte nicht dieser, sondern der Ersteigerer die tabulae novae 
anzulegen. Dem Gemeinschuldner die erlassenen Beträge gut- 
zuschreiben, war Sache der Gläubiger, die aber mit den tabulae 
novae gar nichts zu tun hatten. Daß übrigens die Gläubiger 
nicht so gebucht haben sollten, wie Schüler das bei ihnen ver- 
missen zu sollen glaubt, ist in den Quellen nirgends zu finden. 
Dem Gemeinschuldner aber gestattete man das gleiche Verfahren, 
dessen sich der Gläubiger bediente, d. h. die einfache Konto- 
berichtigung (Abbuchung der Schuldreduktion vom Konto des 
Gläubigers) nicht, sondern man verlangte, immer unter Aufrecht- 
erhaltung der alten Schuld, von ihm in Ansehung des Beginns 
einer neuen wirtschafdichen Laufbahn die Anlage neuer, mit den 
alten nichts gemeinhabender Geschäftsbücher, sozusagen die Er- 
stellung einer neuen Eröffnungsbilanz. Außer dem Falliten war 
es noch der Käufer der Masse, der, falls er über dieselbe eine 
besondere Administration führen wollte, neue Bücher anzulegen 
hatte,2) Maßregeln, die wohl infolge des Zensus eingeführt wurden. 
Die Tatsache, daß die Römer erwiesenermaßen,3) gleich 
unserm heutigen Verfahren, accepta und expensa auch dort an- 
wandten, wo von einer tatsächlichen Einnahme und Ausgabe 
keine Rede war, sondern nur eine einfache Belastung und Gut- 
schrift in Frage kam, hat die Juristen, soweit sie sich mit der 
fraglichen römischen Institution befaßten, fast durchw^eg in Ver- 
wirrung gebracht. So kommt es, das z. B. Dr. F. Hecht (in 
Dr. Ashers Rechtsgeschichtlichen Abhandlungen, Heft I. Heidel- 



1) Die Notwendigkeit der Anlage neuer Bücher war gegeben infolge der Schuld- 
reduktion, die unter Sulla und Cäsar, nicht durch Zustimmung der Gläubiger, 
sondern durch eine Regierungsmaßregel bewerkstelligt wurde. 

2) Dr. Hecht in Ashers Rechtsgesch. Abhandl. S. 15. 

3) S. Schweppe, Rechtsgeschichte, und Savigny über die Sacra privata der 
Römer in der Zeitschrift für geschieh tl. Rechtswissenschaft, Bd. 2 S. 375. 



76 



Zweiter Teil 



Stand der altrömischen zur heutigen Buchhaltung 



/ 1 



berg) die expensa mit unserni Soll oder Debet und die accepta 
mit unserem Ilaben oder Kredit indentifiziert. Diese Begriffs- 
bestimmung könnte nur richtig sein, wenn gesagt worden wäre, 
daß in den Büchern des Gläubigers die expensa des Kassen- 
kodex mit dem Soll oder Debet der ratio des empfangenden 
Schuldners, und daß umgekehrt die accepta des Kassenkodex 
mit dem Haben oder Kredit des zahlenden Debitors über- 
einstimmen mußten. Das geht aber aus den Ausführungen Dr. 
Hechts nicht hervor; vielmehr gibt er die Gegenüberstellung 
in der oben angeführten Form ohne weiteren Kommentar. Und 
in dieser P'orm ist die Gegenüberstellung falsch. Denn unserem 
Soll oder Debet entspricht begrifflich und kann nur begrifflich 
entsprechen das altrömische acceptum und dem Haben oder 
Kredit das expensum einer ratio. Die Richtigkeit dieser Fest- 
stellung, welche unmöglich bei den Römern falsch sein konnte, 
mag folgendes Beispiel veranschaulichen: Gajus zahlte an den 
Paterfamilias loooo HS. und erhielt später 5000 HS. zurück- 
gezahlt. Diesen Fall buchen wir gegenüber dem Gajus über- 
einstimmend mit den Römern, wie folgt: 

Codex rationum (Konto-Korren t-Kodex) 

Accepta (Soll) Ratio Gaji (Haben) Expensa 



5000 



10 000 



Ratio pecuniae (Kassenkodex) 

Accepta (Einnahme (Ausgabe) Expensa 



10 000 



5000 



Wie und wo hier, wie Hecht schreibt, expensa mit Soll und 
accepta mit Haben identisch sein soll, ist nicht recht verständlich. 
Acceptum ist nur in seiner Gegensätzlichkeit mit Haben identisch, 
in dem Sinne, daß das, was auf acceptum an Geld eingeht, auf 
Haben der ratio des Zahlers gebucht werden muß. Und im um- 
gekehrten Sinne trifft dies beim expensum zu. Diese Wechsel- 
beziehung, in der die Konti zu einander stehen, ist in der moder- 
nen Buchführung noch genau dieselbe, wie in der Buchführung 
des klassischen Altertums. Hecht aber behauptet ganz was 
anderes, und diese andere Behauptung ist unzutreffend. 



Das zeigt wieder, wie beim Juristen alle Technik dem rein 
juristischen Standpunkte zum Opfer fallen muß. Darum ist er 
auch ein schlechter Beurteiler von Verhältnissen buchhalterischer 
Natur. Der Jurist mag sich in gelehrte Düfteleien ergehen, ob 
die alten Römer das im Kodex gebuchte mutuum und depositum 
als res oder als litterae betrachtet haben oder nicht, niemals aber 
wird er in der Lage sein, zu beurteilen, wie das expensum latum 
oder das acceptum relatum im altrömischen Kaufmannsbuche 
gebucht worden sein konnte. Niemand kann daher wissen, 
ob nicht vielleicht die tabula accepti die Einnahmeseite oder das 
Soll und die tabula expensi die Ausgabeseite oder das Haben 
des römischen Sachkontos, das über Zu- und Abgang Rechnung 
zu führen hatte, gewesen ist. 

Warum sollten die römischen Kaufleute, wenn man in Rom 
in der Landwirtschaft eine ratio praedii, eine ratio pecoris usw. 
kannte, nicht auch Sach- bzw. Bestandskonti gekannt haben? 
Richtig bringt die Begriffe creditum-acceptum und debitum-expen- 
sum Voigt (S. 565) in Verbindung, wenn er sie auch buchhalterisch 
nicht zu erklären vermag, indem er ausführt, daß das creditum als 
acceptum d. i. als ea, quae Numerius ab Agerio accepit .(als das, 
was Numerius von Agerius erhielt), und daß das debitum als ex- 
pensum d. i. als ea, quae Aulus Agerius Numerio Negidio expendit 
(als das, was Agerius von Numerius erhielt), zu betrachten ist. 
Trifft diese Erklärung für die Römer zu, so haben wir darin das 
vollständige Prinzip des doppelten Buchungssatzes zu erblicken, 
für welches nach heutigen Begriffen folgende Buchungsformeln 

in Betracht kämen: 

Creditum als acceptum. 

In den Büchern des Numerius: 

Kassakonto an Kontokorrent Agerius 

sodann in den Büchern des Agerius: 

Kontokorrent Numerius an Kassakonto. 

Beim debitum als expensum buchen natürlich die Parteien im 
umgekehrten Sinne. Jedenfalls wurde, wenn Voigt recht berichtet, 
ein zweifacher Eintrag bestätigt: der eine Eintrag berichtigte die 
Bestandsrechnung, der andere das damit zusammenhängende Per- 
sonenkonto. 

Daß die Römer, wenn vielleicht nicht gerade den doppelten 
Buchführungssatz, so doch ein durchaus hochentwickeltes Buch- 



/8 



Zweiter Teil 



halten gekannt haben müssen, jj-eht auch aus der Wechsel- 
beziehung hervor, in der das städtische Kalendarium zur Haupt- 
verwaltung des Vermögens buchhalterisch stand.^ In diesem 
wechselseitigen Rechenverhältnis zwischen zwei Vermögens- 
verwaltungen ein und desselben Betriebs haben wir eine Buch- 
führung, nicht etwa bloß wie sie zwischen dem Kapitalkonto und 
dem Kassa-, Lager-, Maschinen-, Wechsel- oder Immobilienkonto, 
sondern zwischen einem Mutterhaus und seiner Filiale besteht, zu 
erblicken. Denn die \'erwaltung des Kalendariums geschah 
nicht nur allein in der kalendarii ratio rechnerisch, sondern auch 
in natura, d. h. körperlich getrennt. Die Kalendariengelder wurden 
nämlich von den übrigen Kapitalien vollständig gesondert auf- 
bewahrt, so zwar, daß auch die aus den Darlehen gezogenen 
Zinsen in die arca gelegt wurden, und häufig befand sich sogar 
auch der Sitz der Kalendarienverwaltung räumlich getrennt (z. B. 
auf einem Landgut) von der Hauptverwaltung des Wirtschafts- 
betriebes. Dieses Verhältnis haben die Römer, in Anpassung an 
die damaligen Verkehrs- und Rechtszustände, buchhalterisch voll- 
ständig korrekt und zwar nach Art und Form in einer Weise 
dargestellt, wie es heute — abgesehen natürlich von den Fällen, 
die das moderne Verkehrs- und Rechtsleben mit sich gebracht 
hat — kaum anders dargestellt werden würde. Und welche 
merkwürdige Fügung! In demselben Lande, in welchem im Alter- 
tum das Buchführungswesen seinen Ausgangspunkt nahm, im 
Kodex seine Blüte erreichte und mit diesem Buche unterging 
in diesem selben Lande hat im Mittelalter die Buchführung einen 
Triumph gefeiert, der für diese Wissenschaft eine neue Epoche 
bezeichnete und der gesamten zivilisierten Welt neue Bahnen wies. 
Wir meinen die Tatsache, daß das System der doppelten Buch- 
führung von Italien aus seinen Siegeszug antrat: Es war am 
IG. November des Jcihres 1494, als der italienische Franziskaner- 
mönch Luccas Pacciolo auf Borgo San Sepolcro, einem kleinen 
Städtchen der Provinz Arezzo, sein mathematisches Werk »Summa 
de Arithmetica« erscheinen ließ und darin in einem besondern 
Traktat die »scrittura doppia venetiana«, auf der Formel der 
mathematischen Gleichung fußend, wissenschaftHch erklärte. In 



S- 3, 15- 



I) Dr. F. Hecht in Dr. Ashers Rechtsgeschichtlichen Abhandhingen, Heft I. 



Stand der altrömischen zur heutigen Buchhaltung 



diesem Werke bezeichnet er selbst sich nicht als »Erfinder« der 
doppelten (italienischen) Buchführung, sondern er erklärt nur, an 
den venetianischen Gebrauch anlehnend, den Gegenstand wissen- 
schaftlich darzustellen, um sich damit den Kaufleuten nützlich zu 
machen.^) Demnach war in den Hauptstädten Italiens, besonders 
in Rom, Venedig und Mantua, wo das Handelsleben mächtig 
pulsierte, die Einrichtung, in doppelten Posten zu buchen, längst 
bekannt gewesen. Es treten hier dem Beobachter zwei Tat- 
sachen in Erscheinung: Auf der einen Seite im alten Rom die 
hochentwickelte Durchbildung der Kodexinstitution und die vom 
Zensus geforderte straffe Buchführung des Paterfamilias, und auf 
der andern Seite die Tatsache, daß gerade auf dem gleichen 
Boden zuerst die doppelte Buchführung von den Kaufleuten 
praktisch betätigt wurde, deren wissenschaftliche Bearbeitung 
etwa 1000 Jahre nach dem Untergange des altrömischen Kodex 
ebenfalls auf gleichem Boden in Pacciolo den ersten Verfasser 
fand. Wer kann wissen, ob nicht zwischen diesen beiden 
epochemachenden Begebenheiten ein kausaler Zusammenhang be- 
stehen mag! 



Terminologie und Buchungsformeln. 

Aus den Quellen 2) ergiebt sich, daß die altrömische Buch- 
führung eine ganze Reihe technischer Ausdrücke kannte und 
von bestimmten Ordimngsregeln geleitet war. Die Buchungen 
selbst wareti datiert, kurz gefaßt und gaben den Namen des an 

1) Als im Jahre 1504 für Pacciolo das Nachdrucksprivileg der »Summa» abge- 
laufen war, erschien ein Separatabdruck aus diesem Werke unter dem Titel: »La 
secuola perfetta dei mercantis von welcher Schrift noch heute in der Wiener Kaiserl. 
Bibliothek ein Exemplar aufbewahrt wird. Frater Pacciolo soll im Jahre 1464 in 
das Haus des angesehenen Kaufherrn Antonio de Ropiansi gekommen sein, um dessen 
drei Söhne zu unterrichten. In dieser Stellung als Hauslehrer der drei Zöglinge ge- 
wann er Interesse für das Handelsleben und hatte Gelegenheit, praktischen Einblick 
in das Wesen der kaufmännischen Buchführung zu tun. Dr. E. L. Jaeger, Altes und 
Neues, Skizzen etc. ; Wenzel Ruprich ; J. Berger, die Fortschritte in der Buchhaltungs- 
wissenschaft, Wien 1894. 

2) Cic. p. Caec. 17 ff. Cic. in Verr. IL L 39, 92 ff. J. G. Sieber, De ar- 
gentariis. Lips. 1737, 1739; E. Guillard, Les banquiers Atheniens et Romains, Paris 
1873, in Moritz Voigt, die argentarii und nummularii und deren Geschäftsbetrieb in 
den Abhandlungen der Königl. Sachs. Ges. der Wissenschaften, Leipzig 1888. 



8o 



Zweiter Teil 



der Buchung Beteiligten unter Beifügung des Vaternamens an. 
Wurde eine geschuldete Leistung auf das Konto des Schuldners 
eingeschrieben, so geschah dies, indem dem Namen des Betreffen- 
den die Präposition »af« vorgesetzt wurde, z. B. Buchung in die 
adversaria oder Journalbuchung: 

Vel Long, de orthogr. p. 60 K: quotiens acceptam pecuniam 
referebant, non dicebant a Longo, sed af Longo. 

Jeder Forderungsbuchung mit bestimmtem Verfalltag (Valuta) 
wurde der Zahlungstermin beigesetzt. 

Die Römer oder vielleicht richtiger die klassischen Schrift- 
steller nahmen es mit der Nomenklatur nicht sehr genau. So 
sagten sie das einemal codex, das anderemal für denselben Be- 
griff rationes domesticae oder Codices rationales.^) 

Die Römer der Kaiserzeit quittierten mit accepi. Ihre Vor- 
fahren bekannten das habere der Leistung, und für Ulpian (D. 50, 
16, 71 pr.) w^ar accipere eine vox sine effectu.^') Chirographum 
heißt in Ciceros Zeit eine Handschrift, insbesondere eine von der 
beteiligten Person eigenhändig geschriebene, aber ohne besondere 
Beziehung auf Rechtsgeschäfte.3) Erst vom 2. Jahrhundert an 
bezeichnet das Wort gewöhnlich einen Schuldschein, jedoch ohne 
Beschränkung auf Darlehen.4) Nach anderen 5) haben syngraphae 
und chirographa nebeneinander bestanden und sich dadurch von 
einander unterschieden, daß bei ersteren beide Teile beim 
Schreiben der Urkunde hätten tätig sein müssen; der Gläubiger 
oder ein von ihm dazu Beauftragter habe die eigentliche Lex 
contractus und der Schuldner das Versprechen der Zahlung 
niedergeschrieben.6) Von dieser Urkunde seien dann regelmäßig 
zwei gleichlautende Exemplare ausgestellt, von denen das eine 



1) Fr. 10, § 2, D. de edend. 2, 13 bei Schüler S. 32. 

2) Karl Heinrich Ermann, Zur Geschichte der römischen Quittungen und Solu- 
tionsakte. Berlin 1885. , ,j , • 

3) Nach Danz (S. 61) nannte man zu Ciceros Zeit Darlehnsschuldscheme 

syngraphae. 

4) V. Savigny, Vermischte Schriften. 1850. S. 246. 

5) Heimbach, Creditum, S. 498 ff. 

6) In Fr. 28, § 13, D. de liberal, leg. 34, 3 wird ein chirogr. erwähnt, wel- 
ches ein Römer seiner Frau über ein Darlehn ausgestellt hatte; Cicero stellte seinem 
Freunde Trebatius, also ein Römer dem andern, eine cautio chirographi aus. ad div. 
VIIT. 18 bei Schüler S. 90. 



I 



Terminologie und Buchungsformeln 



81 



dem Gläubiger, das andere dem Schuldner zur Aufbewahrung 
zufiel. Das chirographum dagegen sei eine einseitig aufgestellte 
Schuldverschreibung gewesen.^) 

Als Gegenstand von Obligationen wird sehr gewöhnlich dare, 
facere, praestare erwähnt.^) Certa pecunia oder certa res enthielt eine 
Obligation, deren Existenz der index nach ius civile gemäß Form 
und Lihalt des zugrunde liegenden Rechtsgeschäftes zu beurteilen 
hatte. Bei incerta pecunia oder incerta res mußte der arbiter erst 
Bedeutung und Inhalt derselben festsetzen. Buchen nannte man: 
scribere oder verstärkt perscribere oder auch ferre und referre, 
so daß nomen facere bald das expensum ferre, bald das expensum 
referre bezeichnet. Man sagte referre in tabulas oder in codicem 
accepti et expensi (Cic. p. Q. Rose. 1,4. 2, 5) und man verstand 
darunter einen Posten in das Hauptbuch (tabula) oder in das 
Kontokorrent (codex a. et ex.) eintragen ; transscribere übertragen ; 
den Text zur Buchung nannte man causa debendi. 

Unter nomen (Buchung) in Verbindung mit expungere ver- 
stand man je nach Umständen einen Debetposten oder einen 
Kreditposten löschen oder aufheben. 

Das Buch nannte man Über, auch tabulae.3) Unter tabula 
verstand man eine einzelne Seite, unter ratio das Konto. So 
sagte man tabula (auch mensa) accepti = Debetseite (Einnahme) 
und tabula expensi = Kreditseite (Ausgabe). Häufig wurde 
anstatt liber auch ratio gesetzt, just wie wir heute zuweilen 
Kassakonto sagen und das Kassabuch meinen. So wurde 
bei den Römern beispielsweise allem Anschein nach 4) die ratio 
kalendarii mit dem Kalendarium identifiziert. Den Buchungs- 
eintrag nannte man nomen facere. 

Die tabula expensi (Ausgabe) entsprach unserm heutigen 
Haben oder Kredit und die tabula accepti (Einnahme) unserm 
heutigen Soll oder Debet. Der Unterschied zwischen expensa 
und accepta wurde reliquum,5) das Überschießende, genannt, 



1) Dans, Rom. Recht II. 7. 

2) Gai, IV. 2. L. 13, § 6. De op. libert. bei D, F. L. v. Keller, Grundr. zu 
Vorlesungen über Institutionen und Antiquitäten des röm. Rechtes. Berlin 1854 bis 
58. S. 77. 

3) Sigonii opera Bd. 5, S. 776 bei Schüler. 

4) Africanus, lex kalendarii, Stelle 36 bei Hecht S. 15. 

5) Cic. ad Attic. 16, 2 § 2. L. 89 pr. D. de solut. et Hb. (46, 3). 

Bei gel, Rechnungswesen. 6 



82 



Zweiter Teil 



was unserm heutigen Saldo entsprach. Die Ausgleichung selbst 
oder das Bilanzziehen hieß pariatio^). Das reliquum entspricht 
unserm Saldo^.) 

Für das reliquum 3) erhielt der Kreditor eine Zession oder 
Delegation, wodurch die bisherige Forderung eine Umgestaltung 
(novatio) erfuhr und fortan als selbständiger Posten in eigener 
Form weiter bestand. Eine solche novatio konnte auch durch 
Stipulation bewirkt werden. Daneben stand das Verfahren offen, 
mit Einwilligung des Schuldners den fraglichen Betrag im Buche 
des Kreditors so einzuschreiben, als wenn letzterer diesen Be- 
trag an den Schuldner bar bezahlt hätte, was man expensum 
ferre nannte.4) 

Als die ursprüngliche Hauptbuchterminologie erscheint: 
acceptum referre — expensum ferre.S) Erst in der Kaiserzeit 
findet sich acceptum ferre ;^) acceptum referre und ferre unter- 
scheiden sich also zeitlich, nicht nach der Bedeutung. Referre 
ist der allgemeine Ausdruck für x eintragen« in der älteren Sprache 
(z. B. in tabulas aerariorum, in sarta tecta, in album, in indices, 
in libros, in codicem referre), während ferre nach den großen 
Wörterbüchern in der republikanischen Zeit nur bei der Ein- 
tragung des expensum gebraucht wird. Auch die expensi ratio, 
schreibt Erman, ist an sich ein referre, so daß nicht das referre 
acceptum, sondern das ferre expensum der Erklärung bedarf. 



Terminologie und Buchungsformeln 



83 



1) L. 67, § 3 D. de condict. indeb. (12, 6) ff. 

2) Cic. ad Attic. 16, 2 § 2, ib. 7, 3 § 7 ; L. 61 D. de obl. et act. (447), 
vgl. bei Hecht. 

3) reliqua = Saldo; pariatio = Ausgleichung L. 67, § 3 D. de condict. indeb. 
(12, 6). 

4) Dr. F. L. V. Keller, Grundriß zu Vorlesungen über Institutionen und An- 
tiquitäten des röm. Rechts. Berlin 1854 — 58, S. 104. 

^) Vgl. z. B. Cic. pro Caecina 1 7 : tabulas, in quibus sibi expcnsa pecunia 
lata sit, acceptaque relata, in Erman, Geschichte der römischen Quittungen und So- 
lutionsakte. Inaugur.-Dissert. Berlin 1883. 

6) ibid. Cicero pro Ros. Com. i : Solen t fere dicere, qui per tabulas hominis 
honesti pccuniam expensam tulerunt. Egone talcm virum corrumpere potui ut 
mca causa falsum in codicem referret. In Verrem II. 39 (§ 102): Si iis expensum 
non ferres neque in tuas tabulas ullum nomen referres. 



Daß das acceptum ferre übrigens keine andere Bedeutung 
als die einer einfachen Bucheintragung hatte, wird auch verschie- 
dentlich von klassischen Nichtjuristen behauptet.^) 

Acceptum ferre, der Name der Empfangseintragung, wurde 
auf den Verbalakt erst von den Juristen des ersten Jahrhun- 
derts V. Chr. angewandt. Ursprünglich hieß derselbe: acceptum 
facere. Gaius (3, 215) sagt von der ihm wörtlich bekannten lex 
Aquilia: capite secundo ad versus adstipulatorem , qui pecuniam 
in fraudem stipulatoris acceptam fecerit . . . actio constituitur. 

Als doppelsinnige Anwendung ist anzusehen bei Plautus 
Rudens 3, 5, 21: Ego te hodie faxo recte acceptum ut dignus 
es. Unzweifelhaft technisch richtig heißt es in der dem Aquili- 
schen Formular (bei Florentin D. 46, 4, 18 § i) verwandten 
Surrogatformel (s. u. S. 33; bei Ulpian D. 46, 4, 7): Sane et sie 
acceptilatio fieri potest accepta facis docem? . . . facio. Als 
sakralrechtlicher Zeuge darf Catull (36, 16) angesehen werden, 
bei dem es heißt: acceptum face 2) redditumque votum. Die 
Juristenschriften lassen das allmähliche Aufkommen des Aus- 
druckes acceptum ferre und die Verdrängung des acceptum 
facere deutlich verfolgen.3) 

Warum die Römer überall bei expensum nur ferre, beim 
acceptum aber referre 4) — noch einmal eintragen — gebrauchten, 
erklärt sich ungezwungen aus dem Buchungshergang: Wenn 
nämlich Geld hergeliehen wurde, so entstand hierbei der erst- 
malige Buchungsgrund. Der Betrag kam in den Kassenkodex, 
man hatte in diesem ein expensum ferre (und in der ratio 
debendi ein acceptum oder eine Belastung) zu buchen. Wurde 
aber der Betrag zurückgezahlt, so war die bereits einmal im 
Kodex wie in der ratio debendi stehende Buchung nochmals — 



^) Vgl. bei Erman, Zur Geschichte der röm. Quittungen etc.: Plinius Epist. 
6, 34 meruisti ut acceptum tibi fieret (munus) quod quo minus exhiberes non 
per te stetit. 

2) Vgl. Erman. 

3) Erman weist diese "Wandlung im Gebrauch des Ausdrucks ferre und facere 
aktenmäßig auf Grund einer die einschlägige Literatur enthaltenden Tabelle nach. 
Vgl. S. 27. 

4) Cicero ad Att. i, 14; in Verr. i, 14. 

6* 






«4 



Zweiter Teil 



darum acceptum referre - nur im umgekehrten Sinne vorzu- 
nehmen, um die ursprüngliche Lastschrift nun bei der Rückzahlung 
durch Gutschrift aufzuheben oder zu löschen. 

Übrigens findet man in der Literatur keine Einhelligkeit 
über die fragliche Terminologie: Während die einen Schriftsteller 
aus referre und ferre einen »juristischen« Unterschied der Handlung 
heraus zu konstruieren suchen, glauben andere hinter den Aus- 
drücken eine zeitliche Differenzierung in der Anwendungsweise 
fmden zu müssen. Wie wenig die Quellen über diese Begriffe 
klar sind, beweist u. a., daß Erb (Heidelberger Jahrb. 191 6 S 99) 
aus den Worten des Ascenius: expensum ferre est scribere te 
pecuniam dedisse, mit denen auf die Buchung des geldleihenden 
Gläubigers hingewiesen wird, den Sinn ableiten wiU, daß auch 
der das Darlehen empfangende Schuldner das expensum ferre 
gebraucht habe. Diese These wäre nur richtig, wenn gesagt 
worden wäre, daß der Schuldner auf der ratio des Gläubigers 
das expensum ferre auszuführen hatte, denn im Kassenkodex 
mußte er acceptum ferre buchen. 

Aus den Formeln der Bucheinträge ergaben sich für die 
darin verwendeten typischen Stich worte: ferre und referre wie 
expensum und acceptum eigentümliche terminologische Tatsachen 
Und zwar war die Sache wie folgt geordnet: Wenn der 
Gläubiger seinen Schuldner für eine diesem geleistete Zahlung 
zu belasten hatte, so gebrauchte er in seinem Kodex (Kassabuch) 
den Ausdruck: expensum fero. Bei der bezüglichen Belastung 
im Konto des Schuldners gebrauchte er den Ausdruck: ex- 
pensum refero (Ich übertrage die Ausgabe auf Soll). Der Schuld- 
ner, welcher die vom Gläubiger erhaltene Zahlung zu verein- 
nahmen hatte, buchte in seinem Kodex: acceptum fero, wogegen 
er dem Gläubiger hierfür Gutschrift erteilte unter dem Aus- 
druck: acceptum refero (Ich übertrage die Einnahme auf Haben) 
Allgemein aber wurde die Zahlungsleistung als expensum, der 
Zahlungs empfang als acceptum gebucht. Darum ist es 'vor- 
ausgesetzt, daß nicht der Codex rationum, sondern der Codex 
accepti et expensi d. h. der Kassenkodex gemeint ist, zwar 
zutreffend, wenn Voigt schreibt: expensa (i. e. quae Negidio 
expendi) N egidio fero = ich habe an Negid. gezahlt und buche 

^) Abhandlungen etc. S. 562. 



Terminologie und Buchungsformeln 



85 



als Kredit und dann weiter: expensa (i. e. quae Agerius mihi 
expendit) Agerio refero = Ager. hat mir gezahlt und ich buche 
als Debet; aber seine weitere Ausführung: der alte Römer 
habe seine Einnahmen als Zahlungsleistung des Gläubigers 
formuliert, während der moderne Kaufmann solche als Zah- 
lungsempfang vom Gläubiger bucht, wirft die Begriffe voll- 
ständig durcheinander: Wenn der alte Römer eine Ein- 
nahme hatte, so mußte diese, wie Voigt dies so ohne 
weiteres hinstellt, nicht gerade immer von einem Gläubiger her- 
rühren. Traf dies zu, so konnte die Einnahme nur als ein 
Darlehen zugeflossen sein, weil nur in einem solchen Falle als 
Zahler ein Gläubiger in Betracht kommen kann. Sonst und 
im allgemeinen werden Einzahlungen nur von Schuldnern geleistet. 
Dies war so im alten Rom wie heute noch in der modernen 
Welt. Außerdem ist der Satz: »Der alte Römer habe seine 
Einnahme als Zahlungsleistung des Gläubigers formuliert, während 
der moderne Kaufmann solche als Zahlungsempfang vom Gläubiger 
bucht«, nichts w^eiter als ein Spiel mit Worten, denn beides kommt 
auf eins heraus und ist begrifflijch dasselbe. 

Ebenso ist es zwar richtig, wenn Voigt w^eiter schreibt, daß 
das acceptum relatum, also refero, auf selten des Empfängers 
einen Debetposten und das acceptum latum, also fero, auf 
selten des Zahlers einen Kreditposten bedeutet. Aber sein 
Nachsatz, wonach die Ausgabe als Zahlungsempfang des Gläu- 
bigers formuliert worden sein soll, während der moderne Kauf- 
mann von einer Zahlungsleistung an den Gläubiger spricht, ist 
ebenfalls nichts weiter, denn eine zweifache Umschreibung ein 
und desselben Begriffs. 

Unter expensilatio verstand man den Kj-editposten (Gut- 
schrift) in der ratio der Gegenpartei (Gläubiger oder Schuldner), 
unter acceptilatio den Debetposten (Belastung) auf der ratio 
der Gegenpartei (Gläubiger oder Schuldner). Beide Buchungs- 
posten zusammengehalten bildeten die obligatio litterarum und 
lieferten vollen Beweis vor Gericht. 

Einnahme und Ausgabe, sowie Belastung und Gutschrift 
standen nach dem Gesagten wie folgt: 



86 



Zweiter Teil 



Das nomen facere 



87 






acceptum : 
= wirkliche Einnahme 

expensum : 
= wirkHche Ausgabe 
Nahm man Geld ein, 

(acceptum) 

Zahlte man Geld aus, 
(expensum) 



acceptilatio : 
= buchm. Belastung 

expensilatio 
= buchm. Gutschrift. 
so mußte die ratio des Zahlers 
Gutschrift erhalten: expensi- 
latio. 
so mußte die ratio des Empfän- 
gers belastet werden: accepti- 



latio. 
Demnach standen sich gegenüber; 



und 



der expensilatio im co- 
dex rationum 

(Personen-Konto, Haben) 

der acceptilatio in codex 
rationum 

(Personen-Konto, Soll). 



Das acceptum in der ratio 
pecuniae des codex accepti 
et expensi 

(Sach-Konto, Soll) 

das expensum in der ratio 
pecuniae des codex accepti 
et expensi 

(Sach-Konto, Haben) 

Die Buchungsgänge in Verbindung mit der expensilatio 
und acceptilatio hatten nur Geltung im Bereich größerer Betriebe, 
d. h. solcher Hausstände, die infolge ihrer Ausdehnung neben dem 
codex accepti et expensi auch einen codex rationum führen 
mußten. Wo diese Voraussetzung fehlte, da genügte der Kassen- 
kodex, und da mag schon die Einnahme als Rückempfang eines 
früher hergeliehenen Darlehens acceptilatio und die Rückzahlung 
eines früher empfangenen Darlehns expensilatio geheißen haben, 
während man die Buchung einer Einnahme, die aus einem Ver- 
kauf herrührte, schlechthin acceptum ferre und die Buchung einer 
Ausgabe, die für eine Anschaffung geschah, einfach expensum 
ferre nannte. 

Unter pecuniae extraordinariae verstanden die Römer die auf 
einem schimpflichen Grund beruhenden Buchforderungen, bei dem 
der Schuldgrund, die causa debendi, nicht im Kodex eingetragen 
wurde. Dazu gehörten einerseits die Einnahmen, die aus Be- 
stechungen und Erpressungen herrührten, und andererseits die 
Ausgaben, welche für Bestechungen und Erschleichungen von 
Ämtern und Würden erfolgten. 



Das nomen facere. 

Unter nomen verstand man den Buchposten^) und unter diesem 
Wort in Verbindung mit facere: buchen.^) Mit dem Ausdruck 
nomen facere wird fast durchweg in der Literatur zugleich die 
Form des Literalkontraktes verbunden. Nun aber gibt es eme 
ganze Anzahl deutlicher Stellen, worin das nomina facere aus- 
drücklich als ein Eintragen in den Kodex oder die tabulae 
bezeichnet ist, ohne jede Hindeutung auf eine besondere, außer- 
halb des Kodex liegende Urkunde.3) 

Ob die Buchungen nur im Kodex oder auch in den 
adversariae nomina hießen, ist nicht erwiesen. Jedenfalls hingen 
die Literalobligationen nur mit den nomina im Kodex zusammen, 
und zwar mußten dieselben der Zeitfolge nach aus den adversariae 
entnommen werden. Der Beweis hierfür ist in den Reden 
Ciceros für den Schauspieler Roscius erbracht, wo er dem Gegner 
Fannius den Vorwurf macht, daß er das in den Adversarien 
eingetragene nomen des Roscius nicht in den Kodex eni- 
geschrieben. vielmehr drei Jahre lang in den Adversarien 
stehen gelassen habe, während gleichwohl die übrigen Außen- 
stände desselben - also auch die späteren - im Kodex an der 
gehörigen Stelle gebucht seien.4) Dieses von der Zeitfolge der 
übrigen eingetragene nomina hergenommene Argument aber 
hätte keinen Sinn, keine Bedeutung, wenn man nicht zugeben 
wollte, daß die Reihenfolge der eingetragenen nomina überhaupt 
eine durchaus chronologische gewesen sei. Sonst hätte ja der 
Ausfall des nomen in der Mitte der Buchungen nicht wahrge- 
nommen und das triennio amplius in adversariis relinquere dem 
Fannius nicht zum Vorwurf gemacht werden können. Cicero 
hob daher hervor, daß ein solches Verfahren außergewöhnlich 



1) Moritz Voigt S. 537. 

2) H. Schüler, Die litterarum obligatio (Breslau 1842) schreibt: daß die nomina 
sich auf die Haus- und Wirtschaftsbücher beziehen, springt bei einer auch nur ober- 
flächlichen Betrachtung der Stelle in die Augen. 

3) Vgl. bei Savigny S. 213, Cic. in Verr. lib, I. Kap. 36 ib. K. 39. Cic. ad 
Att. 4, 18. Seneca de benef. üb. 3. c. 15; ebenso Schüler, Die litterarum obli- 
gatio S. 35. 

4) Cic. pro Rose. Com. In Heimbach, Die Lehre von dem Kreditum. Das litte ras 
facere, von dem Cicero in Verr. (2, 6, 4, 16) spricht, ist augenscheinlich identisch 
mit dem nomen facere. Siehe ferner ibid. V. 76, pro Fontejo c. i, bei Schüler S. 37- 



88 



Zweiter Teil 



sei und im konkreten Falle erst durch besondere Gründe gerecht- 
fertigt werden könne. In der Tat versuchte der Gegner solche 
Entschuldigungen dafür, daß er das nomen des Roscius drei 
Jahre lang und darüber ungebucht gelassen habe, vorzubringen. 
Solcher Entschuldigung aber hätte es jedenfalls nicht bedurft, 
wenn es dem Hausherrn freigestanden hätte, die nomina auch 
außer der Reihe zu buchen oder zu jeder Zeit nachzutragen. 
Ein solcher Nachtrag würde zu jeder Zeit möglich gewesen 
sein, wenn die Reihenfolge jener nomina im Kodex anders als 
chronologisch gewesen wäre.^) 

Als »nomina« bezeichnete man ursprünglich diejenigen No- 
tizen, welche durch expensilatio im codex accepti et expensi 
entstanden sind. Diesen Notizen gleichen die Eintragungen der 
Darlehen in die Acceptarubrik der Kalendarienratio. Hier wie 
dort erscheint außer der Aufzeichnung der Schuldsumme als 
expensum, und dem Tage, an welchem die Obligation kontrahiert 
wurde, auch der Name des Schuldners: Nomen debitoris Kaien- 
dario invenitur obnoxium.^) 

Die Rechtsgelehrten wundern sich oft, daß die Römers) den 
Ausdruck nomen sowohl in Verbindung mit der expensilatio wie 
acceptilatio brachten.4j Läßt man gelten, daß die Römer, wie 
höchst wahrscheinlich, unter nomen gemeinhin »Buchung« ver- 
standen, so ist es erklärlich, daß sowohl von einer Belastungs- 
buchung wie von einer Entlastungs- oder Gutschriftsbuchung 
gesprochen werden kann. 

Unter arcaria nomina verstand man speziell Kassabuchungen. 
Sie beruhten nach dem Zeugnis des Gaius auf der obligatorischen 
Numeration und bildeten im Gegensatz zu der Literal Obligation 
den Realvertrag. Das Wort arca bedeutete die Hauskasse, aus 
der nach römischer Gewohnheit die Zahlungen geleistet wurden.5) 

1) Diese Tatsache findet auch in dem Zeugnis des Pseudo-Asconius (per sin- 
gulos dies scribo) eine gewisse Bestätigung, welcher andeutet, daß die Anordnung 
des Hausbuchs in ihren Grundlagen auf den Kalendertagen beruhte. 

2) Hecht, Die röm. Kalendarienbücher, S. 2i. 

3) In den Verrinen des Cicero werden in der Tat nicht bloß die Expensilationen 
der Hausbücher, sondern auch die darin eingetragenen Acceptilationen, welche nach 
unsern Begriffen im ersteren Falle Gutschrift, im letztern Belastung bedeuten, nomina 
genannt. 

4) So Heimbach, Die Lehre von dem Creditum. 

5) Cic. Top. Kap. 3, Cic. pro Fonteio 2, § 3. 



Das nomen facere 



8q 



Es kamen aber auch nomina arcaria außer dem Gebiete 
der Hausbücher vor. Es war nämlich bei den römischen Ka- 
pitalisten Sitte, einen Teil ihrer Kapitalien Sklaven oder Frei- 
gelassenen zur Bewirtschaftung im Ausleihen zu übergeben, ohne 
daß diese Summen deshalb Pekulien (zur Verwaltung überlassenes 
Vermögen) der Sklaven wurden. Wer diese Negoziation zu 
besorgen hatte, hieß in der Kunstsprache der römischen Juristen 
Actor und hatte über die auf Zinsen ausgeliehenen Kapitalien 
und eingehenden Zinsen genau Buch und Rechnung zu führen. 
Die diesbezügliche Verwaltung nannte man Kalendarium, weil die 
Zinsen monatlich berechnet und erhoben wurden.^) Solche ins 
Kalendarium eingetragene Bardarlehen wurden arcaria nomina 
genannt.2) 

Häufig wurden über besondere Posten selbständige durch 
Stipulation bewirkte Urkunden ausgestellt, welche dann im alten 
Konto ausgeglichen und als besondere durch die formale Um- 
gestaltung der bisherigen Forderung (Novation) entstandene Posten 
gebucht wurden. Solche Buchungen nannte man nomina tran- 
scripticia.3) Bei ihnen handelte es sich um Übertragungen (von 
transcribere).4) Diese Umbuchungen konnten entweder a persona 
in personam oder a re in personam, d. h. mit oder ohne Perso- 
nalveränderung geschehen. Diese Erklärung wird wenigstens 
von Keller (Institutionen und Antiquitäten) gegeben. Wie 
man sich darunter die bezügliche Buchung zu erklären hat, 
wird keineswegs daraus verständlich.?) Wir sind geneigt anzu- 
nehmen, daß man unter der transcriptio a persona in personam 



1) Die Sitte wird erhärtet durch Seneca de beneficiis VII. 10 § 3, epist. 87, 
§ 6 L. 41. D. 12, I (de rebus creditio). 

2) L. 39 § 14 D. 26, 7. L. 88 pr. D. de legatis 2 (31). L. 41 § 6 
D, 32 (de legatis) L. 64 D. ibid. 

3) Vgl. bei Keller, Institutionen. Cic. in Verr. I. 36 und pro Q. Ros. 3. 
Cic. de Off. III. 14, 59; ad Fam. VII. 23, i. Schüler, lit. obl. S. 34 gibt für das 
nomen transcripticium die Erklärung, daß, wenn ein nomen verändert werden müßte, 
der Vertrag umgeschrieben, d. h. unter Anbringung der Veränderung von neuem in 
den Kodex eingetragen werden mußte. 

4) Schüler, de lit. obl. S. 34 behauptet, daß es sich dabei um Veränderungen 
des Literalkontrakts gehandelt hat. 

5) Kellers Beispiel, wie man sich den Vorgang der transcriptio zu denken hat, 
(S. 104, 105) ist unzutreffend, und unzutreffend ist seine Behauptung, daß das Kassa- 
buch die Geschichte unserer Ökonomie darstellt. 



)i 



90 



Zweiter Teil 



ZU verstehen hat die Übertragung einer Forderung an den 
Schuldner auf einen Gläubiger, um damit bei diesem eine Schuld 
zu tilgen. Wenn z. B. in die bei der Novatio zustande gekom- 
mene Urkunde ein Gläubiger eingewiesen wird, und dieser Gläu- 
biger im Kodex gegenüber dem expensum desjenigen Schuld- 
ners belastet wird, der durch die Urkunde verpflichtet ist, so 
haben wir eine transcriptio a persona in personam vor uns. Hier 
ein solches Umbuchungsbeispiel: Gesetztenfalls, unser Schuldner 
Titus und unser Gläubiger Gaius kämen bei der transcriptio in 
Betracht, so würden wir heute wie folgt buchen: 

Gaius (Soll) 

an Titus (Haben) 

Eine transcriptio a re in personam kann gedacht werden, 
wenn die beiden in Betracht kommenden Personenkonti sich 
nicht unmittelbar miteinander verrechnen, sondern wenn zunächst 
die Urkunde in ein Sachkonto als acceptum gegenüber dem ex- 
pensum des Schuldners gebucht und von dem Haben oder dem 
expensum dieses Sachkontos (a re) aus-, und den Gläubiger (in per- 
sonam) Soll oder acceptum seiner ratio ein gebucht wird. Wenn 
Schüler behauptet,^ daß es sich beim nomen transcripticium um eine 
durch Veränderungen im Literalkontrakt notwendig gewordene Um- 
schreibung des Vertrags und Neueintragung im Kodex handelte, 
so ist dies durch nichts erwiesen. Wie wenig die Juristen, die 
überall nur nach juristischen Begriffen, und nur nach diesen, 
suchten, selbst in der Beurteilung dieser Begriffe übereinstimmen, 
beweist, daß z. B. der römische Rechtsgelehrte Gajus in seinen 
Institutiones das nomen transcripticium überhaupt nur als den 
alleinigen Literalkontrakt gelten läßt, während andere darunter 
den Eintrag förmlicher Verträge in den Kodex verstanden.^) 
Wohin es führt, wenn kaufmännische und besonders buchhalterische 
Begriffe mit juristischem Maßstabe gemessen werden, beweist 
gerade die juristische Auffassung über das nomen facere. Nach 
dieser Lehret) ist unter nomen facere die Einschreibung der Ver- 
träge in den Kodex mit Unterzeichnung derselben durch die 



1) Schülei, die litterarum obligatio, S. 35. 

2) cf. Savigny a. a. O. S. 203; Gans, Scholien zum Gajus, S. 426. 

3) Schüler, die litterarum obligatio, S. 39. 



1 

I 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom. 



91 



Kontrahenten (formula solemnis^) zu verstehen. Daraus würde 
sich ergeben, daß Literalverträge nicht unter Abwesenden ge- 
schlossen werden konnten,^) es sei denn, daß auf Buchungen in 
solenner Form rücksichtlich auswärtiger Personen verzichtet 
werden mußte. Das läßt sich aber schlechterdings bei den um- 
fangreichen vermögensrechtHchen Beziehungen der Römer wohl 
nicht gut annehmen. 

Die Staatsbuchhaltung im alten Rom. 
Allgemeines. 
Die Staatsbedürfnisse Roms waren zu Anfang gering; ihnen 
konnte durch die einfachsten und natürlichsten Mittel abgeholfen 
werden. Denn eine Stadt mit einem Gebiete von ein paar Meilen im 
Umkreise, deren Bürger sich von Ackerbau notdürftig ernährten, 
konnte nicht viel Anlaß zu Ausgaben haben. Die nächsten Be- 
dürfnisse bestanden im Bau und Unterhalt von Tempeln und der 
dazu gehörigen Ländereien,3) in der Besoldung der Priester, in 
der Anschaffung von Altären und Statuen der Götter, in Aus- 
gaben für Opfer und Opfergeräte, kurzum in dem Aufwand für 
gottesdienstliche Anstalten. Denn die Römer, ein sehr religiöses 
Volk, suchten ihre Verehrung gegen die Götter besonders durch 
häufigen und feierlichen Gottesdienst zu beweisen. Hierher ge- 
hören auch die großen öffentlichen Schauspiele, sowie die öffent- 
lichen Gastmähler (epula). die zu Ehren der Götter veranstaltet 

wurden. 

Zu diesen Ausgaben traten die Bauten und die Unterhaltungs- 
kosten der Festungswerke. Die Stadt war mit einer Mauer umgeben. 
Die Hauptfestung war das Kapitol, wo alles, was dem Staat 



1) Die formula solemnis wird von Theophilus, der Professor der Rechte m 
Byzanz und einer der größten Rechtsgelehrten seiner Zeit war, beschrieben. 

2) Vgl. Schüler S. 39, der allerdings in seinem Schlußwort S. 96 sich wider- 
spricht, indem er hier ausführt, daß ein Abschließen des nomen (transcripticium) unter 
Abwesenden möglich gewesen sei. Auch auf S. 48 schreibt er diesbezüglich: Schrieb 
nun der sich Verpflichtende dem in dem Kodex des Berechtigten zu setzenden Ver- 
trage seinen Namen oder solenne Worte bei, so mußte auch Letzterer ihm den Kodex 
vorlegen, und daraus folgt, daß beide zugegen sein mußten und unter Abwesen- 
den ohne Hinzutritt eines Bevollmächtigten ein nomen sich nicht begründen ließ. 

3) Strabo XI. p. 809, die Ländereien bei dem sekularisierten Tempel von 
Romana wurde von 6000 Sklaven bebaut. Vgl. R. Bosse, Bd. L S. 205, 206. 



I ill 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom 



93 



92 



Zweiter Teil 



wichtie war. sodann die Archive und der Schatz aufbewahrt wur- 
ZTFern;r wurden alle öffentlichen Gebäude. Schausp.elplatze, 
Theater Wasserleitungen, Brücken, sowie das. was die Romer 
opera publica (öffentliche Werke) nannten, auf Staatskosten unter- 
haken Weitere Ausgaben des Staates bestanden in der An- 
schaffung der mtexta'oder des mit Purpur besetzten Gewande^^^ 
das die Konsuln bei feierlichen Anlässen trugen; ferner hatte 
der Staat das Silbergeschirr, dessen die Konsuln -^ -^ere 
öffentliche Beamte sich bei öffentlichen Gastmahlern und be^ 
Bewirtung fremder Gesandten bedienten, ebenso f^ Zelte und 
fhr: Ausn^stung (Feldequipage) f Ur die Konsuln -d d.e Prok«. 
suln wenn diese Beamte das Kommando m emem Kriege über 
nahm n, anzuschaffen.) Für die Armee brauchte der Staat njch 
weiter zu sorgen, weil jeder Bürger sich selbst seine Waffen 
:SL und für'seine Lebensmittel während des FeMzuges^^ J^ 
niußte.3) Dies konnte er auch l^^^t, weil damals der Kriegs 
Schauplatz sich auf wenige Meilen beschränkte -^ d'e f el^^^^^^^^^ 
selten länger als einen Monat dauerten.4) Zur Bestreitung der 
g esdienftlichen Anstalten wurden die Einkünfte aus best.— 
Itaatsländereien (agri diis consecrati et temphs -"^'^u^ - 
wendet Schwache Ansätze von Steuerauflagen. soNVie Kriegs 
« Strafgelder und die Tribute eroberter Länder deckten 
die sonstigen Bedürfnisse. 

Als im Tahre 348 nach Erbauung der Stadt eine stehende 
Armef mir /estem Truppensold eingeführt -r^e,, da beg n 
Roms Finanzwesen gewaltig an Umfang zuzunehmen, seine A er 
waltung verwickelter zu werden. 

Zu diesen Zeiten hielt Rom etwa vier in der Folge bis 
zwanzig Legionen zu 4000 Mann Fußvolk. In späteren Zeiten 
zir die f egion 6000 Mann. Der täghche Sold (Stipendium) 

^H. Hogewisch, Histor. Versuch über die rOm. Finanzen. Altena .804 

: Bn L"r,pi t:'die HauplnaUmn, des ra.ischen Bürgers Dieser 
„ahn, gl^LSl:: VorL an Meh. mr .5 Tage n,i.. den er in einem ledernen 

'- tirrrtosirr;^. J?r:t L?. na. ... .0000 p.. 

^°'^- ,r~o "I Z 'ZTT'. M-:: von KO. en.ern.n S.ai Veji .. 
Ver.anlassung, einen diesbezüglichen Beschluß zu fassen. Hegewsch. S. 40. 



eines Infanteristen ist auf zwei Obolen = zehn römische Asse 
an^eeeben. Demnach kosteten schon vier Legionen zu 4000 Mann 
Fußvolk und 300 Reiter dem Staate täglich an Sold 5634 Drach- 
men was ungefähr einem Betrage von 35" M. und pro Jahr 
einem solchen von etwa i 285 530 M. entsprochen haben mag. 
Dies war aber nur der Anfang. Bald wuchsen mit der Zunahme 
der eroberten Provinzen') die Ausgaben für die Armee in 
immer größeren Verhältnissen und mit ihnen zugleich alle andern 
Staatsbedürfnisse. Da konnte nur eine feste und ergiebig 
fließende EinnahmequeUe helfen. Sie wurde gefunden in dem 
Erlaß einer Steuerverfassung, welche auch zunächst Anlaß zu 
einer regelmäßigen öffentlichen Kassenbuchhaltung gegeben 
haben wird. Die Steuer Verfassung beruhte auf dem Zensus, 
d h. auf der Schätzung der römischen Bürger nach ihrem Ver- 
mögen, die alle 5 Jahre durch die Konsuln, später durch die Zen 
soren vorgenommen wurde.^) Das Steuerjahr begann jeweils am 
: September und hieß Indictio.3) Eingeführt wurde der Zensus 
durch Servius TuUius, der die Anordnung traf, daß alle Burger 
in der Stadt und auf dem Lande ihr Vermögen, die Anzahl der 
Kinder. Sklaven usw. unter Eid angeben mußten, worauf unter 
Zugrundelegung dieser Angaben die Einteilung der Bürger in 
fünf Klassen, die wieder in Zenturien4) zerfielen, vor sich ging. 
Aufgabe des Zensus war, den wahren Stand der Einschätzungs- 
pflichtigen zu ermitteln. Die Feststellung des steuerpfhchtigen 
Vermögens diente als Grundlage für die Auflage des tnbutum. 



>) So wurden nacheinander -\gypten, Gallien, Griechenland, Asien, Mazedonien, 
Spanien Afrika mit dem stolzen Karthago, Sizilien und Sardinien erobert^ Sc,p,o 
der Jüngere weinte auf den Trümmern des zerstörten Karthago, weil er m dessen 
Sturz den Sturz .seines Vaterlandes ahnte. R. Bosse, S. 239. 

=) Mommsen, St.-R. III. 493; Varro de L. L. VI. 87; Lw. XXXIX. 44. 2. 

Marquardt, St.-V. I» 180. 

31 C T. 1, n, de annon. 10, 16 in Humbert t. II. p. 347- 
4 Bei den Römern im allgemeinen jede Abteilung von hundert Dingen oder 
Personen; so bei Truppen von .00 Soldaten, über die ein Befehlsi^ber (Zentuno) 
Isetz. W-. Gleichermaßen war das gesamte römische Volk bei der Emteüung nach 
dem Vermögen in .93 Ordnungen oder Zenturien eingeteilt. Die Vennögenden bil- 
deten für sich .68 Zenturien. darunter 84 centuriae juniorum (d. i. die jüngere zum 
eigentlichen Felddienst verpflichtete Mannschaft) und 84 centuriae semorum (d. s^ 
Ttere Männer von 46 Jahren an, als Landwehr). Jede Zenturie hatte .n den danach 
abgeteilten Volksversammlungen eine Stimme. 



94 



Zweiter Teil 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom 



95 



In der Königszeit und in der altern Zeit der Republik fand die 
Abschätzung ausschließlich nach der Größe des Grundbesitzes 
statt. Erst der Zensor Appius Claudius führte eine Berechnung 
des gesamten Vermögens in Geld ein. Zum Zwecke der Ab- 
stufung wurden fünf Klassen Steuerpflichtiger gebildet: Die erste 
Klasse umfaßte allein in 80 Zenturien diejenigen, deren Vermögen 
wenigstens 100 000 Asse (= etwa 7000 M.) betrug. Für die 
zweite, dritte und vierte Klasse mit je 20 Zenturien wurden 
75000, 50000 und 25000, und für die fünfte Klasse mit 28 Zen- 
turien wurden 12000 Asse Vermögen gefordert.*) 

Analog der hauptstädtischen Schätzung der römischen 
Bürger ist auch in den übrigen Städten des italienischen Staaten- 
bundes und in den römischen Munizipien die Schätzung vor den 
heimischen Munizipalbehörden durchgeführt worden.^) Die Ordnung, 
in welcher die Erklärungen vor dem Zensor abgegeben wurden, 
war fest. Jeder folgende Zensor knüpfte an den vorhergehenden 
an und berichtigte und ergänzte seine Listen.3) 



1) Dionys, XIX. 16; Cic. de leg. III. 7; Liv. IV. 8, 2 usw. in Paulys 
Real-Encyclopädie. 

2) Liv. XXIX. 37, 7; Liv. XXXVIIL 28, 4. 36, 5; Cic. pro Mil. 23. 

3) Literatur über den Gegenstand und über römische Finanzverwaltung im all- 
gemeinen siehe bei G. Humbert, Essai, tome i ; Walter, Geschichte des römischen 
Rechts, 3. Aufl. Bonn 1860. Burmann, Vectigalia populi Romani, Leidiae 1734. 
Sigonius, De antiquo jure populi Romani, Bononiae 1574. J. Marquaidt, Handbuch 
der römischen Altertümer, 3 Bde. III. Aufl. Berhn 1876 — 1879. Ferd. Walter, 
Geschichte des röm. Rechts, III. Aufl. Bonn 1869. T. Mominsen, Römisches Staats- 
recht, Leipzig, IL Aufl. 1876 — 1877. Hegewisch, Historischer Versuch über die 
römischen Finanzen, Altona. M. Bosse, Grundzüge des Finanzwesens im römischen 
Staate, Braunschweig 1804. Folkert von Henkelom, De aerario Romano, Batav. 1820. 
Lud. Guarini, La Finanza del populo romano, Napol 1 84 1 . M. Bachofen, Die Grund- 
züge der Steuerverfassung des römischen Staates, Bern 1863. Haenel, Corpus legum 
ab imperatoribus Romanis ante Justinianum latarum, Leipzig 1857. Rudorff, römische 
Rechtsgeschichtc, Leipzig 1859 — 1860. Savigny, Geschichte des römischen Rechts 
im Mittelalter. 2. Aufl. 1834 — 1851. Boecking, Notitia dignitatum et administr. 
omnium tarn civil, quam militar. in partibus Orientis et Occidentis, Bonnae 1853 
3 Bde. Bethmann-Hollwcg, Der römische Zivilprozefi, 2. Aufl., Bonn 1864 — 1866, 
Laboulaye, Essai sur les lois criminelles des Romains, Paris 1845. Puchta, Cursus 
institutionum. Zeller, Les Empereurs romains, 4 Edit. Paris 1876. A. W. Zumpt, 
Kriminalrecht der Römer, IL Aufl. V. Rein, Privatrecht. Bouchard, Etüde sur les 
finances. Hegel, Städteverfassung. Bruns, Fontes juris Rom. ant., Friburgi 1879, 



Abgehalten wurde der Zensus in drei verschiedenen Amts- 
lokalen: in der villa pubUca auf dem Marsfelde (Liv. IV. 22 
zum I. 435; Varro d. r. r. III. 2. 4), ferner auf dem aedes Nympharum 
ebenfalls auf dem Marsfelde (Cic. pro Mil. 73; Ephem. epigr. I 
p. 35) und endlich auf dem atrium Libertatis (Liv. XLTII. 631).^) 
Der Zensus (populi lex Julia) wurde unter freiem Himmel ab- 
gehalten.2) Der Beamtenapparat war ein sehr umfangreicher. 
Ladung und Schätzung der Zensiten, ebenso die Befreiung vom 
Zensus war gesetzlich geregelt. Die Angaben vor dem Zensor 
erfolgten unter Eid.3) Der Zensus fiel in die Kompetenz des 
Kaisers, und unabhängig von dem hauptstädtischen Zensus er- 
scheint die Schätzung in den Provinzen. Soweit bekannt, wurde 
der Zensus zum erstenmale jenen zwölf latinischen Kolonien 
im Jahre 204 aufgezwungen, die die übergroße Kriegslast weiter 
zu tragen sich geweigert hatten.^) Nach Abschluß aller durch 
die Aufgaben des Zensus gebotenen Arbeiten wurde der feierliche 
religiöse Akt der lustratio (Lustrum) vorgenommen. Seine Voll- 
ziehung war für die Rechtsgültigkeit aller Akte des Zensus 
unbedingte Voraussetzung.5) Seitdem Kaiser Vespasianus in 
Gemeinschaft mit seinem Sohne Titus das letztemal das Amt 
eines Zensors in der alten republikanischen Form aktiviert 
hat, ist wohl nie mehr ein allgemeiner Bürgerzensus abgehalten 

worden.^) 

Die Erhebung der Steuer und ihre Verwendung sowie das 
sonstige staatliche Rechnungswesen machte eine Reihe buch- 
halterischer Maßregeln sowie die Anlage einer Anzahl von 
Tafeln uud Rollen und später von Büchern erforderHch. Zum 



4. Aufl. Huschke, Zensus der römischen Kaiserzeit. v. Savigny, Verm. Schriften. 
Cagnat, Etudes historiques sur les impots indirectes chez les Romains, Paris 1882. 
Vigie, Les douanes dans l'empire romains, Paris 1884. Hirschfeld, Untersuchungen, 
Berlin 1877. Heisterberg, Name und Begriff des Jus Italicum, Tübingen 1885. 
A. de Broglie, l'Eglise et l'Empire romain, en IV^ Siede, 6. edit. Paris 1883. 

1) Paulys Real-Encyclopädie der klassischen Altertumswissenschaften, III. Bd. 

p. 1914. 

2) Dionys, XIX. 16; Varro VI. 87. 

3) Dionys, IV. 15; Gell, IV. 20, 3; Liv. XXIX. 15, XLIIL 14, 5. Lex 
Julia mun in Paulys Encyclopädie. 

4) Paulys Real-Encyclopädie, III. Bd. p. 1922. 

5) Mommsen, St.-R. II 3 412; Dio LIV. 28; Liv. I. 44 in Pauly S. 1918- 

6) Paulys Real-Encyclopädie, Bd. III. 



m 



96 



Zweiter Teil 



Vorbilde für die römische Staatsbuchhaltung dienten anfänglich 
irdSbe^Uglichen Einrichtungen der Griechen. Biese uhjten 
ihre öffentlichen Bücher mit solcher Genau.gkea, daß J^d« ^^ 
stoß eines Rechnungsführers, ja eine bloße ^-msel gke. d.e 
Unfähigkeit des Betreffenden zu ferneren Amtern, and sogar 
1 cStt deminutio (a.,««) d. i. diejenige Verminderung der 
Rechufähigkei, welche nach römischem Recht durch den Veriu^ 
des BürgeLchts (Zivität,, der Familie oder der tre.heit h^vor- 
tebracht wurde, herbeiführte.') Wie die gesamte römische I-manz- 
Slhrung, so bildete auch die öffentliche Buchhaltung der Städte 
5nd der H;uptstadt einen wesentlichen Bestandteil der öffenthchen 
Einrichtungen.^) 

Verwaltung. 
Den Mittelpunkt der römischen Staatsbuchhaltung bildeten die 
Schatzämter, de^en jede Stadt eines hatte, ^^^^^^f^^^^^^ 
sich die Zentralstelle, das Finanzamt. Zur Zeit des Königtums 
Weßen die Vorsteher der Ämter Quaestoren, ihnen übergeordnet 
wiren in den auswärtigen Städten die Prokonsuln, m Rom 
Ist war clies ein Konsul. Die beiden Magistratspersonen. 
:the speziell den Zensus ^^^so^^ ^ten. h.^^^^^^^^^ 

^tr Hnlrzwlt im r^^meten^^ne der Senat W^e 
Wichtigkeit der Verwaltung des Schatzamtes beigemessen wurde 
Jeht daLs hervor, daß Konstantin dem Prokurator a ratiomb^s 

Lmma rei. den Titel Com es S. ^^^^^T^^LZ^ 
welcher dem Range nach über dem Minister ^^r r 
(comes rei privatae) stand und die Bezeichnung lUustns erhielt. ) 
^ Das römische Staatsrecht geht von der ^^^''^^^'L^s 
das macristratliche Recht enthält im wesentlichen das Staats 
"jeder der bei den Römern republikanischer Zeit vom 

" . • • uwni Grnpcorum etc. Schoenemann, Greifswald 1838, 

I) Antiquitates juris publici (jraecorum 

bei Schüler S. 6. ,, , .;^„^« Verrinae^ sowie seine Briefe, in 

4) Schüler -Voigt, Die romischen Staats-, Jvnegs 
lingcn 1887. 






Die Staatsbuchhaltung im alten Rom 



97 



Volke mit einem politischen Amte betraut wurde, hieß magistratus 
und die ihm übertragene Macht potestas. Die Dauer der Amts- 
führung war bei allen Magistraten auf ein Jahr beschränkt, nur 
bei den Zensoren betrug sie anderthalb Jahre. Besoldungen der 
Magistrate gab es nicht, dagegen genossen sie verschiedene 
Ehrenrechte, und der Staat sorgte dafür, daß der Magistrat mit 
dem gebührenden Glanz ausgestattet wurde. Pro raagistratu 
ist jeder, der ohne Magistrat zu sein, doch berechtigt ist. 
magistratliche Funktionen auszuüben. Die ^Magistrate zerfallen 
nach ihrer Ständigkeit in: ständige Jahresämter (Konsulat, 
Prätur, Adilität, Ouästur) oder in ordentliche, unständige Ämter 
(Diktatur, Konsulartribunat, Zensur) oder in außerordentliche, 
jedesmal durch besonderes Gesetz konstituierte Ämter (Dezemvirat, 
Triumvirat, Landkommissionen).^) 

Sämtliche Kassenbeamte, auch die der Kaiserlichen Kriegs- 
kasse, waren bis auf Hadrian Freigelassene und Sklaven mit dem 
Titel a rationibus, später Ritter, welche den Titel procuratores a 
rationibus, im 3. Jahrhundert rationales führten. Die untern 
Kassenbeamten erhielten ihre Dienste mit Naturalleistungen 
(annona), welche in Geld umgerechnet wurden, bezahlt. Die Um- 
rechnung waren sie gehalten, für sich gelten zu lassen.-) Zu 
den Kassenbeamten traten die Diener (apparitores) , das Expe- 
ditionspersonal (scribae), die Boten oder Ausläufer (viatcres) und 
die Ausrufer (praecones). 

Die ersten Schatzmeister oder Hauptrendanten hatten ihre 
Bureaux auf dem Forum im Tempel des Saturnus,3) zur Seite 
der großen Archive (tabularium), woselbst zugleich die Schatz- 
schreiber und sonstigen untergeordneten Organe ihres Amtes 
walteten.4) Hier war es auch, wo die Schatzregister (tabulae 
publicae) geführt und in den Gewölben die arca mit den Geldern 
und den öffentlichen Dokumenten (arca tabularum publicarum) 



1) Schiller -Voigt, Römische Altertümer. 

2) Constantin, De nmnerariis VIII. i. Otto Kariowa, i, 2 § loi p. 874 bei 

Humbert, Essai t. I. 

3) Cic, Phil I. 17, II. 35 templum Saturni et Opis. 

4) Plutarch, Publicola XII. Cicero, De legibus III. III. Bunsen, Beschreibung 
der Stadt Rom I. p. 40, 48, vgl. G. Humbert t. I. Essai. 

Beigcl, Rechnungswesen. ' 



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98 



Zweiter Teil 



aufbewahrt wurden. An gleicher Stelle muf'.ten die durch die 
Beamten kollationierten (lesetzestexte hinterlegt werden.^) 

Zu Anfang, d. h. unter dem Königreich, waren die Ein- 
n^ihmen und Ausgaben spärlich. Die Einnahmen aus dem ager 
publicus oder der vStaatsdomäne dienten teils zum Unterbeut des 
Hofstaates, zu einem andern Teil wurden daraus die Bedürfnisse 
des Kultus, der Ankauf von zur Verteilung bestimmtem Getreide, 
die Kosten für die r)ffentlichen Spiele (panis et circenses) gedeckt, 
während der Rest unter die Bürger verteilt wurde.^) Die di- 
rekte und proportionale Kapitalsteuer oder das tributum ex censu, 
welches durch Servius Tullius in seinem organischen Finanzgesetz 
durch die Kopfsteuer ersetzt wurde,3) ist immer nur ausnahms- 
weise und zwar als eine Kriegssteuer erhoben worden, die zu- 
weilen wieder zurückgezedilt wurde.4) 

Wie das in einem Königreich zu damaliger Zeit nicht anders 
sein konnte, hatte der König über die Einniihmen und Ausgaben 
das absolute Verfügungsrecht. Die ausübenden Beamten waren 
nur seine Diener. Das Volk und der Senat konnten auf die kö- 
ni^dichen Finanzen nur einen äußerst beschränkten Einfhiß aus- 
üben. Das Imperium oder das höchste Recht vereinigte alle 
Gewalt in den Händen des Königs. Nur Servius führte hierin eine 
einschneidende Änderung herbei, indem er durch das Volk das 
Gesetz über den Zensus und das Tribut sanktionieren ließ. Allein 
diese Neuerung wurde durch Tarquinius wieder beseitigt, und der 



I) Da nach Mommsen (2. Aufl. II. I. p. 534 ^'ote 2) die Edikte der Prä- 
toren auf einer ^vei^.getünchten Mauer angeschrieben wurden, so kann nach ihm 
von einer Aufbewahrung im Archiv keine Rede sein. Vgl.. Humbert, Essai tomc i. 
Indes wird wohl angenommen werden müssen, dali Edikte keine Gesetze waren. 

•-') Gustave Humbert, Essai sur les Finances et la comptabilite publique chez 
les Romains, tome premicr, p. 14. Paris 1886. In seinem zweibändigen, den vor- 
stehenden Titel führenden Werke beschreibt der Verfasser (Professeur honoraire ä la 
Eaculte de Droit de Toulouse, ancien Procureur gcneral pres la Cour des Comptes, 
Membre de Senat) ebenso geistreich wie präzis und übersichtlich das gesamte Finanz- 
Avesen der Römer, seine Organisation und Verwaltung, die Kompetenzen des Senats, 
der Zensoren, sowie der einzelnen Behörden. 

5) Tit. Liv. I. XLII. XLIV; Walter, Geschichte des röm. Rechts § 28, 29, 
32; Marciuardt, Röm. Vcrw. IL 2. Aufl. S. 162 ff.; Mommsen, Offentl. röm. Recht, 
II. S. 333; Huschke, Die Verfassung des Servius Tullius, S. 490. 

4) Tit. Liv. XXXIX. VII. IV. wonach eine solche Rückzahlung an das röm. 
Volk im Jahre 56; d. St. Rom und 187 v. Chr. stattgefunden hat. Vgl. Walter 
§ 180 Note 17 und Marquardt IL S. 164 Note 6 und 7. l>ei Humbert p. 90- 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom 



99 



Mißbrauch, den dieser griechisch-etruskische König mit den in- 
direkten Steuern und dem Frondienst getrieben hatte, war 
nicht in letzter Linie Schuld an dem Zusammenbruch des König- 
reichs.^) 

Erst unter der Republik bildete sich unter Beschränkung 
des Imperiums, das unter die Aufsicht und Verantwortlichkeit 
von zwei Konsuln gestellt war, unter dem Xamen aerarium po- 
puli^) die Verkörperung eines römischen Volksschatzes heraus, 
der durch den Senat beaufsichtigt und durch Quästoren ver- 
waltet wurde. Das Räderwerk dieser Verwaltung vervollkomm- 
nete sich mit den P'ortschritten der Republik immer mehr und 
mehr. Zu dem ungeteilten Erwerb Italiens und der Bildung 
der Provinzen wollte der alte Verwaltungsrahmen nicht mehr 
passen. Der Besitz der ungeheuren Domänen verlangte eine 
sichere Kontrolle, umsomehr als infolge der lauen Bestrafung 
grober Mißbräuche in den Provinzen und Magistraturen eine 
Korruption einriß), die nichts Gutes verhieß. Darum wurde den 
Konsuln die Oberaufsicht über das gesamte staatliche Kassen- 
wesen übertragen. Ihnen unterstanden unmittelbar die Quästoren, 
welche die ersteren bei jeder Geldentnahme zuzuziehen hatten.3) 
Sie hatten die Schlüssel zur Staatskasse und führten die Auf- 
sicht über das Geld, die Barren, die Feldzeichen der Gemeinde ,4) 
über die öffentlichen ITrkunden ,5) die Senatsbeschlüsse und 
seit 62 V. Chr. über die Gesetze. Dem Quästor lag die Eintreibung 
der Steuerforderungen ob, in gleicher Weise waren bei ihm die 
kontraktlich festgesetzten Pachtsummen zahlbar, während die Ab- 
gaben der Provinzen an den Statthalter abgeführt werden mußten, 
der sie dann mit dem Ärar zu verrechnen hatte; aerarium nannte 
man bei den Römern die Schatzkammer. Diese befand sich zu 
Rom im Tempel des Saturn und war geteilt in den gemeinen 
Schatz (aerarium populi), in welchen die regelmäßigen Abgaben 
flössen und aus dem die ordentlichen Ausgaben bestritten wurden, 
und in den geheimen Schatz (aerarium sanctum), der für äußerste 



1) Humbert, Essai sur les Finances etc. p. 15. 

2) Plutarch, Publicola XII., Walter § 58, 130, 179. T. Mommsen, IL I. 
p. 506, 5 10 ff. Labenlaye, Essai p. 27 ff. bei Humbert, tome I. 

3) Cic, De leg. 3, 6. 

4) Liv. 3, 69, 8. 

5) Cic, Verr. 3, 183 



m in 
i 



lOO 



Zweiter Teil 



Notfälle, wie z. B. bei einem Einfall der Gallier u. dgl., bestimmt war. 
Auch die Verwaltung' dieser Kassen lag" den Quästoren ob. In 
Erkenntnis der Notwendigkeit, ein stehendes Heer zu unterhalten,^) 
schuf AugTJStus eine neue Abteilung des Arariums durch das für 
militärische Zwecke bestimmte aerarium militare. Augustus war 
es ferner, der eine Pensionskasse für die römischen Veteranen 
gründete, die er mit einem Kapital von 170 Millionen Sesterzen 
ausstattete. Später überwies er der Kasse einen bestimmten 
Jahreszuschuß, den er in Form einer Erbschaftssteuer von dem 
Nachlaß sämtlicher römischen Bürger erhob. Den Quästoren lag 
ferner ob, die liquiden Strafgelder, die Kriegskontributionen 2) 
und den Teil der Kriegsbeute, welchen die siegreichen Feldherren 
abzuliefern hatten, beizutreiben. Das Zwangsmittel, welches den 
Beamten hierbei zur Verfügung stand, war die Handanlegung 
(maniis injectio), welche aber schon früh durch den Verkauf des 
Vermögens (sectio) des Schuldners ersetzt wurde.*) Streitfragen, 
welche in der .\rarverwaltung vorkamen, waren der Entscheidung 
der Quästoren unterstellt, gegen die nur die Anrufung der maior 
potestas oder des Senats zulässig war. 

Je nachdem die Zensiten ein zu versteuerndes Kapital an- 
gegeben hatten, setzte der Senat, nachdem das angegebene Ka- 
pital von Zensoren geprüft und in Rollen eingetragen war, 
eine mehr oder minder erhebliche Steuersumme fest, die, je nach 
dem Tribut, einfach, doppelt oder dreifach sein mußte und 
proportioneil zum Satze von i, 2 oder 3 von tausend Ass er- 
hoben wurde.4) Aui)erdem wurde von den verbündeten Städten 
ein Tribut eingezogen. Die besiegten Städte aber hatten so 
hohe Summen als Kriegsschatz zu zahlen, dalj dieselben häufig 
die Einnahmen aus den indirekten Steuern überstiegen. Diese 
flössen in den Geheimschatz, gleichermaßen wie die auf die be- 
freiten Sklaven gelegte Steuer, welche unter dem Namen vicesima 
manumissionum im Jahre 397 d. Stadt (oder 357 v. Chr.) auf Vor- 



1) Bei dem stehenden Heere hatten die Prätorianer 15 und die Legionäre 20 
Jahre zu verbleiben. 

2) Vgl. bei Schüler- Voigt S. 83. Liv. ^}, 42, 3, 4; 38, 60, 2. Dionys, 7, 63. 
Cic. ad fam. 2, l", 4. 

3) Liv. 4, 15, 8 bei Schüler -Voigt S. 83. 

4) Tit. Liv. XXIX.; Mommsen, Der röm. Tribus S. 28. Marquardt II. S. 160 
bei Humbert S. 96. 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom 



lOl 



schlag des Konsuls C. P. Manlius durch Volksbeschluß eingeführt 
wurde. Dieser Geheimschatz oder das aerarium sanctum enthielt 
im 6. Jahrhundert der Stadt Rom nicht weniger als 4000 römische 
Pfund Gold, was einem heutigen Gewicht \'on 1305 Kilogramm 
und 350 Gramm oder einem ungefähren Betrage von 4 T^lillionen 
Mark gleichkommt.^) 

]\Iit welcher Genauigkeit dies alles geschah, hat die Ent- 
deckung neuerer epigraphischer Dokumente, besonders der Gesetze 
der gegen Ende der Republik gegründeten Kolonie Julia 
Genetiva^) und der unter Domitian 82 uud 84 v. Chr. organisierten 
Munizipien von Malaca und vSalpensaS) gezeigt. Diese Dokumente 
haben ein unerwartetes Licht über die zum großen Teil der 
Organisation Roms entnommene Munizipialverwaltung verbreitet. 

Die im Jahre 3 1 1 der Stadt Rom oder 443 v. Chr. (nach 
Mommsen erst 435 v. Ch.) eingesetzten Zensoren waren die tat- 
sächlichen Einanzminister Roms. Es waren dies zwei Magistrats- 
personen, die zunächst den Zensus besorgten, sodann auch die 
Aufsicht über die Sitten führten und Bürger, die durch ihren 
Wandel Anstoß gegeben hatten, rügten und dementsprechend 
in ihren bürgerlichen Rechten und Ehren beschränkten. Das 
wichtigste Amt der Zensoren war, die Staatsländereien, Zölle und 
anderen Gefälle. Salinen und Bergwerke zu verpachten, öffentliche 
Bauten und Lieferungen für den Staat an den ]Mindestfordernden 
zu vergeben, die Ausführung solcher Kontrakte zu überwachen 



n Tit. Liv. XXVII. X. ; Plinius, bist. nat. XXXIII. ; Marquardt IL S. 23 ff. ; 
Dureau de la Malle, Econ. pol. des Rom. Lp. 290 et suiv; IL p. 369, 398, 402, 409, 
445, 451, 456; Mommsen, Röm. Münzwesen, S. 402; Walter, § 186. Varro, de re 
rust. IX.; Böckh, XXVII. I. § 8. 

2) Die betreffenden von Julius Cäsar herrührenden Gesetze sind auf Bronze- 
tafeln eingeschrieben, 1871 und 1874 teilweise in Ossuna aufgefunden worden. 
Der umfangreiche Text ist zuerst in Spanien, sodann in Berlin (Ephemeris epigra- 
phica IL und III.) und in Paris (durch C. Giraud, Les bronzes d'Ossuna 1874 und 
les nouveaux bronzes d'Ossuna 1877 und auszugsweise im Journal des Savantsj ver- 
öffentlicht worden. Vgl. Humbert, p. 12, 84, 85. 

3) Die Bronzedokumente sind im Jahre 1851 zu Malaga aufgefunden worden. 
Veröffentlicht w^urden die Texte zuerst in Spanien im Jahre 1853 (durch R. de Ber- 
langa in Malaga), in Deutschland (durch Mommsen, Die Stadtrechte der latin. Ge- 
meinden Salpensa und Malaca, Leipzig 1855; Zell, Leges municipales Salpensana et 
Malacitana, Heidelberg 1857; Dircksen, Abhandl. der Berl. Academie 1856; A. W. 
Zumpt, Studia Romana 1859, S. 269 — 322), sodann in Paris (in der Revue historique 
de droit franyais et etranger t. L annee 1855, vgl. G. Humbert, p. 12, 84, 85). 



102 



Zweiter Teil 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom 



lo^ 






und für die Instandhaltung der bestehenden öffentlichen Bauten 
und Anlagen zu sorgen.^) Die im ].aufe der Budgetperiode nicht 
aufgebrauchten Kredite verteilten die Zensoren unter sich, um sie 
zu neuen Arbeiten, zur Erbauung von Tempeln und Straßen, 
oder Errichtung von Ornamenten auf den Forums, oder zur Er- 
öffnung neuer Chausseen selbst in Italien zu verwenden. Sobald 
es sich aber um reine Gemeindearbeiten einer italienischen Stadt 
handelte, so war zu deren Ausführung, selbst bei Angebot einer 
Subvention seitens der beteiligten Gemeinde, ein Senatsbeschluß 
erforderlich.2) Die Zensoren durften weder (ielder aus der vStaats- 
kasse selbst auszahlen noch in Empfang nehmen, ohne sich eines 
verbotenen Aktes unregelmäßiger Buchführung schuldig zu machen. 
Dieses Verbot erstreckte sich zugleich auf alle andern Magistrats- 
personen einschließlich der Kassenbeamten. Öffentliche Gelder 
einzunehmen und auszugeben war einzig und allein den Tresor- 
beamten oder vSchatzmeistern gestattet.3) 

Das Amt der Zensoren (die Zensur) währte i8 Monate, 
vorbehaltlich einer Verlängerung, falls der öffentliche Dienst dies 
erheischte. In Abwesenheit oder Verhinderung der Zensoren 
hatten die Prätoren als Vertreter zu amtieren.-*) Da das Lustrum 5) 
nur alle fünf Jahre stattfand, folgten die Zensorenpaare nicht 
ununterbrochen, sondern durch 3^2 jährige Zwischenzeiten getrennt 
aufeinander. 

Die Würde eines Zensors galt mit der Zeit, obschon 
strenggenommen die Konsuln dem Range nach höher standen, 

Tit. Liv. IV., VIIL; XL, LXIII. bei Humbert, Essai p. 115. Vgl. de Boor, 
Fasti censorii, Berlin 1873. 

-) Marquardt, II. S. 86; Mommsen, II. I. S. 424, 427, 447. 

3) Mommsen, IL 2. Aufl. Bd. IL S. 426, 439, 441; Dig. XLVIIL, XIIL 
I, 2, 3 und 13, de peculatu. Vgl. Humbert, S. 42, 126. 

4) Mommsen, Offcntl. Recht, IL Aufl. Bd. IL S. 421 Note 2 und 3; Cicero, 
In Verrem I. L. ; Br. ad Atticum IV. L; Titus Livius XXXI. Vgl. Humbcrt, Essai. 

5) Von luere d. i. reinigen, sühnen, im alten Rom das feierliche Sühn- und 
Reinigimgsopfer, das nach Beendigung des Zensus (Schätzung des Vermögens der 
Bürger in je 5 Jahren einmal) durch einen der Zensoren im Namen des röm. Volkes 
dargebracht wurde. Die Opfertiere, ein Schwein (sus), ein Schaf (ovis) und ein Stier 
(taurus), daher die Benennung Suovetaurilia, wurden um das auf dem Marsfelde zen- 
turienweise versammelte Volk dreimal herumgeführt und dann geopfert. Dadurch 
glaubte man das Volk gereinigt oder entsühnt. Weil das Lustrum alle 5 Jahre 
wiederkehrte, wurde mit dem Wort lustrum auch ein fünfjähriger Zeitraum bezeichnet. 
Brockhaus, 14. Aufl. Ed. 11. 



für die ehrenvollste, wie sie denn auch erst nach dem Konsulat 
erreicht zu werden pflegte. Die Zensur wurde 443 v. Chr. 
im Zusammenhange mit der Einführung des Konsulartribunats 
v^on der konsularischen Amtsgewalt abgezweigt und als selb- 
ständiges Amt eingerichtet, das zunächst den Patriziern vor- 
behalten war, seit 350 aber auch den Plebejern eröffnet wurde.^) 
Die Tätigkeit der Zensoren als obere Verwaltungsbeamte 
im Finanzdienste beschränkte sich auf Rom, während nach der 
Provinz Konsuln oder Prokonsuln gesandt wurden, denen vom 
Senat, unabhängig von den den Ouästoren anvertrauten Geldern, 
Kredite mit der Befugnis eingeräumt wurden, die erforderlichen 
Ausgaben anzuordnen, Zahlungsanweisungen auf die Kasse aus- 
zufertigen 2) und die Kriegssteuer von den Untertanen oder den 
verbündeten Kontingenten einzufordern. 3) Reichten diese Ein- 
nahmequellen nicht aus, so mußten die Konsuln einen Ergän- 
zungskredit beanspruchen, ohne jedoch das Recht zu haben, über 
den Reserveschatz zu verfügen. Der Statthalter hatte die Zah- 
lungen an die Ouästoren anzuordnen, welche die Gelder in ihre 
Kassen und die Lieferungen in ihre ^lagazine zu vereinnahmen 
hatten. 



1) Brockhaus, 14. Aufl. Bd. 4; de Boor, Fasti censorii, Berlin 1873. 

2) Ein merkwürdiges Aktenstück dieser Art in Form eines Protokolls über 
einen mit einem Unternehmer im Jahre 649 der Stadt oder 105 v. Chr. durch die 
duoviri der Kolonie zu Puteoli in der Campagne abgeschlossenen Vertrag gibt inter- 
essanten Aufschluß über die Handhabung der römischen Kassengeschäfte. Der zu- 
erst im Jahre 1549 von G. Fabricius (Antiq. libri. II.) veröffentlichte und später 
wiederholt (so von Hauboldt [antiq. roman. monum. legal. W. 7], von Egger, [Latinii 
sermonis vetustioris reliquiae W. XXXII. S. 248, 249, Paris 1843] und von 
Mommsen [Inser. Neapol. W. 2428 und von ihm erklärt in Corpus inscrip. lat. I. 
W. 577]) abgedruckte Text, welcher der Typus der leges censoriae der Hauptstadt 
gewesen zu sein scheint, zeigt, daß die Arbeiten geprüft und von den den Vertrag 
abschließenden Zensoren abgenommen werden mußten. Man nannte diese Abnahme: 
probare opus, probatio operis (Tit. Liv. XLV., XV.) , acceptum referre (Cicero, In 
Verr. I. LVII.). Das Julianische Gesetz De repetundis verhängte über alle Magistrats- 
personen, welche die Abnahme über nicht vollendete oder nicht verifizierte Arbeiten aus- 
sprachen, die Strafen der Erpressung (Dig. XLVIII, XI. 7, § 2). Mommsen (II. 
Bd. I. S. 448 Note 2) erklärt, wie die Abnahme des Tempels des Castor im Jahre 
680 d. Stadt durch die Konsuln sich vollzog. War die Abnahme vollzogen, so 
wurde dem Unternehmer ein Mandat (Zahlungsanweisung) auf die Kasse der Quästoren 
über den noch zu erhebenden Saldo ausgehändigt. Vgl. G. Humbert, Essai etc. p. 41 
und 122, 123. 

3) Plutarch, Cato major VI.; Tiberius Gracchus XIII. ; Cic, In Pisonem II. 



l!ii 



104 



Zweiter Teil 



Den Quästoren war es gestattet, während ihrer Amtszeit 
an den Senatssitzungen teilzunehmen. Sie hatten beratende 
Stimme und konnten an den Diskussionen, die sich an den von 
den Konsuhl und Prokonsuln \erlangten Ergänzungskrediten oder 
an den von den Zensoren nachgesuchten Kredit des Quinquen- 
nals knüpften, teilnehmen. Der spezielle Dienstkreis der ( )uästoren 
sowie ihre Kenntnisse der Kassenverhältnisse des Schatzamtes 
sicherten dem Senat die notwendigen Informcitionen über den 
Umfang und die Zweckmäßigkeit der vorgeschlagenen Kredite. 
Der Wichtigkeit dieser Beamten entsprach es, daß dieselben seit 
dem Gesetz von Sulla über die Quästoren bei eintretender Va- 
kanz von Rechtswegen zu Senatoren erhoben wurden.^) 

Bei der Vermehrung der Quästoren wurde jedoch das 
Quästorenamt auch jungen Leuten, die in die Verwaltung ein- 
traten, anvertraut, die von nichts weniger als von Pflichtgefühl und 
von dem nötigen Ernst in der Auffassung und Anwendung der 
Verordnungen ihres Amtes erfüllt waren. Die Eolge war, daß 
dieselben ganz von der Gnade ihrer mit der praktischen Buch- 
führung durchaus vertrauten Schatzschreibern abhingen, desto 
mehr aber sich der Korruption geneigt zeigten.^) Die Geschichte 
stellt wiederholte Eälle von Fälschungen und Kassendiebstählen 
fest, begangen von solchen untreuen Beamten, sie brandmarkt 
aber auch andere Quästoren, welche unregelmäßige, nicht mit 
den gehörigen Belegen versehene Mandate zur Zahlung zu- 
ließen, oder die auf bloße Empfehlung einflußreicher Personen 
hin Anweisungen an Schatzgläubiger verabfolgten.3) Cato räumte 

1) Tacitus, Annales XI. XXII.; Dio Cassius, LH. LIII.; Cicero in Verrem 
IL; Walter, Gesdiichte § 130, Note 33; T. Mommsen, 2. Aufl. I. 440, bei G. Hum- 
bert p. 145. 

2) Siehe bei Humbert in Note 154. Plutardi, Cato minor. XVI., XVIL, 
XVIII.; Festus, V"^ Scribae p. 333, Ausg. Müller; Becker, IL IL p. 357ff; Mommsen, 
Öffentl. röm. Recht I. 2. Aufl. p. 28;, 320. 

3) Cicero, Pro Murena XX. XL.; de natura deorum IIL XXX.; Plutarch, 
Cato minor XVIII. 

4) Mommsen, 2. Aufl. IL I. p. 541, Öffentl. rom. Recht. Cicero p. Font. 
IIL IV. erwähnt einen Fall, wo ein Gläubiger eine Reihe von Reklamationen an- 
bringen mußte, bis er endlich Zahlung erhalten konnte. 

5) Cato durchstrich eine bereits durch seinen Kollegen Marcellus gebuchte 
Zahlungsanweisung und lehnte die Auszahlung einer von einem Konsul herrührenden 
Verfügung ab, bis die Konsuln durch Eid die Echtheit des ÄLmdats bekräftigten. 
Plutarch, Cato minor. XVIL 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom. 



10: 



mit diesen Unregelmäßigkeiten gründUch auf. Untreue Beamte 
enthob er nicht nur ihres Amtes, sondern er forderte sie vor das 
Schwurgericht. Er ließ eine genaue Revision der von den sub- 
alternen Beamten vollständig vernachlässigten Register vornehmen. 
Er stellte bei seinem Amtsantritt fest, daß alte Schulden noch 
offen standen und längst verfallene Forderungen noch unbeglichen 
waren. Auf der Stelle ließ er alle diese »notleidenden^ Konti 
durchsehen und regulieren. Den Mißbrauch von Gunstbezeugungen 
bei Leistung von Quittungen oder Betätigung von Zahlungen 
verbannte er vollständig cius den Bureaux seiner Verwaltung.^) 

Ob die aus dem Amte ausgeschiedenen Quästoren ihren 
Nachfolgern den Kassenbestand, die Bücher, kurzum den Dienst 
förmlich übergeben haben, ist wohl anzunehmen, aber nirgends 
erwähnt, ebensowenig wie etwas in der Literatur darüber zu 
finden ist, ob diejenigen Quästoren, welche in den Senat ein- 
traten, verpflichtet waren, über ihre letzt verflossene Amtsperiode 
Rechnung zu legen, obschon vermutet werden darf, daß diese 
Pflicht der Rechnungslegung bestanden hat. Tatsache ist nur, 
daß die bei den Prokonsuln in den Provinzen bestellten Quästoren 
ihren Rechnungsabschluß des Verwaltungsjahres gleichmäßig mit 
der A'erwaltungsrechnung der Statthalter auf stellten. 2) Das ge- 
samte ]Vlaterial wurde alsdann nebst den Abschlüssen des zentralen 
Schatzamtes dem Senat zur Prüfung eingereicht. JuHus Cäsar 
schrieb selbst in einem Gesetz über die Verwaltung der Pro- 
vinzen eine Erstellung der Rechnungsabschlüsse in dreifacher 
Ausfertigung vor, von der zwei Exemplare in den zwei haupt- 
sächlichsten Städten der Provinz und ein Exemplar auf dem 
Schatzamt selbst niederzulegen waren, um einerseits dem Statt- 
halter und dem neu in sein Amt eintretenden Quästor als In- 
formation und andererseits dem Senat als Kontrolle zu dienen.3) 

Die Kassenbuchführung. 
Es ist strittig, ob es zur Zeit der Repubhk ein vollständiges, 
einheitlich geregeltes und alljährlich vom Senat beschlossenes 

») Plutarch, Cato minor. XVIII, bei Humbert, Essai p. 60 und 148. 

^) Lex Acilia repetundarum ; Tit. Liv. XXIV, bei Humbert p. 148. 

3) Walter, § 248; Marquardt, I. p. 385; Zumpt, Kriminalrecht IL p. 78, 84, 
294, 320, 336, 348; Mommsen, Öffentl. Recht IL Aufl. L 677 ff.; Dio Cassius, 
XXXIX.; lex Julia, de repetundis pecuniis im Jahre 710 der Stadt oder 59 v. Chr. 
Vgl. Humbert S. 149. 






io6 



Zweiter Teil 



Budget gegeben hat.^) Dagegen wird als wahrscheinlich 
angenommen, daß es einen Plaushaltsetat für die normalen Ein- 
nahmen gegeben hat und daß diesem parallel ein Haushaltsetat 
für die normalen Ausgaben mit fünfjähriger Zeitdauer festgelegt 
wurde. Der Senat eröffnete zu diesem Behuf den Zensoren 
einen Kredit^) zur Hälfte und zuweilen im Gesamtbetrage der 
einzunehmenden Jahressteuer (vectigal annuum), den diese unter 
ihrer persönlichen Verantwortung zur Bestreitung der Verwaltungs- 
kosten, zum Unterhalt der öffentlichen Gebäude, zur Bezahlung 
von Gläubigern aus Verträgen mit dem Staat und besonders 
für die öffentlichen Arbeiten aufzuwenden hatten.3) Aus solchen 
Krediten wurde auch der Unterhalt und die Löhnung der im 
Dienste des Magistrats stehenden Sklaven bestritten.4) Außerdem 
war es ein alter Brauch, der dem Magistrat erlaubte, über bestimmte 
Summen aus den ihm für die Volksspiele zugewiesenen Subventio- 
nen oder aus Strafen, die er innerhalb seiner Jurisdiktion verhängte 
und die ihm zuflössen, im Interesse des Staates zu verfügen. Un- 
veränderliche, durch den Kultusdienst bedingte, ein für alle mal 
festgestellte Ausgaben, wie Subventionen für gottesdienstliche 
Zwecke, für den Unterhalt heiliger Tiere u. dgl. brauchten nicht 
im Budget aufgenommen und vom Senat autorisiert zu werden. 
Die Vorliebe der Römer für eine möglichst übersichtliche 
Finanzgebahrung, sowie ihre Abneigung gegen Vermehrung des 
Beamtentums gab Veranlassung, die vermittelnde Privattätigkeit 
in den Dienst der Finanzverwaltung treten zu lassen. So kam 
es, daß der Staat nach und nach alle seine zu verwickelten 
Manipulationen Anlaß gebenden Einkünfte in die Hände von 
Pächtern (publicani), die je nach Umständen eine Pauschalsumme 
zahlten oder empfingen und dann für ihre eigene Rechnung wirt- 

^) Marquardt bestreitet in seiner »Römischen Verwaltung«, daß es in der Zeit der 
Republik ein eigentliches Budget gegeben habe. Dagegen Laboulaye, Becker und Mommsen. 

^) Den Zensoren einen Kredit eröffnen nannte man pecuniam assignare vel 
attribuere. Tit. Liv. XXXIX., XL., XLIV.; Lex Julia n.unicipalis Liv. 42. 49; 
Mommsen, IL Aufl. S. 441, 442, 447; Walter § 184; vgl. bei Humbert S. 108. 

3) Mommsen, Öffcntl. Recht IL Aufl. Bd. 2 S. 429, 441, Note 2 und .S.446; 
Laboulaye, Essai S. 49, 59; Lange, I. 3. Aufl. § 84 S. 814 ff. Vgl. bei Humbert,' 
t. I S. 29, 107. Kuhn, Städtische Verfassung Roms Bd. I. S. 19. 

4) Nach Plinius und Cicero beliefen sich solche Kredite auf 35 bis 40 Mill. 
Vgl. Marquardt, Römische Staatsverwaltung, IL Aufl. Bd. IL S. 104, 312, und 
Hirschfeld, Untersuchungen S. 21, 23. 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom 



107 



schafteten, legte. Die Zensoren hatten namens der Republik die 
Verpachtungen zu besorgen. Sie Heßen vorher Kupfertafeln an 
öffentlichen Plätzen anschlagen, wodurch sie bekannt machten, 
welche Gegenstände verpachtet werden sollten, sowie unter welchen 
Bedingungen und an welchem Tage dies geschehen sollte. Diese, 
die Verpachtungsbedingungen enthaltenden Tafeln hießen tabulae 
oder leges censoriae. Die Handlung geschah auf dem Forum, dem 
großen Marktplatze zu Rom, wo ein Spieß (hasta) als Zeichen 
des Versammlungsplatzes zu diesem Geschäft aufgerichtet stand. 
Daher der Ausdruck sub hasta (unter dem vSpieß). Ein Präco 
setzte die zu verpachtenden Stücke nacheinander ein und schlug 
sie dem Meistbietenden zu. Einer der Ouästoren führte das 
Protokoll, welches der über hastarius genannt wurde. ^) 

Die Pächter waren meist Kapitalisten aus dem Ritterstande, 
welche sich zu Gesellschaften (societates) vereinigten. Jede solche 
Gesellschaft hatte einen Vor mann und Bürgen (manceps), der bei 
der Versteigerung das Gebot abgab und den Kontrakt mit dem 
Staate abschloß, die Kaution stellte und das Risiko übernahm. 
Die Geschäftsführung erfolgte in Rom durch den magister 
societatis, in den Provinzen durch promagistri.-) Die Pachtzeit 
war in der Republik vier, in der Kaiserzeit fünf Jahre. 
Die Pachtbedingungen stellte der Kontrakt (lex censoria) fest. 
Diese Pächter hielten ein zahlreiches Erhebungspersonal, meist 
unfreie Leute. Alle Einnahmen aus diesen Verpachtungen flössen 
in die Staatskasse (aerarium), welche auch alle Zahlungen teils 
direkt, teils durch Verrechnung leistete. Augustus trennte von 
dem Aerarium den kaiserHchen Fiskus. Die Verpachtung der 
Abgaben wurde zugunsten der direkten Erhebungsweise möglichst 
beschränkt; wo sie blieb, wie bei Akzisen, Weideland, Bergwerken 
und Salinen, erfolgte sie unter kaiserHcher Kontrolle; Rechnung 
darüber mußte in Rom bei den Steuerämtern gelegt werden. 
Unter den Obersteuerämtern gab es Unterämter, und aus dem 
kaiserhchen Rechnungshof (a rationibus) gingen im Laufe der 
Zeit mehrere selbständige Verwaltungen hervor.3) 



1) Hegewisch, Rom. Finanzen S. 97- 

2) Cic. Verr. 2, 182, ad Att. 11, 10, i. 

5) G. Humbert, Les douanes et les octrois chez les Rom. Recueil de l'Acad. 
de le<»islation : Toulouse 1867; F. Curtius, De contractibus procuratorum, Berlin 1872; 
Zachariae v. Lingenthal, Zur Kenntnis des römischen Steuervvesens in der Kaiserzeit, 



» 11 



n 



io8 



Zweiter Teil 



Die Städtische Einnchmerei bestand aus dem Quästor und 
den nötigen Schreibern, welche im Kassenkodex Einnahmen 
und Ausgaben zu buchen und detaillierte Quittungen zu erteilen 
hatten.^) Diese Quittungen wurden den zahlenden Personen 
nicht ausgefolgt, ohne vorher vom Quästor revidiert und bezüglich 
ihrer Übereinstimmung mit der Natur und der ilöhe der Schuld 
geprüft worden zu sein. Die hierfür maßgeblichen Unterlagen 
hatte der Tabularius, welcher zugleich die Archive zu überwachen 
hatte, zu liefern. In Steuersachen hieß der Einnehmer susceptor. 
Die Quittungen wurden hier von einem besonderen Beamten 
(annot^ator)^) ausgefertigt und in das Tabularium gebucht. 

Der Einnehmer hatte in bestimmten Zeitperioden bezüglich 
seiner Einnahmen dem städtischen Senat seine Register, tabulae, 
vorzulegen, welche auszuweisen hatten: Acceptum a Titio centum, 
wobei der Quittung zu erwähnen war, die er, der Einnehmer, 
oder sein Annotator in richtiger Form den Einzahlern, Steuer- 
pflichtigen oder Stadtschuldnern auszufolgen hatte. Andererseits 
unterbreitete der Einnehmer dem Senat ein Register oder die 
tabulae, den Abschluß dessen, was er ausbezahlt und auf Haben 
seines Kassenkodex gebucht hatte, wie etwa: Expensum Titio 
centum, wobei ebenfalls der Quittung zu erwähnen war, die er von 
dem Geldempfänger bzw. dem städtischen (iläubiger nebst vor- 
schriftsmäßigem Mandat verlangen mußte. Wahrscheinlich mußte 
der Kassierer die bezüglichen Quittungen durch den Stadtschreiber 
in dessen Tabularium einregistrieren lassen.3) 

Hatten die städtischen Magistratsbeamten keine besonderen 
Bureaux, so beschäftigten sie bei ihrer Amtsführung Privatgehilfen, 
die in ihrer Gesamtheit officia municipalia genannt wurden.4) 



St. Petersburg 1863. A. Ledrain, Des publicains et des societes vectigalium, Paris 
,876. Vgl. bei Schiller -Voigt, Die r.mi. Staats-, Kriegs- und Privataltertümer, 1887 

(S. 682 ff.) , „ . ^u- • r« 

1) Aristoteles erzählt im 2. Buche seiner Oeconomica, dali m Chics em Ge- 

setz bestanden habe, wonach alle Schulden der Regierung (und wohl auch alle For- 
derungen derselben) eingeschrieben werden mußten. Vgl. Schönemann, S. 213, 249. 

2) Cura annona nannte man die staatliche Fürsorge für die Versorgung der 
Hauptstadt mit Lebensmitteln. 

3) G. Humbert, Essai i. H. p. 226. ^ ^ t »• 

4) Bethmann-Hollweg, Zivilprozeli HL § .42 S. i6off. Sodann Cod. Justm. 
X. 69, de tabulariis, scribis, logographis et censualibus. Cod. Theod. \ HL 2, be. 
Humbert p. 2 2b. 



Die Staatsbuchhhaltung im alten Rom 



109 



Wie in der Zeit der Könige, so waren auch in der Kaiserzeit 
die Vorsteher oder Direktoren des städtischen Buchhaltungs- 
wesens meistenteils Sklaven.^) Später aber wurden diese durch 
Freigelassene ersetzt. Immerhin war ihr Dienst, mit Ausnahme 
desjenigen des Generalsekretärs, in verschiedenen griechischen 
Städten und solchen des Orients nur als ein untergeordneter und 
als bar jeden Charakters eines Ehrenamtes betrachtet.^) Nur 
wenn sie nach Ablauf einer bestimmten Zeit ihr Amt tadellos 
versorgt hatten, konnten sie dem Gerichtshof einkorporiert werden.3) 
Die Buchhalter wurden in den Städten des Ostens logographi 
und in den vStädten des Westens oder Abendlandes tabularii 
genannt. Der Logograph hatte die öffentlichen Rechnungen zu 
besorgen (rationum publicarum exceptor)-») und war schon in den 
Digesten?) genannt.^') Er fand sich aufgezählt unter den scribae 
et logographi civitatum.7) Überall aber spielte er eine ungleich 
wichtigere Rolle als die übrigen städtischen Beamten gleichen 
Ranges im Dienste der lokalen Finanzkontrolle sowie der Ein- 
gänge des Tributs.^') 

Wie die Quästoren der Hauptstadt, so hatten auch diejenigen 
der Provinz ihre (xehilfen und Schreiber. Die Schreiber des 
Schatzamtes waren keine einfachen Abschreiber, vielmehr erblickte 
man in ihnen Beamte, deren Amt mit einer erheblichen öffentlichen 
Verantw^ortung belastet war.'^) Die spezielle Buchhaltung des 
Schatzamtes hatten besondere vSekretäre zu besorgen, die ein 
Bureau für sich bildeten und mit dem Wechsel der Ouästoren 
nicht aus dem Amt zu scheiden brauchten. Ihnen lag zugleich 
die Prüfung der Mandate und der mit diesen zusammenhängen- 



I) Codex Justin. VII. 9. Lex ultim., de servis reipubl. manumitt. Cod. Just. 
X. 69, 3, de tabulariis. 

') Kuhn, Die städt. und bürgcrl. Verfassung I. S. 44 und 45. 

3) Cod. Theodos. VIII. 2. 8. de cohortalibus und J. Godefroi über das gleiche 
Gesetz. 

•i) Dircksen, Manuale Latinitatis fontium juris civilis Romanorum. 

5) Der Hauptbestandteil des Corpus juris civilis. 

6) Dig. L. 4, 10, § I de muner. et honorib. Cod. Theodos. VIII. 4, 8, § I 
de cohortalibus, bei Humbert t. II. p. 229. 

7) Cod. Theodos. VIII. 2, 3 de tabulariis. 

8) Cod. Just. X. 25, I de immunitat. XI. 5;, i de censibus. 

0) Cicero Verr. III. LXXIX.; Gruter, Inscript. 627, 5; Becker, II. II. p. 372 
und Note 42; Mommsen, II. Aufl. p. 325 ff., vgl. G. Humbert p. 149. 



1 ;| 



HO 



Zweiter Teil 



den Schriftstücke ob.^) Die Vorsteher oder die sex primi hatten 
besonders diskrete Fragen zu prüfen und ihre Entschlüsse der 
vorgesetzten Stelle zur Entscheidung zu unterbreiten.^) 

Die Trennung zwischen ererbtem oder erworbenem Privat- 
vermögen des Kaisers und der aus den öffentlichen Einkünften 
gespeisten Staatskasse (res privata oder Patrimonium) hat zweifel- 
los stets bestanden, sie ist aber schon am Ende des ersten Jahr- 
hunderts in ihren Einzelheiten nicht mehr erkennbar gewesen. 
Tatsächlich verfügte der Princeps über das eine so unbeschränkt 
wie über deis andere.3) Die (:irenze zwischen Privatvermögen 
und Fiskus war verwischt, und so kam es, daß auch das Privat- 
gut, das allmählich dadurch zum Krongut wurde, auf den jedes- 
maligen Nachfolger überging.4) Schuld hieran war, daß schon 
seit Augustus der Kaiser dem Staate mehr gab, als er von ihm 
empfing, und bestilndig Zuschüsse aus seinem Privatvermögen 
leistete, das allerdings mit den Mitteln des Staates, so z. B. durch 
Konfiskationen, durch einen Teil der Einkünfte aus Ag>-pten 
Cidiog, Äoyog)^) usw. erworben wurde. Septimius Severus nahm eine 
strenge Trennung in der Verwaltung von Krongut und Privat- 
vermögen des Kaisers vor. 

Was die öffentliche Buchhaltungsorganisation als solche 
anlangt, so ist es nach der vorhandenen Literatur erwiesen, dal^. 
den Schatzämtern in Rom zu allen Zeiten ein zahlreiches 
Rechnungs- und Ikichaltungspersonal zur Seite stand, das eine 
ganze xVnzahl von Haupt- und llilfsbüchern zu führen hatte. In 
dieser Beziehung kamen zunächst die tabulae publicae in Betracht. 
Diese stellten sich ähnlich wie die adversaria des pater familias 
als eine Art Journal dar, in welchem die Gehülfen des Schatz- 
meisters die täglichen Einträge (commentarium quotidianum) aus- 
zuführen hatten. Diese Gehilfen unterstanden den Quästoren, 
nach deren Weisung sie zu arbeiten hatten und die die Geschäfte, 



I) Vgl Lex Cornelia Sulln de XX ciuaestoribus oder de scribis. Ferner 
Haubold, Monum. p. 8^-89; Cicero, De natura deoruni; Mommsen, II. Aufl. L 
p 331 33^' ff-; <^>cero in Verrcm III. : Catilina IV. Humbert, Essai p. 150. 

'2, Mommsen. II. Aufl. I. p. 3^8, 330, 33^, H- P- 54', 54^; Cicero, In 
Verr. III. LXXIX., LXXX. Vgl. bei Humbert p. 130. 

3) Schiller -Voigt. Die römischen Staats-, Kriegs- und Privataltertümer, S. 586. 

4) Dig. 31, 5^- 

5) Hirschfeld, 35 A. 2. 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom 



1 1 I 



sei es nach Ort oder Tag, verteilten. Aufgefundene bzw. vor- 
handene Texte beweisen, dai^ die Quästoren auf Debet oder Soll 
eines (xläubigers die ihm ausbezahlten Summen (expensum Titio 
centum) und in sein Kredit oder Haben die \'on ihm erhaltenen 
Summen (acceptum a Titio centum) buchten.^) 

Außei' diesem Journal hat sicher ein Kontobuch oder codex 
accepti et expensi ähnlich demjenigen, der sonst allgemein im 
Gebrauch war, bestanden. In diesem Register sind höchst- 
wahrscheinlich den Unternehmern öftentlicher Arbeiten, besonders 
den magistri oder Administratoren der Handlungsgesellschaften, 
welche Einkünfte des Staates gepachtet hatten (scriptura, portoria, 
vectigalia) besondere Rechnungen eröffnet worden, in welchen die 
Kautionen, Vorschüsse usw. gebucht wurden. 

Da die Stadtverwaltung, wie durch Quellen bestätigt ist, durch 
die Zoll- und anderen Pächter die an die Stadtkasse abzuführen- 
den Pachtsummen bei ihrem argentarius oder dem römischen 
Bankier bewerkstelligen und gleichermaßen städtische Zahlungen 
an Lieferanten auf demselben Wege ausführen ließ, so muß sie 
regelmäßige Bankverbindungen gehabt haben, bezüglich welcher 
sie besondere rationes in ihrem Kodex angelegt und geführt 
haben muß. Damit war gegeben, daß zwischen diesen rationes 
und denjenigen der Pächter ein buchhalterischer Zusammenhang 
vorhanden war, dergestalt, daß diejenigen Summen, welche die 
Pächter an die städtischen argentarii für Rechnung der Stadt 
einzahlten, in den städtischen Büchern auf data (Haben) der 
Pächter und zugleich auf accepta (Soll) der ratio des Argentarius 
gebucht wurden. 

Es darf bei dem scharf ausgeprägten Rechts- und Ord- 
nungssinn der Römer ohne weiteres angenommen werden, daß 
bei den Überträgen aus den tabulae publicae auf den Kodex 
die Posten in Soll und Haben getrennt wurden, wobei jeweils 
genau die einschlägigen Daten, die Xamen der Empfänger und 
Zahler und die Natur und Ursache des \^orfalls zur Aufzeich- 
nung gelangten. Der monatliche Abschluß eines jeden Kontos 



I) Asconius in Verrem i. XIII. Ausg. Orelli, S. 158 ist zu lesen: Ouaestores 
urbani aerarium curabant, ejusque pecunias expensas et acceptas in tabulas publicas 
refcrre consueverant. Ebenso bei Tit. Liv. XXVI. Vgl. Humbert p. 134. 



112 



Zweiter Teil 



•II ■ 
1 -1 



zeigte, wie bei den argentarii auch, im Saldo den Schuldbestand des 
Rechenverhältnisses zwischen Stadt und Kontoinhaber.^) 

Unabhängig hiervon scheinen besondere Register bestanden 
zu haben, in welchen die zwischen dem Schatzamt und der mili- 
tärischen Kassenverwaltung bestandenen Rechenverhältnisse durch 
laufende Kontokorrente in Ordnung gehalten wurden. Diese Re- 
gister wurden nach Ablauf der Verwaltungsperiode und Ab- 
nahme und Richtigbefund der Rechnungen (wohl als ^lakulatur) 
verkauft. So hat Cato bei Beginn seiner Quästur auf dem 
Schatzamte, wo sämtliche Akten von einem gewissen Wert oder 
einer bestimmten Tragweite aufbewahrt wurden, die Kopien oder 
vielleicht die Originale der alten Buchhaltungsregister, welche 
den Stand sämtlicher Einnahmen der Republik und die Ver- 
wendung derselben von Sulla bis zu seinem Amtsantritte ent- 
hielten, um an der Hand dieser Ausweise besser die Finanzver- 
waltung überwachen zu können, für fünf Talente erstanden.^) 

Die beiden wichtigsten Bücher der Schatzamtsverwaltung be- 
standen, abgesehen von dem codex accepti et expensis) und den 
tabulae publicae, in dem Breviarium und in dem Kalendarium. 

Nach dem Modell der rationes domesticae wurden nämlich 
in den Gemeinden auch tabulae publicae über die Einkünfte 
jedes IMunicipiums, und zwar wahrscheinlich in Form eines 
codex rationum, geführt. Die Notwendigkeit eines solchen Kodex 
mit Personen konti ergab sich aus dem Verkehr mit den 
Unternehmern. Hierher gehörten die tabulae societatis der- 
jenigen Gesellschaften, welche durch ihren Administrator (magister) 
die Einkünfte des Staats (scriptura, portoria, vectigalia) gepachtet 
hatten. Die innere Einrichtung und die Beweiskraft dieser 
tabulae waren in derselben Weise geregelt, wie bei den rationes 
domesticae. Wie diese, so hatten auch die tabulae publicae sehr 
oft als Beweismittel, besonders bei Kriminaluntersuchungen, zu 
dienen.-^) Man muß nämlich wissen, daß die Verbrechen der xVmts- 
erschleichung, des Pekulats und der Erpressung von den Römern 



1) Vgl. auch G. Humbert, Essai etc. p. 48, 

2) Plutarch, Cato minor XVIII; Mommscn, II. 2. Aufl. S. 534 Note 2. Vgl. 
Humbert, S. 48 und 135. 

3) Vgl. die Buchführung der argentarii. 

4) K. Grolman, Magazin für die Philosophie und Geschichte des Rechts und 
der Gesetzgebung. II. Bd. 1807. 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom. 



113 



am häufigsten begangen wurden. Besonders die Amtserschleichung 
und Erpressung gehörten zu den Schoßsünden der Republikaner. i) 
Zum Tatbestand dieser Verbrechen gehörte in den meisten Fällen 
eine unerlaubte Einnahme (crimen repetundarum ac peculatus) 
oder eine gesetzwidrige Ausgabe (crimen ambitus). Derartige 
Einträge kamen jedenfalls genug auch in den tabulae publicae 
vor.2) Über die Ausgaben und Einnahmen eines jeden Pater- 
familias gab der codex accepti et expensi Aufschluß. Er konnte 
daher Spuren jener Verbrechen enthalten und mußte bei jeder 
Untersuchung dieses Verbrechens selbst untersucht werden. 
Immerhin mochte der Verbrecher in seinem eigenen Kodex die 
gesetzwidrigen Einnahmen oder Ausgaben zu buchen sich gehütet 
haben. Kunde hierüber konnte sich indessen in den pflicht- 
mäßig geführten Hausbüchern anderer finden. Außerdem konnte 
der codex accepti et expensi nicht bloß bei Verbrechen, zu deren 
Tatbestand eine gesetzwidrige Einnahme oder Ausgabe gehörte, 
sondern auch über Ausgaben, wie die Bezahlung der zum 
Meuchelmord gedungenen Hand oder eines untergeschobenen 
Testierers, der ein Testament fälschen sollte, das zu anderen 
Verbrechen verwandt wurde, Aufschluß geben oder Verdachts- 
momente enthalten.3) Hieraus erklärt es sich, daß fast bei jedem 
Judicium puplicum nicht nur der Kodex des Angeklagten, sondern 
auch anderer Bürger sowie die tabulae publicae und societatis 
dem Gericht vorgelegt werden mußten. Diese bildeten nebst 
Zeugen und schriftlichen Urkunden ein Hauptbeweismittel,4) und 
der Staat am allerwenigsten durfte sich der Pflicht entziehen, 
die eingeforderten tabulae publicae dem Gericht vorzulegen. Es 
erhellt hieraus, daß die Staatsbuchhaltung und, enger gefaßt, die 
öffentlichen Bücher neben dem Zweck, über das öffentliche Rech- 
nungswesen Aufschluß zu geben, auch noch anderen Zwecken 
zu dienen berufen war. 



t-i r 

4-1 



») Bekannt sind die von Verres als Prätor von Sizilien begangenen Misse- 
taten. Cic. in Verrem, 

*) Wahrscheinlich war der codex Carpinatius, aus welchem Cicero so unleug- 
bar den Prätor Verres des crimen pecuniae extraordinariae überführte, nichts anderes 
als tabulae publicae. Vgl. Grolman, Bd. 2 S. 217. 

3) K. Grolmann, II. Bd.: Fälle dieser Art erzählt Cicero pro Cluentio, 13. 

4) Nunc hominem tabulis, testibus, privatis publicisque litteris auctoritatibusque 
accusemus. Cic. in Verr. actio prima, XI. bei Grolmann S. 188. 

Ueigel, Rechnungswesen. 8 



114 



Zweiter Teil 



i 



Accepta. 
Die Kompetenz der Quästoren bezüg-lich der Staatsein- 
nahmen war eine ganz allgemeine. Da sie sämtliche durch die 
Zensoren abgeschlossenen Pachtverträge, ebenso wie die Dar- 
lehensverträge mit den Staatsbanken in Verwahrung hielten, 
so hatten sie auf Grund des organischen Gesetzes oder von Se- 
natsbeschlüssen oder aber kraft magistr^itlicher Befugnisse die 
Vollmacht, alle Zahlungen für Rechnung der Staatskasse in 
Empfang zu nehmen (accipere) und alle Außenstände beizutreiben 
(exigere).^) Zu ihrer weiteren Pflichtobliegenheit gehörte es, säu- 
mige Schuldner auf dem Rechtswege zu verfolgen, auf die ver- 
pfändeten Güter Arrest anzulegen 2) oder Güter, die dem Staate 
infolge von Konfiskationen zugefallen waren, (öffentlich zu ver- 
steigern. Die Quästoren hatten ferner darüber zu wachen, daß 
die Unternehmer, Pächter oder die hauptsäcliHchsten Schuldner 
die vorgeschriebenen Sicherheiten bestellt hatten. Durch eine 
Vertragsklausel konnte stipuliert werden, daß der Pächter sich 
von der zu bestellenden Kaution durch Zession von Forderungen 
zugunsten der Militärquästoren oder deren Gläubiger frei machen 
konnte. Diese Transaktion wurde dann gemäP) den zivilrecht- 
lichen Regeln durch Vermittlung der römischen Banken oder 
ihrer Korrespondenten in der Provinz derart vollzogen, daß ein 
Mandat oder eine Delegation des wStaatsschatzschuldners zu 
Gunsten eines näher angegebenen Gläubigers ausgestellt und, vor- 
behaltlich der gegenseitigen Verrechnung zwischen der Pro\inzial- 
kasse und der Zentralkasse des Schatzamtes, deponiert wurde.3) 
Auf diese Weise entwickelte sich ein außerordentlich reger Geld- 
verkehr zwischen den Tresorämtern der Hauptstadt, den lokalen 
Schatzmeistern bzw. den Bankagenturen und den Zollpächtern.^) 

*) Nach Varro wurde von der näheren Tätigkeit der Quästoren ihre Bezeich- 
nung hergeleitet. Darum quaestores a quaerendo, qui conquirerent publicas pecunias 
(De ling. latin. V., 8i); Moinmsen, 2. Aufl. II. I. p. 525, 535; Becker, II. II. 
P' 327, 348, bei Humbert, Essui p. 136. 

2) Mommscn, 2. Aufl. II. I. p. 427 Note 3 und p. 535, 536; Cicero pro 
Flacco XXXIL, LXXIX.; Tacitus, Annales XIII., XXVIII.; Plutarch, Cato minor. 
XVII.; Tit. Liv. III. LVIII. ; AValter §§ 183. :s7, 858; Rudorff, Rom. Rechts- 
geschichte IL § 93 p. 307 ff. bei Humbert p. 137. 

3) G. Humbert, Essai p. 52, 53 ff. notes 125 — 140. 

4) Cicero pro FJacco XIX.; Mommsen, 2. Aufl. II. S. 356 Note i; Becker, 
III. S. 216, bei Humbert, S. 142. 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom 



1 1 



Jede Einzahlung, die dem Schatzamte geleistet wurde, mußte 
von einer von den Schreibern vorbereiteten Quittung begleitet 
sein, die der Quästor dem Schuldner bzw. Zahler aushändigte. 
Die Aushändigung einer solchen Quittung hieß: Chirographum 
dare.^) Zu gleicher Zeit mußte eine entsprechende Einschreibung 
im codex accepti et expensi vollzogen werden. Diese Einschrei- 
bung wurde sodann auf den codex rationum^) in der ratio des 
Zahlers auf expensa oder Haben in der üblichen P'orm und jeden- 
falls wohl unter Angabe einer kurzen Erläuterung, übertragen. 

Nach Gruppen geordnet, bezog der Staat folgende Ein- 
künfte, welchen gemäß entsprechende Einnahmeposten zu buchen 
waren : 

I. Die Abgaben3) für Benützung des italischen Gemeinde- 
landes an den Staat, denen alle in öffentlichem Eigentum stehen- 
den Besitzungen, namentlich auch alle öffentlichen Gebäude, 
Bauplätze, Grenzen und Häfen, unterworfen waren. Besonders 
erheblich war die Bodenabgabe aus dem ager publicus, soweit 
derselbe verpachtet oder zur Benützung überlassen war, bei 
welcher der zehnte Teil der Saat und der fünfte der Baumfrüchte 
an den Staat abgeliefert werden mußte, womit derselbe fort- 
gesetzt als Eigentümer des Bodens anerkannt wurde. Verpachtet 
wurden ferner die kultivierten Ländereien gegen ein an die Ge- 
meinde zu entrichtendes Vectigal auf 100 und mehr Jahre; das 
Weideland (silva pascua), welches gegen Erlegung eines Hut- 
geldes (scriptura) gelöscht wurde; die Porsten, die Seen und Flüsse, 



1) Cicero, De natura deorum III., XXX.; Plutarch, Cato minor. XVIII. bei 
G. Humbert, p. 142. 

2) G. Humbert (S. 53) meint zwar, daß diese Einträge zunächst in ein Jour- 
nalregister eingetragen worden seien. Wir neigen aber zur Ansicht, dali die Ein- 
tragung zuerst im codex accepti et expensi d. i. in dem Kassenkodex auf accepti ge- 
schah, darum nannte man ja gerade die Einnahmebuchung acceptum referre (Cicero, 
In Verrem I. XXXIX.; II. LXX. ; Pro Roscio comoedo I.; Gaius, III. CXXXVII.; 
Pagenstecher, De litterarum obligatione, Heidelberg 185 1, p. 7 ff.), welcher Ausdruck, 
auf das Journal bezogen, keinen rechten Sinn gehabt hätte. Uns scheint, daß das 
Registerjournal nur bei den römischen Banken und vielleicht auch bei den Rhedereien 
und Großkaufleuten in Gebrauch war. Was Humbert unter seinem livre de comptes 
mensuels meint, ist uns nicht klar, da die Römer doch füglich kaum monatliche 
Sammelposten gekannt haben können. 

3) Dr. Iwan von Müller, Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft. 
München 1893, 

8* 



'1 



H 



ii6 



Zweiter Teil 



die Bergwerke und Salinen. Alle diese Abgaben vom Staats- 
eigentum hießen vectigalia.^) Vom Werte freizulassender Sklaven 
war eine 5%ige Abgabe und ein gleicher Satz als Erbschafts- 
steuer, die aber keinen Bestand hatte, festgesetzt.^) 

2. Die Zwangsanleihen (tributum),3) welche für die außer- 
ordenthchen Bedürfnisse, insbesondere zur Kriegsführung auf- 
genommen wurden.4) Sie wurden nach dem Zensus normiert und 
nach den Tribuslisten und der Vermögensschätzung angeordnet. 
Eingehoben wurde das tributum nach dem vom Senate be- 
stimmten Satze von i, 2, 3 etc. pro Mille von allem Steuerkapital, 
wozu gehörte aller Privatgrundbesitz, das lebende und tote Wirt- 
schaftsinventar und das bare Geld. Die Feststellung des Kapital- 
wertes der Objekte erfolgte durch Selbsteinschätzung (aestimatio), 
die durch Eid bekräftigt werden mußte. 

3. Die Abgaben der Provinzen. Für den Provinzial- 
boden galt der Grundsatz, daß derselbe mit der Eroberung in 
das Eigentum des römischen Staates überging. 5) Derselbe konnte 
zu vererbbarem und verkäuflichem Besitz veräußert oder den bis- 
herigen Eigentümern gegen eine jährliche Abgabe zu wider- 
ruflichem Besitz (possessio) und Benutzung (usus fructus) über- 
lassen werden.^) Er wurde zu diesem Zweck vermessen und in 
die Steuerregister eingetragen (ager pubhcus stipendiarius datus 
adsignatus).7) Die neben der Grundsteuer bestehende Personen- 
oder Kopfsteuer (tributum capitis) wurde vom Kapital oder von 
dem Gewerbebetrieb erlegt und zur Eintreibung verpachtet.«) In 
der Kaiserzeit wurde unter Leitung von Agrippa zwecks Er- 

») Huschke in Zeitschr. f. vergl. Rechtsw. I. 170 ff. Dig. 18, i, 6 pr. Varr. 
L. L. 5, 36. 

2) Liv. 7, 16, 7; Dionys, 5, 20; Dig. 50, 16, 17, I. Cod. inst. 4, 61, 11. 

3) Davon verschieden ist das tributum civium Romanorum ex censu d. i. die 
direkte und proportionale Kapitalsteuer, die im Jahre 348 der Stadt Rom oder 406 v. Chr. 
zur Löhnung des Militärs beschlossen wurde. Gustave Humbert, Essai sur les fi- 
nances et la comptabilite publique chez les Romains. Paris 1886 tome premier. S. 21. 

4) Dionys, 5, 20; 5, 47. Liv. 2, 9, 6; 6, 32. L 

5) Cic, Verr. 3, 13, 89. 

6) Lex agr. v. in v. Chr. 

7) Die decuma von Asien wurde in Rom bis auf Cäsar verpachtet, der sie in 
einen Geldbetrag umwandelte. Vgl. bei von Müller, Handb. d. kl. Altertumswissensch. 
S. 199. Cic. Verr. 3, -j-j, 104, 99; Liv. 36, 2, 12; Cic. ad Att. i, 17, 9. 

8) Cic. ad fam. 3, 8, 5. 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom 



1 1 



zielung einer reelleren Steuererhebung eine vollständige Ver- 
messung des Reiches und zw^ar für den Osten von 44—30 v. Chr.^ 
für den Westen von 44—27 v. Chr., für den Norden von 44 bis 
24 V. Chr. und für den Süden von 44 — 19 v. Chr. vorgenommen 
und ein Kataster sowie eine graphische Darstellung desselben 
geschaffen.^) In bestimmten Zwischenräumen fanden Revisionen 
statt. Die revidierenden Beamten hatten Senatorenrang, denen 
Distriktshilfsbeamte zugeteilt waren. Am Ende des ersten Jahr- 
hunderts V. Chr. w^ar die Katastrierung zu Ende geführt. 

Die Zahlung des Tributum geschah in drei Terminen und 
zwar am i. September, i. Januar und i. Mai.^) 

4. Die Domänenverpachtung in den Provinzen. =^) Sie 
betraf Ländereien, die durch Eroberungen in den Besitz des 
Staates (Staatsdomäne, ager publicus) übergegangen waren. 4) 

5. Die Erbschaftssteuer (vicesima hereditatis). Diese 
betrug 5 0/0 des Erbanfalls und wurde, von Augustus 6 n. Chr. 
eingeführt, von deh Erbschaften sämtlicher römischer Bürger, mit 
Ausnahme der Blutsverwandten und derer, welche unter einem 
bestimmten Betrage (100 000 Sest.) blieben, eingezogen.5) Die 
Steuer betrug anfänglich 5 vom Hundert des Erbes, sie wurde 
aber von Caracalla auf 10 vom Hundert erhöht, sodann von 
dessen Nachfolger Makrinus wieder auf 5 vom Hundert her- 
untergesetzt.^) 

6. Die indirekten Steuern 7; wurden in Form von Zöllen 
(portoria) erhoben.^) Sie beschränkten sich seit Cäsar auf 
einen Einfuhrzoll für ausländische Ware.9) Für die Provinzen 



») von Müller, Handbuch d. kl. Altertumswissenschaft. 

2) Hirschfeld, V.G. 17 f.; Dig. 50, 15, 4; Mommsen, St. R. 2, 975; Tac. 
ann. 2, 47; Mommsen, Res gest. div. Aug. 2. Aufl. p. 175 ff., vgl. von Müller, S. 199. 

3) Kammrath, Ursprung und Verwendung des ager publicus. Blankenburg 1870. 

4) Liv. 25, 28, 3 ; Cic. de leg. agr. 2, 50 bei von Müller, Staatshandbuch. 
Mommsen, Cic. in A'err. 3, 97. 

5) Mommsen, R. Trib. 121. 

6) Näheres hierüber Cagnat, Etüde historique sur les impots indirects chez les 
Romains. Paris 1882, p. 184 et suiv. und Cod. Justin. 6, 3, 33. 

7) H. Naquet, Des impots indirects chez les Romains, Paris 1875. Cagnat, 
Etüde historique sur les impots indirects chez les Romains, Paris 1882. Mommsen, 
Der Rechtsstreit zwischen Oropos und den römischen Steuerpächtern. Hermes 20. 

8) Vigie, Etudes sur les impots indirects des R. Paris 1881. 

9) R. Bosse, Grundzüge des Finanzwesens im römischen Staat. Braunschweig 






i. 



I 



1 ■, 



II.S 



Zweiter Teil 



wurden feste Zollschranken errichtet.^) Die Zollbeamten hatten 
nicht nur die Aufsicht über die richtige Erlegung der Zollsätze 
auf die eingeführten Waren, sondern auch darüber, daß keine 
Ausfuhr solcher Gegenstände (Eisen, Waffen, Öl, Getreide, Salz, 
Gold) stattfand, die im Interesse der öffentlichen Sicherheit im 
Lande zu verbleiben hatten.^) Es bestande-n völlige Zollvereine,3) 
so der illyrische, umfassend Dacien, Mösien, Pannonien, Dalmatien, 
Noricum und Raetien. Die Zölle wurden vielfach verpachtet.4) Der 
Prozentsatz war verschieden, er schwankte zwischen ^j^ und 5 0/0. 
Doch kannte man auch feste Tarife.5) Andere Einnahmen aus 
Salinen, Zinnobergruben und aus der Münze waren unbedeutend. 
Gänzlich unberechenbar war der Beute- und Kriegsgewinn, die 
Einziehung von Vermögen Verurteilter (bona damnatorum) und 
von herrenlosem Gut (bona vacantia et caduca). 

Im einzelnen setzten sich die indirekten Steuern wie folgt 
zusammen: 

a. Die Zölle (portoria), die unter der Kontrolle kaiserlicher 
Beamten verpachtet und verschieden, aber auch nach festem 
Tarife, normiert waren; 

b. die Abgaben von Auktionen und Käufen (centesima rerum 
venalium), welche zu i"'o vom Betrage erhoben wurden; 

c. die Verkaufssteuer von Sklaven (quinta et vicesima vena- 
lium mancipiorum), zu 4% festgesetzt; 

d. die Steuer auf Eßwaren (edulia), als eine Art Oktroi für in 
die Stadt Rom eingebrachte Eebensmittel. 

Einen besonderen Einnahmeposten bildete die Taxe auf 
den Wert der freigelassenen Sklaven (vicesima manumis- 
sionum). Dieselbe wurde im Jahre 397 der Stadt oder 357 v. Chr. 
vom Volke beschlossen und floß in eine besondere Schatzkammer 
(aerarium sanctum),^) aus der sich allmählich eine Kriegskasse 



1) Dessau, Der Steuertarif von Palmyra, Hermes 19, 534 — 5;5. 

2) Hegevvisch, Versuch über die röm. Finanzen. Altena. 

3) Friedländler, De trihutis trium provinciarum imperii Romani, Königsberg 1880. 

4) von Müller, Handbuch etc. S. 200 ff. 

5) Naquet, Des impots indirects chcz les Romains. Paris 1875. 

6) Dieser Schatz wurde in den Kellergewölben des Tempels des Saturnus auf- 
bewahrt und diente als Reserve für äußerste Gefahr, wie Invasion u. dgl. Er betrug 
im 6. Jahrhundert Roms 4000 römische Pfund Gold = 1305 Kilogr. 350 g oder 
ungefähr 4 000 000 M. Humbert, Ess;u I. t. 



Die Staatsbuchhaltifng im alten Rom 



119 



entwickelte, in die insbesondere Kriegskontributionen flössen. 
So brachte die Wiedereroberung von Tarent 3000 Talente in 
Gold, der Sieg in der berühmten Schlacht von Zama^) trug der 
Staatskasse 123000 Pfund Silber (gleich einem Werte von etwa 
7200000 M.) ein, und durch Vertrag vom Jahre 553 der Stadt 
verpflichtete sich Karthago, während 50 Jahren jährlich an Rom 
eine Summe von loooo Talenten Silber (= M. 1020000) zu ent- 
richten. Philipp von Macedonien lieferte im Jahre 557 der Stadt 
oder 197 V. Chr. mehr als M. 1400000, und 8 Jahre später 
brachte der Krieg mit Antiochus der Staatskasse nach den einen 
43 Millionen, nach den andern an 69,6 Millionen Mark.^) EndHch 
bereicherte der Perserkönig den Staatsschatz im Jahre 586 d. St. 
oder 168 V. Chr. um 44,8 Millionen Mark, was erlaubte, daß 
italienische Bürger von der Kapitalsteuer befreit werden konnten.^) 
Im 6. Jahrhundert der Stadt Rom betrug der Reserveschatz 
22 Millionen in edlem Metall und bezifferte sich nach dem 
Zeugnis des Plinius im Jahre 663 d. St. oder 91 v. Chr. auf 
1620829 Pfd. Gold gleich i 512 783 405 Fr.,4) eine Summe, die 
in einzigen zwei Jahren durch den Bürgerkrieg erschöpft war.s) 
Für andere Einnahmen, wie solche häufig in der Kaiserzeit 
infolge unerlaubten Gewinns oder in Form von Geschenken 
(aurum coronarium) von allen Kommunen Italiens und der Pro- 
vinzen in bedeutenden Beträgen in die kaiserliche Kasse flössen, 
gab es weder ^Maß noch Recht. Ob die hierher gehörigen Ein- 
nahmen regelrecht oder überhaupt gebucht wurden, ist aus den 
Quellen nicht ersichtlich. 



r 



Expensa. 
Es lag in der Natur der Entwicklung des römischen Staats- 
wesens, daß die anfänglich nur spärlichen Staatsbedürfnisse 
immer mehr anschwollen. Die Tempel wurden größer und zahl- 
reicher, neue Provinzen wurden dem römischen Reich angeschlossen, 
Chausseen mußten gebaut werden, der öffentliche Prunk nahm 

1) Geschlagen zwischen Publius Cornelius Scipio und Hannibal 202 v. Chr. 

2) Schätzungen Bethmann-Holhveg HI. § I35- 

3) Zeller, Die röm. Kaiser p. 414. 

4) Montesquieu, Grandeur et Decandence Ch. XVII. t. II. p. 317, 318. 

5) Boccking, Notitia I. 120; Zeitschrift für geschieht!. Rechtswissenschaft 
IX. p. 85. 



I20 



Zweiter Teil 






)■ i 



) 



immer mehr zu; dazu trat, daß die Präsenzstärke der Armeen 
wesentlich erhöht wurde, und daß ferner seit dem ersten punischen 
Krieg Rom anfing Flotten zu bauen. ^) Da mit dem Anwachsen 
der Bevölkerung im allgemeinen auch diejenige der ärmeren 
Klasse wuchs, so mußten die Getreidemagazine erweitert, die 
Bestände erhöht werden. Indes konnten alle die großen und 
mannigfaltigen Ausgaben bequem gedeckt werden, weil Rom 
in der glücklichen Lage war, daß sich seine Einnahmen nicht 
nach den Ausgaben, sondern umgekehrt seine Ausgaben nach 
den Einkünften vermehrten. Jede eroberte Provinz brachte einen 
neuen beträchtlichen Zuwachs jährlicher Einkünfte dem Schatze 
und zugleich auch dem Privatvermögen der Eroberer ein. 

Die Staats ausgaben waren gleichermaßen scharf 
gegliedert. Dem Fiskus fielen zu: Die Ausgaben für den Sold 
von Heer und Flotte, für Kriegszwecke, für die Provinzial- 
verwaltung, für die Getreideversorgung Roms (annona), die 
italischen Chausseen, die Wasserleitungen in Rom, die Regulierung 
des Tiberflusses etc., während der kaiserlichen Privatkasse die 
persönlichen Ausgaben und der Aufwand für das kaiserhche 
Haus zur Fast fielen. 

Der Löwenanteil entfiel schon damals auf das Heer. In 
der Kaiserzeit erhöhte sich diese Ausgabe noch beträchtlich, 
indem das annum Stipendium, welches noch unter Polybios von 
der Soldatenlöhnung abgezogen wurde, nun nicht mehr vom 
Solde "in Abzug kam. Für die Legion zu 6000 Mann war jetzt 
eine Löhnung von i 566000 Denaren jährlich erforderlich, und 
für 25 Legionen, die Garde und die Stadtkohorten mit Offizieren 
mochte sich der jährliche Aufwand unter Augustus imi luigefähr 
200 Millionen Sesterzen = 43 Millionen Mark behiufen haben. 2) 
Dazu trat das Gehalt von 6 Tribunen, welche jede Legion hatte, 
sowie das Geheilt der Generale. 

Aui')erdem mußten der Unterhalt der fremden Gesandt- 
schaften, der Aufwand für die Heeresvervvaltung3) und die Schulden- 

1) R. Bosse, Grundzüge des Finanzwesens im röni. Staate. Bd. I. Braun- 

schvveig und Leipzig 1804. 

2) Schüler -Voigt, Die röm. Staats-, Kriegs- und Privataltertümer. Nördlingen 1887. 

3) Die Lieferungen für das Heer wurden in societates publicanorum in Entreprise 
gegen Kautionbestellung (praedia subsignata) vergeben, deren Bevollmächtigter (magister 
societatis) mit den» Staate verhandelte. Liv. XXIIL 48, 11, XXV. 3, 10 bei 
C. G. Dietrich, Beiträge zur Kenntnis, des röm. Staatspächtersystems. Leipzig 1877. 



I 1 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom 



121 



tilgung, für den öffentlichen Kultus, die Reichspost, die Münze, 
die Bibliotheken, die Gerichtspflege, sodann die Geschenke an 
die Garde, das Unterrichtswesen, die Unterstützung der Land- 
wirtschaft, für die Erziehung mittelloser, freigeborener Kinder 
und den Hofstaat von den Staatskassen bestritten und genau 
verrechnet werden. 

Dabei waren keine Beamtengehälter zu bestreiten, weil 
mit den Staatsämtern in Rom kein Gehalt verbunden war und 
die nach den Provinzen beorderten Beamten nur Reisegeld 
erhielten, während ihr Gehalt von der Provinz entrichtet werden 
mußte. 

Die Ausgabebuchungen waren ganz genauen Förmlichkeiten 
unterzogen, womit, wenigstens in Rom, den Defraudationen 
vorgebeugt werden sollte.^) Die Befolgung der einschlägigen 
Vorschriften konnte ohne weiteres nicht bloß vom Senat, sondern 
auch von den Zensoren, den Konsuln, sowie von jedem MitgHed 
des Ouästorenkollegiums überwacht werden. 

Die gesetzlich autorisierten und durch ein kompetentes 
Magistratsmitglied regelmäßig angewiesenen Ausgaben konnten 
nur auf Grund der Produktion eines in richtiger Form aus- 
gefertigten Mandats zur Auszahlung kommen. Das Mandat 
selbst mußte von den nötigen Schriftstücken, welche die Existenz 
und die Fälligkeit der Schuld, die Natur dieser Schuld und die 
Ausführung der im Mandat angegebenen Lieferung darzutun 
hatten, begleitet sein.^) Nach dem Gesetz der XX. Quästores 
wurden außer dem Mandat noch die Angabe des Standes, des 
Geldempfängers, der Preise, zu denen abgeschlossen wurde, die 
Mitteilung von etwaigen Textwidersprüchen, die Vorlage der 
Pachtverträge und der Beweis der Abnahme der Arbeiten 
(probatio) durch das ordinierende Magistratsmitglied bei jeder 
Zahlung gefordert.3) Ein besonderes Gesetz, die lex Puteolana, 
erlaubte, daß die Hälfte der Vertragssumme nach Bestellung 
der erforderten Sicherheiten und die andere Hälfte nach Abnahme 
der gelieferten Arbeit durch die duoviri und das Kollegium 



1) Rein, Kriminalrecht der Römer, S. 599 und 605; Labonlaye, Essai p. 45, 

161, 193. 

2) Vgl. Literatur bei Humbert S. 145; Plutarch, Cato minor. XVII. und 

XVIIL; Mommsen, 2. Aufl. IL S. 537 ff- 

3) Mommsen, IL I. p. 532 bei Humbert p. 146. 



122 



Zweiter Teil 



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ausbezahlt werden konnte.^) Wie streng es mit den Zahlungen 
gehalten wurde, beweist, daß z. B. die Gehaltszahlung der 
öffentlichen Gerichtsdiener nach dem Gesetz des Sulla nur auf 
Grund einer von ihrer vorgesetzten Behörde herrührenden 
Ordonnanz, sowie nach Prüfung des in den Archiven des Aerariums 
deponierten Verzeichnisses des Personalbestandes und der Identität 
des zu besoldenden Beamten geschehen durfte.^) Strenge Vorschrift 
war, jede Quittung sofort zu buchen und aie Buchung sogleich 
weiter in die übrigen Bücher (expensuni Titio centum) gehen zu 
lassen. 

War ein Mandat von einem Konsul zur Zahlung angewiesen, 
so hatte der Quästor glatt Zahlung darauf zu leisten, ohne sich 
darum zu kümmern, auf welchen Titel die Ausgabe angeschrieben 
werden sollte. Die Zahlung erfolgte einfach auf den dem Zensor 
eröffneten Kredit. Nur wenn dieser Kredit erschöpft war, konnte 
der Quäster weitere Zahlungen verweigern.3) 

Für das Publikum war die Kasse nur einige Tage in der 
Woche geöffnet, außer an diesen Tagen wurde prinzipiell keine 
Zahlung geleistet.^) 

Die Zahlung der Mandate erfolgte in der Reihenfolge ihrer 
Vorzeigung. Es scheint jedoch eine Vorschrift bestanden zu 
haben, wonach bestimmte Zahlungen, wie solche, die laut Gesetz 
zu geschehen hatten, oder die auf Weisung des Magistrats avisiert 
wurden, auch außer der Reihe geleistet werden durften. 

Handelte es sich um die Aufnahme eines Darlehens von 
Mündelgeldern, so mußten die Quästoren den Pupillen eine 
laufende Rechnung eröffnen und die empfangenen Summen 
in das Haben dieser Rechnung buchen. 



1) Bruhns, Fontes. 4. Aufl. S. 213, siehe bei Humbert, p. 146. 

2) Mommsen, 2. Aufl. I., S. 288, 320, 338 und IL S. 540; Plutarch, Cato 
minor. XVII., bei Humbert, p. 146. 

3) Tit. Liv. XLI V. 7 ; Varro, De lingua latina V. CLXXXI. ; Mommsen, 
2. Aufl. II. I. p. 441, 541, 546, bei Humbert p. 147. 

4) Polybius, XXIII. XIV.; Tit. Liv., XXXVITL LV., Der General Publ. 
Scipio Africanus, welcher wenig geneigt war, diesbezügliche Vorschriften zu respek- 
tieren, drohte, als er an einem Tage, da kein Kassen tag war, eine Zahlung erheben 
wollte und diese ihm verweigert wurde, sich der Kassenschlüssel zu bemächtigen. 
Man mußte, jedenfalls auf Reciuisition der Konsuln, nachgeben. Vgl. Humbert, 
p. 58 und No, 149. Mommsen, IL I. p. 127. 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom 



123 



Es läßt sich annehmen, daß man zwischen der Präsentation 
und der Bezahlung eines Mandats eine bestimmte Frist verlaufen 
ließ, während welcher das Bureau das Mandat nebst Belegen 
prüfen konnte. Standen der Rechtsgültigkeit von Schulden 
oder auch von ]Mandaten erhebliche Schwierigkeiten entgegen, 
so konnten diese nur mit Einstimmigkeit seitens des Quästoren- 
kollegiums behoben werden. Schon das Dazwischentreten oder 
das Veto eines einzigen Konsuls genügte, um die Zahlung eines 
angefochtenen Mandats zu verhindern. 

Die Ausgaben lassen sich in folgende Hauptgruppen fassen:^) 

1. Der öffentliche Kultus (Opfer, Priester, Feierlichkeiten, 
Spiele, Erstellung und Erhaltung der Tempelgebäude u. dgl.), 
soweit die Ausgaben nicht aus dem Tempelgute bestritten werden 
konnten. 

2. Die Erstellung und Erhaltung der übrigen öffentlichen 
Bauten und Chausseen. 

3. Die Ausgaben für das Heer, welches bis zum Jahre 406 
vor Chr. keinen Sold erhielt. In der Kaiserzeit trat Löhnung 
ein, und unter Augustus bezifferte sich das Militärbudget 
ungefähr auf 200 Millionen Sestertien = 43 Millionen Mark. Dabei 
wurde der Bedarf an Kriegs- und Transportschiffen, Zelten und 
Maschinen teilweise durch Requisitionen gedeckt. 

4. Die Kosten der Verwaltung (Reichspost, Münze, 
Bibliotheken, Unterrichtswesen), zu der außer der Besoldung der 
Beamten auch der Hof halt des Kaisers, soweit sein Privatgut 
nicht ausreichte, hinzutrat. 

5. Der jährliche Zuschuß zur unentgeltlichen Lieferung von 
Getreide, das im dritten Jahrhundert n. Chr. in eine unent- 
geltliche Brotverteilung umgew^andelt wurde. Die Zahl der 
berechtigten Empfänger belief sich zu Cäsars Zeiten auf 300000, 
welche Zahl von Augustus auf 2000000 herabgesetzt wurde. 
Außerdem verkaufte die Regierung noch Getreide zu niedrigen 
Preisen an dazu Berechtigte, und nicht selten mit Verlust 
(aerarium).2) 



1) R. Busse, Grundzüge des Finanzwesens im röm. Staat. Braunschweig 1804. 
2 Bd. Bei Schüller -Voigt, S. 680, ist weitere Literatur über den Gegenstand an- 
gegeben. 

2) Marquardt, 2. 124 ff.; B. Matthiass, Rom. Alimentarinstit. und Agrarwirt- 
schaft. Jahrb. f. Nationalök. 10, IV. 6. 



I 



124 



Zweiter Teil 



6. Die Geschenke an Öl, Wein und Fleisch bei besonderen 
Veranlassungen an die Plebs (congiarium) und Geld an die 
Soldaten (donativa). 

7. Die Ausgaben für Stiftungen zur Erziehung mittelloser 
freigeborener Kinder sowie zur Unterstützung der Land- 
wirtschaft. Die hierfür in Betracht kommenden Kapitalien wurden 
in den Kommunen, die hilfsbedürftig waren, auf Grundbesitz 
hypothekarisch und wahrscheinlich unkündbar zu niedrigem 
Zinsfuß ausgeliehen. 

Die Kassenkontrolle. 

Das Munizipialgesetz von Julia Genetiva, einer nach römischem 
Muster eingerichteten Kolonie, betreffs Organisation des Schatz- 
amtes, schrieb vor, daß die Kassenbeamten einen Berufseid 
ablegen mußten. Sie mußten diesen Eid auf dem Forum öffentlich 
schwören, des Inhalts, daß sie den Schatz, d. h. die Bestände, 
treu bewachen und die damit zusammenhängenden Skripturen 
pünktlich besorgen würden. Über den Eid wurde ein Protokoll 
aufgenommen, welches in den Archiven aufbewahrt wurde. Die 
Außerachtlassung des Beschworenen wurde mit Amtsenthebung 
und mit 5000 Sesterzen für den Magistrat, der es an der nötigen 
Überwachung hatte fehlen lassen, bestraft.^) 

Zweifelhaft erscheint, ob es im Interesse der Kontrolle 
ratsam war, die Kassen in verschiedene Abteilungen zu zerlegen. 
So trennte Augustus die Kasse des kaiserlichen Fiskus von der 
des Arariums. Septimius Severus wieder trennte Krongut und 
Privatvermögen des Kaisers auch bezüglich der Verwaltung.^) 

Zur Erhebung der vSteuern gab es besondere Steuerämter, 
die als Unterämter den Obersteuerämtern unterstanden. Für 
die wichtigeren Steuerzweige wurden besondere Einnehmereien 
eingerichtet.3) Rechnung mußten sämtliche Amter in Rom 
ablegen,4) und die lex Julia bestimmte, wie dies zu geschehen hatte. 



1) C. Girand, Les nouveaux bronzes d'Ossuna, Paris 1876, p. 57 ff. Lex colon. 
Jul. Genetivae, cap. LXXXL, bei Humbert S. 150 ff. 

2) V. Severi, 12, 4, bei SchüUer -Voigt S. 387. 

3) Hirsclifeld, bei demselben S. 682. 

4) Henzen, 6O48, 6649. 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom 



»2S 



Außer dem eigentlichen Kassenpersonal waren den Ouästoren 
noch beigegeben die nötige Anzahl Gerichtsvollzieher (viatores), 
Herolde (praecones), die im Domänenverkauf beschäftigt wurden, 
sodann Bureaudiener (accensi), zu welchem Dienst öffentliche 
Sklaven (servi publici), deren Unterhalt auf Staatskosten ging, 
verwendet w^urden.^) 

Aus dem Gesagten erhellt, aber auch die darüber be- 
stehende Literatur beweist es, daß die Römer im Besitz der 
Kenntnisse einer regulären Buchführung sich befanden. Unglück- 
licherweise stand ihre Anschauung über die Handhabung einer ver- 
waltungsmäßigen Kontrolle des Buchhaltungs- und Kassendienstes 
nicht auf gleicher Plöhe. Die Folge war denn auch, daß das 
Fehlen einer durchgreifenden Kontrolle der Verwaltung die Fi- 
nanzen der Republik in Gefahr brachte. Dazu trat, daß keine 
Zentralstelle, eine Art oberster Rechnungshof, ausgestattet mit 
richterlichen Befugnissen, über das römische Finanzwesen gesetzt 
war, und daß man die Aufsicht der Schatzämter politischen 
Beamten überließ. Darum versagten die Regeln, die über die 
Verwaltung bestanden, und Veruntreuungen und Falschbuchun- 
gen kamen trotz der Schutzmaßregeln die schwere Menge vor.^) 

Zw^ar hatten alle MagistratJipersonen, welche aus dem Amte 
schieden, dem Senat Rechnung abzulegen (rationes reddere). Ebenso 
hatten diejenigen Kassenverwalter, welche gesetzwidrig Staatsgelder 
verwendeten, sich aneigneten oder bloß zurückbehielten, dem Senat 
ihre Verwaltungskonti vorzulegen und verfielen außerdem dem 
Strafgesetz. Die Geschichte zeigt indes, daß selbst vor Erlaß von 
speziellen Strafgesetzen über Veruntreuung öffentlicher Gelder 
Beamte wegen Unterschlagung zum Nachteil des Arariums ver- 
urteilt wurden, nicht ohne Schimpf für den Magistrat, der für 
diese Beamten verantwortlich war.3) Es kam vor, daß Tribunen 
wegen solcher Straftaten Konsuln und Prokonsuln, ja selbst Zen- 



I 



1) Lex de XX. quaestoribus apud Frontin. Walter §143; Mommsen, 2. Aufl. 
I. p. 284, Note 2 und 345 und 1. p. 286, Note 7. Öffentl. röm. Recht bei Hum- 
bert p. 151. 

2) G. Humbert, Essai p. 64; Labonlaye, Essai p. 108, 126, 165, 168, 177» 
^83» 193; Mommsen, 2. Aufl. I. S. 972, 676. 

3) G. Humbert, p. 64, 151, Note 168. 



126 



Zweiter Teil 



soren des Amtes entheben mußten.') Immerhin kamen im 6. Jahr- 
hundert der Stadt Rom und vor dem zweiten punischen Krieg 
solche Fälle seltener vor, weil zunächst die Amtsdauer der 
Alagistratspersonen eine kurze war, sodann weil ihnen durch das 
Recht der öffentlichen Anklage, das neben der zivilrechtlichen 
Verfolgung einem jeden römischen Bürger offen stand, nach 
Kräften vorgebeugt wurde.^) Oft genügte schon diis Dazwischen- 
treten von Kollegen, eines höheren Beamten oder eines Tribuns, 
um unregelmäßigen Manipulationen vorzubeugen. Solche Mittel 
trugen aber das gefährliche in sich, daß das Bedürfnis nach einer 
andern Kontrolle, besonders einer solchen, die von einer (Terichts- 
stelle oder einem Finanztribunal ausgehen mulke, gar nicht auf- 
kommen konnte, und da der öffentliche Glaube von den Zen- 
soren überwacht wurde, so wünschte man nicht einmal die Ein- 
führung eines solchen neuen Institutes.3) Anders gestalteten sich 
diese Verhältnisse, als die Kriege neue Provinzen, Erweiterung 
der Einnahmequellen und der öffentlichen Bedürfnisse und längere 
Magistraturperioden brachten; da konnten die Organisationen der 
Stadt Rom den Verhältnissen eines großen Staatswesens sich 
mit Erfolg nicht mehr anpassen und die Folge war: Mißbrauch 
der Amtsgewalten und schließlich Unordnung und Anarchie.4) 
Die Statthalter, ausgestattet mit der höchsten Macht, vereinigten 
alle Gewalten in sich, ohne irgend welcher lokalen Kontrolle 
unterstellt zu sein, wogegen sie sich ebenso wenig um die Rechte 
und Gesetze des Schatzamtes, als wie um die geringen, von der 



1) So wurde der Zensor Aemilius Lepidus im Jahre 573 d. St. oder 181 v.Chr. 
beschuldigt, mit Staatsgeldern in der Nähe von Terracina einen Damm gebaut zu haben, 
um seine Ländereien vor Überschwemmungen zu bewahren. Der Zensor Quintus Fulvius 
Flaccus, welcher die Marmorsteine von dem der Juno geweihten Sanctuarium entfernt 
hatte, um damit einen von ihm zu Rom erbauten Tempel einzudecken, wurde im 
Jahre 581 d. St. oder 173 v. Chr. durch den Senat zur Herausgabe dieser Mate- 
rialien veranlaßt. Vgl. G. Humbert, p. 65, 151. Tit. Liv. XL., LI. und XLII. 111. 

2) Cicero, De divinatione 17; Walter, § 248; Labonlaye, Essai p. 193; 
Mommsen, I. p. 672 ff.; Rein, Rom. Krim. Recht S. 605. 

3) Labonlaye, Essai p. 161 ff., 193 ff.; Walter, § 248, 249; bei Humbert, 
p. 66, 152. 

4) Sallust, Ingurtha XXXVI.; Catilina X., XII- ; Cicero, Verr. V. CXXVL; 
Walter, § 249, 251. Am. Thierry, Tableau de l'empire romain, p. 39, 44, 7 edit. 
«876; bei Humbert p. 152, 153. 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom 



12; 



Provinzialverfassung geforderten Garantien kümmerten.^) Nicht 
genug, daß die siegreichen Generäle sich auf Kosten der be- 
siegten Feinde bereicherten, maßten sie sich nach ihrer Rückkehr 
aus dem Felde selbständige, von Herrschsucht getragene Rechte 
an. So forderte Publius Scipio Africanus, als er von den Tri- 
bunen vor die Volksversammlung berufen wurde, um sich wegen 
verschleierter Buchführung und wegen Entwendung von Staats- 
geldern, deren er sich während seiner Amtstätigkeit in Asien 
schuldig gemacht hatte, zu rechtfertigen, das Volk auf, sich auf 
das Kapitol zu begeben, um dort mit ihm gemeinsam den Jahres- 
tag der Niederlage Hannibals zu feiern. Die großen Bürger der 
alten Republik erachteten es aber als würdevoller, sich dem ge- 
meinen Recht zu beugen. Allein der Sieger von Karthago und 
des Orients glaubte sich über die Gesetze erhaben. Indes konnte 
er einem Prozeß nur durch ein freiwillig gewähltes Exil aus dem 
Wege gehen.2) 

Die Machthaber gewöhnten sich daran, in der Provinz 
nicht einen integrierenden Bestandteil des Staates, der zur blühen- 
den Entfaltung seiner Kräfte gebracht werden mußte, zu erblicken, 
sondern man betrachtete vielmehr die Provinz als eine römische 
Domäne,3) die nach IVIöglichkeit auszubeuten sei. Die Statthalter 
insbesondere sahen in ihr nichts anderes als eine Quelle, an der 
sie sich zu bereichern hätten. Gewiß hatten sie nach einer 
bestimnten Reihe von Jahren dem Senat über ihre Verwaltung 
Rechnung abzulegen, ebenso wie die Quästoren eine gleiche 
Pflicht den Hauptschatzämtern gegenüber zu erfüllen hatten. 
Aber welche Bewandtnis konnte es mit einer Kontrolle haben, 
die so spät einsetzte und aus solcher Entfernung auszuüben war? 4) 
Das Vorenthalten städtischer und staatlicher Gelder, das Ein- 
ziehen gesetzwidriger Steuern und Forderungen, die Vorspiege- 
lung fiktiver Ausgaben, das Paktieren mit den Monopolpächtern, 

M über die Forma provinciae vgl. Walter, § 233; über die Verwaltung der 
Provinzen während der Republik vgl. Mommsen, Öffentl. röm. Recht, 2. Aufl. I. 
P- 53. 5/1 72 und IL p. 229 ff. Ferner Marquardt, Admin. rom. I. p. 388, 389, 
397 ; Lange, Röm. Altertümer II. p. 783, IIL p. 292. 

^) Tit. Liv. XXXVIII., LI., LIL; M. Labonlaye, Essai, p. 13, vgl. bei Humbert, 
Essai p. 67, 153. 

3) Praedium populi Romani, vgl. Cicero in Verrem IL IIL 

4) G. Humbert, Essai p. 68; Ed. Labonlaye, p. 173; Walter, § 814. 



iii 



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128 



Zweiter Teil 



die Inanspruchnahme der Staatskasse zu Privatzwecken, die Bei- 
seitschaffung von Opfergaben, mit einem Worte: die organisierte 
Verschwendung und Erpressung, unterstützt von den Schrecken 
einer Gerichtsbarkeit, die über Leben und Tod zu gebieten die 
Macht hatte: das waren die Mißbräuche des prokonsularen 
Despotismus.*) Kein Mittel, wie Verschleierung des Rechnungs- 
wesens, Kassenveruntreuungen und Erpressung seitens der Pro- 
konsuln, sowie Fälschungen und Falschbuchungen seitens der 
Quästoren, war den Behörden zu verwerflich, um nicht davon 
Gebrauch zu machen und damit die Volksversammlungen und 
die Macht in Rom zu erkaufen.^) 

Das von dem Tribun Calpurnius Piso Frugi im Jahre 
605 der Stadt oder 149 v. Chr. eingeführte Gesetz über Er- 
pressung (repetundae pecuniae) machte zuerst den Versuch, ein 
Geschworenengericht einzuführen. Man stritt sich lange herum, 
ob Senatoren, Ritter oder Tribunen des Schatzamtes zu Mit- 
gliedern dieser Gerichte ernannt werden sollten. SchUeßlich 
einigte man sich, daß ein Drittel des Kollegiums aus Senatoren 
bestehen sollte. Indes litt das Gesetz an dem Fehler, daß es 
zunächst dem Monopol der Gerichtsbarkeit der Senatoren 
nicht den Boden entzog. Augustus reorganisierte den Ge- 
schworenenhof und seine Prozedur, ebenso wie diejenige der 
Zivilgerichte in seinen leges judiciorum puplicorum et privatorum.3) 
Ebenso schuf er aufs neue Strafgesetze über Verbrechen der 
Magistrats- und Privatpersonen u. a. betreffs Kassenveruntreu- 
ungen und der rückständigen Rechnungen.-*) 

Auch noch andere Gesetze (lex Junia Acilia, Servilia Claucia 
und Julia) über die Verantwortung der römischen Behörden 
wurden ins Leben gerufen; alle diese Spezialgesetze bewirkten 



») A. "W. Zumpt, Kriminalrecht der Republik II. p. 6, 35, 49, 51, 99, rio, 
^68, 393; Lange, Antiq. Rom. 3. Aufl. II. p. 442; Labonlaye, Essai p. 161, 164, 
174, 180; Walter, § 248, 814. 

2) Cicero in Verrem I.; Plutarch, Cato minor XVIII.; Sallust, Catilina X., 
XII.; Labonlaye, p. 204, 216 ff. ; Walter, § 254, vgl. die bei Humbert, p. 155 unter 
Note 188 und 189 angegebene Literatur. * 

3) Macrob. Saturnal. IX. Digest, De accusationibus XLVIII. und Digest, De 
receptis. 

4) Labonlaye, Essai p. 319 ff. Rein., p. 675 — 695; A. W. Zumpt, II. p. 78, 
82, 9off. ; Walter, §813; Lange, Antiq. Rom. 3. Aufl. II. p. 667, 729 ff. ; Huschke, 
Die Multa p. 499, vgl. bei G. Humbert, p. 161, Literatur in No. 198 u. f. 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom 



129 



höchstens, daß eine bestimmte Anzahl Schuldiger zur Bestrafung 
gezogen werden konnte, sie vermochten aber nicht der finanziellen 
Deroute ein Ziel zu setzen. So bestrafte das Gesetz Julius 
Cäsars, welches dieser während seines ersten Konsulats im 
Jahre 695 der Stadt Rom oder im Jahre 59 v. Chr. ausgab,^) 
jeden Beamten, der ungerechtfertigtermaßen, d. h. durch Betrug 
oder Gewalt, Gelder, die einer Stadt oder einem Privaten gehörten, 
an sich brachte, mit Verbannung. Alit derselben Strafe bedrohte 
die lex Cornelia von Sulla vom Jahre 673 der Stadt oder 81 
V. Chr.2), welche auch von den Rückständen (Saldi) der Zehnten 
g-ehandelt haben soll, 3) diejenigen Beamten, welche öffentHche 
Gelder fraudulös verwendeten. Beide Gesetze sahen für den- 
jenigen, welcher Staatsgelder für sich zurückbehielt und sie nicht 
binnen einem Jahre zurückerstattete, außer der zivilrechtlichen 
Verfolgung noch eine proportionelle Strafe vor. Sie betrug ein 
Drittel des zurückbehaltenen Kapitals und verfiel der Staatskasse.4) 
Von einer gleichen Strafe wurde jeder Buchhaltungs- bzw. 
Kassenbeamte ereilt, der sich, ohne Arglist zu begehen, (was die 
besondere Strafe der Kassenunterschleife nach sich zog), 5) gesetz- 
widriger oder verschleierter Buchführung schuldig machte. 

Die der Unterschleife oder der residuae pecuniae angeklagten 
Beamten hatten vor einer ständigen Kommission von Ge- 
schworenen, deren Vorsitz ein Prätor führte, zu erscheinen. Das 
Urteil wurde nach vorangegangener öffentlicher Verhandlung 
verkündet und lautete je nach der Schwere des Falles auf Ver- 
bannung, oder auf Herausgabe der veruntreuten Summen zu 
ihrem vierfachen Betrage,^) oder mit einem Drittel Aufgeld im 

') A. W. Zumpt, Kriminalrecht II. p. 6, 41, 51, no, 396; Lange, Rom. 
Altertümer, 3. Aufl. H. p. 664, 667, IIL p. 692 ff. Berlin 1876. 

2) Cicero, In Verrem I. XII. XXXIX. 

3) Vgl. G. Humbert, Essai S. 161. 

4) Digest. IV. § 5. Sed et qui publicam pecuniam in usus aliquos acceptam 
retinuerit nee erogaverit hac lege tenetur. Qua lege damnatus amplius tertia parte 
quam debet, punitur. Rein, p. 697. Humbert p. 162. 

5) Das Delikt de residuis umfaßte alle kriminellen Kassenunregelmäßigkeiten 
und Zurückbehaltung von Staatsgeldern. Digest. XLVIII. ; Voy. Loi IL et IX. § 5 
bei Humbert p. 162. 

6) A. W. Zumpt, n. p. 89 ff.; Walter, § 813; Paul, Sententiae receptae VL 
Digest., ad legem Juliam bei G. Humbert p. 164. 

Beigel, Rechnungswesen. q 



II 



I30 



Zweiter Teil 



Die Staatsbuchlialtung im alten Rom 



131 



Falle der pecuniae residuae.^) Der obsiegende Ankläger erhielt 
jedesmal einen Teil der Cxeldstrafe als Belohnung (praemium) 
zugebilligt.2) Der Quästor der Provinz, welcher mit der Einzahlung 
des Saldos seines Kontos im Rückstande blieb, und der Stadt- 
quästor, der in Schuld sich befand, ohne jedoch einen Betrug 
begangen zu haben, hatten die Strafe des Gesetzes de residuis 
und im Falle des Betrugs die Strafe des peculatus oder des 
Kassendiebstahls zu gewärtigen.3) Streng verboten war, die 
Bücher oder die Buchhaltungsbelege zu verändern. Als unter 
dem Kaiserreich der Schatz nach und nach Sache des Fürsten 
w^urde, erging ein Verbot, dem Publikum die tabulae publicae 

mitzuteilen. 

Trotz der Strenge der vorbeugenden Strafgesetze offen- 
barten dieselben doch ihre Ohnmacht, wenn .es galt, den Ver- 
geuder öffentlicher Gelder zu treffen. Vergeblich wurde der 
Senat angegangen. Abhülfe zu schaffen. Allein da der Schwer- 
punkt des Amtes dieser Beamten in der Vertretung der großen 
Interessen des Volkes lag, so konnten dieselben nicht auch mit 
Nutzen zugleich die Kontrolle über das Buchhaltungspersonal 
und die gründliche Überwachung der den Zahlungsauftrag er- 
teilenden Personen übernehmen. In dieser Lücke setzten die Ver- 
untreuungen und Fälschungen ein, die das Verderben Roms 
bildeten. Denn die verwaltungsmäßige Kontrolle aller Konti der 
Statthalter und Quästoren durch den Senat hätte nicht nur eme 
ungeheure Zeit, sondern auch ein zahlreiches Personal von Kon- 
trollbeamten erfordert. Aus der Literatur ergibt sich übrigens, 
daß die Generale und Prokonsuln ihre Rechnungen überhaupt 
bloß ablieferten, um mehr nur einer Form zu genügen; es sei 
denn, daß eine gründliche Rechnungslegung von einem politi- 
schen Gegner gefordert wurde.4) Die römische Finanzverwaltung 

^rÖi^XLVIII.; Rein p. 697. Kriminalrecht der Römer; G. Humbert p. 164. 
2) Walter, § 854 und Note 127; Zmiipt, I. p. 52. 123, 168; IL i, p. IH; 

IL IL p. 231 ff; Rudorff, L p. 81, 86. 

l cLo. In Verrcn I. XIV. ff. HI. XXKVI.. LXXXIIL: A. ^^^ Zumpt, 
II. II. S. 80; Ulpian, Trag. I.; Digest., .->d legem Julian, de peculatu. XL\ IIL, 

Vgl. G. Humbert S. 165. .„ . , 

' 4) So zeigte Publius Scipio Africanus seine Rechnungen vor, --« - J^^ 
sodann vor den Augen der Senatoren. Walter, § 248. 249. 254. 237, 814. 1 lutarch. 
c'o m^or. XV. Rein, Kriminalrecht p. 680 ff.; Mommsen, Die Scip.oprozesse. ,m 
Hermes. Bd. 1. 1866. S. 16 ff., bei Humbert. Essai p. 166. 



litt daran, daß sie einer Stelle die Verantwortung für die Kon- 
trolle aufbürdete, die hierfür vollständig ungeeignet war. Darum 
der Verfall. Die Geschichte hat längst und auch in der mo- 
dernen Zeit gezeigt, wie schwierig es ist, von einer politischen 
Körperschaft die schwierige und minutiöse Arbeit einer Prüfung 
und Beurteilung aller Staatsrechnungen zu verlangen. Und doch 
w^ar lediglich der Senat die berufene Instanz für die Kontrolle 
des Schatzamtes. Denn kein anderer wie er war es, der die 
Ausgaben anordnete , er setzte die Zahl der auszuhebenden 
Soldaten fest, er verfügte, wie viel Schiffe zu erbauen w^aren, er 
bestimmte, welche Lieferungen die Provinzen zu leisten hatten. 
Er allein wies die zur Verwaltung der Provinzen erforderlichen 
Mittel an ; er war es auch, der die Restbeträge aus allen Erträg- 
nissen in Empfang nahm. Folglich mußte er es auch sein, der 
die Betätigung der von ihm angeordneten Ausgaben am besten 
kontrollieren konnte. Da der Senat keine öffentliche Beamten- 
eigenschaft hatte, folglich auch den Magistrat niemals für sich 
brauchte, ferner auch nicht vor Gericht wie ein Schatzbeamter 
oder als Angeklagter vor dem großen Verw^altungshof zu er- 
scheinen brauchte, so hatte er den Magistrat ganz in seiner Ab- 
hängigkeit.^) Allein der römische Senat als Revisionsinstanz 
war Richter und Partei in eigener Sache. In dieser Eigenschaft 
hatte er an einer gründlichen Kontrolle ebensowenig Interesse, 
wie an einer Bestrafung von Betrug und Arglist seitens der 
Verwaltungsbeamten; er hatte im Gegenteil alles Interesse daran, 
Unterschleife u. dgl. zu verheimlichen, um nicht die eigene Körper- 
schaft in der öffentlichen Meinung herunterzusetzen. 

Der Mangel einer richtigen, d. h. tatsächlichen, unabhängigen 
und in die Tiefe gehenden Kontrolle der römischen Staatsbuch- 
haltung, als Folge davon, daß die Kontrolle einem Zwitterding, 
einem Verwaltungskörper, der zugleich Gerichtshof war, über- 
tragen w^urde, bildete eine der schw^ersten Wunden mit, an der 
die Verfassung Roms zugrunde gehen mußte.^) 

Daraus hat die nachfolgende Kaiserzeit keine Lehre gezogen. 
Sie bewegte sich vielmehr, wie dies übrigens bei solchen Über- 
gangszeiten immer und überall zu gehen pflegt, mit ihrem Finanz- 



II 



i) Dio Cassius XXXVIIL 
2) M. Labonlaye, Essai p. 62, 



/ / » 



116, 118, 225, bei Humbert t. II. 

9* 



132 



Zweiter Teil 



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wesen ganz im Schema ihrer Vorgängerin. Auch das Kaiserreich 
hatte mit dem Tributum und der Annona, als dem Mittelpunkt 
seiner gesamten Einnahmequellen, zu rechnen. Der Kaiser bzw. 
seine Delegierten hatten den Haushaltsetat für die drei öffentlichen 
Kassen festzusetzen. Diese drei Kassen waren : Die heilige 
Schatzkammer, das Schatzamt der Krone und die Kasse des 
Statthalters.^) War das Budget einmal festgelegt, so blieb nichts 
anderes übrig, als Einnahmequellen für seine Deckung zu 
schaffen und die Beitreibung der Gelder sicherzustellen. 

Die mit der Befugnis (potestas) eines Duumvirs, Kurators 
usw. ausgestatteten Magistratsbeamten hatten alljährlich dem 
lokalen Senat Rechnung abzulegen. Die für eine gewisse Zeit 
angestellten Kuratoren taten dies nach Ablauf ihres Mandats 
nach gemeinem Recht (rationes reddere.^) Diese Rechnungs- 
ablage bestand in der Vorlage einer genauen Aufstellung 
derjenigen Einnahmen, welche der Magistrat von den Schuldnern 
der Stadt unter seiner Verantwortung beizutreiben hatte. Anderer- 
seits hatte der zur Rechnungslegung Verpflichtete die Zahlungen, 
die er zugunsten der Gemeindegläubiger im Rahmen der vom Senat 
bewilligten Kredite tatsächlich veranlaßt hatte oder über die er 
hätte verfügen sollen, mit den Belegstücken in der Hand einzeln 
nachzuweisen. In beiden Fällen war er verpflichtet, die Sorgfalt 
eines ordentlichen Famihenvaters (exacta diligentia) walten zu 
lassen, so daß er nicht nur allein für Betrug oder Untreue 
sondern auch für Fehler und Irrtümer, soweit der Stadt daraus 
ein Nachteil erwuchs, haftbar blieb.3) Kuratoren, welche Liegen- 
schaften oder die Vectigalia, ohne Kaution zu verlangen, in 
Pacht gaben, hafteten persönlich für die Zahlungsfähigkeit der 
Pächter.4) Der Kurator der öffentlichen Arbeiten, welcher 
städtische Gelder an sich behielt, die er hätte an die Unter- 



1) Cod. Theod., XI. i, 3, 5, de annonis. Borchard, p. 420. Otto Kariowa, 
Rechtsgeschichte, Leipzig 1885. V. Matthias, Die Grundsteuer und das Vectigal- 
recht des röm. Reichs, Erlangen 1882. Humbert, t. IL, p. 267. 

2) Digest., XVII. I, 5, p. § I, 8, § 3, 20, 27. Mandata. 

3) Dig., L. I. fr. 6, De adm. rerum, L. i. fr. 14 ad municipalem. v. Quinion, 
p. 121. Houdoy, p. 538 ff., bei Humbert, p. 446. 

4) Houdoy, p. 538. Quinion, p. 122. Dig., L. 8, fr. 3 § i, de adm. 
rer. V. C. Just, XL 6, 7 de fund. patrim. Garsonnet, Hist. des locations perpe- 
tuelles, p. 175, Paris 1879, bei Humbert, t. IL p. 446. 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom 



133 



nehmer oder Werkleute der öffentlichen Arbeiten verteilen 
sollen, hatte außer der Summe auch die Zinsen dafür zu 
entrichten.^) Entlehnte er für die Stadt Geld, ohne hierzu von 
seiner vorgesetzten Behörde, dem Gerichtshof (curia), ermächtigt 
zu sein, so blieb er hierfür, soweit die Beträge nicht der Stadt- 
kasse zuflössen, persönlich und unmittelbar den Gläubigern 
haftbar.2) 

Hatte der Kurator der Republik es an der Überwachung 
der städtischen Arbeiten fehlen lassen, so hatte er hierfür ebenso 
wie der städtische Unternehmer fünfzehn Jahre zu haften.3) War 
er überführt, die unsachliche Verausgabung öffentlicher Gelder 
in der Buchführung verschleiert zu haben, so blieb er bis zum 
Schluß seiner Geschäftsführung dafür verantwortlich und war 
Schuldner für Kapital und Zins. Der gleiche Fall traf zu 
bezüglich derjenigen Magistratsbeamten, welche es verabsäumt 
hatten, geschuldete Legate für die Stadt einzutreiben.4) 

Das Rechnungswesen des Kurators war der Kontrolle des 
Gouverneurs unterstellt. In seinen Händen befanden sich auch 
die Bücher und Rechnungen der Tabularii der Stadt wie der 
Kassenbeamten. In seinen Pflichtenkreis fiel es, zu kontrollieren, 
ob die Ausgabebuchungen und die Quittungen der Zahlungs- 
empfänger mit den Zahlungsanweisungen, und ob andererseits 
die von den Schuldnern erhobenen Beträge richtig und in 
Übereinstimmung mit den ausgefolgten Quittungen in Einnahme 
gestellt waren.5) Dieser Revisionspflicht unterstanden die Rech- 
nungen und Konti der Kuratoren zwanzig Jahre lang. Auf 
Irrtümer in der Rechnung konnte noch nach zehn Jahren 
zurückgekommen werden.^) Für der Stadtkasse geschuldeten 
Schadenersatz haftete der Magistrat nicht nur persönlich, sondern 



J) Quinion, p. 124. Houdoy, p. 539. 

2) Dig. XII. I, 27 de rebus creditis; M. de Savigny. 

3) Cod. J. VIII. 12, 8 de operibus publicis. Der städtische Kurator war 
verpflichtet, die Arbeiten unter seiner persönlichen Verantwortung zu beaufsichtigen. 
Vgl. Hunibert, p. 446 t. IL 

4) Dig. I. I, 38, § 2 ad municipalem; Cod. J. IX. 30, 2 de adm. rerum 
publicarum. 

5) Cod. J. VIII. 13, I. Plin. Epistol. X. 150. Willems, 5. Aufl. S. 604, 
bei Humbert, t. IL p. 446. 

6) Dig. L. 8, 8 de adm. rerum ad civitatem pertinentium. 



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Zweiter Teil 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom 



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auch mit seiner bestellten Kaution. Auch im allgemeinen waren 
die Gesetze über die Haftpflicht und den Schadenersatz der 
Magistratspersonen bei den Römern auch in der Kaiserzeit 
ebenso zahlreich wie mannigfaltig.^) In allen Fällen hatten sie 
vornehmlich die Garantien zum Schutz der städtischen Interessen 
im Auge. Nicht bloi^ allein hatte der Magistratsbeamte unter 
Eid das Versprechen abzugeben, die Stadt für jeden Fehler 
schadlos zu halten, sondern er hatte außer Kaution noch Bürg- 
schaft (rem reipublicae salvam fore) zu stellen. Schied der 
Beamte aus dem Dienst, so wurde, noch bevor ihm aus seiner 
Amtsführung Decharge erteilt war, auf Vorschlag der Verwaltung 
und nach Wahl des Gerichtshofs sein Nachfolger bestellt. Der 
Nominator hatte für den Erwählten einzustehen, falls dieser 
zahlungsunfähig war und der Stadt gegenüber Haftpflicht zu 
erfüllen hatte.^) 

Bei Fragen des Schadenersatzes unterschieden die Römer 
stets scharf, ob die in Betracht kommenden städtischen Beamten 
noch unter väterlicher Gewalt standen oder nicht. Im ersteren 
Falle, d. h. wenn der Duumvir filius familias war, so brauchte 
der Vater, wenn dieser Widerspruch gegen dessen Wahl erhoben 
hatte und es sich nicht' unmittelbar um Kassendiebstahl handelte, für 
keinen Schaden aufzukommen, den sein Sohn Drittpersonen 
zugefügt hatte. Andererseits hatte der pater familias allen Schaden, 
den sein Sohn als Beamter angerichtet hatte, zu decken, wenn 
er gegen die Ernennung seines Sohnes nichts eingewendet 
hatte.3) War der Sohn verheiratet, so haftete der Vater in allen 
Fällen nur subsidiär. Die Frau aber konnte aus Gründen der 
Amtsführung ihres Mannes nicht verklagt werden. 

Was die Kontrolle anlangt, so war dieselbe in der Zeit des 
byzantinischen Kaiserreichs mindestens ebenso gesichert wie zur 
Zeit der Könige und der RepubHk. Sie wurde ausgeübt durch 



1) G. Humbert, Essai t. 2 p. 206 verweist diesbezüglich auf die der juristi- 
schen Fakultät in Paris von Ouinion, Hebert und Houdoy gelieferten Doktorthesen, 
ebenso auf die Arbeit von M. Migneret über die administration municipale des 
Romains. 

2) Dig., L. I, 15 § I und Cod. Justin. XI. 35, i, Quo quisque ord. bei 

Humbert, p. 207. 

3) Digest., L. I, § I — 4 ad municipalem, bei G. Humbert t. II. 



die Bücher und Buchungen des Tabularius oder Vorstehers der 
Buchhalterei, sodann durch eigens hierzu delegierte IVIunizipal- 
beamte, sodann durch den Statthalter.^) 

Aus dem ganzen Getriebe der Finanzgebahrung ergibt sich 
jedenfalls, daß das römische Reich nicht bloß in Rom in 
jeder Munizipalstadt über Einnahme und Ausgabe sowie über 
Repartierung, Erhebung und Ablieferung der Gefälle und Steuern 
genau Rechnung führen ließ,^) sondern diese Rechnungen, wenn 
auch nicht mit dem nötigen Erfolg, kontrollieren ließ und hierzu 
em eigenes Kontrollpersonal bestellt hatte. 

Verfall des römischen Finanzwesens. 
Hatten Diokletian, Konstantin und ihre Nachfolger die 
Ordnung im Innern des Reichs und dessen Verteidigung nach 
außen, ferner eine weise Reglementierung in der Erhebung der 
Steuer und eine administrati\'e, auch gerichtliche Kontrolle im 
Finanzwesen einzuführen versucht, so ist es, wie früher schon 
den Königen, so auch ihnen nicht gelungen, im Kaiserreich 
gesetzliche Garantien für eben diese Kontrolle zu schaffen und 
einen von der Verwaltung getrennten, regelrechten und permanenten 
Rechnungshof ins Leben zu rufen. Gewiß wohnte der römischen 
Staatsbuchhaltung eine mit Sachkenntnis geschaffene Organisation 
und Methode bei, welche, wenn auch lange nicht wie dies heute 
der Fall, bestimmte Garantien mit Bezug auf die Richtigkeit 
der budgetmälMgen Resultate bot.s) Allein diese Garantien 
enthielten bedenkliche Lücken, die dann von untreuen Ver- 
waltern, Buchhaltungs-, .Magistrats- und Kassenbeamten, ja selbst 
von skrupellosen Staatschefs benützt wurden, um ihr unsauberes 
Handwerk zu betreiben.4) Aber auch in der Methode wurden 
schwere Fehler begangen. So war es beispielsweise richtig, 
daß den fiskalischen Rechnungsbeamten anbefohlen wurde, in 
ihren Buchungen die Posten der verschiedenen Verwaltungsjlhre 

1) G. Humbert, Essai t. II. p. 89 et suiv. und bezüglich der einschlägigen 
Gesetze p. 877, notes 955—961, 965. 

2) Ciceros Reden gegen Verres (actiones Verrinae), sowie seine Briefe, in denen 
die Rechnungsbüchcr vieler, besonders sizilischer, Städte angeführt werden. Cic. ad 
div. II. 17 u. Cic. pro Flacco 17, 18, 33, bei Schüler S. 6. 

3) G. Humbert, Essai t. II. p. 258 ff. 

4) M. Borchard, p. 507. 



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Zweiter Teil 



nicht zu vermischen, sondern sie streng auseinander zu 
halten. Ein Fehler aber war es, daß die Kaiser ohne 
jeden Grund die Dreiteilung der öffentlichen Kassen auf- 
recht erhielten, womit die Übersicht über den Staatshaushalts- 
etat verdunkelt wurde, wenn schon diese Teilung im Grunde 
nur in der Theorie bestand, weil die Verw^alter der Provinzen 
sie nicht beachteten. Ebenso fragwürdig w^ar die Einrichtung, 
daß die zu den verschiedenen Verwendungsw^eisen bestimmten 
Gelder auch faktisch getrennt aufbewahrt werden mußten, so 
daß keinerlei Berührung zwischen den für die heiligen Opfer- 
gaben bestimmten Beträg-en und denjenigen Beständen, die zu 
andern Zwecken bestimmt waren, eintreten durfte. 

Für jeden dem öffentlichen Finanzwesen eingegliederten 
Dienstzweig war eine besondere Buchhaltung vorgesehen. Eine 
Zentralbuchhaltung fehlte aber ganz. Ebenso blieben Einnahmen 
und Ausgaben des Kaisers und des Staates voneinander getrennt, 
wenn schon der Kaiser als die lebende Personifikation des 
Gesetzes und als der Inhaber aller Gewalt schalten und walten 
konnte, wie es ihm gefiel. Von dieser Befugnis wurde natur- 
gemäß in der Zeit des Verfalls gründlich und nicht immer im 
Interesse des Landes Gebrauch gemacht. Dazu trat, daß die 
Finanzbeamten nicht bloß allein obligatorisch und unentgeltlich 
ihr Amt versehen mußten, sondern dieses ihr Amt wurde sogar 
für erblich erklärt.^) Die Folge war, daß diese Leute bald ent- 
mutigt und ruiniert waren und sich nur noch durch Bestechung 
und Korruption über Wasser halten konnten. Dazu kam, 
daß die Einnahmen zusammenschrumpften, während die Aus- 
gaben ins Ungemessene anschwollen. Die individuelle Frei- 
heit, die natürlichen Rechte der Bürger, alles wurde den 
Bedürfnissen des Fiskus geopfert. Von einer gerechten Ver- 
teilung der Steuerlasten war schon längst keine Rede mehr. 
Wie sollte dies auch in einer streng nach Klassen gegliederten 
Gesellschaft, in der jeder Bürger einer eigenen mit besondern 
Rechten und PfHchten ausgestatteten Gemeinschaft mechanisch 
zugeteilt wurde, der Fall sein ? Die Folgen dieser von aller- 
hand Privilegien und Ungleichheiten zerklüfteten Klassen- 
einteilung sind geschichtlich festgestellt. Auf der einen Seite 



») G. Huinbert, Essai t. II. p. 254 ff. 



Die Staatsbuchhaltung im alten Rom 



13: 



Ansammlung ungemessener Reichtümer unter dem Schutze der 
Steuerfreiheit bei einigen w^enigen Bevorzugten, und auf der andern 
Seite die allgemeine Misere, die Felder ohne Kultur, das Eigen- 
tum von der Steuerlast so zermalmt, als ob es nur eine Quelle 
des Ruins für den Besitzer wäre. Die Folge war, daß das Schatz- 
amt durch die Armut der Bürger seinerseits immer mehr ver- 
armte. Die Fälschungen der öffentlichen Machthaber, die Untreue 
und Betrügereien, zu denen die obersten Verwaltungsbeamten 
und ofi der Kaiser selbst das böse Beispiel lieferten,^) waren kaum 
noch zu ertragen. Der Despotismus erschütterte die Grundfesten 
des Reichs, denn je mehr er zu verblassen drohte, desto größer 
waren die Anstrengungen, die er zu seiner Erhaltung machte. 
Die Kaiser, welche die Vergebung aller Würden und Ämter in 
ihren Händen hielten, vergaben diese Stellen nicht etwa nach 
Tüchtigkeit und Würdigkeit, sondern lediglich nach Gunst und 
Wohlgefallen an Leute und an Klassen, die sie zu ihrer eigenen 
Selbsterhaltung brauchten. Damit schoß die Zahl der Privilegien 
bedrohlich empor. Die verwaltungsmäßige und nicht minder die 
gerichtliche Kontrolle sank zum Schema herab, die Gemeinden 
verloren mit ihrer Selbständigkeit noch den Rest ihrer Patrimo- 
nialgüter, und die Bischöfe, besonders im östlichen Teile des 
Reiches, übernahmen die Verteidigung der Städte. 

Die freiwilligen Beiträge der steuerfreien Städte wurden in 
fortdauernde Steuern verwandelt. Die Armeen, welche von 
Ravenna und Mailand keinen Sold erhalten konnten, weil der 
Schatz durch den Aufwand des Hofstaates, der allen Leiden des 
Landes zum Trotz fortdauerte, erschöpft w^ar, schrieben will- 
kürlich Lieferungen und Steuern überall aus, w^o immer sie 
ihren Ausschreibungen Gehorsam erzwingen konnten. Die 
Soldatendespotie hatte alle Begriffe von Ehre, das einzige 
Alittel, durch welches Treue, Eifer und Rechtschaffenheit in der 
Verwaltung wachgerufen und aufrecht erhalten werden, längst 
verlassen. Die kaiserlichen Zivil- und Militärbeamten suchten 
sich durch ihre Stellen zu bereichern, und zur Erreichung dieses 
Zweckes wurde kein Mittel verschmäht. Die Abgaben der 

») Der schlaueste und abscheulichste Barbar lugurtha sagte damals in bezeich- 
nender Weise: Rom würde sich selbst verkaufen, wenn man nur Geld genug hätte. 
R. Bosse, Bd. I., S. 145. 



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Zweiter Teil 



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Untertanen wären wohl noch zu erschwingen gewesen, wenn 
die Einnehmer die Sätze nicht aus Eigennutz durch Mißbrauch 
Ihrer Amtsgewalt verdoppelt und verdreifacht hätten. Dazu 
traten die willkürlich vorgenommenen Münzverschlechterungen 
durch welche ganze Vermögen entwertet wurden. Unter der 
Menge der Zölle und der Betrügereien der Zolldiener erlag der 
Handel im Innern. Die Staatsmanufakturen entrissen dem 
schwer mit Abgaben belasteten Gewerbe den Rest des Erwerbs 
Damit erstarb jeder Kunstfleiß. Der Ackerbau verfiel und 
wahrend das römische Reich sich entvölkerte und immer' mehr 
verarmte, schwelgte der Hof immer mehr in Üppigkeit Es war 

T' ^^T, '"\ ^^'''"""' '" ^""^"'^ - ^'« Verschwendung des 
den Schiffbruch vor Augen sehenden Matrosen, der sich ange- 
sichts des Abgrundes noch betrinkt, um vor dem Untergange 
noch einen Genuß zu haben.') 

Ungerechte Konfiskationen wechselten mit gesetzlosen 
Versteigerungen ab. Die Sicherheit des Vermögens war auf- 
gehoben. Auch Geißeln und Folter vermochten die Abgaben 
nicht mehr zu erzwingen. Es folgte eine Entvölkerung der 
rTovinzen. 

Der materielle Niedergang zog die moralische und soziale 
Versumpfung nach sich. Die ganze Nation verfiel sozusagen in 
Stumpfsinn. Damit war das Schicksal des römischen Kaiser- 
reichs mit seinen ergreifenden Bildern des Despotismus, seinen 
ökonomischen Irrungen und seiner Mißwirtschaft im Finanzwesen 
besiegelt .... Die Teilung der Gewalten sicherte zwar durch 
die Elfersucht der Befehlshaber und (ieneräle die innere Ruhe 
und der Kaiserliche Hof konnte gefühllos, ungeachtet des Elends' 
das in den Provinzen herrschte, den orientalischen Aufwand in 
gefahrioser Ruhe fortsetzen. Aber es war die Ruhe vor dem 
Sturme. Sie begünstigte die Entstehung einer Mameluken- 
regierung und hinderte jeden Fortschritt im Innern, raubte aber 
auch zugleich, unterstützt durch Mangel an Einigkeit und durch 
eine unerhörte Korruption in der Verwaltung, dem Staate seine 
letzte Kraft gegen das Ausland. Die Grenzen wurden von 
ansturmenden Horden durchbrochen, und der Zug der Barbaren 
über Rhein und Donau ins römische Gebiet dauerte ununter- 

') Dr. H. Hegewisch, Rom. Finanzen, S. 385. 



Das breviariuin und der libell 



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'39 



brochen fort. Attilas Reich, vom Rhein bis zum Eismeer, zerfiel 
bei seinem Tode, aber die Römer erhielten die Provinzen von 
den Alpen bis zur Donau nicht zurück. Nur mit Mühe gelang 
es noch, aus den treuen Überresten des Reichs an dem kaiser- 

^^^r r"°^ ^'" ^"'P' ^°" '-^"^'ändern zu besolden, mit dessen 
Hilte Italien im Gehorsam gehalten werden sollte. 

Aber die Generäle, sich ihrer Gewalt bewußt, wählten 
selbst die Kaiser, um diesen die .Mühen und Gefahren und sich 
den Nutzen der Regierung zuzuteilen. Odoaker hielt auch 
dieses für überflüssig, und der letzte Kaiser stieg vom Thron •) 
So löste sich ein Staat durch die .Mißbräuche seiner Verwaltung 
auf, groß und mächtig wie nie ein Staat der Vor- und Nach- 
welt war; so bestrafte sich mit dem Elende einer Bevölkerung 
von hundert Millionen, mit ihrer physischen und moralischen 
Veruahriosung und mit dem Untergange jeder bürgerlichen 
lugend die Verachtung des Grundsatzes: Daß der Zweck der 
Regierung allgemeines Volksglück sein muß. 2) 



Römische Inventarienbüehep. 

Das breviarium und der libellus. 

Es gehörte zu den ständigen Einrichtungen Roms, ein 
Staatsinventarienbuch, breviarium genannt ,3) zu führen' In 
dieses Buch wurden die dem Staate gehörigen Salinen, Forsten 
Weiden. Gewässer, der Flottenbestand, sodann die Zahl der 
alljähriich zu den Legionen auszuhebenden Bürger eingetragen. 
Sodann sollen darin ■- bestimmtes ist aus den Quellen nicht zu 
entnehmen - die Sollbeträge der Staatseinnahmen und Staats- 
ausgaben nach den Voranschlägen des Haushalts Aufnahme 
gefunden haben, daher das Buch zugleich auch den Zweck eines 
Staatshaush altsbuches erfüllte. Eingeführt wurde dieses Buch 

■) Jordanes de reb. Get. 46. S. 680, In Lucullano Campaniae castello exili: 
poena damnavit. Vgl. Rudolf Bosse. Grundzäge des Finanzwesens im römischen 
Staate. S. 230. 

2) Rudolf Bosse, Grundzüge des Finanzwesens im römischen Staate S. 231 

3) Dieses breviarium ist nicht zu verwechseln mit dem breviarium Alaricianum 
welches eme Sammlung römischer Rechtsbestimmungen enthielt, die Alarich IL im 
Jahre 506 für die im westgotischen Reiche lebenden Römer schreiben ließ. 



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Zweiter Teil 



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von Kaiser Augustus, daher dasselbe auch breviarium Augusti 
genannt wurde, das von den späteren römischen Kaisern als 
breviarium imperii fortgesetzt wurde. Für die Kontrolle bezüglich 
der richtigen Einträge war eine Kommission verantwortlich, die 
aus den einzelnen Gemeinden gebildet wurde. Diese Körper- 
schaft hatte zugleich den Etat zu genehmigen, die Errichtung 
von Ehrendenkmälern zu beschließen und den Oberpriester zu 
wählen, zugleich aber auch Beschwerden gegen den Statthalter 
entgegenzunehmen, zu prüfen und zu erheben.^) Daß man in 
Rom Staatsinventarienbücher kannte, geht aus den alten wie 
neueren Quellen hervor.^) In einer derselbenS) heißt es: 

Als Augustus auf dem Totenbette lag, war es ihm nicht 
unbekannt, daß die Arzte die Hoffnung, ihn noch am Leben zu 
erhalten, aufgegeben hatten. Da berief er den Magistrat, die 
Senatoren und viele vornehme Ritter an sein Totenbett, um 
ihnen seine letzten Wünsche, den Staat betreffend, mitzuteilen. 

Dem Konsul Piso (»Dius liber« LIII, pag. 517,) übergab 
er das Buch, in das er ein Verzeichnis der stehenden Heere 
sowie der Staatseinkünfte aufgestellt hatte. Dieses »Buch« war 
nichts anderes, als das sogenannte rationarium oder breviarium 
imperii. Daß dieses Buch in der Tat das br. imperii war, 
bestätigt Suetonius, der ausdrücklich im Augustus Kap. 28 schreibt: 

»Er berief den Senat sowie die Staatsbeamten zu sich und 
"übergab ihnen diis rationarium imperii.« 

Diese Berufungen und Mitteilungen fanden überhaupt jedes 
Jahr statt, was uns Suetonius im 16. Kap. seines Caligula mit- 
teilt. Es heißt dort: »Er (Caligula) veröffentlichte die rationes 
imperii, die Augustus regelmäßig, d. h. jedes Jahr, aufgestellt 
hatte. 

Wie wir von dem nämlichen Schriftsteller im Augustus 
Kap. 10 1 erfahren, wurde dieses breviarium imperii nach dem 
Tode des grol>en Römerkaisers im Senate verlesen. Es enthielt 
in seinem dritten Teile folgende Angaben (so steht bei Sueton 



») Schüler -Voigt, Die röm. Staats-, Kriegs- und Privataltertümer, S. 670 ff« 
Rodbertus, Geschichte der röm. Tributsteuern, S. 341 ff. 

2) So bei Seneca, Epistulae Mor. lib. IV. Ep. X. (39, i); Georges: breviarium 
imperii = Staatsinvcntarien, Statistische Übersicht. 

3) Albertus Fabricius, Imper. Caesaris Augusti temporum notatio, genus, et 
scripto-um fragmenta, Hambur^i 172". 



Das briviarium und der libellus 



141 



ZU lesen): »Wie viele Soldaten bei den Fahnen standen, wie 
viel Geld sich in der Staatskasse und in den übrigen öffentlichen 
Kassen befand. Hinzugefügt waren die Namen der Frei- 
gelassenen und der Sklaven, über deren Anzahl ein Verzeichnis- 
verlangt werden konnte.« 

Mehr noch erfahren wir über diesen Gegenstand von dem 
großen Geschichtsschreiber Cornel. Tacitus, der im 11. Kap^ 
des ersten Buches seiner Annalen folgendes erzählt: »Tiberius 
ließ das »Buch« (das breviarium imperii ist gemeint) herbei- 
bringen und den Inhalt vorlesen. In dem »Buche« w^ar 
verzeichnet: Wie viele Bürger und Bundesgenossen unter Waffen 
standen, wie viele Königreiche, Provinzen und Truppen vor- 
handen waren, wie viele direkte und indirekte Steuern entrichtet 
wurden, auf wie hoch sich die Staatsbedürfnisse und auf wie hoch 
sich die Schenkungen beliefen. Dies alles hatte Augustus 
mit eigener Hand niedergeschrieben.« 

Schließlich heißt es im 56. Kap. des »Dius liber«: »Das- 
dritte Buch enthielt die Gesamtsumme der Soldaten, der Ein- 
künfte, des Staatsaufwandes, es gab an, wie viel Geld sich in 
der Staatskasse und in den übrigen (öffentlichen) Kassen befand,, 
sowie alles das, was sich sonst diesbezüglich auf den Staat bezog.« 

Im privaten Hausstand verzeichnete der pater familias sein 
totes und lebendes Inventar in ein besonderes Buch, das libellus. 
genannt wurde. Dieses Buch war demnach eine Art Ver- 
mögensbestandsbuch und wird unserem heutigen Inventarien- 
buch entsprochen haben, mit dem Unterschiede, daß das. 
römische Inventarienbuch durch Zu- und Abschrift stets evident 
gehalten wurde. Unser heutiges Inventarienbuch kann insofern 
diese Evidenthaltung entbehren, als dieses immer nur für einen 
ganz bestimmten Zeitpunkt aufgestellt wird. 



Das Kalendarienwesen. 

I. Das Kalendarium publicum. 

Geschichtliches. 

Es ist aus der vorhandenen Literatur nicht nachweisbar, ob 
das Stadtkalendarium zuerst oder ob das Privatkalendarium 
zuerst, oder aber ob beide zu gleicher Zeit ins Leben traten. 
Zwar beginnen die Nachrichten über das Privatkalendarium mehr 



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Zweiter Teil 



Das Kalendarium publicum 



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als ein Mensclienalter vor den Xachrichten über das Stadt- 
kalendarium. Diese Tatsache lälk aber keinen zweifelsfreien 
Schluß über die Priorität der einen über die andere Institution 
zu. Wahrscheinlich ist, daß es zunächst der Privatverkehr war, 
der diese Kreditform ausbildete. Vielleicht waren es innerhalb 
dieses Verkehrs die römischen Bankiers oder argentarii, welche 
die Kalendariendarlehen einführten, von denen es alsdann, nach- 
dem die Einrichtung sich bewährt hatte, die Stadtgemeinden 
übernahmen. Tatsache ist nur, daß mit dem Beginn der hadria- 
nischen Epoche, mit welcher die erhaltenen Überreste der 
klassischen Rechtsliteratur zahlreicher wurden, auch über 
das Kalendarieninstitut helleres Licht verbreitet wurde. 
80 sind aus den kasuistischen Schriften der Juristen 
Africanus, Scävola und Papinian eine Reihe von Rechts- 
fällen ersichtlich, welche über das Bestehen des Privat- 
kalendariums Kunde geben. Mit Papinian hören alle Nachrichten 
über das Privatkalendarium völlig auf. Merkwürdig ist, daß 
gerade mit dem Ende der klassischen Rechtsperiode das Stadt- 
kalendarium, über das in der Zeit von Trajan bis auf Ulpian 
sich nur spärliche Nachrichten auffinden lassen, in eine neue 
Phase eintritt, deren Höhepunkt das konstantinische Gesetz bildet 
und deren letzte Ausläufer bis herab zum Jahre 380 sich ver- 
folgen lassen, die aber vermutlich noch weiter abwärts reichen 
dürften.^) 

Nach der Örtlichkeit verteilt, findet sich nach der Literatur 
das kalendarium privatum in den Provinzen, während das 
Stadtkalendarium größtenteils eine rein italienische Einrichtung 
darstellt. Der Grund hierfür mag darin zu suchen sein, daß in 
Italien mehr als in den Provinzen die Argentarii die Kredit- 
geschäfte vermittelten, und daß ferner die italienischen Gemeinden 
weit reicher als diejenigen der Provinzen waren, so daß hier für 
jene Gemeinden besonders scharf die Veranlassung hervortrat, 
für ihre disponibeln Kapitalien eine sichere Anlage zu suchen.^) 

Der weitaus größte Teil der Stadtkalendarien wird von 
den Quellen nach der westlichen Hälfte des römischen Reiches 
verwiesen.^) Insbesondere werden als Sitz von Kalendarien- 



I) Hecht, Die rom. Kalendarienbücher, S. 53. 



Verwaltungen außer Italien Afrika, sodann Gallien und Spanien 
genannt.^) Keine Spur für die Existenz eines Kalendariums 
läßt sich im Osten des Reichs auffinden. Wahrscheinlich 
empfand man in den Ländern griechischer Zunge mit ihrem 
reich entwickelten Verkehr kein Bedürfnis dafür, das fremde 
Institut aufzunehmen, vielleicht weil die Verpfändung von Gütern 
unbekannt oder unsympathisch war, vielleicht auch, weil die 
Argentarii hier so ausgiebig für das Kreditgeschäft sorgten, daß 
das Kalendarieninstitut hier keinen Boden fand.^) 

Rekapituliert man, die Literatur überschauend, das Gesagte, 
so findet man, daß die Quellen geschichtlich über das Kalen- 
darieninstitut nur wenig Aufschluß geben.3) Die Nachrichten 
reichen für das Privatkalendarium von Seneca bis Papinian, für 
das Stadtkalendarium von Trajan bis zu Arcadius und Honorius. 
In der justinianischen Kompilation ist das Privatkalendarium 
häufig, das Stadtkalendarium mehrfach erwähnt. Doch läßt sich 
daraus für die Eortdauer des Instituts kein Schluß ziehen, da 
alle dasselbe betreffenden Nachrichten der westlichen Hälfte des 
römischen Reiches angehören und nichts darauf hindeutet, 
daß dasselbe jemals im byzantinischen Reich bestanden habe. 
Immerhin ist es nicht unmöglich, daß sich das für den Geld- 
verkehr und besonders die Landwirtschaft so wichtige Institut 
da und dort über Justinians Zeit hinaus und bis in 
die letzten Zeiten des römischen Verkehrs im Abend- 
lande erhalten hat.3) Soweit Schlüsse zulässig sind, dürfte 
das Institut des Kalendariums eine etwa 500jährige Lebensdauer 
und zwar ungefähr von Christi Geburt bis 500 Jahre n. Chr. 
gehabt haben, wobei freilich Beginn und Endpunkt dieser 
Epoche nicht als feststehende Termine betrachtet sein wollen. 
Die positiven Nachrichten beginnen erst um das Jahr 55 und 
hören mit der Kodifikation des Kodex Theodosianus auf. Das 
Institut wird aber jedenfalls wohl schon ein paar Menschenalter 



1) Hecht (S. 54) bezeichnet es als bemerkenswert, daß zwei afrikanische 
Kirchenväter in der Zeit Papinians, TertuUian und Cyprian, des Privatkalendariums als 
eines allgemein bekannten Instituts gedenken, während seines Wissens kein Kirchen- 
vater einer andern Gegend ein Gleiches tat. 

2) Hecht, S. 54. 

3) Hecht in Ashers rechtsgesch. Abhandlungen etc. 



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Zweiter Teil 



Das Kalendarium publicum 



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vor den ersten positiven Nachrichten über dasselbe seinen 
Anfang genommen und eine ebensolange Zeit nach Aufhören 
dieser Nachrichten sein Ende gefunden haben.^) 

Zweck und Wesen. 

Die römischen Stadtgemeinden verfügten meistenteils über 
große Vermögen. Dafür sorgte der Zensus und die Aristokratie, 
welche ihre Macht mit verschwenderischer Liberalität bezahlten. 
Davon hatten die Städte die Festmähler, Spiele, Opfergaben usw. 
zu bestreiten. Zu diesen Ausgaben traten dann auch solche mit 
bestimmtem, sich stets gleichbleibendem Charakter. Hierzu waren 
zu zählen der Aufwand für den Unterhalt der Bauten und 
Straßen, sowie zur Erhaltung eines Öl- und Getreidelagers, aus 
welchem in Jahrgängen, in denen Mißernten und Teuerung sich 
einstellten, die Bürger Unterstützung erhielten. Diese Lager 
mußten nach vorgenommener Verteilung wieder ergänzt werden. 
Die hierfür bereit gestellten Kapitalien wurden in Dariehens- 
obligationen angelegt, d. h. sie wurden gegen Verpfändung von 
Liegenschaften, Ackern und Häusern zinstragend verwendet. Zu 
ihnen gesellten sich Legate, Schenkungen und sonstige Vermächt- 
nisse, die von reichen Römern und angesehenen Munizipalfamilien 
mit bestimmter Verwendungsart, wie zu Volksfesten, Festspielen 
u. dgl., der Stadt zur Verfügung gestellt wurden. Es ist dies 
zwar aus den Quellen nicht ersichtlich, aber es läßt sich an- 
nehmen, daß nur der Zins dieser Kapitalien den Zwecken ge- 
widmet wurde, zu denen die Bereitstellung erfolgt war, und daß 
folglich das Kapital nicht angegriffen wurde. Auch die Kaiser 
vermachten den Städten zuweilen Beträge zu Kalendarienzwecken.^) 
Für alle diese Kapitalien nun, soweit sie einer festumschriebenen 
Zweckbestimmung zu dienen hatten, wurde eine vom übrigen 
städtischen Vermögen getrennte Verwaltung eingerichtet. Die- 
selbe wurde cura kalendarii genannt. 

So vermachte C. Titius Valentinus, ein pisaurensischer 
Duumvir, seiner Vaterstadt, der Kolonie Pisaurum, eine Million 

») Vgl. Hecht. 

2) So machte Kaiser Constantin Chlorus den Städten Bibracte und Industria 
reiche Geschenke für ihre Kaiendarien. Eunian. Grat., act. Constantin. August. 
IV. i. f. a. 311, vgl. Hecht. 



Sesterzen, damit aus den Zinsen von 400000 Sesterzen alljähr- 
lich am Geburtstage seines Sohnes dem Volke ein Gastmahl 
(opulum) gegeben und aus den Zinsen von 600000 Sesterzen alle 
fünf Jahre Gladiatorenspiele gefeiert würden.^) Dieses Geld- 
geschenk wurde vom übrigen städtischen Vermögen getrennt 
in einem besonderen kalendarium pecuniae Valentini verwaltet. 
Als Kurator desselben wird nach einer Inschrift C. Muteius 
genannt.^) 

Anlage, Verzinsung und Verwaltung sämtlicher Kalenda- 
riengelder waren anfänglich durch Überlieferung, sodann durch 
Munizipalverordnungen und schließlich durch das Gesetz ganz 
genau geregelt. Jede Anlageart bildete ein abgeschlossenes 
Ganzes für sich, das man kalendarium nannte, vielleicht mit 
Rücksicht darauf, daß die Kapitalzinsen an den Monatsersten 
bezahlt werden mußten. Indes sind für die Erklärung des Aus- 
druckes auch noch andere Lesarten vorhanden.3) 

So versuchten verschiedene Schriftsteller 4) die Bezeichnung 
kalendarium damit zu erklären, daß sämtliche Eintragungen in 
die Bücher an den Kaienden zu geschehen pflegten.5) Denn die 
Römer hatten die Gewohnheit, sowohl die Darlehensgeschäfte an 
den Monatsersten abzuschließen, als auch die Termine für die 
Rückzahlungen auf die Kaienden zu verlegen.^) Nach anderen 7) 



1) Hecht, Die röm. Kalendarienbücher. Heidelberg 1868. (Heft i in Dr. G. 
M. Ashers Rechtsgeschichtliche Abhandlungen.) 

2) Zeitschrift der Savignystiftung, Bd. 13. Curator kalendarii von Dr. Kubier, 
S. 161. 

3) Vgl. Literatur bei Dr. F. Hecht, Die röm. Kalendarienbücher, Kap. IV, 

S. 56 ff. 

4) Vgl. bei Hecht, S. 13. 

5) Hecht definiert in seiner zitierten Abhandlung (Heft I S. 3) die Kalendarien- 
bücher mit Kontobücher, deren Inhalt aus einer laufenden Rechnung zwischen der Ver- 
waltung der Kalendariendarlehen einerseits und der Hauptverwaltung des Vermögens 
andererseits bestand. 

6) Vgl. in der Zeitschrift der Savignystiftung für Rechtsgeschichte, 13. Bd. 
Curator kalendarii von Dr. B. Kubier, S. 156. 

7) Literatur über die Erklärung des Wortes: Lipenius, Brissonius, Morcelli, 
Noris, Westenberg, Walter, Xoodt, Oliverius, Keller, Heimbach, Schüler u. a., bri 
Hecht, S. 73. 

Beigel, Rechnungswesen. 









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14b 



Zweiter Teil 



Stammt der Name von den Fälligkeitsterminen teils der Kalen- 
darienobligationen selbst, teils der Zinsen an den besagten Obli- 
gationen her. Manche Schriftsteller betonen beide Momente.^) 

Die für die festgelegten Zwecke hergegebenen Kapitalien 
bildeten die Kalendarienfonds und mußten genau mit derjenigen 
Zweckbestimmung verwendet werden, der sie von Hause aus 
gewidmet waren. Selbstverständlich spielte die weitaus wich- 
tigste Rolle die Verleihung der Gelder für landwirtschaftliche 
Zwecke und Bauten. 

Das Kalendarium als Ganzes betrachtet bestand 

1. aus der pecunia kalendarii oder dem Kalendarienfonds, 

2. aus dem kalendarii Über oder dem Kalendarienbuch, 

3. aus den cautiones debitorum oder den Schuldtiteln der 
Darlehnsnehmer, 

4. aus der arca oder dem Kasten. 

In dieser arca^) wurden die unter i bis 3 rubrizierten 
Gegenstände aufbewahrt. 

Die Einträge im Kalendarienbuch nannte man nomina 
arcaria (auch instrumenta) 3) zum Unterschiede von den nomina 
im codex accepti et expensi. 

Für die Rechtsbeständigkeit des Kalendarieninstituts sorgten 
geeignete Gesetze, inbesondere das konstantinische Kalendarien- 



1) So Lipenius I. § 13, a Kalendis postmodum kalendaria sunt dicta. Nam 
. . . Romani suas usuras ad Kalendas allegarunt ita ut singulis Kalendis debita 
exegerint et crediderint; oder Pancirollus: dictum est . . . Kalendarium, quia debi- 
tores singulis Kalendis pro retenta pecunia usuras solvebant. 

2) Die arca war entweder ganz von Metall (Ap. c. IV. 44) oder von Holz, 
aber mit Eisen beschlagen (Juv. XI. 26, XIV. 259). Ihr entgegengesetzt werden die 
kleineren Behältnisse loculi (Juv. I. 90), sacculus (XI. 26) crumena (Bd. II. in Paulys 
Encycl. S. 13 15) genannt. In Pompeji hat man mehrere solche arcae, auch viele 
Beschläge (crustäe) gefunden (Overbeck, Pompeji, S. 231; Beckers Gallus 3, Ausg. III. 
S. 309 ff.) Ihre Größe ergibt sich daraus, daß ein Mensch darin Platz fand. (Ap. 
c. IV. 44; Die XLVII. 7; Suet. Oct. 27). Vgl. in Paulys Encyclopädie S. 1423 
I. Bd. II. Hälfte. 

3) Hecht schreibt S. 22 ebenso breit wie dunkel: Das Wort instrumentum als Be- 
zeichnung des Inhalts der Kalcndarienbücher ist nur ein anderer Ausdruck für ratio. Denn 
die rationes werden, wo sie als Dokumente in Betracht kommen, regelmäßig instru- 
menta genannt. Dies ergibt sich aus einer großen Anzahl von Stellen in dem Di- 
gestentitel de edcndo, in welchem namentlich sowohl die Gesamtheit der Argentarien- 
rationes als die einzelnen rationes, welche der Argeniar führt, mit den Worten in- 
strumentum und instrumenta bezeichnet werden. 



Das Kalendarium publicum 



147 



gesetz, für die materielle Konstanz die Unkündbarkeit der 
Darlehen sowie die Tatsache, daß die Gelder nur zu den vor- 
gesehenen Zwecken verwendet wurden und die rückgezahlten 
Gelder so lange in Verwahrung gehalten wurden, bis sich für 
sie eine gleiche Verwendung darbot. 

Für gewöhnlich hatte eine Stadt nur ein Kalendarium und 
daher nur einen Kalendarienvorsteher oder Kurator. Es scheint 
aber, daß, je nachdem die örtlichen Verhältnisse dies erheischten, 
manche Städte zwei und sogar noch mehr Kaiendarien hatten.^) 
Es" wird wohl aber auch der Fall eingetreten sein, daß zu 
einem Kalendarium ein ganzer Bezirk gehörte. Ebenso kam es 
vor, daß mehrere Kuratoren ein Kalendarium koUegialisch ver- 
walteten, welche Einrichtung den Kaisern Antonius und Verus 
zum Erlaß einer eigenen Konstitution Anlaß gegeben hat.^) In 
Rom selbst wurde mit Rücksicht auf die Bedeutung des Platzes 
ein eigenes Kalendarium verwaltet. 3) 

Verwaltung. 

Die Verwaltung der städtischen Kalendarienarca wurde zu 
den bedeutendsten städtischen Ämtern gezählt, denn sie wurde 
fast durchweg an Männer vergeben , die bereits alle hohen 
Munizipalämter bekleidet hatten.4) Auch sind die Fälle nicht 
vereinzelt, wo der Kaiser selbst die Kalendarienkuratoren 
unmittelbar auswählte, wie überhaupt die Sorge um die städtischen 
Kaiendarien sich nicht bloß in diesen Ernennungen, sondern auch 



1) So in den Städten Bibracte und Industria, von welch letzterer Stadt aus- 
drücklich gesagt ist, daß ihre sämtlichen Kaiendarien unter einem Kurator standen. 
Hecht S. 27. 

2) Hecht (S. 27, V.) veröffentlicht diesbezüglich L. 9 §§ 7, 8, 9, D. de ad- 
ministr. rer. (50, 8) Papirius Justus libr. II. de constitutionibus. 

§ 7. Item rescripscrunt (Antonius et Verus) a curatore kalendarii cautionem 
cxigi non debere, quum a praeside ex inquisitione eligatur. 

§ 8. Item rescripserunt, curatorem etiam nomine collegae teueri, si inter\'enir^ 
et prohibere eum potuit. 

§ 9. Item rescripserunt, nominum, quae deteriora facta sunt tempore curatoris, 
periculum ad ipsum pertinere; quae vero, antequam curator fieret, idonea non erant, 
aequum videri, periculum ad eum non pertinere. 

3) So bei Seneca Epistola XIV. 71. 

4) Orelli, inscript.; Mommsen; Paulus, de excusat, tut. (in Vot. fragm. § 187) 

bei Hecht. 

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Zweiter Teil 



Das Kalendarium publicum 



149 



• 



darin aussprach, daß z. B. der Kaiser Konstantin Chlorus der 
Stadt Bibracte reiche Geschenke für ihre Kaiendarien zuwendete.^) 

An der Spitze der städtischen Kalendarienverwaltung, der 
cura kalendarii, stand ein Kurator, 2) welches Amt gewöhnlich 
nur an equites Romani vergeben wurde.3) In der Regel wurden 
die Kuratoren von dem Stadtmagistrat ernannt, von dem praeses 
provinciae nach Prüfung der getroffenen Wahl dem ordo der 
Decurionen zur Bestätigung vorgeschlagen und von dieser 
letzteren Stelle bestätigt.*») Das Amt selbst war zwar, wie alle 
Munizipalämter der Kaiserzeit, ein Ehrenamt, es brachte aber 
mehr Last als Ehre ein. Die Stadtmagistrate hatten mit der 
Wahl sehr sorgsam vorzugehen, weil aus der nominatio der 
Kalendarienkuratoren für sie die Verpflichtung erwuchs, für die 
nominati als Fidejussoren zu gelten, als welche sie bei Ausfällen 
in Anspruch genommen wurden.s) Über die Obliegenheiten des 
Kurators gibt das Gesetz Konstantins (C. Th. 12, 11. i) genaue 
Weisungen. Er führte die Aufsicht über die Kalendarien- 
verwaltung und hatte für die Anlage städtischer Kapitalien auf 
Güter zu sorgen.^) Sein Amt war kein bonos, sondern ein 



1) Eumenii, ac. Constant. Aug. IV. i. f. 

2) Vor dem Kaiser Traian sind diese Beamten nicht nachzuweisen. Vgl. Zeit- 
schrift d. Savignystiftung, S. 164. 

3) C. Theod. (12, 11, 1), de curaioribus kalendarii Imp. Constantin. Vgl. Hecht, 
Die Kalendarienbücher in: Rechtsgeschichtliche Abhandlungen aus dem Gebiete des 
römischen Verkehrslebens von Dr. G. M. Asher und Dr. F. Hecht. Heidel- 
berg 1868. 

4) Papirius Justus hbr. II. de constitutionibus. Ferner Ulpian hb. I. de 
appellat. : solent plerumque praesides remittere ad ordinem nominatum, ut Caium 
Seium creent magistratum, vel alius quis honor vel munus in eum conferatur. Ferner: 
Glose, ad L. 9, § 7 D (50, 8) Curator R. P. eum non eligit, sed praeses provinciae; 
quia maius periculum posset inferi circa pecuniam, quam circa alias res. 

5) Codex Theodosianus de curatoribus kalendarii et fideiussoribus eorum (C. 
Th. 12, II). Vgl. auch bei Hecht, S. 32. 

• 6) Gothofred macht den curator kalendarii zum Verwalter der städtischen 

Gelder und zum Kurator des Rechnungswesens und der Anlagen städtischer Dar- 
lehen. Glück sieht in ihm ganz einfach den Verwalter der Stadtkasse, Westenberg 
gibt ihm sogar die Verwaltung der städtischen Steuern. Mommsen identifiziert den 
curator kalendarii mit dem curator pecuniae publicae. Nach Noris Meinung hin- 
gegen ist die Kalendariencura eine Fortsetzung des munizipalen Quästoramtes. VgL 
bei Hecht, Die Kalendarienbücher. 



munus personale, für dessen Übernahme es vielleicht gesetzlich 
einer besonderen Qualifikation nicht bedurfte.^) Doch empfahl es sich, 
nur solche Männer zu nehmen, die einerseits hinreichende Vertraut- 
heit mit den Verhältnissen besaßen, um zu wissen, wo die 
Gemeindegeider sicher angelegt sind, und die andererseits eigenes 
Vermögen besaßen, um den Schaden, der durch ihre Nachlässigkeit 
entstand, decken zu können, wofür sie der Gemeinde, obwohl 
sie nach einer Verordnung der Kaiser IMarkus und Verus keine 
Kaution zu stellen brauchten, 2) haftbar blieben. Der Kalendarien- 
kurator hatte demnach alle Verluste zu ersetzen, welche dadurch 
entstanden, daß er ohne die ihm auferlegte Sorgfalt seines Amtes 
waltete und an Leute Gelder auslieh, die nicht die nötige 
Sicherheit boten. Für Ausfälle, die sein Vorgänger verschuldete, 
brauchte er natürlich nicht zu haften. Dagegen bestand für ihn 
Haftpflicht bezüglich solcher Obligationen, die früher gut waren, 
die aber während seiner Amtszeit unsicher oder wertlos wurden.3) 
Übrigens wird, weil auf afrikanischen Inschriften sich die 
Bezeichnung dispunctor vorfand, daraus geschlossen, 4) daß der 
curator auch dispunctor genannt wurde. Dies scheint jedoch 
nicht zutreffend zu sein; denn dispungere bedeutet, -^die Posten des 
Rechnungsbuches prüfen« (conferre accepta et data). Es ist aber 
nicht wahrscheinlich, daß dem Kurator, als Verwalter des 
Kalendariums, zugleich auch die Revision seiner eigenen Ver- 
waltung übertragen war. Es ist vielmehr zu vermuten, daß für 
die besagte Verwaltung eigens ein Revisor (dispunctor) bestellt 
w^ar, der die einzelnen Posten zu prüfen (dispungere) hatte. Es 
läßt sich bei den mannigfachen Schwierigkeiten, die im Falle des 
Verkaufs, der Schenkung, der Teilung oder Vererbung des an das 
Kalendarium verpfändeten Gutes mit Bezug auf den Besitz- 
wechsel sich eingestellt haben mochten, ohne weiteres annehmen, 
daß Oberbeamte für ganze Distrikte eingesetzt waren und daß 
neben diesen in den einzelnen Städten, in deren Umkreis 
Kalendarienschuldner vorhanden waren, besondere syndici die 



1) Vgl. Zeitschrift der Savignystiftung, 13. Bd. über curator kalendarii von 
Dr. Kubier. v. 

2) Pap. Just. Dig. 50, 8, 12, 4 rescripserunt a curatore kalendarii cautionem 

exigi non debere. 

3) Hecht, Rechtsgeschichtliche Abhandlungen. 

4) Zeitschrift der Savignystiftung, Bd. 13 S. 162. 



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Zweiter Teil 



Das Kalendarium publicum 



151 






I 



Interessen der Kalendarienverwaltung wahrzunehmen hatten. 
Zu ihrem Amte mag es gehört haben, auf eine gute Bewirt- 
schaftung der hypothizierten Güter zu halten, die Zinsen pünkth'ch 
einzutreiben und abzuführen, bei Verkäufen, Teilungen, Ver- 
erbungen und Schenkungen der in Pfand gegebenen Güter 
mitzuwirken u. dgl. m., denn bei dem rapiden Verfall der Land- 
wirtschaft und dem Sinken des Kredits waren Verkäufe an der 
Tagesordnung. Hatten doch schon unter Commodus die Zah- 
lungen neun Jahre lang gestockt; da war denn die Bestellung von 
Vertretern der Kalendarieninteressen auf allen namhaften Plätzen 
von großer Wichtigkeit. 

Dem Kalendarienkurator^) wurden zur Besorgung der 
mechanischen Geschäfte, wie Buchführung, Empfangnahme von 
Zahlungen, Ausfertigung von Quittungen u. dgl. eine Anziihl von 
servi publici unterstellt, deren Stellung etwa unsern heutigen 
Kanzleibeamten entsprochen haben mochte. Sie bildeten das 
ständige Personid zur Erledigung der Kalendariengeschäfte.^) 

Sie waren es, welche die Kanzleiarbeiten zu besorgen und 
die nötigen Bücher zu führen hatten. Ihre Tätigkeit ging übrigens 
zeitweilig auch über diese mechanische Arbeit hinaus. So 
stipulierten sie im Namen der Stadt, nahmen Zahlungen an und 
quittierten darüber. Freilich ging die Sicherheit, welche solche 
Quittungen boten, nicht weiter, als die Sicherheit reichte, 
die überhaupt von Sklaven herrührende Quittungen zu bieten 
vermochten. 3) 

Die Wichtigkeit der Kalendarienverwaltung spricht sich 
nicht bloß in der Peinlichkeit, mit der die Besetzung der Stellen 
zu dieser Verwaltung vorgenommen wurde, sondern auch in der 
Gesetzgebung aus, die eigens für diesen Verwaltungszweig 



ii 



1) Nach Heinibach I. c. 3 wurden diese Beamten auch des öfteren durch 
den Kaiser selbst ernannt, weshalb Mommsen die Kalendariencura unter die höheren 
Magistraturen aufnimmt. 

2) Vgl. bei Hecht, Quellen S. 34. Tit. Cod. Just, ncquis Über invitus actum 
R. P. gerere cogatur (11, 36). 

3) L. 1 1 § I D. de usuris (22, i). Quid, si servus publicus Obligationen! 
usurarum Reipublicae acquisivit? Aequum est, quamvis ipso iure usurae Reipublicae 
debeantur, tarnen pro defectis nominibus compensationem niaiorum usurarum fieri, si 
non sit parata Reipublica universorum debitorum fortunam suscipere . . . (Paulus 
libr. 25 Quast.) Vgl. Hecht, S. 34. 



erlassen wurde. Genaue Bestimmungen sind über diesen Gegen- 
stand in dem konstantinischen Gesetz bzw. in den Verwaltungs- 
vorschriften des Konstantin enthalten. Es wird darin u. a. 
Fürsorge für eine weise, der Stadtkasse zum Vorteil gereichende, 
den Privaten nicht drückende Benutzung der Stadtkalendarien 
getroffen.^) 

Rechtlich stand die Kalendarienverwaltung den andern 
curae gleich, d. h. sie war eine munus civile, welches in Bezug 
auf Pflichten und Entlastungsgründe mit den anderen städtischen 
Verwaltungszweigen auf gleicher Stufe stand.^) 

Merkwürdig ist, daß die Kalendarienkuratoren nur in 
denjenigen Teilen des römischen Reiches anzutreffen sind, die 
später das weströmische Reich bildeten. Damit im Zusammen- 
hange steht, daß in denselben Teilen, nämlich im ganzen Osten 
des Reichs, keine Spur eines Kalendariums zu finden ist. Nicht 
unmöglich aber ist, daß dort, wo im Osten den Gemeinden 
Gelder zu Zwecken, wie sie für das Kalendarium vorgesehen, 
anfielen, diese vom curator reipublicae mit verwaltet wurden. Für 
diese galten dann die gleichen Verwaltungsregeln, wie sie für 
die Kalendarienverwaltung bindend waren.3) 

Cautiones debitorum. 

Aus den Kalendarienfonds erhielten nur Grund- und Haus- 
besitzer, besonders Landwirte, Darlehen verabfolgt. Die Darlehns- 
nehmer mußten ihr Besitztum entweder in der Stadt selbst oder 
in der Nähe derselben liegen haben. Die Haftung der Schuldner 
des Kalendariums war von eigentümlicher Strenge. Sie umfaßte 
nicht nur die verpfändeten (hypothizierten), sondern sämtUche 
Güter, welche der Schuldner zur Zeit der Darlehnsauf- 
nahme besaß. Wurden dieselben zum Teil oder sämtHch 
veräußert oder konfisziert, so blieb die Haftpfhcht mit dem 
restierlichen Betrage daran bestehen. 

Über das ausgeliehene Darlehen wurde ein Schriftstück 
ausgefertigt, das entweder Stipulations- oder Pfandobhgations- 



1) Glosse ad L. 2 C. de deb. civ. 11, 32. 

2) Hecht, S. 8. 

3) Hecht, S. 33. 






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152 



Zweiter Teil 



Urkunde war.^) Die besagten Schriftstücke, cautiones genannt, 
enthielten nähere Angaben über das abgeschlossene Darlehns- 
geschäft und dienten dazu, die Anerkennung der Obligationen 
durch die Schuldner, die vereinbarten Rückzahlungstermine und Zin- 
sen authentisch zu bezeugen, während die Buchung in der Kalen- 
darienratio für die Obligation selbst als Bevveisdokument dienen 
konnte. Daraus folgt, daß die Einträge in den Kalendarienbüchern 
nur den beschränkten Wert einer einseitigen Aufzeichnung des 
Kreditors hatten, weshalb ihnen als Ergänzung die cautiones 
debitorum, d. h. die von den Schuldnern als authentisch anerkannten 
Urkunden über das abgeschlossene Darlehen beigegeben werden 
mußten.2; 

Wer Schuldner des Kalendariums und zugleich Gläubiger 
der Stadtverwaltung war, hatte nicht das Recht der Kompensation. 
Die Trennung war demnach so scharf durchgeführt, daß es 
verboten war, gegen das Stadtkalendarium eine Schuld der 
Gemeinde aufzurechnen. War also jemand Kalendarienschuldner 
und hatte dieser zugleich an die Stadt eine Forderung, so durfte 
diese Forderung nicht bei der Kaiendarien Verwaltung, deren 
Schuldner der betreffende Stadtgläubiger war, zur Aufrechnung 
kommen, d. h. in Abzug gebracht werden.3) 

Um die Konstanz der Einrichtung zu sichern, bestimmte 
der Kaiser, daß den Kalendarienschuldnern oder den debitores 
kalendarii reipublicae das Darlehen nicht gekündigt werden 
durfte, so lange sie für Kapital und Zinsen genügende Sicherheit 
boten. Freilich entsprang diese kaiserliche Fürsorge nicht bloß 
allein den Interessen der Landwirtschaft, sondern auch denjenigen 
der Kalendarienverwaltung.4) 

Durch das Verbot der Kündigung,-^) welches nicht bloß 
für den curator kalendarii, sondern auch für den curator 



1) Gneist, Die formellen Verträge des r. r. Obligat.-R. Berlin 1845, -p. 411. 
Vgl. bei Hecht, S. 23. 

2) Hecht, S. 14. 

3) Cuiac; de comp. (4,31): in causa civitatis non admittitur compensatio, si is, 
cum quo agitur nomina civitatis, debitor sit ex pecunia, quae serviat kalendaria 
civitatis. 

4) Hecht, S. 20. 

5) L. I D. de admin. (50, 8) Quod ad certam speciem civitati relinquitur, in 
alios usus convertere non licet! Vgl. Hecht, Kalendarienbücher. 



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Das Kalendarium publicum 



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reipublicae bindend war, wurde erreicht, daß sowohl die städtischen 
instrumenta und Buchungen als auch die Pfand- und Stipu- 
lationsobligationen eine Beständigkeit erhielten, ohne welche die 
ganze Kalendarieninstitution nicht zu halten gewesen wäre. 

Die konstantinische Gesetzgebung enthielt genaue Bestim- 
mungen über das Verhältnis der städtischen Kalendarienschuldner 
zum Fiskus. 

Erfolgte freiwillige Kapitalsrückzahlung seitens des 
Schuldners, so wurde das Kapital so lange aufbewahrt, bis sich 
w^ieder dafür eine gleiche Anlage fand, weil das jeweils um den 
Zins angewachsene Kapital stets derselben Zweckbestimmung 
erhalten bleiben sollte.^) 

Es kam jedoch vor, daß die Verwaltungen den Unbemittelten 
Öl und Getreide verabfolgten und sich hierfür von dem Empfänger 
Schuldverschreibungen ausstellen ließen. Diese Titel hatten, da 
ihnen keine Geldsumme zugrunde lag, nur den Wert einer arca 
olearia oder einer arca frumentaria. Trotzdem gelang es den 
Verwaltern, diesen Obligationen die Privilegien städtischer nomina 
arcaria zu verschaffen, so daß gegen diesen Mißbrauch durch 
eine oratio, die die arca olearia und arca frumentaria für nichtig 
erklärte, eingeschritten werden mußte. Als dies nichts half, 
wurden im Jahre 386 die rechtsprechenden Magistrate mit schwerer 
Strafe bedroht: der praeses provinciae mit einer Strafe von 20 
Pfund Gold, die primates officii (richterliche Unterbeamte des 
praeses) mit Kapitalstrafe.^) 



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Buchführung. 
Unter der Oberaufsicht des Kurators war in der Regel ein 
Sklave, seltener ein Freigelassener, der wohl auch den Titel pro- 
curator führte, mit der gesamten Kalendarienbuchhaltung betraut.^^) 



1) Literatur bei Savigny, Keller, Mommsen, Pagenstecher, Kuhn, Hecht, 
Westenberg, Glosse, Gothofred, Glück, Roth, Zumpt, Noris, Heimbach, Lipenius, 
Walter I, Morcelli, Noodt. 

2) Hecht, S. 54. 

3) Sen. Ep. 14, 16 rationes accipit, forum conterit, kalendarium versat: fit 
ex domino procurator, vgl. Zeitschrift der Savignystiftung, 13. Bd. Auf S. 157 ver- 
öffentlicht Kubier den Namen eines solchen Procurators, der allerdings Freigelassener 
war, so wie dieser Name auf einer Inschrift aus Pisa festgestellt wurde. Er lautet: 
Aurelius Hermas Aug. Üb. proc. K(alendarii) Heroum. 



154 



Zweiter Teil 



Das Kalendarium publicum 



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Eine Anzahl von Schreibern (scribae) mögen ihm zur Seite ge- 
standen haben; ebenso der römische Rechenknecht oder abacus, 
der wohl in keinem römischen Kontor gefehlt haben wird. In 
das Kalendarienbuch^) waren Ausgaben und Einnahmen über- 
sichtlich mit Angabe der Daten eingetragen, so dai'j man jeder- 
zeit nach den einzelnen Posten das Soll und Haben feststellen 
(dispungere) konnte.^) 

Es läßt sich, da Quellen hierüber nicht vorhanden sind, an- 
nehmen , daß der liber kalendarii3) aus zwei Teilen bestand, von 
denen der erste Teil das aus dem übrigen Vermögen abgeson- 
derte Kalendarienkapital enthielt, w^ährend der andere Teil die 
rationes und die nomina arcaria der Darlehnsnehmer enthielt. Auf 
den rationes wurden ohne Zweifel die dargeliehene wSumme, die 
stipuherte Rückzahlung und die erhobenen Zinsen nachgewiesen. 
Andererseits hatte der Kalendariendienst als Zweig der Haupt- 
verw^altung des städtischen Vermögens dieser Rechnung abzu- 
legen. In den Kontobüchern sicherte man sich eine Übersicht 
über die Anlage des Kaiendarien Vermögens, zugleich aber auch 
ein , wenn auch nur unvollkommenes Beweismittel gegenüber 
dem Schuldner. Unvollkommen deshalb, weil darin nur die 
einseitige Aufzeichnung des Kreditors enthalten war. Diese Un- 
vollkommenheit wurde jedoch damit beseitigt, daß den Konti 
die cautiones debitorum; d. h. die von den Schuldnern als authen- 
tisch anerkannten Urkunden über die abgeschlossenen Darlehen 
als Beilage dienten. 

Die Art, nach welcher die Kalendarienbuchführung gestaltet 
war und gehandhabt wurde, ist aus der Litenitur nicht ersicht- 
lich. Nicht einmal geht klar aus derselben hervor, ob zu einem 
Kalendarium nur ein Buch oder deren mehrere gehörten. Denn 

1) Die Buch form des Kalendariums wird bezeugt von Seneca Epist. XIII. 2 (87) 
und Martial Epigr. 8, 4, 4 (Superba densis arca palleat nummis: ccntum explicentur 
paginae kalendarum). Vgl. Hecht, S. 14 VIII. 

2) Ulp. Dig. 50, 16, 56 pr. Dispungere est conferre accepta et data. Id. Dig. 
42, 5» ^5' * utrum semel an etiam saepius recognitio et dispunctio concidenda sit 
creditoribus videamus. Zeitschrift der Savignystiftung, 13. Bd., daß das Kalendarium 
nicht identisch war mit dem codex accepti et expensi. cf. Voigt und Marquardt, 
Rom. Staatsverw. II 2 p. 68. 

3) Vgl. Curator kalendarii von Dr. Kubier in der Zeitschrift der Savignystif- 
tung, 13. Bd. der aus dem Kalendarium ein Haupt- oder Geheimbuch der Kapitalisten 
macht. 



bald wird von libri kalendarii, bald nur von einem liber kalen- 
darius gesprochen, ohne erkennen zu lassen, ob mit dem Plural 
die Kalendarienbücher der verschiedenen Städte oder nur einer 
Stadt gemeint sind. Uns will es bedünken, daß die klassischen 
Schriftsteller es mit diesen Ausdrücken — so wie dies heute 
noch Leute, die nicht mit der Buchführung vertraut sind, zu tun 
pflegen — so genau nicht genommen haben und von Kalen- 
darienbüchern sprachen, wo eigentlich nur von einem Kalen- 
darienbuch die Rede sein sollte und urn gekehrt von einem 
Buche berichteten, wo ihrer mehrere gemeint sind. Es scheint, 
daß für jedes Legat, jede Schenkung oder jedes Vermächtnis je 
ein besonderes Buch nebst arca vorgesehen war, welches in Ge- 
meinschaft mit den dazu gehörigen Obligationen und sonstigen 
Dokumenten Kalendarium genannt wurde, außer welchen dann 
das allgemeine, d. h. öffentliche Stadtkalendarium mit seiner 
besonderen Zwecksrichtung bestand. Sämtliche Kaiendarien einer 
Stadt wurden dann einer eigenen Verwaltung unterstellt, die cura 
kalendarii genannt wurde. Die Trennung nahm man vor, um, 
da jedes Kalendarium seine eigene Herkunft und Richtung hatte, 
diese Verschiedenartigkeiten bei Verausgabung und Verein- 
nahmung der Kalendariengelder besser übersehen und verfolgen 
zu können. Daß sämtliche der Stadt zugeflossenen Kalendarien- 
kapitalien mit ihrer verschiedenen Anlagebestimmung unterschieds- 
los in eine gemeinsame arca getan worden sein sollen, wäre 
möglich, aber kaum anzunehmen, weil alsdann auch nur ein ein- 
ziges Stadtkalendarienbuch nötig gewesen wäre. Dann müßte 
aber auch in diesem einen Buche einer jeden Zuwendung eine 
besondere ratio eröffnet worden sein. Ob man aber damals mit 
der Zentralisierung der buchhalterischen Arbeit und der Zu- 
sammenfassung der Konti für die verschiedenen Verwaltungs- 
z\Veige in ein und demselben Buche schon so weit war, wäre 
wohl denkbar, ist aber nirgends erwiesen. 

Unerläßlich war es jedenfalls für die städtische Hauptver- 
waltung, daß sie sich bezüglich der Kalendariengelder, welche 
immerhin zum städtischen Vermögen gehörten und, wenn auch 
getrennt verwaltet, mit diesen zusammenhingen, eine Kontrolle 
sicherte. Das Bedürfnis nach einer solchen mochte, da die 
Gelder Gemeindeeigentum w^aren, w^ohl oder übel als etwas un- 
entbehrliches erschienen sein. Wie diese Kontrolle zwischen der 



' 



1 : 

j ; 



I 






•5b 



Zweiter Teil 



Hauptverwaltung und der Kalendarienverwaltung gehandhabt 
wurde, auch darüber fehlt jede Kunde. Da die Römer aber, wie 
wir heute auch, die ratio in zwei Seiten teilten,^) von denen die 
eine Seite mit Accepta (= unserm heutigen Soll oder Debet) und 
die andere mit Expensa (= unserm heutigen Haben oder Kredit) 
überschrieben war, ferner die Ausgleichung, die sie pariatio^) 
nannten, gekannt haben und die reliquaS) ihnen das war, was 
unserm heutigen Konto das Saldo ist, so läßt sich annehmen, 
daß die Hauptverwaltung und die Kalendarienverwaltung im 
gegenseitigen Rechenverhältnis standen. Trifft diese Voraus- 
setzung zu, so darf weiter vorausgesetzt werden, daß die Haupt- 
verwaltung sich nicht mit der bloßen Visierung der Kalendarien- 
bücher begnügte, sondern vielmehr sich des wechselseitigen 
Rechenverhältnisses durch die Führung entsprechender rationes 
sicherte. Dafür gab es verschiedene Wege. JMöglich, daß die 
Stadtverwaltung in den Büchern der Kalendarienverwaltung die 
dieser Verwaltung ausbezahlten Fonds selbst auf einer besonderen 
ratio zur Last schrieb, und bezüglich derjenigen Fonds, welche 
der Kalendarienverwaltung unmittelbar zuflössen, sowie bezüglicn 
der Anlage des Kalendarienfonds überhaupt sich periodisch die 
libri kalendarii nebst Buchungsunterlagen, Quittungen u. dgl. zur 
Prüfung und Visierung vorlegen ließ. Es ist aber auch möglich, 
daß sämtHche für die Kalendarienverwahung bestimmten Fonds 
ohne Ausnahme zunächst durch die Stadtkasse gehen mußten. 
Ebenso ist der Fall denkbar, daß wechselseitig Konti geführt 
wurden, in dem Sinne, daß die Hauptverwaltung in ihrem Kodex 
der Kalendarienverwaltung eine ratio anlegte und daß umgekehrt 
diese letztere Verwaltung der Stadt eine ratio in ihrem liber 
kalendarii offen hielt. Da in diesem Falle die Hauptverwaltung 
sämtliche Einnahmen zunächst auf accepta ihres Kassenkodex 
gebucht haben wird, so stellte sie alle Überweisungen an 
die Kalendarienverwaltung auf expensa desselben Kodex, aber 
zugleich auf accepta der ratio der Kalendarienverwaltung. 



X) Plin., H. N. IL 5, 22huic (seil. Foitunae) omnia expensa, huic omnia feruntur 
accepta, et in tota ratione mortaiium sola utramque paginam facit, bei Hecht, S. 17. 

2) Liv. 67 § 3 D. de condict indeb. (12, 6), L. 22 D. de manum. testam. 
(40 4) L. 40 § 8 D. de statuliber. (40, 7), bei Hecht, S. 17. 

3) Cic. ad Attic. 16, 2 § 2, ib. 7. 3. Liv. Ol D. de oblig. et act. (44. 7h 
L. 89 pr. D. de solut. et libcr. (46, 3) etc., bei Hecht, S. 17. 



Das Kalendarium publicum 



isr 



Diese mußte dann im umgekehrten Sinne buchen , indem sie 
die von der Stadtkasse empfangenen Kalendariengelder auf 
accepta stellte, zugleich aber dafür der Stadtverwaltung auf deren 
ratio Gutschrift erteilte, indem sie die Summe auf expensa der 
ratio der Stadtverwaltung übertrug. 

Ohne Zweifel mußte aber die Kalendarienverwaltung, wollte 
sie die Übersicht über ihre Kalendarienschuldner und die Außen- 
stände nicht verlieren, zugleich denjenigen Personen gegenüber, 
welchen sie hypothekarisch gesicherte Darlehen hergab, indivi- 
duell geführte Konti offen halten. Auf diesen Konti wurden die 
hergeliehenen Beträge auf accepta belastet, während die Rück- 
zahlungen des debitor kalendarii auf expensa gutgeschrieben 
wurden. Die reliqua oder der Saldo stellte die Restschuld dar. 
Ob diese den Darlehensnehmern gehaltenen Rechnungen im 
liber kalendarii selbst oder in einem besonderen Kodex einge- 
richtet w^aren, darüber fehlt ebenso jede Spur, wie über die 
weitere Frage, ob die Zinszahlungen der Kalendarienschuldner 
auf besondere Konti im Kodex oder im liber kalendarii ver- 
rechnet wurden. Wir wissen nur, daß die Posten in der Kalenda- 
rienratio nomina arcaria hießen und als Beweis für den Abschluß 
von Realkontrakten dienten. 

Mit Bezug auf die römische Buchführungstechnik denken 
wir nach dem Gesagten an folgende mögliche Einrichtung: 

Gesetztenfalls, die Hauptverwaltung lieferte an die Kalen- 
darienverwaltung einen Betrag von 4 450 000 HS. ab, von wel- 
chem Betrage eine Summe von 150000 HS. an Marc. Tullius 
gegen verpfändete Liegenschaften ausgeliehen wurde. Nach 
einem Jahr soll dieser debitor kalendarii reipublicae in der Lage 
gewesen sein, 50000 HS. zurückzuzahlen; andererseits soll die cura 
kalendarii der Hauptverwaltung eine Rückzahlung von 200 000 HS. 
geleistet haben. Unter Berücksichtigung dieser Vorgänge hätte 
nach unsern heutigen Begriffen die Kalendarienverwaltung 
folgende Buchungen durchzuführen gehabt. 



Accepta 



Ratio municipalis 



Expensa 



HS. 200 000 



HS. 4 450 000 



158 


Zweiter 


Teil 






Accepta 


Codex (Kassa) 




Expensa 




4 450 000 
50000 


fullius 


Reliqua 
HS. 


150000 

200 000 

4 150 000 




HS. 4 500 000 


4 500 000 


Accepta 


Marc. 




Expensa 




150000 






50000 



Naturgemäß hatte die Hauptverwaltung in ihrem Kodex 
«ine ratio gegenüber der Kalendarienverwaltung offen zu halten, 
der sie die in ihrem Kassenkodex in Ausgabe, d. i. auf expensa 
gebuchten 4450000 HS. auf Soll oder accepta ihrer ratio zur 
Last schrieb. 

Dr. F. Hecht ^) verteilt die accepta, expensa und reliqua in 
die Kalendarienratio wie folgt: 



Expensa 



Accepta 



Darlehen. 

Aus dem Kalendarienkapital 
herausgemachte Rückzah- 
lungen an den Dominus. 

Rehqua. 



Gelder, welche der Dominus auf 
das Kalendarium verwendet 

hat. 
Rückzahlungen des Schuld- 
ners. 



Diese Aufstellung entspricht der oben mitgeteilten Konto- 
anordnung mit dem Unterschiede, daß Hecht dem Gebrauch und 
der Tradition zuwider die expensa links anstatt rechts und die 
accepta rechts anstatt links anordnet. Diese Verwechslung 
läßt sich auch logisch nicht rechtfertigen, weil zuerst accepta 
vorhanden sein müssen, bevor expensa gemacht werden 
können, demnach der Reihe nach von links nach rechts gehend, 
zunächst d. i. Unks die Einnahmen und erst nach diesen, d. 1. 



1) Dr. F. Hecht, Die röm. Kalendarienbücher. 



Das Kalendarium publicum 



159 



rechts, die Ausgaben gebucht werden müssen. Außerdem hat Hecht 
nicht ausgeführt, wie die Posten buchmäßig weiter behandelt 
worden sein können, da sie unmöglich mit der Einbringung in 
die Kalendarienratio ihren endgiltigen Abschluß gefunden 
haben können. Nichts verbürgt übrigens, daß nicht noch andere 
Buchungswege eingeschlagen wurden, oder daß man, wie dies in 
Ländern romanischen Ursprungs heute noch zu geschehen pflegt, 
sich überhaupt mit Buchführungszetteln als Behelfen begnügte. 

Mit Bezug auf die Buchungserläuterungen steht nach 
den Quellen fest, daß den im Buche eingetragenen Summen, mit 
denen die verpfändeten Grundstücke belehnt waren, noch die 
Angabe der Schätzung hinzugefügt war. Am Rande eines 
jeden Postens fand sich die Summe der halbjährlich zu zahlenden 
Zinsen eingetragen.^) Manchem Posten ist, wie aus aufgefunde- 
nen Inschriften festgestellt wurde, am Schlüsse mit der Chiffre N 
der Name des Sklaven oder Freigelassenen hinzugefügt, welcher 
bevollmächtigt war, für den Eigentümer des Grundstücks die 
Zinszahlungen zu leisten und Quittung dafür entgegenzunehmen.^) 

Wenn der Halbjahreszins für das geschuldete Kalendarien- 
kapital nur am Rande erwähnt und nicht auf der ratio ver- 
rechnet wurde, so hatte dies seinen guten Grund. Man wollte 
offenbar im Interesse der buchhalterischen Klarheit das in 
der ratio gebuchte Kalendarienkapital nicht durch die halbjähr- 
lichen Zinsverrechnungen beeinflussen, sondern in der reliqua der 
ratio rein die Kapitalschuld losgelöst von jedem Zins zum Aus- 
druck kommen lassen, was bei einer Verquickung der Haupt- 
schuld mit Zinsbeträgen nicht zu erreichen gewesen wäre. Die 
Tatsache, daß die Kalendarienverwaltung in ihrer Kalendarien- 
buchführung von der Hypothekenschuld die Zins Verrechnung 
fern hielt, somit das eine mit dem andern nicht verquickte, ist 
«in beredtes Zeugnis dafür, daß das Verständnis, mit dem die 
Römer die Buchführungsidee praktisch betätigt haben, ein weit 
entwickeltes gewesen sein muß. 



1) So auch bei Hecht, S. 19, wo von den Geldern der Kalendarienarca die 
Rede ist. Wie bei Africanus lib. 6 quaest. und bei Scaevola Hb, 22 Dig. wird 
nur der Rückzahlung von Kapitalien und der für Kalendarienanlagen bestimmten 
Summen, nicht aber auch der eingegangenen Zeichen gedacht. 

2) Mommsen hat das N in »numerat« aufgelöst. Vgl. Zeitschrift der Savigny- 
stiftung für Rechtsgeschichte. 13. Bd. S. 169, 170. 



i 1l 



160 



Zweiter Teil 



II. Das Kalendarium privatum. 
Zweck und Wesen. 

Das Darlehnsgeschäft gegen hypothekarische Sicherheit 
bzw. Verpfändung von Grund und Boden oder Gebäuden wurde 
nicht bloß allein von den römischen Gemeinden, sondern auch 
von privaten Kapitalisten und den argentarii gepflegt. Man 
nannte das Geschäft des Ausleihens von Kapitalien und des Ein- 
treibens von Zinsen: kalendarii exercitatio. Kalendarium nannte 
man die foeneratitiae ') cautiones und das zum Wucher bestimmte 
Geld. Das Buch aber über die verzinslich ausgeliehenen Gelder 
trug den Namen ifptjfieQiöeg.^) Es läßt sich annehmen, daß diese 
Kreditform zunächst im freien Verkehr entstanden ist und erst 
später, nachdem das Institut im Privatverkehr seine Bedeutung 
zeigte und festen Euß gefaßt hatte, von den Stadtverwaltungen 
aufgenommen wurde. Hatten diese letzteren aber zum Teil auch 
die Interessen der Kreditnehmer und insbesondere der Kredit- 
bedürftigen von der Landwirtschaft im Auge, so w^urde das 
Geschäft von Privaten unter Hintansetzung öffentlicher oder 
sonstiger Interessen lediglich aus Erwerbszwecken betrieben. 

Die Anlage der Kapitalien aus dem Privatkalendarium 
wandte sich fast ausschließlich der Landwirtschaft zu, so daß 
dieses Kalendarium in einem weit durchgreifendem Umfange als 
das Stadtkalendarium den Charakter eines landwirtschaftlichen 
Kreditinstituts annahm. Diesem Charakter entsprach es, daß die 
fraglichen Kalendarienverwaltungen ihren Sitz fast ausschließlich 
auf Landgütern (praedia) und zwar nicht in Italien, sondern in den 
Provinzen aufschlugen. Nicht selten traf es sich, daß derselbe Kapi- 
taHst mehrere Kaiendarien auf verschiedenen Landgütern führen 
ließ,3) um so in möglichster Nähe der Darlehnsnehmer zu bleiben.^) 

Die Beständigkeit in der Anlage von KapitaUen aus den 
Privatkalendarien war natürlich nicht annähernd in dem gleichen 



J) Nach Georges Lexikon: feneraticius (foencratitius) Zu den Zinsen gehörig; 
Zins =, cautio, instrunientum, Cod. Just. 4, 30, 14. 

2) Reinesii epp. ad Rupertuni, ep. 23 bei Hecht. Nach anderen Schriftstellern 
aber sollen die Ephemeriden nur geschäftliche Tagebücher als Unterlagen des codex 
accepti et expensi gewesen sein. 

3) Hecht, Die röm. Kalendarienbüchcr, S. 8. 

4) L. 34 § 3 D. de leg. HI. Scaevola, lib. 16 Dig. Quum singulis certa. 
praedia et kalendaria praelegasset. Hecht, S. 39. 



Das Kalendarium privatum 



161 



Maße wie bei dem Stadtkalendarium gesichert, was zur Folge 
hatte, daß auch die Verwaltung nicht so strikte durchgeführt 
zu werden brauchte, wie dies bei den städtischen Kalendarien 
der Fall war. Das ist aber auch bei den modernen Hypotheken- 
banken nicht viel anders, die neben dem landwirtschaftlichen 
Kredit auch Kontokorrentgeschäfte, das Lombard geschäft und 
den Effektenverkehr betreiben. Wo aber die Trennung der 
Verwaltung durchgeführt wurde, geschah dies lediglich aus 
praktischen Gründen, einen juristischen Hintergrund oder irgend 
welche rechtliche Bedeutung hatte die Trennung nicht. Alles 
hing hier lediglich von der Disposition der einzelnen Kapitalisten 
ab. Es gab demnach für das Privatkalendarium keine rechtlich 
bindenden Regeln, keine Vorschriften der Kaiser oder der 
Munizipalität, und da dasselbe überhaupt kein Rechtsinstitut war, 
so herrschten tatsächlich nur die diesbezüglich angenommenen 
Gewohnheiten des täglichen Geschäftsverkehrs. 

Verwaltung. 

Wie die Kalendarienverwaltungen der Gemeinden, so hielten 
auch die Inhaber von Privatkalendarien darauf, nur gute Sicher- 
heiten anzunehmen. Diese Praxis konnten sie um so rücksichts- 
loser üben, als sie nicht notwendig hatten, den Darlehnsnehmern 
Konzessionen zu machen, wie dies die Stadtkalendarien- 
verwaltungen häufig tun mußten. Dies schloß nicht aus, daß 
oft Darlehen verabfolgt sein mögen, bei denen der hohe Zins 
mehr als das verschriebene Pfand leitender Gesichtspunkt war. 

Die manuelle Verwaltung, wie das Einnahme- und Aus- 
zahlungsgeschäft, die Buchführung u. dgl, wurde gewöhnlich von 
einem hierzu bestellten Sklaven oder Prokurator, selten vom 
filius domini besorgt, die Aufsicht verblieb bei dem Kalendarien- 
besitzer oder dem paterfamilias.^) Dies geschah, weil der 
Schwerpunkt des Privatkalendariums auf dem Lande und in der 
Provinz lag und man es liebte, den Sklaven hinauszusenden, 
der zugleich auch etwaiges landwirtschaftliches Eigentum des 

I) Senecas Tadel (epist. 14, 16) trifft den Hausvater, der sich der Ver- 
waltung hingibt und der eben dadurch »vom Herrn zum Procurator wird«: rationes 
accipit, forum conterit, kalendarium versat, fit ex domino procurator. Vgl. 
Hecht, S. 36. 

Bei gel, Rechnungswesen. n 



l62 



Zweiter Teil 



Das kalendarium privatum 



163 



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Hausherrn bewirtschaftcMi konnte.') Im übrigen richtete sich die 
Verwaltung nach den individuellen Verhältnissen, so zwar, daß 
nicht bloß Sklaven, sondern auch Haussöhne, domini und tutores 
die Verwaltung bald rein als Kalendarienbetrieb, bald in Verbindung 
mit noch anderen Erwerbszweigen inne hatten. Auch kam es 
vor, daß zwar die Kaiendarien Verwaltung vom dominus 
oder den Sklaven geführt wurde, daß aber diese Führung im 
Interesse des filius familias, dem das Kalendarienvermögen ver- 
macht w^ir, geschah.^) Der Vater, der seinem Sohne ein 
Kalendarium einrichtete, verrechnete mit diesem nur die 
Kapitaliendarlehen und die Rückzahlungen, nicht auch die 
Zinsen.3) 

• Haftpflicht der Verwalter. 

Die Haftpflicht der im Privatbetrieb beschäftigten Kalen- 
darien Verwalter für die bei ihrer Verwaltung aufzuwendende 
Sorgfalt (diligentia) war ganz allgemein die eines guten Haus- 
vaters (bonus paterfamilias). Demnach hatten die Verwalter für 
durch sie entstandene Verluste nach denselben Grundsätzen 
aufzukommen, die für die Verwalter fremden Vermögens über- 
haupt Geltung hatten. 

Hatten zwei Prokuratoren die Verwaltung inne, so haftete 
jeder für sich und insoweit auch für den Kollegen, als er dessen 
Verlust durch Intervention cib wenden konnte, aber nicht abge- 
wendet hatte. 

Für die Ersatzpflicht des tutor oder Vormundes, dem 
die Kaiendarien Verwaltung seines Mündels oblag, bestand 
folgende, für jeden Verwalter fremden Vermögens bindende 
Regel: Falls ein Vormund oder Verm()gensverwalter Kapitalien 

1) Africanus lib. 6, Qiiaest. Vgl. Literatur bei Hecht, S. 37. Dieser 
Autor schreibt: ... Es gibt keine einzige Notiz aus der Zeit der klassischen Juristen, 
in der wir private Kaiendarien anderswo als in den Provinzen und anders als in Ver- 
bindung mit ländlichen Regionen antreffen. 

2) Ein Vater, der für seinen Sohn ein Kalendarium errichtet, verwendet das 
zurückgezahlte Geld auf dasselbe Kalendarium. Scaevola Resp. Lib. III. Ein Vater 
vermacht seinem Sohne zwanzig nomina aus dem Kalendarium, offenbar in der Vor- 
aussetzung , daß noch zurzeit seines Todes alle oder wenigstens die meisten der 
ursprünglichen nomina vorhanden sein werden. Scaevola Dig. lib. XIV. (Dig de leg. 
HL I, 34, § I.) Vgl. Hecht. 

3) L. 88 pr. D. de legat. IL Scaevol. lib. 3 rcsponsor. Vgl. Hecht XIII. 



unsicher anlegte, aus denen sich zwar ein lohnender Zinsertrag 
ergab, aus welcher Anlage aber schließlich Kapitalsverluste 
entstanden, so sollte es dem Verwalter nicht gestattet sein, den 
Zinsgewinn gegen den Kapitalsverlust aufzurechnen, sondern 
er hatte vielmehr den ganzen Verlust zu ersetzen, während der ge- 
samte Zinsertrag ungeschmälert dem dominus des Vermögens zu 
verbleiben hatte. ^) 

Die von einem Sklaven als Kalendarienverwalter aufzu- 
wendende Sorgfalt war genau die gleiche, welche freie Personen 
als Kalendarienverwalter aufzuwenden hatten. Wurde ein mit 
der Verwaltung betrauter Sklave durch Testament freigelassen, 
so pflegte der Testator die Freilassung an die Bedingung zu 
knüpfen, daß der Sklave vorher über seine Verwaltung Rechnung 
ablegen und den im Bestand habenden Geldbetrag überein- 
stimmend mit dem Saldo des Rechnungsabschlusses herauszahlen 
sollte.2) Für diese Rechnungslegung bestanden mit Bezug auf 
dolus und culpa dieselben Prinzipien, wie für die Rechnungs- 
legung durch freie Personen auch. Indem man dem Sklaven 
die Aufwendung der diligentia eines bonus paterfamilias auf- 
erlegte, ihn also im strengsten Sinne des Wortes als vernünftig 
denkendes Wesen betrachtete und rechtHch behandelte, und 
andererseits ihm wieder diese Eigenschaft absprach, da er ja 
als Sache, als Tauschgegenstand, zum Verkauf auf den Markt 
gebracht wurde, verband man unbewußt zwei Anschauungen zu 
einem Rechtsbegriff, die sich diametral gegenüberstanden.3) 

Buchführung. 

Wie beim städtischen, so gehörten auch zum Privat- 
kalendarium als Bestandteile desselben das liber kalendarii, die 
Schuldverschreibungen und die arca. Ob auch hier das aus dem 
übrigen Vermögen zu Kalendarienanlagen ausgesonderte Kapital 



' 



^) L. 39, § 14 D. de administr. et peric. (26, 7). Papin, lib. 5 respons, vgl. 
bei Hecht, XHI. 

2) Stichus servus meus actor, si rationem omnem actus sui heredi reddiderit 
eoque nomine satis fecerit, liber esto. L. 40, §§ 3, 4, D. de statu liber. 40, ;. 
Scaevola, lib. 24 Dig., vgl. Hecht, S. 41, XL XII. 

3) L. 22 i. f. D. de manum. testam. 40, 40. Vgl. Hecht (S. 41, 42), der 
auf diesen \Vidersi)ruch aufmerksam macht. 

II* 



164 



Zweiter Teil 



H 



in natura oder in Obligationen angelegt in die arca getan 
wurde, ist zweifelhaft.^) 

Im Kalendarienbuch wird wohl einem jeden Darlehns- 
nehmer, wie im Kalendarienbuch der Stadt auch ,2) eine 
individuelle ratio mit accepta und expensa oder data eröffnet 
worden sein, 3) wozu die Notwendigkeit der Erhaltung der Über- 
sicht über das Vermögen auch wegen des Zensus Veranlassung 
gegeben haben dürfte. Die in diesen Konti gebuchten nomina 
machten den hergeliehenen Betrag (fenora), die Beschreibung des- 
Pfandes, die Rückzahlungsbedingung und als Notiz die Zins- 
termine-*) ersichtlich. Für jedes Darlehen wurde eine einzelne 
Seite vorgesehen.5) Ein liber kalendarii von hundert Seiten war 
ein Beweis großen Reichtums.^) 

Nach Salmosius erschienen die Angaben in der Buchung 
in folgender Reihe : zunächst kam der Name des Debitors, 
darauf die geschuldete Summe, schließlich am Rande des Buches 
der vereinbarte Zins.7) 

Die Kalendarienbücher hatten den doppelten Zwecke 
nämlich: der Kaiendarien Verwaltung als Übersicht über die 
spezielle Kapitalanlage, und für die Kalendariendarlehen als Be- 



Der Kodex. Allgemeines. 



16! 



1) Die Aussonderung wird von Keller (Inst. pag. 109) behauptet. Nicht zu- 
treffend ist jedenfalls, wenn Hecht (S. 70/71) behauptet, daß selbst heutzutage schwer- 
lich irgend ein Verwalter eigener oder fremder in Darlehen angelegter Gelder jedem 
einzelnen Darlehnsnehmer ein separates Konto einrichten würde; aber wie anders soll 
denn die Verrechnung mit dem Debitor als im Separatkonto erfolgen.'^ 

2) Scaevola, Dig. lib. No. 38/49, bei Hecht, S. 11, 12. 

3) Nach Schüler, S. 9, soll das Kalendarium in Tabeilenform geführt worden 
sein, weil sich — wie er ausführt — immer neben demselben die zu den rationes 
gehöligen Instrumente vorfinden. Warum dies die tabellarische Form l)edingen soll,, 
ist nicht klar ersichtlich. 

4) Moritz Voigt, S. 531. 

5) Martial, epigr. VIII, 44, 10, Superba densis arca palleat nummis: centum 
explicentur paginae kalendarum. Vgl. bei Hecht, S. 35 VIII. 

6) Hecht, S. 19. 

7) Die bezügliche Stelle in Salmosius Kap. VIII. lautet wörtlich: Nomen dc- 
bitoris primum scriptum fuit in kalendariis, deinde summa, quam debebat; ultimo 
juxta illam summani usurae quantitas, de qua convenerat, in margine adnotata. Dazu 
bemerkt Hecht (S. 68) : Diese rein aus Phantasie geschöpfte Beschreibung des Kalen- 
dariums ist auf höchst willkürliche Weise mit dem Foenus nauticum und den Ephe- 
meridas in Verbindung gebracht. Vgl. bei Hecht. 



weismittel zu dienen.^) Den ersten dieser beiden Zwecke erfüllte 
der liber kalendarii aufs vollkommenste. Als Darlehnsdokumente 
hingegen hatten, wie beim Stadtkalendarium auch, die Einträge 
nur den beschränkten Wert, der den einseitigen Aufzeichnungen 
des Kreditors zukommt. Darum fügte man zu ihnen als Belege die 
cautiones debitorum, d. h. die von den Schuldnern als authentisch 
anerkannten Urkunden über die abgeschlossenen Darlehen. 

Wie beim Stadtkalendarium, so hießen auch im privaten 
Verkehr die Bücher deswegen Kalendarium, weil die sämt- 
lichen Eintragungen in dieselben an den Kaienden zu geschehen 
pflegten, da die Römer die Gewohnheit hatten, sowohl die Dar- 
lehensgeschäfte an den Monatsersten abzuschließen, als auch die 
Termine für die Rückzahlungen auf die Kaienden zu verlegen.^) 

Die Sicherheit der Anlage war durch Bestellung von 
Hypotheken gewährleistet. Die Beschaffung solcher Pfand- 
sicherheiten wird wohl Sache eines jeden Kapitalisten gewesen 
sein.'') Daß es aber auch Eälle gab, bei denen es mehr auf 
Vergrößerung als auf Sicherung des Kaiendarien Vermögens 
abgezielt war, dafür kann, wie bei dem Stadtkalendarium, so 
auch hier die Stelle in Seneca (ep. 14, 16): dum de incremento 
cogitat, oblitus est usus, rationes accipit, forum content, kalenda- 
rium versat, wonach es sich um eine zwar unsichere, aber auf 
hohe Zinsen berechnete Anlage handelte, als Zeuge gelten. 



Der Kodex. 

Allgemeines. 

Die Kodexform war schon früh bei den Römern in 
Gebrauch. Sie geht, wie schon der Xame besagt, von der Yer- 
einigung mehrerer Holztafeln, die dem Inhalte nach zusammen- 
gehörten, aus.4) Sie dienten zu privaten und öffentlichen Auf- 



1) Der Hauptinhalt des Kalendariums und des Kodex, sagt Schüler, waren 
Schuldforderungen, was auf eine Gleichheit hinzudeuten scheint. 

2) Im übrigen sei hierüber auf das Stadtkalendarium verwiesen. 

3) In Scaevola (Stelle 37 bei Hecht) wird bezeugt, daß ein Kaien darien Ver- 
walter sich pignora für seine Kalendarienobligation bestellen ließ. 

4) Sen., de br. vit. XIII. 4. Claudius is (Konsul des Jahres 264 v. Chr.) fuit 
Caude.\ ob hoc ipsum appelatus, quia plurium tabularum contextus caudex apud 
antiquos vocatur: unde publicae tabulae Codices dicuntur. 



I()b 



Zweiter Teil 



Zeichnungen auch in Zeiten, als man für literarische Zwecke 
längst zur Charta (d. i. das aus der Papyrusstaude gewonnene 
und verarbeitete, aber noch nicht beschriebene Buchniaterial) 
übergegangen war. 

Bei Beurteilung des Kodex, sowohl in seiner buchhaltungs- 
tcchnischen w^ie juristischen Bedeutung, wird man unterscheiden 
müssen zwischen dem gewöhnlichen Paterfamilias und dem 
handeltreibenden oder kaufmännischen Paterfamilias als Buch- 
führende. Beide brauchten den Kodex, aber doch jeder für sich 
wieder anders. Diese Unterscheidung ist durchweg in der 
Literatur nicht gezogen, weshalb man aus falschen Schlüssen 
nicht heraus kam. Bald sollen die Hausstandsbücher über- 
haupt nur Kassenbücher gewiesen sein, bald gehörte zu diesen 
auch der codex rationum. ;Macht man, wie oben geschehen, den 
Unterschied, so liegt alles klar, denn es leuchtet ein, daß für den 
gewöhnlichen Paterfamilias gar kein anderes Bedürfnis bestanden 
haben kann, als seine Einnahmen und Ausgaben, sei es gewohn- 
heitsmäßig oder aus Zwang, gegenüber dem Zensus nachzuweisen. 
Dazu reichte vollkommen sein Kassiibuch oder der codex 
accepti et expensi aus; denn Einnahme und Ausgabe umfaßten 
den gesamten Haushaltsbetrieb, und sämtliche Hausstands- 
handlungen gravitierten um diesen codex. Anders der 
Kapitalist oder kaufmännische Paterfamilias, der Beziehungen zu 
einem Argentarius unterhielt und im ständigen Verkehr zu 
anderen Handeltreibenden und dem Publikum stand. Für einen 
solchen Verkehr konnte der codex accepti et expensi als Kassa- 
buch allein nicht mehr ausreichen; galt es ja, die gegenseitig 
entstandenen Schuldverhähnisse festzuhalten und zu übersehen, 
und da war nicht zu umgehen, sich die nötige Übersicht in 
einem besondern Buche zu sichern. Dieses Buch war der codex 
rationum, wo jedem Schuldner und Gläubiger individuell eine 
ratio offen gehalten wurde. 

Der codex accepti et expensi war das Kassabuch, das jeder 
Römer führte und dessen richtige Führung als Ehrensache galt.^) 
In der vorhandenen Literatur^) wird als zweifelhaft hingestellt, 

1) Cic. pro Rose. com. 2; in Verr. I. 60. 

2) Paulys Real-Encyclopädie der klass. Altertumswissenschaft, IV. Bd. p. 159. 
Stuttgart 1901. 



Der Kodex. Allgemeines 



167 



^ 



was alles in den Kodex gebucht wurde, es wird nur zugegeben, 
daß zwischen dem codex accepti et expensi und dem codex 
rationum, in welchen man die Vermögensstücke gruppenweise 
eintrug,') unterschieden wurde.^) Gewiß sei nur, daß den Ein- 
trägen in den Kodex vorläufige Vermerke vorangingen, die in 
den Adversarienbüchern gemacht wurden.3) Diese Erklärung des 
Kodex und seiner Einträge scheint uns nicht zutreffend. Wir 
glauben vielmehr, daß wir in dem codex accepti et expensi ein 
einfaches Kassabuch mit Einnahme und Ausgabe, in dem 
codex rationum aber ein Kontobuch zu erblicken haben. Im 
erstem Kodex wurden rein Einnahmen und Auszahlungen 
gebucht, im letztern Kodex Schuld und Guthaben der Personen, 
mit denen man im Geschäftsverkehr und Rechen Verhältnis 
stand, denen zu diesem Behufe in diesem Buche, einem jeden 
getrennt, eine laufende Rechnung (daher codex rationum) ein- 
gerichtet w^urde. Daß in diesem Buche die Vermögensstücke, 
also das Inventar, eingetragen worden sein soll, widerspricht der 
Bezeichnung dieses Kodex als eines codex rationum, sodann 
der Tatsache, daß die Römer ihr Inventar in ein besonderes 
Buch (breviarium)4) eintrugen, dessen Führung jedenfalls mit dem 
Zensus im Zusammenhang gestanden hat. Dieser codex rationum 
wird wohl das eigentliche Hauptbuch der Römer gewesen sein, 
an dessen Eintragung sich jedesmal eine Schuld oder ein Gut- 
haben anschloß, jenachdem eine Debetbuchung oder eine Kredit- 
buchung ausgeführt wurde, die gleich einer litterarum obligatio 

verpflichteten. 

Demgemäß müssen in dem als Kassabuch gebrauchten 
codex accepti et expensi unter accepta Einnahmen und unter 
expensa Ausgaben gebucht worden sein. Ebenso folgerichtig 
aber ist es dann, daß in dem als Konto- oder Schuldbuch 
gebrauchten codex rationum die Bezeichnung accepta unserm 
heutigen Soll oder Debet und die Bezeichnung expensa unserm 
heutigen Haben oder Kredit entsprochen haben muß. Hatte 
sonach Tullius loooo Sesterzen erhalten (acceptum), so mußte 
der Paterfamilias in der im codex rationum eingerichteten ratio 

1) Dig. XXXIII. 10, 7, 2. 

2) Dig. II. 13, 10, 2. 

3) Paulys Realencyclopädie, p. 159. 

4) Vgl. Römische Inventarienbücher. 






: 



i68 



Zweiter Teil 



des Tullius auf accepta oder Soll CCI3D buchen. Zugleich 
^^'urde in dem als Kassabuch gebrauchten codex accepti et 
expensi der Betrag auf expensi gestellt. Zahlte (expensum) 
Uilhus später z. B. 2570 Sesterzen heim, so kam dieser Betrag 
- MMDLXX in seinem Konto auf expensa oder Haben und 
im Kassenkodex auf accepta oder Soll (Einnahme) zur Ver- 
buchung. Nichts ist erfindlich und in der Literatur auffindbar, 
was dieser Verbuchungsweise der Römer widerspräche. . 

Die Eintragung des Gläubigers, so heißt es in der Literatur, ») 
nannte man expensum ferre. Das ist richtig, aber doch nur für 
den Kassenkodex, wo eine Ausgabebuchung zu vollziehen war; 
für den Schuldbuchkodex war dieselbe Buchung ein acceptum 
ferre, weil der Betrag dem Geldempfänger zur Last zu schreiben 
war. Hiernach will der Satz: »Die Eintragung des Gläubigers« 
gar nichts heißen, so lange nicht gesagt ist, um was für eine 
Eintragung es sich handelt, ob um eine solche im codex accepti 
et expensi oder im codex rationum. Nimmt man das über die 
Buchungen Gesagte als richtig an, so ergibt sich daraus 
zwmgend, daß der accepta-Buchung im Kassenkodex des 
Empfängers die expensa-Buchung im Kassenkodex des Zahlers 
gegenüberstand, so daß die eine Buchung die andere bestätigen 
mußte. Darum scheint nach den Ausführungen bei Cicero pro 
Rose. Com. I ff. der Kläger durch Vorlage seiner Bücher den 
Gegner dazu genötigt zu haben, auch seine Bücher vorzulegen, 
um die Kongruenz der gegenseitigen Buchungen festzustellen! 
Insoweit beide Bücher übereinstimmten, war der Inhalt 
rechtsgültig.2) 

Es mußte sich sonach, da die Buchführung bei den Römern 
allgemeine Sitte war, über jeden Vertrag, gleichviel ob er re 
oder verbis geschlossen war,3) oder ob es sich nur um eine 
nuda pactio4) handelte, eine übereinstimmende Eintragung in 
den Büchern beider Kontrahenten finden. Zwar nimmt Savigny 
und nach ihm Hanlo, gestützt auf das, was in der Rede Ciceros 
pro Rose. Com. über das expensum ferre gesagt wird, keine 

») So z, B. in Paulys Realencyclopädie, Bd. IV. S. 159. 

2) Anderer Meinung jedoch ohne Grund Cuq, Les institutions juridiques des 
Romains. Paris 1891. 671, ;;. Vgl. Paulys Realencyclopädie. Bd. IV. S. 159. 

3) D. i. dinglicher oder obligatorischer Natur. 

4) Entsprechend den >.einseitigen \'erträgen<: des heutigen Rechts. 



Der Kodex. Allgemeines 



i6q 



Notwendigkeit für ein zweiseitiges Schreiben an.^) Xur für den 
Gläubiger sollte Eintragungspflicht des Vertrags in den Kodex 
bestehen. Diese Annahme scheint, wie Schüler ganz richtig 
schreibt, 2) unmöglich zutreffend zu sein, wenn anders man nicht 
zu ganz eigenartigen Schlüssen kommen soll. Denn dann mülke 
man den zwischen zwei Parteien geschlossenen Vertrag annehmen, 
von denen die eine Seite an eine Form gebunden wäre und die 
andere nicht. Und diese andere Seite wäre der Schuldner, d. i. 
der sich Verpflichtende, also gerade derjenige, der die Haupt- 
willenserklärung libgibt und für den die Notwendigkeit der 
Eintragung der Punktationen am schärfsten hervortritt. Wir 
hätten dann die ganz merkwürdige Erscheinung, daß allein beim 
Literalvertrag nicht die Willenserklärung des sich Verpflichtenden, 
sondern nur die Acceptation desselben an eine beweiskräftige 
Form gebunden, jene aber beweislos gelassen wäre. Damit wäre 
der Schuldner der Gefahr ausgesetzt, daß der ohne seine 
Zuziehung den Vertrag einschreibende Gläubiger die Sache 
anders darstellen könnte, als er, der sich \'erpflichtende, gewollt 
hat, so daß nicht mehr sein Wille, sondern der Wille des 
Gläubigers die Norm für die A^erbindlichkeit abgeben würde. 
Die ganze bürgerliche Wohlfahrt wäre durch eine solche 
Singularität bedroht gewesen, die darum alle Wahrscheinlichkeit 
gegen sich hat und nur auf einer Verwechslung der einschlägigen 
Begriffe beruhen kann. 

Savigny deutet zwar an ,3) daß die von ihm angenommene 
einseitige Eintragung bei dem Gläubiger vorzugsweise auf die 
fides sich gegründet habe, welche man in die Pünktlichkeit und 
Redlichkeit der Buchführung setzte. Allein nach Cicero^) konnte 
nur ein ganz tadelsfreier, das höchste Vertrauen genießender 
IMann seine Bücher als Beweismittel anführen. Sodann wäre, 
falls wirklich Treue und Rechtschaffenheit im Geschäftsleben in 



1) Savigny nimmt für den Kodex volle Beweiskraft des darin Eingetragenen 
in Anspruch, während Schüler (Litterarum obligatio) meint, daß nicht jedes, was in 
den Kodex eingetragen wurde, eine Verbindlichkeit für den Gegner, ein wahres 
Klagefundament erzeugte. 

2) Heinrich Schüler, Die lit. oblig. S. 42 ff. 

3) Siehe P'ußnote Xo. 8;, S. 43 bei Schüler. 

4) Cic. pro Rose. Com. Kap. i, i. llle scilicet vir optimus et singulari fide 
praeditus, qui in suo judicio tabulis suis testibus uti conatur. 



I70 



Zweiter Teil 



dem Maße geherrscht hätte, wie man nach Savignys Annahme 
voraussetzen mußte, überhaupt jede Kontraktform unnötig ge- 
wesen, die füglich doch erst da Bedeutung erhält, wo es sich um 
einen Schutz gegen UnredHchkeit handelt. In der Übergangszeit 
war überhaupt der Kodex nur noch bei einem Teil der römischen 
Bürger in (Gebrauch. Es war die Zeit, wo der Gläubiger, der 
seine Forderung in sein Buch eintrug, sich gegenüber seinem 
Schuldner, der kein Buch führte, durch eine bloße Bestätigung 
der Richtigkeit seiner Eintragung sicherstellen Heß.^) Späterhin 
kam die Führung des Kodex gänzlich ab, weil man Beschlag- 
nahme der Bücher durch die Behörden befürchtete.^) Im 
justinianischen Rechte ist jedenfalls die litterarum obligatio 
zugleich mit dem codex accepti et expensi verschwunden. 

Der Grund hierfür war allem Anscheine nach der, daß der 
Zensus aufgehört hatte, ein Maßstab für Ehrenrechte zu sein. 
Damit w^ar ein Hauptmotiv für die Manifestierung des Ver- 
mögens und somit auch für die Buchführung verschwunden, ja 
sogar die Veranlassung gegeben, womöglich die Höhe seiner 
Habe zu verheimlichen, teils um einer höhern Besteuerung, teils 
aber auch um den Verfolgungen zu entgehen, denen in der 
sittenlosen Kaiserzeit die Reichen durch Vermögenskonfiskation 
ausgesetzt waren. Man zog es daher vor, im Falle von Ver- 
mögenszuwachs anstatt der Buchungen jeweils besondere Instru- 
mente auszustellen. Wie das geschah, sagen die Quellen nicht. 
Es heißt nur, daß durch diese Einrichtung der Kreditor gleich- 
zeitig der mißlichen Notwendigkeit überhoben war, in jedem 
Streitfalle seinen ganzen Kodex vor Gericht zu bringen und 
dadurch seinen Vermögensstand zu verraten. Alles dies mag 
wohl dazu beigetragen haben, dem Kodex seine Bedeutung zu 
nehmen und nach und nach ihn ganz iiußer Gebrauch zu bringen. 

Da der codex accepti et expensi und der codex rationum 
getrennte Bücher waren, die sich getrennt entwickelt und unab- 
hängig voneinander bestanden haben, so ist jedenfalls auch das 



J) Theophilus zu Inst. IIL 21. Cuq. Les institutions juridiqucs des Romains. 
Paris 1891. 671, 7. 

2) Keller, Institutionen, 107; Niemeyer, Zeitschr. für Savignystiftung, röm. 
Abt. XI. 312 ff.; L. Goldschmidt, ebd. X. 367 ff.; Mitteis, Reichsrecht und Volks- 
recht, 459—498, in Paulys Encyclop. Bd. IV. p. 161. 






Der Kodex. Allgemeines 



171 



Schicksal dieser beiden Bücher kein gleiches gewesen. Denn 
während der codex accepti et expensi im oströmischen Reiche 
lange vor Justinian verschwunden war, w^ar zu derselben Zeit 
der codex rationum noch in vollem Gebrauch.^) Es wird jedoch, 
wenn von einem Verschwinden des Kodex gesprochen wird, 
notwendig sein, die einschlägigen Verhältnisse auf den richtigen 
Ausdruck zu bringen. Ganz allgemein nämlich verkörperten sich 
im codex accepti et expensi die tabulae domesticae. Er war der 
Inbegriff aller Buchhaltung für die gewöhnlichen Hausstände. 
Bei diesen mag das Privatinteresse für den Kodex erloschen 
sein, als die neue Staatsverfassung mit dem Fortfall des Zensus 
das Institut der rationes domesticae geräuschlos erschüttert 
hatte. Dies begreift man ganz ungezwungen, wenn man den 
Zusammenhang des Instituts mit der Staatsverfassung, mit der 
periodischen Bildung des Zensus und mit der Versammlung des 
Volkes nach Zenturien ins Auge faßt. Je seltener die Komitien 
wurden, je gleichgültiger es war, in den Zenturien zu erscheinen, 
je weniger Wert der Bürger auf die Wichtigkeit seiner vStimme 
legte, destoweniger bekümmerte sich der Paterfamilias um seinen 
codex accepti et expensi. Dazu trat die natürliche Vorein- 
genommenheit, die sich bei vielen gegen Bücher einstellte, die 
oft zum Verräter der Familiengeheimnisse wurden. Als nach 
Aufhebung der freien Verfassung überhaupt keine- Komitien 
mehr abgehalten wurden, da mußte das Privatinteresse den 
größten Teil der Nation zur stillschweigenden Aufhebung des 
Kodex bestimmen. Daß dieser Fall in der Tat eintrat, dafür 
liegt das bestimmte Zeugnis des Asconius Pedianus vor.^) Allein 
man brauchte den Kodex im Geschäftsverkehr, weil in ihm 
der contractus nominis oder litteralis enthalten war. Hier blieb, 
gleichgültig, ob die Beurkundung im eigenen Buche, oder wegen 
pecunia extraordinaria in den tabulae eines pararius oder eines 
gemeinschaftlichen Freundes durch das acceptum relatum geschah, 
der Kodex die Buchform und das Buch, das freilich nicht mehr mit 
dem früheren Untergrunde (census), aber immerhin doch beibe- 
halten werden mußte, wenn anders noch fernerhin Kontrakte 
geschlossen werden sollten. Uns will es daher bedünken, daß 



I) Moritz Voigt, S. 536. 

-) xVsconius Pedianus ad Cic. in Verrem I. 23. 



«72 



Zweiter Teil 



Überall, wo in den Quellen von einem Verschwinden des Kodex 
die Rede ist, immer nur seine frühere Bedeutung für den Zensus 
und wenn man weiter gehen will, vielleicht auch das Ver- 
schwinden desselben aus einer großen Zahl von Hausständen 
gemeint ist. Dahingegen mußten die tabulae pubhcae, sowie die 
tabulae societatis, welche von ganz andern Interessen geleitet 
waren, ungeschmälert an Bedeutung und Form fortbestanden 
haben. Ebenso war das Argentariat ein Institut, das ohne jede 
Rücksicht auf den Zensus, auf Komitien oder Zenturien seinen 
gewissenhaft geführten codex accepti et expensi wie codex 
rationum brauchte. Große und wichtige Geldgeschäfte gingen 
durch die Hände der Argentare. Sie waren gewissermaßen 
öffentliche pararii. Der römische Kapitalist legtef um nicht die 
Last der \^erwaltung seiner Fonds selbst tragen zu müssen, diese 
Verwaltung in die Hände des Argentars. Zur allenfallsigen 
Sicherheit wurde über die gesamte Kapitaleinlage ein contractus 
nominis geschlossen. Durch die im Zusammenhang mit dem 
acceptum relatum des Kassenkodex stehende expensilatio im 
codex rationum gedeckt, wurde der Kapitalist der i\Iühe über- 
hoben, in den eigenen tabulae weitere Nachrechnung zu führen. 
Das gleiche wird der Fall gewesen sein mit der pecunia extra- 
ordinaria, die man wahrscheinlich lieber einem Argentar als 
irgend einem andern pararius £in\'ertraute.^; Damit schwand auch 
von diesem Gesichtspunkte aus immer mehr das Interesse an 
dem eigenen Buchhalten. Um so höher aber wuchs dieses Interesse 
bei den Argentaren. Daß in der Tat die Buchführung 
als solche noch lange, nachdem der Kodex seine zensorische 
Bedeutung verloren und der Paterfamilias demzufolge an ihm 
selbst auch kein Interesse mehr hatte, fortbestanden hat, 
ergibt sich auch aus den justinianischen Rechtsbüchern, in denen 
derselben mehrfach Erwähnung geschieht.^) Wie hätte auch 
eine Institution, die, wie die Buchführung, im Volksleben so 
tiefe Wurzeln geschlagen hatte, bloß wegen Aufgabe eines 
einzelnen Buches von der Bildfläche verschwinden sollen! 



») Dr. K. Grolmann, II. Bd. S. 21;. 

2) H. Schüler, S. 31, fr. 9 pr. D. de edendo 2, 13; fr. 91, § 3, 4; D. de 
leg. III.; fr. 38 D. de neg. gest. 3, 5. 



Einrichtung der ratio 



I7J 



Einrichtung der ratio. 

Die römische ratio war, wie unser heutiges Konto, auch 
in zwei Seiten, in tabula (pagina) accepti und in tabula (pagina) 
expensi, geteilt.^) Obenan wurde der Name des Schuldners 
gestellt^) und das Datum eingetragen, wann das Konto eröffnet 
worden war.3) Über die Frage, wie die ratio sonst eingerichtet war, 
lassen uns die Quellen im Stich. Ist man einfach dabei stehen 
geblieben, jedes Darlehn an den Kaienden, an denen man es 
gab, in die expensa und ebenso jede Rückzahlung in die accepta 
zu schreiben, so daß die Monatsfolgen der accepta und expensa 
von einander abwichen, oder hat man dafür gesorgt, daß ein 
und dieselbe chronologische Anordnung beide Seiten der ratio 
beherrschte? Wie ist es mit der Ausscheidung der getilgten 
nomina, wie mit den Abschlüssen und Überträgen gehalten 
worden? Gab es hierfür allgemein gültige Regeln, oder kannte 
man hierfür keine feststehenden Grundsätze und verfuhr jeder 
so, wie es ihm beliebte?-^) Dafür Hegt ebenso w^enig eine 
bestimmte Antwort vor als für die weitere Frage, ob das Soll 
und Haben in verschiedenen Rubriken von einander getrennt 
waren, oder ob die Debet- und Kreditposten unterschiedslos nach 
der Zeitfolge in der ratio durcheinanderliefen. Jedenfalls braucht 
die Tatsache, daß sowohl für die Debet- wie für die Kreditposten 
der Ausdruck nomen gebraucht wurde, noch nicht gegen eine 
Trennung von Soll und Haben zu sprechen. 5) Allerdings sagt 
Cicero in seiner Rede gegen Verres: »Deinde, in codicis extrema 
cera nomen infimum in flagitiosa litura fecit; expensa Chrysogono 
servo HS. sescenta milia accepta pupillo Malleolo retulit«, was 
die Einzeichnung der Acceptilatio an den einen und die Expen« 
silatio an den andern auf derselben Seite bedeuten will. Nichts 
hindert aber, daß zwar Debet und Kredit auf ein und derselben 
Seite, aber durch besondere Spalten auseinander gehalten waren^ 



1) Plin. H. N, II. 5 huic (seil. Fortunae) omnia expensa, huic omnia feruntur 
accepta, et in tota ratione mortalium sola utramque pagina ni facit. Hecht, S. 17^ 

2) Hanlo, S. 30; bei Schüler, S. 14. 

3) Edm. Guillard, Les banquiers Atheniens et Romains, p. 59. 

4) Hecht, Die röm. Katasterbücher. 

5) Dies wird als Grund gegen die Auseinanderhaltung von Debet und Kredit 
in Heimbach, Die Lehre vom Kreditum, angegeben. Auch das dort angeführte Zeug- 
nis des Cic. in Verr. act. II lib. I. Kap. 36 § 92, 93 spricht durchaus nicht dagegen. 



174 



Zweiter Teil 



EinrichturjT der ratio 



SO daß die bezüglichen nomina allerdings sämtlich auf derselben 
Seite, aber getrennt in Soll und Haben gebucht werden konnten. 

Wie wenig hierüber Klarheit und Einigkeit herrscht, 
beweist, daß bald eine jede der beiden Seiten der tabulae 
rationum für ein besonderes Konto oder ratio, bald die ganzen 
tabulae für ein einfaches Kassabuch gehalten werden.^) Man 
übersah, daß sehr wohl für Empfang und Ausgabe auch Belastung 
und Gutschrift gesetzt werden kann, genau so, wie heute die 
Kassenbücher, trotzdem in diesen Büchern nur Einnahmen und 
Ausgaben gebucht werden, mit »Soll« und »Haben« anstatt mit 
»Einnahme; und ^ Ausgabe« überschrieben zu werden pflegen. 
Geht man von diesem Gesichtspunkte aus, so wird sofort klar, 
daß der Kodex, von dem Voigt dunkel andeutet, 2) daß er, je 
nach der besonderen Auffassung, der er dient, eine doppelte 
Gestalt gewinnt (?), und daß z. B. der codex rationum domesti- 
carum (Haushaltungsbuch) eine solche doppelte Gestalt des 
Hauptbuchs sei(?), ein Buch war, in welchem sowohl sämtliche 
Yermögensrechnungen als auch Personenkonti vorgesehen werden 
konnten. So z. B. fanden sich bei landwirtschaftlichem Betrieb 
im Kodex neben der ratio argentaria (Bankkonto) eine ratio 
praedii (Grundstückskonto), eine ratio pecudis (Viehkonto), pabu- 
laris (Futterkonto), frumentaria, vinaria, olearia (Getreide-, Wein-, 
Ölkonte) usw. geführt. 

In den Buchungen wurde eine bestimmte Zeitfolge, per 
singulos dies ,3) eingehalten. Daraus wird geschlossen ,4) daß die 
ratio bzw. der Kodex nicht die heutige Kontoform gehabt haben 
kann, weil damit die Führung getrennter rationes aufgehoben 

1) Schüler (S. 19) behauptet, daß ein Unterschied zwischen tabulae oder codex 
und rationes bestand und beruft sich auf Cicero pro Quintio c. 4 und pro Flacco 
c. 9. Der Über rationum war nach ihm nicht der codex, sondern die Vormundschafts- 
rechnung. Diese Auslegung entbehrt jeder Begründung. Ebenso fehlt für seine 
weitere Behauptung (S. 18), daß der Kodex nur das Material, aus welchem die ra- 
tiones zusammengestellt wurden, enthalten haben soll, jeder Quellenbeweis. Er irrt 
aber auch ferner, wenn er (S. 32) meint, daß die rationes die aus dem Kodex excer- 
pierte Abrechnung mit einzelnen Personen enthielten, also ein besonderes Buch dar- 
stellten. 

2) Moritz Voigt, Band X. der Abhandlungen etc. Leipzig 1887. 

3) Asconius ad Ciccronis in Verrem orat. II. Kap. 23 fol. 34 der Aldusschen 
Ausgabe. 

4) So Schüler, litter. oblig. 



und eine fortlaufend geführte Form bedingt gewesen wäre. Die 
französischen Schriftsteller Lyon-Cain et Renault (Precis de Droit 
commercial) schreiben über diesen Gegenstand: <Xous sommes 
disposes ä croire qu'ils (les Romains) n'ont rien connu d'absolu- 
ment semblable ä notre compte-courant. mais qu'ils conclua.ent 
des Conventions ayant une assez grande analogie avec lui.>: 
Demgegenüber schreibt Gerber (S. 3): »Schon in den römischen 
Quellen finden wir Anklänge an unser Institut, welche vielfach als 
Beweis seiner damaligen Existenz herangezogen worden sind.c 
Also bloß . Anklänge c bei einem Volke, deren Bankiers^ ^^^e 
Ed. Guillard (S. 54) schreibt, wahrscheinlich doppelte Buch- 
führung hatten! Obiger Schluß ist aber irrig, weil mit der 
Kontoführung per singulos dies keineswegs gemeint zu sein 
braucht, daß nun gleich sämtUche accepta und expensa ein und 
derselben ratio unterschiedslos in chronologischem Zusammenhange 
zueinander gebracht werden müßten. Wäre dem so dann wäre 
den Römern die chronologische Reihe alles, die sachliche Tren- 
nung nur Nebensache gewesen. Das ist aber bei einem \ olke 
wie die Römer, das die rechtliche Bedeutung der nom.na aus- 
bildete und scharf zwischen accepta und expensa schied auszu- 
schliel5en. Darum verstehen wir unter per singulos dies die 
Chronologie innerhalb der einzelnen rationes. 

Daß die einzelnen Buchungen im Soll und Haben zugleich 
die Gründe angegeben haben, aus welchen die Forderungsrechte 
und SchuldverbindUchkeiten entstanden waren, läßt sich aus den 
Zeugnissen der Alten genau nachweisen. Zuerst im Soll. Wenn 
man hier den Empfangsgrund nicht anzugeben gebraucht hatte, 
so entfiele auch der Grund, die pecunia extraordinana -wie 
dies üblich war - nicht einzutragen. Man unterließ die Ein- 
tragung, weil sonst der unlautere Erwerbsgrund hätte angegeben 
werden müssen, und wäre der Grund ausgelassen worden, so 
hätte man sich erst recht verraten. Für die Pflicht zur Angabe 
eines erläuternden Textes (causa debendi) sprechen auch die 
bezüglichen Stellen aus Cicero in Verrem,') in welchen der 
Erwerbsgrund bei dem Eintrag ausdrücklich vermerkt ist. 

Sodann im Haben. Auch die unlautern Ausgaben buchten 
"die Römer nicht, weil sie sonst hätten den Grund der Ausgabe 

1) IV. 6 § 12 und IV. 12, § 28. 



176 



Zweiter Teil 



anführen oder durch Vorschub falscher Texte verschweigen müssen. 
In beiden Fällen wären sie kompromittiert worden. Wäre die 
Grundang-abe bei der Ausgabebuchung nicht zwingend gewesen, 
dann hätten sie in dieser Beziehung nichts zu befürchten 
gebraucht. Ferner geht die Notwendigkeit des Vermerks des 
Ausgabegrunds mehrfach aus der Rede Ciceros für Fontejus 
hervor, wo die Unschuld desselben aus der bei den Buchungen 
befindlichen causa dargetan wird. 

Festgestellt ist, daß die ratio im Kassenkodex eine Über- 
sicht über Einnahme und Ausgabe des Geldes (accepta et expensa 
pecuniae) und die ratio im Kontokorrentkodex eine Übersicht 
über die Schuldverhältnisse (obligationes, stipulationes debitorum) 
sichern sollte. Darum die Trennung der beiden Kategorien 
durch zwei Bücher und innerhalb derselben durch accepta und 
expensa in der ratio. Der Unterschied oder die reliqua (saldo) 
dieser beiden Faktoren im Kassenkodex ergab den Barbestand, 
und im Kontokorrentkodex Schuld oder Guthaben. 

Die Ordnung der reliqua oder des Saldos in der ratio des 
Kontokorrentkodex geschah durch direkte Bezahlung oder durch 
Begleichung in Gegenrechnung oder aber durch Übertrag auf 
neue Rechnung, womit die alte Rechnung gelöscht war. Die 
Anerkennung der erfolgten Ausgleichung der Rechnung geschah 
mitunter durch Unterschrift: parem rationem adscribere. Als 
eine eigentümliche Rechtsordnung ist es anzusehen, daß mit dem 
Saldovortrag nicht wie heute eine Novation entstand, sondern, daß 
der im Kodex gebuchte Posten nach wie vor als res = Sache und 
nicht als litteras = Buchstabe oder Zahl fortbestand, so daß die 
Klagbarkeit des bezüglichen Geschäfts und nicht des Saldos 
anerkannt wurde.^) Durch die Negation der novatio sollte nach 
Voigt u. a. dem verschleierten Zinswucher ein Riegel vor- 
geschoben werden. 

Eine römische Einrichtung soll es nach den Quellen 
gewesen sein, bestimmte Posten über die Konti des Kodex 
von Drittpersonen laufen zu lassen. Die Juristen erklären aus 
den römischen Stellen: in multorum tabulas, in tabulas bonorum 
virorum,^) daß damit ein Eintragen in fremde Bücher statt- 

1) Moritz Voigt, Über die Banken etc., S. 540 ff. 

2) So z. B. Schüler, S. 24. 



Einrichtung der ratio 



177 



gefunden habe. Für eine solche Buchungsweise fehlen uns heute, 
vorausgesetzt, daß die Auslegung der Stelle zutreffend ist, die 
richtigen Begriffe. Wir können uns nicht denken, wie der ein- 
geschlagene Buchungsweg den nomina eine größere Sicherheit 
hätte gewähren sollen. Sodann der Effekt des Eintrags in ver- 
mögensrechtlicher Beziehung: Ein Vermögenszuwachs, der nicht 
in die eigenen, sondern in fremde Bücher gebucht wird, ver- 
mehrt, gleichviel aus w^elchem Grunde, immer die Buchung 
geschah, nicht die eigenen, sondern lediglich die Vermögens- 
bestandteile desjenigen, in dessen Büchern dieser Zuwachs gebucht 
wurde. Es läßt sich nach heutigen Begriffen nicht denken, wie 
das anders sein kann. Handelte es sich hierbei nur um Pro- 
forma- oder Gefälligkeitsbuchungen, so lag, wenngleich diese in 
den Büchern von Vertrauenspersonen vorgenommen wurden, 
immerhin die Gefahr nahe, daß aus der Form oder der Gefällig- 
keit irgendwie und wann ein Recht begründet werden konnte. 
Man denke nur an den Sterbefall des rechtlichen Besitzers des 
nomen, oder des in das Vertrauen gezogenen Dritten und an dessen 
Erben. Ging aber der Gegenstand des nomen durch Zession in 
die Bücher von Drittpersonen über, dann lag .>keine Bewahrung 
der Sache in den Büchern von Vertrauten« mehr vor, sondern 
es vollzog sich ein regelrechter, von Rechtsw^rkung begleiteter 
Übergang der Sache in fremden Besitz. 

Für die rechnerische Darstellung der ratio findet sich in 
einer Stelle der Verrinen^) ein Beispiel ,3) dessen Übereinstimmung 
mit dem heutigen Rechnungsabschluß und Saldo so frappant als 
möglich ist. Der Text lautet: 

Accepi HS. viciens ducenta triginta quinque milia quadrin- 
gentos XVII nummos. 



1) Schüler, S. 27. 

2) Verrinen (actiones Verrinae) heißen die Anklagereden Ciceros gegen Gajus 
Verres, der im Jahre 84 v, Chr. Quästor des Papirius Carbo im cisalpinischen Gallien 
war, wo er die ihm anvertraute Kasse unterschlug und zu Sulla überging. Vor allem 
berüchtigt war Verres durch seine Statthalterschaft in Sizilien (73 — 71), während 
welcher er neben anderen Willkürakten 40 Millionen Sestertien (über 7 Millionen 
Mark) erpreßt haben soll. 

3) Cic. Verr. act. II. i. XIV. 36 in Hecht. 

Bei gel, Rechnungswesen. *^ 



178 



Zweiter Teil 



Einrichtung der ratio 



1/9 



Dedi stipendio, frumento, legatis, pro quaestore, cohorti prae- 
toriae, HS. mille sexcenta triginta quinque milia qua- 
drin gentos XVII nummos. 
Reliqui Arimini HS. sexcenta milia. 

Vorstehendes Buchungsmaterial der tabulae eines römischen 
Kassenkontos in das heute geltende Schema gebracht, würde 
folgendes Bild geben: 

Codex 



Accepta. 



mensis Mai. 



Data. 



Accepi 



HS. 225417 



HS. 2 225 427 



Stipendio, frumento, legatis, pro 
quaestore, cohorti praetoriae 

HS. I 625 417 
Reliqua » 600 000 

HS. 2 225 417 



Welche Form die Römer ihrer ratio in Wirklichkeit ge- 
geben haben, wie sie das Schema anwendeten und ob sie über- 
haupt ein festumschriebenes mit Rubriken versehenes Schejna 
gebrauchten, darüber sind keine Zeugen erhalten geblieben. Nur 
Andeutungen der klassischen Schriftsteller geben der Vermutung 
Raum, daß ein bestimmter Rahmen für die ratio bestand, inner- 
halb dessen auch Rubriken vorgesehen waren.^) 

Mit Bezug auf die formale Seite der ratio gibt Dr. Hecht 
folgende Darstellung: 



Expensa 
Stipendio, frumento, legatis, pro 
quaestore, cohorti praetoriae 

HS. I 625 417 
Reliqua » 600 000 

HS. 2 225 417 



Accepi 



Accepta 

HS. 2 225 417 



HS. 2 225 417 



Ob diese ratio eine solche des codex rationum, also ein 
Konto-Korrent-Konto, oder eine solche des codex accepti et ex- 



I) Heinrich Schüler schreibt in seiner Litterarum obligatio des altern römischen 
Rechts (Breslau 1842): Der Kodex ward in chronologischer Form, aber wenn auch 
nicht immer, doch häufig unter Trennung von Einnahme und Ausgabe in besondere 
Spalten oder Bücher, geführt. S. 96. 



pensi oder des Kassabuchs war, ist nicht ersichtlich. Auch ist 
nicht recht einzusehen, warum Hecht die expensa links und die 
accepta rechts in der ratio anordnet, da man doch zuerst ein- 
nehmen muß, um ausgeben zu können. Folgt man aber der 
Schreibrichtung, die von links nach rechts geht, so müssen die 
accepta, mit denen die ersten Buchungen zu beginnen haben, links 
und nicht, wie Hecht will, rechts zu stehen kommen, während 
rechts die expensa anzuschließen sind. 

Anders wie Hecht denkt sich Schüler (S. 17) den römischen 
Kodex geführt. Er meint,^) der Kodex sei ein Buch gewesen, 
in welchem alles, was die Vermögensverwaltung betraf, demnach 
sowohl die Einnahme und Ausgabe, wie die geschlossenen Ver- 
träge, in chronologischer Folge, und höchstens mit Trennung von 
accepta und expensa durch besondere Kolonnen oder Bände (!), 
niedergeschrieben wurde. 

Nach Schüler 2) wurde beispielsweise eingetragen: Nonis Jan. 
HS. V. Sticho oeconomo data, oder wenn der mit einer Guts- 
verwaltung betraute Freigelassene oder Sklave Revenuen ab- 
führte: Cal. Jul. HS. XII. Titius solvit reliqua ex ratione sua de 
re pecuaria Volsciana. Diesem Vorfall, in die römische ratio ge- 
bracht, gibt Schüler folgende Struktur: 



Acceptum 
HS. 



M. T. Cicerone et C. Antonio 
Consvilibus. 



Expensum 
HS. 



XII 



pr. Non. Juliis 

Sticho oeconomo expensa: 

Non. Jul. 

accepta a Titio reliqua ex ratione sua 

de re pecuaria Volsciana 



V 



Wenn vorstehende Form tatsächlich den Römern eigen war, 
so kann es sich dabei nur um den codex rationum gehandelt 
haben. Denn sobald in das acceptum und expensum die aus den 
Schuldverhältnissen entspringenden Last- und Gutschriften ein- 
gestellt und zugleich die tatsächlichen Einnahmen und Ausgaben 
hinzugefügt würden, wie dies geschehen müßte, wenn der römische 

1) H. Schüler, Die Litterarum obhgatio S. i6ff. 

2) H Schüler, Die Litterarum obligatio S. i6, 17. 

' 12* 



i8o 



Zweiter Teil 



Kodex vorstehende Form hätte, dann ging die ganze Form aus 
den Fugen. Denn wie will man denn debitierte und kreditierte 
Posten mit Kassabeträgen zusammenzählen? Gerade die Römer 
mit ihrer durchgebildeten Literalobligation, die eine strenge Haus- 
haltungsbuchführung hatten, ein landwirtschaftliches Rechnungs- 
wesen kannten und genau zcvischen Personen- und Vermögens- 
bestandskonti buchhalterisch zu unterscheiden verstanden, wären 
die letzten gewesen, die nicht gewußt hätten zwischen Zeitge- 
schäften und Kassageschäften zu unterscheiden. 

Wenn Schüler mit seinem Schema beweisen will, daß es 
doch eine Form gibt, in welcher das Chronologische mit dem 
Tabellarischen unter gleichzeitiger Trennung von Einnahme und 
Ausgabe verbunden werden kann, so liefert er da einen Beweis, 
den die Buchführung in Praxis und Theorie längst erbracht hat. 
Denn erstens werden nicht nur die in den verschiedensten Formen 
(Soll und Haben auf getrennten Seiten, Soll und Haben neben- 
einander auf einer Seite usw.) eingerichteten Konti ganz allge- 
mein, sondern auch diejenigen des amerikanischen oder Tabellen- 
journals, trotz der mit diesem Journal zusammenhängenden Ko- 
lonnenreihe nach der Zeitfolge unter räumlicher Trennung von 
Soll und Haben geführt. Sodann trägt sein Schema entgegen 
seiner Annahme (S. 17) auch sonst nichts neues an sich, da Konti 
mit Einnahme- und Ausgaberubriken nach vorn und hinten auf 
ein und derselben Seite verlegt, nicht bloß, wie Schüler selbst 
(S. 17) sagt, bei Handwerkern, Krämern kleiner Städte und Vor- 
werksbesitzern (!), sondern auch bei wirklichen Kaufleuten längst 
im Gebrauch sind. 

Wir unsererseits denken uns die ratio im Kontokorrentkodex 
von den Römern wie folgt geführt: 



Debet. 



Gajus Romanus 



Habet. 



nostrae pecuniae . 

nostra expensa in 

frumento . . . 

Reliqua . . . . 



HS. 

200 000 

188000 
1 7 2 000 



560000 



sua expensa 



• • 



HS. 

560000 



560000 






Der codex accepti et expensi 



181 



In der Vermögensrechnung werden dann die Barzahlung 

und die Getreidelieferung im expensum erschienen sein, etwa 

wie folgt: 

Acceptum. Ratio pecuniae Expensum. 





HS. 




HS. 






expensa a Gajo 


200 000 


Acceptum. 


1 
Ratio frumenti 


Expensum. 




HS. 




HS. 






data Gajo .... 


188000 



Möglich, daß die Anlage der Kolonnen eine andere, etwa 
wie bei Schüler, war; aber Lauf und Zusammenhang der Buch- 
ungen dürften annähernd obiger Darstellung entsprochen haben. 
Die Zweiteilung der ratio wird jedenfalls von Plinius bestätigt.^) 



Der codex accepti et expensi. 

Der codex accepti et expensi war seinem ganzen Wesen 
nach ein Kassabuch, das von jedem Paterfamilias geführt wurde. 
In der tabula accepti wurden die Bareingänge, in der tabula 
expensi die Barausgänge gebucht,^) so daß jeder römische Bürger 
durch diese Kassaführung eine vollständige Übersicht über alle 
Geldeinnahmen und Geldausgaben gewann. Mit dem Kassabuch 
standen jedenfalls bei den Kaufleuten die tabulae des codex 
rationum oder die Personenkonti so in Verbindung, daß jeder 
der Kassaposten oder der nomina arcaria, soweit es sich um 
Darlehen handelte, einen Eintrag auf ein bestimmtes Personen- 



1) In Plinius, hist. nat. lib. II. c. 7> 22 heißt es u. a.: »Huic omnia expensa, 
huic omnia feruntur accepta et in tota ratione mortalium sola utramque paginam 
facit.* Freilich wird diese Stelle auch vielfach angefochten, weil mehrere Handschriften 
statt paginam das Wort pugnam aufweisen, wodurch die Wendung einen anderen Sinn 
(sie — Fortuna ist gemeint — hat im Sinne der Menschen nach beiden Seiten hin 
sich zu verteidigen) erhält. 

2) V. Savigny (Verm. Schriften) spricht von wirklichen wie fingierten 
Geldeinnahmen und Ausgaben, die im röm. Kassabuch eingetragen wurden. Nach 
dieser Erklärung, die übrigens im Widerspruch zu den Angaben anderer Autoren 
(vgl. bei: »Die Litteralobligation«) steht, könnte man annehmen, als ob fingierte 
Kassabuchungen in Rom etwas alltägliches gewesen wären. 



Der codex rationem 



183 



182 



Zweiter Teil 



konto notwendig machte. Zahlte nämhch der Paterfamilias aus, 
so buchte er den Betrag in die expensa (Ausgabe) seines Kassen- 
kodex und zugleich in die accepta (Soll) der tabulae des Schuld- 
ners seines Kontokorrentkodex. 

Nahm er seinerseits ein Darlehn in Anspruch, so stellte er 
die Summe in die accepta seines Kassenkodex und in die tabula 
expensi der ratio seines Gläubigers.*) Demgemäß hieß acceptum 
ferre die Einnahmebuchung, expensum ferre die Ausgabebuchung. 
In den Hausbüchern kam also jeder Posten dergestalt vor, daß 
jeder der Kassenratio zugeschriebene Betrag dem ratio mortalium 
oder dem Personenkonto abgeschrieben, und jeder der ratio im 
Kassenkodex abgeschriebene Betrag dem Personenkonto zuge- 
schrieben wurde.2) Das römische Kassabuch enthielt somit alle 
im Einnahme- und Auszahlungsgeschäft vorgekommenen Geld- 
angelegenheiten, so daß nach den Einträgen die reliqua gezogen 
und der Barbestand festgestellt werden konnte. 

Nicht eingetragen wurden bei den Römern in den codex 
accepti et expensi die extraordinariae pecuniae.s) Man verstand 
darunter empfangenes Geld mit schlechter Nebenbedeutung oder 
unrechtmäßig erworbene Forderungen. 4) Solche Vermögens- 
bereicherungen ließ man in den Adversarien ohne Angabe einer 
näheren Erläuterung stehen, weil man wußte, daß diese Bücher 
nicht zu Beweisen herangezogen wurden. Trat dieser Fall 
dennoch ein, was immerhin nicht unmöglich war, so wurden die- 
selben freilich zum Verräter ihres Besitzers.S) 

Dem codex accepti et expensi wohnte, da in ihm nur bare 



1) Vgl. Danz, Lehrbuch der Geschichte des R. R. Leipzig 1873 bei Cic. pro 
Caec. 6. 

2) Zur Zeit des Asconius oder wer sonst Verfasser des Kommentars zu den 
Verrinen gewesen sein mag, war die ehemals allgemein gewesene Sitte des Buchens 
verschwunden. Vgl. bei v. Savigny, Ascon. ad Cic. in Verr. lib. I c. 23. Soll 
wohl heißen: die Sitte, einen Kodex zu gebrauchen, sei verschwunden, denn das 
Buchen an sich hat tatsächlich fortbestanden. 

3) Vgl. bei »Die Literalobligation.« 

4) Vgl. Danz S. 47: »Was nicht in dieser Reihenfolge (die chronologische ist 
gemeint) eingetragen war, war buchstäblich extra ordinem. Hiernach könnte man 
meinen, daß solche pecuniae doch — nur nicht in der chronol Reihe — gebucht wurden. 

*•) Vgl. bei »Literalobligationen etc.« 



Einnahmen und Ausgaben gebucht wurden,^) eine selbständige 
Bedeutung für Rechtsgeschäfte nicht bei, so daß z. B., wenn 
jemand Geld darlieh und diese Auszahlung in seinem Buche m 
Ausgabe steUte (expensum ferebat), oder wenn der andere das 
Geld empfing und in Einnahme buchte (acceptum ferebat), das 
wirkliche Auszahlen und Empfangen die erhebliche Tatsache für 
Entstehung und Natur der Forderung darstellte.^) 

Der codex rationum. 

Im codex rationum waren die laufenden Rechnungen, ratio- 
nes mortalium 3), derjenigen enthalten, mit denen man geschäft- 
lich zu tun hatte.4) Diese Rechnungen oder Konti wurden von 
den Römern bald tabulae, bald rationes genannt. Em Unterschied 
zwischen beiden Ausdrücken ist nirgends ersichtlich. Somit war 
der codex rationum das Kontokorrentbuch, und insofern es auch 
Sachkonti enthielt, das Hauptbuch der Hausstandsbuchführung. 
Darum wurden in diesen Kodex Einträge gemacht, bei denen es sich 
um Geldeinnahmen oder -Ausgaben gar nicht handelte, sondern 
bei denen lediglich durch Vertrag geordnete Geldforderungen 
in Frage kamen. Daß eine bestimmte Form für den Kodex 
ganz allein vorgeschrieben oder doch üblich gewesen, ist nicht 
unwahrscheinlich, besonders nach den Angaben Ciceros in der 
Rede pro Roscio Comoedo.s) 

Wurden im codex accepti et expensi Bareinnahmen und 
Barausgaben gebucht, so wurden in den tabulae oder Personen- 
konti die mit jenen Buchungen zusammenhängenden Gegen- 
posten eingetragen, so zwar, daß die Kasseneinnahme dem 
Zahler in das Haben, die Kassenausgabe dem Empfänger 111 das 

1) Auf solche Kasseneinträge scheinen sich zu beziehen: Cic. in Verr. L 10, 
IL 7, pro Font. 2, 3 (Fragm. Niebuhr) und i. Vgl. Keller, Institutionen. 

2) Gaius, III. 131 f. bei Keller, Institutionen. 

3) Aus der Tatsache, daß die rationes mortalium (vgl. S. i7h Anm. i) unseren 
heutigen Personen- (den sog. lebenden) Konti entsprochen, läßt sich schließen, daß die 
Römer auch sog. .tote« oder Sach-Konti gekannt haben müssen; vgl. übrigens dies- 

bezüglich S. 184. ,.,../—;„ 

4) Vgl. Plin. bist. nat. lib. IL c. 7- Übrigens findet sich bei Cicero m 
Verrem I. 23 eine Stelle - aber auch die einzige - wo von einem codex accepti 
und codex expensi getrennt gesprochen wird. 

5) Vgl. Schüler, S. 33. 



184 



Zweiter Teil 



Der codex rationem 



185 



li' 



I 



Soll eingetragen wurde. Wurde eine Lastschrift durch Gegen- 
rechnung im Haben ausgeglichen, so entstand die acceptilatio. 
Der Ausgleich einer Habenbuchung durch Gegenrechnung im 
Soll erzeugte eine expensilatio. 

In kleineren Haushaltungen mag das Kassabuch oder der 
codex accepti et expensi allein ausgereicht haben, wenn nicht, so 
dürfte dieser Kodex mit den tabulae in einem Buch vereinigt 
worden sein. In größern Betrieben wird man wohl eine Tren- 
nung vorgenommen und sodann noch neben den tabulae für die 
Personenrechnungen solche für die toten Konti oder \"ermögens- 
bestände geführt haben. ^) 

Bei der Vollkommenheit, zu der die Römer ihren Konto- 
korrent ausbildeten, und dem Scharfsinn, mit dem sie die recht- 
liche Bedeutung der ratio konstruierten, darf angenommen 
werden, daß dieselben neben der ratio für Personen auch eine 
solche für Sachen gekannt haben. In dieser Annahme wird man 
bestärkt durch die Tatsache, daß in der Buchhaltung der Land- 
wirte eine ratio praedii (Grundstückskonto) und eine ratio pecudis 
(Viehkonto) geführt wurde. 

Gegen die Form der heutigen Hauptbuchkonti, die der 
codex rationum gehabt haben könnte, wird geltend gemacht,^) 
daß sich in den Quellen Stellen finden, in welchen von verschie- 
denen nomina zwischen einem Schuldner und einem Gläubiger 
die Rede sei, während auf dem Folio der ratio nur ein Name 
sich befindet, nur ein Saldo sich ziehen lassen muß. Indes 
kann diese Ausführung als Argument gegen die heutige Form 
nicht betrachtet werden. Denn es ist klar, daß ein und dasselbe 
Konto eine Mehrheit, eine ganze Reihe von nomina als Buch- 
posten enthalten kann. Ein und dasselbe Konto aber kann immer 
nur ein nomen (als Namen) im Sinne einer Ratioüberschrift haben. 
Es sei denn, daß die ratio eines Schuldners mehrere tabulae 
oder Folien füllt, die dann mit dem Namen desselben Konto- 
inhabers überschrieben werden müssen. Dann sind dies 
aber nur Wiederholungen ein und desselben Namens. Die 
Summen des ersten Folios setzen sich in einem solchen Falle 



1) Ähnliches hat auch Keller vorgeschwebt, nur vermochte er es, man merkt 
es deutlich seiner diesbezüglichen Deduktion an, wegen mangelnder Buchführungs- 
kenntnisse nicht klar zum Ausdruck zu bringen. Siehe auch bei Danz, S. 44, 45. 

2) Schüler, S. 14, 15. 



A 



durch Übertragungen von einem Folio auf das andere bis zum 
letzten Folio fort, auf welchem dann der Schlußsaldo gezogen 
wird. Wäre es da nicht möglich, daß Cicero in seiner Anklage 
gegen Verres die verschiedenen Bestechungsfälle aus den ver- 
schiedenen Folien ein und derselben ratio, nämlich des Verrini- 
schen Kontos, zusammengetragen hat? 

Eine eigenartige, speziell römisch-rechtliche Bedeutung 
erhielt der Kodex dadurch, daß er dazu benutzt wurde, den 
Eintrag gewisser obligatorischer Rechtsgeschäfte, vornehmlich 
derjenigen Vorgänge aufzunehmen, deren Eintrag in diesem 
Kodex eine eigene juristische Modalität des Abschlusses wie 
Auflösung von Kontrakten bedingte.^) Als Buchungen obligato- 
rischer Rechtsgeschäfte im Kodex wird u. a. aufgezählt: Die 
Dokumente über Real- und Konsensualkontrakte und über 
Stipulationen, auf welche Niederschriften sich die leges de novis 
tabulis, als Gesetze über die Zinsdarlehnsschulden, beziehen.^) 
Darauf hin nun, daß die Römer ihre Verträge im Kodex ein- 
trugen, wird von einem großen Teil der juristischen Schriftsteller 
die Behauptung aufgestellt, daß die rationes im Kodex unsere 
heutige Form nicht gehabt haben können.3) Nichts steht aber 
der Annahme im Wege, daß man sich für die Einschreibung der 
Verträge eines besondern Buches ,4) das ebenfalls wie alle Haupt- 
bücher Kodex genannt- wurde, bedient hat, das dann eine Art 
Chronik für die betätigten Verträge bildete. Möglich ist ferner, 
daß in der ratio neben der acceptum- und expensum-Rubrik 
ein entsprechender Raum zur Eintragung der Stipulation, sei es 
dem ganzen Wortlaute oder den wesentlichen Punktationen nach, 
freigehalten wurde. 

Vielleicht hat die Annahme, daß ein besonderer Kodex für die 
Verträge gehalten wurde, in welchem diese ihrem ganzen Inhalte 
nach oder auszugsweise unter Berücksichtigung der wichtigsten 

■ I) Asconius ad Ciceronis in Verrem orat. IL Kap. 23 der Aldusschen Aus- 

gabe. Sodann Cic. ad Att. IV. 18, Cic. pro Rose. Amer. c. 8. Cic. in Verr. II. 76, 
77. Quinctilian lib. XI. c. 2, bei Schüler S. 18. 

2) Vgl. bei Schüler, S. 29, die Stelle: Asconius: postquam adsignandis (oder 
obsignandis) literis reorum ex suis quisque tabulis damnari coepit. 

3) Dagegen Schüler (liter. oblig.), der es nicht für möglich hält, daß die tabulae 
die Einrichtung eines heutigen Kontos gehabt haben sollten, und zwar namentlich 
darum nicht, weil in den tabulae auch die Verträge eingetragen wurden. 

4) Salmasius (de modo usurar. p. 423). 



i86 



Zweiter Teil 



I 



Momente, eingetragen wurden, am meisten Wahrscheinlichkeit 
für sich. Solche Codices konnten dann Dritten und auch dem 
Gericht ohne weiteres vorgezeigt und offengelegt werden. 

Die Römer trugen nämlich Verträge, die in Bestechungs- 
angelegenheiten als pactum nudum vorkamen, nicht in den eigenen, 
sondern in einen fremden Kodex ein. Solche ehrlose Stipulatio- 
nen scheuten sie sich in ihren eigenen Kodex aufzunehmen, weil 
sie häufig bei Einklagung von Forderungen oder in Strafsachen in 
die Lage kamen, ihre Bücher vorzulegen, wodann sie sich einem 
Prozeß ausgesetzt hätten.^) Es ist nicht unwahrscheinlich, daß 
der Besitzer des Kodex mit der fingierten Einschreibung des 
fremden Vertrags sich den Wert desselben gutschrieb und sodann 
diesen Vertrag durch besondere Zession an den rechtmäßigen 
Vertragskontrahenten zurückzedierte, zu welchem Behufe man 
ihm jedenfalls das Recht der Zession zugestanden haben wird. 
Möglich auch, daß der Besitzer des fremden Kodex in dem Ver- 
hältnis eines Mandanten zum Mandatar gegenüber demjenigen 
stand, der den Vertrag in den fremden Kodex eintragen ließ, 
auf welche Weise dieser letztere in actio mandatarii seinen 
Anspruch verfolgen konnte. ^j 

Ob die Römer so unpraktisch waren, für die Vermögens- 
verwaltungen, die sie an den verschiedenen Orten hatten, am 
Hauptsitz auch verschiedene Kodizes zu halten, wird zwar von 
Schülers) behauptet, aber durch nichts bewiesen. Wir unsererseits 
neigen zur Ansicht, daß die Römer für die verschiedenen lokal 
getrennten Vermögensverwaltungen rationellermaßen verschiedene 
rationes in ein und demselben Kodex eingerichtet hatten. Bei 
der ausgeprägten Gestaltungsfähigkeit der Römer wäre es zu 
verwundern, wenn sie auf diese Einrichtung nicht gekommen 
sein sollten. Haben sie diese buchhalterische Einrichtung ge- 
kannt, so werden die verschiedenen lokalen Verwalter, jeder 
für sich, einen besonderen Kodex geführt haben, deren Ab- 
schlüsse der Hauptverwaltung behufs Eintragung in den Haupt- 
kodex in gewissen Zeitabständen werden mitgeteilt worden 



») Schüler, lit. oblig. S. 25. 

2) Haulo, pag. 65 Dissertatio etc. Amsterdam 1825. 

3) H. Schüler, Die literarum obligatio S. 33. 



Das codex rationem 



187 



sein. Darum scheint Schüler i) nicht Recht zu haben, wenn er 
aufstellt, daß ein und derselbe Eigentümer mehrere Kodizes haben 
konnte, ja haben mußte, nämlich: wenn er an verschiedenen 
Orten Vermögensverwaltungen hatte, die er durch bevoll- 
mächtigte Sklaven oder Freigelassene besorgen ließ.« Richtig 
ist es hingegen, wenn er weiter schreibt: »Jeder dieser Ver- 
walter mußte seinen besondern Kodex führen, auf Grund 
desselben seine Rechnung legen, und die Ergebnisse dieser 
gelangten dann in einen Hauptkodex, der den Vermögens- 
nachweis im Ganzen umfaßte.« Freilich steht dieser Satz, nach 
welchem die Resultate der von den verschiedenen Verwaltern 
geführten Hauptbücher in den vom Paterfamilias geführten 
Hauptkodex oder Zentralhauptbuch gesammelt wurden, zum 
Vordersatz, der von verschiedenen Kodizes, die von ein und 
demselben Manne geführt worden sein sollen, spricht, im direkten 
Widerspruch. 

Die Unterlage der Kodexeinträge bildeten bei Hausständen 
mit größerm Betrieb die Tagebücher, dazu gehörten : die Adver- 
sarien, Ephemeriden und Komentarien.^) 

Ob in diesem Kodex der Geschäftsleute detailliert oder 
summarisch, d. h. nach Zusammenstellungen aus den Adversarien, 
übertragen wurde, ist aus der vorhandenen Literatur nicht 
ersichtlich.^) 

Eine eigentümliche Einrichtung waren die tabulae novae4) 
bei Konkursen. In diesen Fällen nämlich mußte eine öffentliche 
Reduktion der Schulden vorgenommen werden, wobei der 
Gemeinschuldner einen neuen Kodex anzulegen hatte. In diesen 
Kodex wurden die reduzierten reliqua vorgetragen, die man sich 



1) Siehe seine litterarum obligatio S. 33. 

2) Vgl. Adversarien und Ephemeriden. 

3) Schüler vermutet summarische Übertragung aus dem Wort seposuisset. Er 
schreibt nämlich (S. 16): »Das Wort seposuisset deutet darauf hin, daß der Kodex 
wohl nicht im detaill. Buch über die kleinen Einnahmen und Ausgaben des täglichen 
Lebens, sondern eine Kontrolle über das, was man bei Seite gelegt (!), mithin ein 
nach Hauptsätzen geführter Vermögensnachweis (!) war, in welchen man wahrschein- 
Uch die Ausgaben zum Haushalt (!) im ganzen, in Aversionalbeträgen aufnahm, wie 
das unsere Kaufleute (!), aber freilich in anderer Form (!), auch tun.« Man kann 
hierzu sagen: Soviel Sätze, so viele Unklarheiten. 

4) Vgl. in diesem Werk hierüber bei: *Allgem. über d. alt. Buchführung.« 



l 



i88 



Zweiter Teil 



Die Rechtswirkung der Einträge im Kodex 



189 



von den Gläubigern durch Unterschrift (was die gewöhnliche 
Art der Decharge war) anerkennen ließ. Indessen findet sich 
in den Quellen auch die Behauptung vertreten, daß die rationes 
des alten Kodex dem Gesamtinhalte nach in die tabulae novae 
aufgenommen wurden, wobei ein dispungieren der einzelnen 
rationes stattfand. Das gekürzte reliquum wurde dann als 
Saldo, secundum novissimam subscriptionem, in den Kodex ein- 
getragen,^) oder es wurde, was das wahrscheinlichere ist, die dis- 
pungierte Rechnung in den neuen Kodex eingetragen und eine 
transscriptio nominis a re in personam \orgenommen.2) 



Die Rechtswirkung der Einträge im Kodex, 
a. Im Privatrecht. 

Den Hausbüchern wurde ein bestimmter Beweis wert zuer- 
kannt, darum waren die Einträge des codex accepti et expensi 
gleich denen des codex rationum zur Verwendung als prozessua- 
lisches Beweismittel zugelassen.3) In den Bucheinträgen des 
Kodex wurde eine allgemeine Rechtsgeschäftsform des bürger- 
lichen Lebens, in der receptio argentarii hingegen immer eine 
spezielle Rechtsgeschäftsform des Bankiers anerkannt. Die An- 
erkennung selbst aber erfolgte nicht im Wege der Gesetzgebung, 
sondern im Wege der Interpretation wie der prätorischen Juris- 
diktion. Im Rechtsstreite maß man den Kaufmannsbüchern eine 
obligatorische Funktion, d. h. die Bedeutung bei, die Begründung 
oder Lösung der Obligation zu bewirken, wogegen der korre- 
spondierende Eintrag der andern mit der ersteren in Geschäften 
stehenden Partei zur einfachen Bekundung des juristisch rele- 
vanten Vorganges herabgesetzt wurde. 

Bei Benützung des codex rationum als Beweismittel griff 
das prätorische Edikt mit der Vorschrift ein, es sei im Falle 
der Klageerhebung des argentarius wider seinen Kunden oder 
bei einem Prozesse zwischen Dritten die interessierte Prozeßpartei 
befugt, die Edition eines für den Rechtsstreit relevanten Konto- 

») Cicero ad Att. 7, 3, Brissonius de formulis üb. VI. c. 118. 

2) Schüler, S. 23. 

3) Windscheid, Krit. V.J. Sehr. III. S. 171 — 172; Strud. § 357 a. 5 ; Römer 
bed. Novation S. 246; Leist, Wechseibeziehung a. 19. 



korrents von dem betreffenden argentarius zu fordern. ^ Die 
rechtswidrige Verweigerung der Edition war bedroht mit einer 
actio auf id quod interest (vgl. Kraut zu § i cit. 68 ff.) 

Bei der Beweisführung bezüglich der im Kalendarium ein- 
getragenen Kapitalien und Zinszahlen war die Vorlage der 
gewöhnlichen Dokumente (instrumenta kalendarii) notwendig.^) 

Die tabulae im codex accepti et expensi sicherten den Be- 
weis rechtlicher Verhältnisse und Verhandlungen. Ihr Inhalt er- 
hielt eine gerichtliche Glaubwürdigkeit, auf welche die adversaria 
nie Anspruch machen durften.3) Daher wahrscheinlich eine ge- 
wisse religiöse x\nhänglichkeit, mit welcher die tabulae der Vor- 
eltern von einer Generation zur andern aufbewahrt wurden.4) Die 
Glaubwürdigkeit der im Kodex eingetragenen nomina war ge- 
gründet auf den tatsächlichen Buchungsvorgang, der einen con- 
tractus nominumS) darstellte. Der Vorgang bestand darin, daß 
man den Vorschuß, der einem Mitbürger geleistet wurde und den 
dieser als empfangen anerkannte, in dem eigenen Kassenkodex 
auf den Namen des Schuldners als expensum eintrug. Der 
Schuldner dagegen erkannte seinen Gläubiger an, indem er auf 
dessen Namen den empfangenen Geldbetrag in die tabula accepti 
buchte. In Hausstandsbuchhaltungen, in denen ein codex ratio- 
num geführt werden mußte, standen mit diesen nomina erst noch 
die Gegenbuchungen der expensilatio und acceptilatio im buch- 
halterischen Zusammenhang. Indem so der gebende Teil in seiner 
auf Pflicht und Gewissen geführten häuslichen Rechnung den 
empfangenden Teil schriftlich als Schuldner bezeichnete, und der 
andere Teil gleichzeitig in seiner ebenso pflichtmäßig geführten ratio 
sich selbst schriftlich zum Schuldner bekannte, war der Kontrakt, 
contractus nominis, geschlossen. Das expensum ferro aUcui und 
das acceptum referre bezog sich auf die Übereinstimmung der 

1) Edict. in Dig. II. 13, 4 pr. bei Voigt, S. 539. 

2) Roßhirt, Die Lehre von den Vermächtnissen, Bd. II. S. 230 ff. 

3) Adversaria in Judicium protulit nemo, codicem protulit. — — Tu, C. Piso, 
tali fide, virtute, gravitate, auctoritate ornatus, ex adversariis pecuniam petere non 
anderes. Cic. pro Rose. Com. II, 7 ; III, 8. Vgl. Dr. Karl Grolmann, Magazin für 
die Philos. u. Gesch. des Rechts und der Gesetzgebung, II. Bd. Gießen u. Darmstadt 1807. 

4) Tabulae servantur sancte Cic. pro Rose. Com. 2; Habeo et 

istius et patris eins accepti tabulas omnes. Cic. in Verrem hb. I. 23. Vgl. Grolmann. 
5) Inst. III. 22. 






190 



Zweiter Teil 



gegen einander gehaltenen tabulae der Kontrahenten.^) Daraus 
entstand die obligatio litterarum. Der aus einem contractus litte- 
ralis klagende Gläubiger begründete und beurkundete die Klage 
zugleich durch Darlegung seines codex accepti et expensi. 
Dieser bewies aber nicht ohne weiteres, besonders dann nicht, 
wenn die ebenfalls vorgelegten tabulae des Gegners über den 
eingeklagten Kontrakt nichts enthielten.^) War die Inskription 
des einen Teils oder das Schweigen im Kodex des anderen Teils 
dazu angetan, pecuniae extraordinariae (unerlaubte Einnahmen 
oder Kapitalsbereicherungen) ersehen zu lassen, so hatte dieser 
Teil sich eines infamirenden dolus schuldig gemacht, und bürger- 
liche Schande war seine Strafe.3) Irat aber der Beklagte mit 
seinen tabulae nicht hervor, so wurde den Behauptungen des 
Klägers Glauben beigemessen. 

Regel war, daß der Kläger aus seinen eigenen Hausbüchern 
allein keine Beweise erbringen konnte. Gewiß wird der Gläu- 
biger das nomen factum in seinem Kodex verzeichnet haben, 
schon um eine Übersicht über sein Vermögen zu gewinnen. 
Allein er konnte die Buchung nicht zum Beweise vor Gericht 
gebrauchen, weil deren Anfertigung ganz von ihm abhing und 
er ja einschreiben konnte, was er wollte. Wollte demnach der 
Kläger den Beweis des nomen liefern, so mußte er sich auf 
fremde Hausbücher beziehen, in welche das Gegennomen (die 
Kontrabuchung) eingetragen war. Auf diese Weise wurden diese 
fremden Hausbücher das gewöhnliche Beweismittel in der Htte- 
rarum obligatio. Wer sich auf sie berief, pflegte dem Richter 
zu sagen: »Wie hätte ich einen fremden Besitzer von Haus- 
büchern veranlassen können, in denselben ein nomen über ac- 
cepta einzutragen, das nicht stattgefunden hat?« In einem 
solchen Falle kam es dann nicht auf ein Zeugnis des Klägers 
in eigener Sache an, sondern alles hing von der Glaubwür- 
digkeit dessen ab, der das nomen, auf welches man sich berief, 
in seinen tabulae gebucht hatte. Höchst belehrend ist in dieser 
Beziehung Seneca, welcher den Mangel an Treue und Glauben 



1) Dr. K. Grolmann, IL Bd. 

2) Cic. p. Rose. Com. 1, 2. 

3) Quemadmodum turpe est scribere quod non debeatur: sie improbum est non 
referre quod debeas. Aequo enim tabulae condemnantur eius, qui verum non retulit 
et eius qui falsum perscripsit Cic. 1. c. 



Die Rechtswirkung der Eintiäge im Kodex 



191 



scharf hervorhebt und dabei das per tabulas plurium nomina fa- 
cere als ein gewöhnliches Mittel zur Sicherung gegen W^ortbruch 

angibt.^) 

Wie dieses Einschreibenlassen eines Postens in den tabulae 

anderer vor sich ging oder gemacht wurde, darüber ist, wie 
schon erwähnt (vgl. S. 177), schwer, sich eine klare Vorstellung 
zu machen, und kein Schriftsteller^) gibt eine stichhaltige Er- 
klärung dafür.3) Nach v. Salpius war jede Beteiligung emer 
dritten Person außer dem Gläubiger und Schuldner bei dem 
Litteralkontrakt vollständig ausgeschlossen. Es sei daher ganz 
unrichtig, zu denken, daß nomina oder gar vollständige Kon- 
trakte in die Hausbücher dritter Personen des Beweises halber 
eingetragen worden wären. Alle die Stellen, in denen von 
multorum tabulae die Rede sei. sprächen von tabulae der wirklich 

Beteiligten.4) 

Wie für, so konnte der Kodex naturgemäß auch gegen 
den Eigentümer desselben beweisen, und zwar dann, wenn der 
Prozeßgegner eine Behauptung aufstellte, die der Inhalt des 
Kodex bestätigte. So z. B. wenn jemand behauptete, dem 
Gegner eine Summe Geldes geliehen zu haben, und dieser es 
bestreitet, während im Kodex das Dariehen auf accepta ge- 
bucht steht. In einem solchen Falle bildete der Kodex ein 
gegen den Besitzer zeugendes Beweisdokument; denn es wird 
doch niemand in seinem Buche den Empfang eines Dariehens 
eintragen, wenn er ein solches tatsächlich nicht erhalten hätte. 

Ein' wichtiger Beweiswert wohnte der expensilatio bei, und 
das indicium war stricti iuris.5) Indes stößt man in der Lehre 
von der expensilatio oft auf den Irrtum, als ob überall, wo von 
einem expensum ferre die Rede ist, sofort auch schon eine 
litterarum obligatio, ein nomen factum, anzunehmen sei. Das ist 
in der Tat ein Irrtum, der aufgegeben werden sollte. Zunächst 

1) Gustav Ernst Heimbach, Die Lehre von dem Creditum. Leipzig 1849. 

2) So z. B. Richter und Schneider, Kritische Jahrbücher für deutsche Rechts- 
wissenschaft. IV. Jahrg. Leipzig 1840. Cic. pro Rose. 

3) Vgl. die Litteralobligation und die Beweiskraft der Hausbücher (Erklärung 

des Prof. Dr. Huschke in Breslau). 

4) So Cic. in Verr. act. H. lib. H. 7 vgl. mit L 10, wo diese tabulae ganz 
klar die Bücher derjenigen Personen seien, die dem Dio Geld gegeben hätten. 

5) Haec pecunia necesse est aut data, aut expensa lata, aut stipulata sit — 
Cic. pro Rose. Com. 5. 



192 



Zweiter Teil 



Steht fest, daß man verausgaben kann aus einem zweifachen Grunde: 
erstens, um jemand damit einen Vorschuß zu leisten oder ein 
Darlehen vorzustrecken, sodann, um damit die Gegenleistung für 
eine schon früher empfangene Leistung herzugeben, diese quitt 
zu machen. Nur im ersteren Falle ist ein Entstehungsgrund für 
eine neue Verbindlichkeit vorhanden, und kann füglich von einem 
für den Zahler entstandenes Kreditum, somit von einer litterarum 
obligatio die Rede sein, während im zweiten Falle eine expensi- 
latio zustande kam, mit dem Zweck, als Beweismittel für die 
Heimzahlung des Darlehns, bei dessen Hergabe, nicht aber bei 
dessen Lösung die litterarum obligatio zustande kam, zu dienen. 
Die expensilatio scheint sonach nichts anderes als die Gut- 
schrift gewesen zu sein, die der Darlehn sempf an ger gegen- 
über dem acceptum seines eigenen Kassenkodex dem Gläubiger auf 
dessen ratio erteilte, welcher Buchung gegenüber der Darlehens- 
geber als Gegenbuchung auf der ratio des Schuldners das Dar- 
lehen zur Last schrieb, d. h. die acceptalatio vollzog, wobei er 
gleichzeitig in seinem Kassenkodex das expensum ferre ausführte. 
Die expensilatio und die acceptilatio waren somit rein buch- 
halterische Vorgänge, die sich nur im codex rationum abspielten. 
So kam es, daß das, was infolge der Buchung des Gläubigers 
bei Entstehung der Forderung für die ratio des Schuldners 
acceptilatio war, bei Lösung des Schuldverhältnisses für diese 
ratio expensilatio wurde, und daß das, was bei dem Vorgang in 
dem Kodex des Schuldners auf der ratio des Gläubigers eine 
expensilatio war, bei Tilgung seiner Schuld auf dieser ratio 
nun sich in eine acceptilatio umwandelte.^) 

I) C. Visellius Varro, so erzählt Valerius Maxiinus (in Savigny S. 254), lebte 
im unzüchtigen Umgang mit Otacilia, einer freien Frau. In einer schweren Krank- 
heit wollte er dieser P>au unter der Form einer Schenkung von Todeswegen 300000 
Sesterzen (= 45 000 M.) zuwenden, und gestattete ihr deshalb, in ihrem Hausbuch 
eine expensilatio von 300000 auf ihn einzuschreiben, damit sie diese Summe nach 
seinem Tode von den Erben einklagen könne. Er starb nicht; Otacilia verklagte nun 
ihn selbst aus dem nomen (das jedenfalls Visellius Varro selbst im Kodex der 
Otacilia eintrug, denn auf eine von ihr selbst ausgehende Belastung des Varro hin 
hätte sie schwerlich nach dem Tode desselben die Erben einklagen können). Die 
Klage wurde aber von dem judex Aquilius abgewiesen aus verschiedenen Gründen, 
darunter vornehmlich, weil der Testator ja nicht starb, sondern wieder hergestellt 
wurde. 



Die Rechtswirkung der Einträge im Kodex 



193 



b. Im Kriminalrecht. 

Wie für Schulden und Forderungen die Einträge im Kodex 
Beweise zu erbringen befähigt waren, so konnten solche Ein- 
träge auch kriminell Beweise für Schuld oder Unschuld erbringen 
oder Vermutungen begründen und überhaupt eine Reihe von 
Aufschlüssen über die geheimsten Verhandlungen im Privat- 
leben darbieten. Der codex accepti et expensi des Verbrechers 
konnte durch seinen tatsächlichen Inhalt die Teilnahme an 
einem Verbrechen des Buchenden zur Wahrscheinlichkeit oder 
Gewißheit erheben.^) Auch durch das, was die tabulae nicht 
enthielten, konnte ein dringender Verdacht für das begangene 
Unrecht abgeleitet werden.^) Mitbestimmend für Verdacht oder 
Unschuld war in allen strafrechtlichen Fällen jedenfalls die 
Frage, in wie weit der Kodex detailliert und in fester, chrono- 
logischer Ordnung geführt wurde, ferner ob derselbe Spuren von 
ausgestrichenen oder unbeschriebenen Stellen aufwies oder nicht. 
Fehlten dem Kodex die Merkmale einer ordnungsmäßigen Füh- 
rung, so raubte ihm dies, je nach Umständen, teilweise oder ganz 
seine Glaubwürdigkeit. Mehr als einmal stellte Cicero Fehler 
dieser Art an den Pranger.3) So bewies er dem Verres die 
Unterschlagung eines von ihm als Vormund verwalteten Ver- 
mögens, weil er seine ganze Rechnung in drei Zeilen auf dem 
untersten Rand des letzten Blattes seines Kodex auf eine vorher 
ausgestrichene Stelle in ganzer Summe ohne detaillierte Ver- 
rechnung eingetragen hatte.4) Weiter bewies er dem Verres 
aus dessen eigenen tabulae, daß er seine prunkhafte Sammlung 
von Gemälden, Statuen und Kunstwerken nicht gekauft haben 



^) So wurde nach Ciceros Erzählung (C. pro A. Cluentio 14) dem Oppianicus 
ein durch eine erkaufte Hand verübtes veneficium geradezu aus seinen eigenen tabulae 
bewiesen. So wurde (Cic. 1. c. 12) gegen den nämlichen Verbrecher ein dringender 
Verdacht aus seinen tabulae geschöpft, daß er eine römische Matrone zur Abtreibung 
ihrer Leibesfrucht verführt habe. Vgl. Grolmann, Bd. 2. 

2) So bewies Cicero dem Verres, daß er seine prunkvolle Sammlung von Ge- 
mälden, Statuen und Kunstwerken nicht gekauft haben könne, sondern geraubt 
haben müsse, weil sich über die Erwerbungsart in seinen und in den tabulae seines 
Vaters nichts darüber eingeschrieben fand. Cic. in Verr. I. 23. 

3) Audistis quaestoriam rationem tribus versicuHs relatam!? Cic. in Verr. 
act. ir, I, 39 (accepi, dedi, reliqui.) Asc. Paed. Grolmann, Magazin. 

4) Cic. in Verr. act. II, i, 36. 

Beige 1, Rechnungswesen. i» 



194 



Zweiter Teil 



könne, sondern geraubt oder erpreßt haben müsse, weil sich 
über den Erwerb in seinen und in den tabulae seines Vaters 
nichts finden ließ.^) Dem Oppianicus wurde nach Ciceros Er- 
zählung2) ein durch eine erkaufte Hand verübtes veneficium 
geradezu aus seinen eigenen tabulae bewiesen. Dies konnte 
ohne weiteres in allen Fällen geschehen, in denen das Ver- 
brechen unerlaubter Einnahme sowohl aus den tabulae des Ver- 
brechers wie aus denen seines Komplizen oder des daran 
Beteiligten übereinstimmend hervorging, die Einträge pro und 
contra sich deckten. Nur wer seines Erwerbs sich nicht zu 
schämen und über seine Ausgaben nicht zu erröten brauchte, 
konnte ohne Bedenken seinen Kodex andern anvertrauen oder 
dem Gericht vorlegen. Denn dieses konnte dann nichts weiter 
als die Kapitalsveränderungen, die durch gewöhnlichen Zu- und 
Abgang, sodann durch Legate, Erbschaften, Schenkungen 
oder sonstige Veranlassungen stattgefunden hatten, ersehen 
lassen; infamierende Einträge waren ausgeschlossen. Um ihrem 
Kodex diesen harmlosen, rein geschäftlichen Charakter in Fällen, 
wo dieser Charakter dem Buche nicht beiwohnte, künstlich zu 
verleihen, gebrauchten die Römer die List, allen auf infamieren- 
den Erwerb zurückzuführenden Kapitalszuwachs, wie er ihnen 
durch Erpressungen, durch das Pekulat (Unterschleife, Veruntreu- 
ungen, Staatskassendiebstahl) und den Verkauf von Dekreten 
und Judizien zufloß, nicht in die Hausbücher einzutragen, die sie 
sonst verraten hätten. Das gleiche wäre der Fall gewesen, 
wenn sie das Geld eingetragen und den Empfangsgrund ver- 
schwiegen hätten. Solche in dem Kodex verschwiegenen Posten 
nannte man bezeichnender Weise pecunia extraordinaria.s) Diese 
Posten konnte und wollte man natürlich in seiner eigenen Buch- 
führung nicht nachweisen.4) Hier mußte der Ankläger seine 
Feststellungen aus den tabulae anderer, d. i. derjenigen, mit denen 



1) Cic. in Verr. act. II, I, 23. 

2) . . id quod ipsis tabulis tum est demonstratum . . Cic. pro A. Cluentio 14. 

3) Grolmann (II. Bd. S. 196) meint, es war vielleicht oratorischer Schmuck, 
wenn Cicero (in Verr. 11, I, 39) von einem crimen extraordinarium sprach. 

4) Was Verres durch Pekulat und Erpressungen, durch den Verkauf seiner 
Dekrete und Judizien erwarb, durfte man eben nicht in seinen häuslichen Rechnungen 
suchen. Dr. Karl Grolmann, Magazin für die Philosophie und Geschichte des 
Rechts. Gießen und Darmstadt 1807. 



Die Rechtswirkung der Einträge im Kodex 



195 



der Angeklagte in Verbindung stand, vornehmen, und aus dem, 
was er hier fand, zog er oft Schlüsse, aus welchen die Existenz 
des Verbrechens unausweichlich folgte. Darum verlangte Cicero 
von Verres, daß er aus seinen und seines Vaters Büchern die 
Kaufverträge der (durch Raub und Plünderung erworbenen) 
wertvollen Statuen nachweise.^) 

Nun handelte es sich für den Verbrecher nicht bloß darum, das 
Geld zu besitzen, sondern er hatte dafür zu sorgen, daß dasselbe 
auch zinstragend angelegt wurde. Hierzu wurde er schon gedrängt, 
weil er, um das oft tief erschütterte Vertrauen wieder zu gewinnen, 
nach neuen Ehrenstellen geizte, oder weil er Anklagen sieg- 
reich niederschlagen mußte. Da galt es denn, den Quaestor oder 
ein ganzes Gericht von Geschworenen zu bestechen, und das 
kostete viel Geld. Dies, sodann auch die Sorge um die sichere 
Anlage der erpreßten Schätze gab Veranlassung zum Ausleihen 
der pecunia extraordinaria. Dabei ließ man wohlweislich im 
eigenen Kodex auch die Buchung des expensum ferre ausfallen, 
und das war die zweite Straftat. Freilich lag die Gefahr vor,' 
daß der Kodex des Darlehnsnehmers, der das auf den Namen 
des Darlehnsgebers lautende acceptum ferre enthielt, zum Ver- 
räter des Vorgangs werden konnte. Allein man beruhigte sich 
anscheinend hierbei, weil man einerseits wußte, daß dem 
Schuldner der Ausfall der Ausgabebuchung im Kodex des 
Gläubigers unbekannt blieb, und weil andererseits kein Grund 
vorlag, anzunehmen, daß der Schuldner seine Schuld leugnen 
und seinen Kodex vorlegen würde. Vielleicht auch suchte man 
sich seine Leute aus, denen man das Geld herlieh oder bediente 
sich Dritter als Zwischenhändler (pararii), die von sich 
aus das Kapital weiter anlegten. Traf es zu, daß, wie 
schon zu Ciceros Zeiten der Gebrauch bestand, 2) der 
Gläubiger zur größeren Sicherheit das ganze Geschäft unter 
Zuziehung des Schuldners in die tabulae eines gemeinschaft- 
lichen Freundes eintragen ließ, so waren ja die Spuren so ziem- 
lieh verdunkelt. Ob sie verwischt waren, erscheint uns fraglich, 
weil ja dieser Dritte seine nomina, ununterrichtet wie er war,' 
unter Nennung der in Betracht kommenden Namen richtig vollzog,' 

1) Cic. m Verr. I, 23 bei Schüler, Litterarum obligatio. 

2) Grolmann, II. Bd. S. 199. 

13* 



196 



Zweiter Teil 






wobei Zufall oder Mißgeschick immer wieder zur Aufrollung der 
ursprünglich dunkeln Tatsachen hätte führen können. Darum 
war es im gegebenen Falle für den Ankläger immer eine 
schwierige Aufgabe, aber das einzige Mittel, um die unerlaubten 
Bereicherungen aufzudecken, das corpus delicti in den tabulae 
anderer zu suchen. Schöpfte er Verdacht, so konnte er sich 
die tabulae von dorther, wo er sie vermutete, zum Inquisitions- 
termin (dies inquirendi) amtlich vorlegen lassen. i) Hier konnte 
das acceptum relatum geprüft und bei der dazugehörigen Aus- 
gabebuchung, die bei Rückzahlung zu vollziehen war, nachge- 
sehen werden, an wen die Rückzahlung erfolgt war. Diese 
Buchungen ließen sich bis zum Ursprung, dem Ausgangspunkte, 
zurückverfolgen; wehe, wenn dann im Kodex die Ausgabe- 
buchung fehlte! 

Cicero nannte es den höchsten Grad von inkonsequenter 
Schamlosigkeit, wenn der Kläger sich einer durch die Aus- 
leihung von pecunia extraordinaria entstandenen Forderung 
schämen mußte, indem er sie nicht in seine tabulae einzutragen 
sich getraute, 2) und wenn er dennoch diese nämliche Forderung 
gerichtlich einklagte.3) 

Einen charakteristischen Fall, wie der Beweis mit den 
tabulae erbracht wurde, enthält die Tirade Ciceros gegen Verres in 
seiner Geschichte mit dem römischen Statthalter Carpinatius, 
der, ein Vertrauter des Verres, das lukrative Geschäft betrieb. 



1) Es scheint, daß es zulässig war, eine Untersuchung der tabulae coram pu- 
blice vorzunehmen. So stellt Cicero in Sachen gegen Verres den schon errötenden und 
stockenden Carpinatius wegen seiner pecuniae extraordinariae, sowie über Stand und 
Wohnung des vorgeschobenen Verrutius zur Rede. Da die tabulae als tabulae eines 
Publicanus gegen die Auslieferung nach Rom privilegriert waren, vozierte er den Eigen- 
tümer derselben vor den neuen Prätor Siciliens in jus und veranstaltete die Unter- 
suchung der tabulae auf offenem Platz im Beisein der versammelten Volksmenge. 
Und hier Heferte Cicero für die Sache dienliche Beweise. Vgl. Grolmann, S. 203. 

2) Quid ita non profers? Non conficit tabulas? Immo omnes summas. Leve 
et tenue hoc nomen? H-S cccIdod sunt. Quomodo tibi tanta pecunia extraordinaria 
iacet? Quomodo H-S cccIdod in codice accepti et expensi non sunt? Vgl. M. Tullii 
Ciceronis pro Q. Roscio Comoedo oratio in der Dissertation des Carolus Adolphus 
Schmidt, Jena. 

3) Cic. pro Rose. Com. I, 4. 



Die Rechtswirkung der Einträge im Kodex 



197 



schamlos amtliche Dekrete zu verkaufen. Es heißt da:^) Zu den 
Lieblingsverbrechen der römischen Justiz- wie Verwaltungsbeamten 
gehörte der Verkauf von Amtshandlungen. Der römische Statt- 
halter beschränkte sich nicht bloß auf eine unehrenvolle Erwerbs- 
quelle, sondern er nötigte auch die Käufer seiner Dekrete und Judi- 
zien, von ihm selbst gegen hohe Zinsen die Summe zu leihen, durch 
welche er sich zum Nachteil oder auch wohl zum Vorteil der gerechten 
Sache bestechen ließ. Um desto sicherer gegen Entdeckung zu 
sein, lieh sein Factotum Carpinatius auf seinen eigenen Namen 
jene Summen durch Expensilation aus, schrieb sie aber durch 
ein acceptum relatum entweder dem Verres selbst oder seinem 
Sekretär oder einem seiner Freigelassenen, Timarchides, zu gut. 
Diese Wechselverhältnisse wurden in des Carpinatius eigenen 
tabulae beurkundet, letztere scheinen indes mit den tabulae socie- 
tatis zusammengehangen zu haben. Außer dieser pecunia 
extraordinaria besorgte der Unterhändler noch die sichere und 
vorteilhafte Anlegung anderer geheimen Bereicherungen des 
Prätors. Jetzt erschien des letztern furchtbarer, mit der Inqui- 
sitionsgewalt bewaffneter Ankläger in Sizilien. Er forschte 
sogleich nach Carpinatius tabulae. Diese konnten als tabulae 
societatis oder als tabulae des Verwalters der Einkünfte der 
societas unmöglich bei Seite geschafft werden. Cicero entdeckte 
sie und darin zugleich die Namen vieler Unglücklichen, welche, um 
sich von Verres Justizbedrückungen loszukaufen, von Carpinatius 
hatten leihen und das Geliehene dem Prätor zur Abwendung 
ungerechter Verfügungen hatten bezahlen müssen. Ihre 
Beschwerden hatte der Ankläger schon gesammelt, und er über- 
zeugte sich aus der Zusammenhaltung der Umstände und der 
Zeit, daß sie gerade in den Monaten, in welchen sie von den 
Bedrückungen des Prätors sich losgekauft hatten, Schuldner des 
Carpmatius geworden waren. Er forschte in den tabulae weiter 
und fand darin noch ganz frische Verletzungen des Pergaments, 
ausgestrichene und neubeschriebene Stellen. Hier waren über-' 
all dem Cajus Verrutius beträchtliche Summen gut geschrieben. 
Aber vom zweiten r an waren die folgenden Buchstaben, 

^) Dr. Karl Grolmann, Magazin etc. Siehe auch: G. E. Heimbach, Die 
Lehre von dem Creditum, Leipzig 1 849. Cicero in seiner Rede für den Schau- 
spieler Roscms und gegen dessen Gegner Fannius Chärea. 



198 



Zweiter Teil 



nämlich: ucius, ausgestrichen und die Stellen aufs neue beschrieben 
worden, doch so, daß die Buchstaben an einer Litur sichtbar 
waren. Daraus wird gefolgert, daß die Posten früherhin an 
den Verres unmittelbar gerichtet gewesen waren, wodurch 
natürlich der Gewinn jener Darlehen wie der Betrag selbst 
diesem allein zufallen mußte. Cicero stellte den schon errötenden 
und stockenden Carpinatius über diese, wie er es nennt, flagi- 
tiosa atque insignis tabularum turpitudo, sowie über den Stand 
und die Wohnung des Verrutius zur Rede. Da die tabulae als 
tabulae eines Publicanus gegen die Auslieferung nach Rom 
priviligiert waren, vozierte er den Eigentümer derselben vor den 
neuen Prätor Siziliens in jus und veranstaltete die Untersuchung 
der tabulae auf offenem Platz, im Beisein der versammelten 
Menge. Hier bewies er im Angesicht des Prätors und des 
Volkes, daß vor Verres Ankunft in Sizilien in den tabulae kein 
angeblicher Verrutius als Carpinatius Gläubiger erscheine, daß 
nach Verres Abreise der nämliche Verrutius in den tabulae ver- 
schwinde, daß der reiche Verrutius jedem SiziUer bekannt sein 
müsse, während doch nach dem lauten Zuruf der Menge keiner ihn 
kennen wollte, daß hiernach Verrutius niemand anders als Verres 
selbst sei. Mit der Erzählung dieses Vorgangs schließt Cicero 
mit triumphierendem Spott das zweite Buch seiner meisterhaft 
geführten Anklage gegen den Verbrecher, welcher vom Gefühl 
seiner Schuld beladen, sich jetzt schon freiwillig zum Exil ver- 
urteilt hatte. 

So war auf die beschriebene Art die Entdeckung gesetz- 
widriger und entehrender Einnahmen dadurch möglich, daß man 
des Angeklagten eigene tabulae mit den tabulae anderer 
zusammenhielt. War auch dieser andere nicht immer Schuldner 
des Verbrechers, war nicht immer pecunia extraordinaria an ihn 
ausgeliehen worden, so war er doch Administrator desselben 
(cognitor); daß er es war, daß er über pecunia exdraordinaria 
dem Angeklagten Rechnung zu führen hatte, mußte sich aus 
seinen tabulae ergeben. Das Unerlaubte seines Erwerbes war 
dem Verbrecher schon dadurch unleugbar geworden, daß er von 
dem Erworbenen in seinen tabulae nichts gesagt und damit sich 
sozusagen selbst das Urteil gesprochen hatte. 

Wie anläßlich einer unerlaubten Kapitalsbereicherung durch 
Annahme von Bestechungen oder Ausübung von Erpressungen, 



Die Rechtswirkung der Einträge im Kodex 



199 



SO war Anklage auch wegen Erkaufung von Wahlstimmen, 
Erschleichung von Amtswürden oder Bestechung von Geschwore- 
nen (crimen repetundarum) möglich. War im erstem Falle nach 
dem Verbrechen in den accepta der tabulae des Verbrechers zu 
forschen, so galt es hier, das Augenmerk auf die expensa dieser 
seiner tabulae zu richten. Das Zusammenhalten dieser expensa 
mit den accepta anderer konnte leicht zur Entdeckung führen. 
Aber auch von den tabulae anderer ausgehend, gelangte m.an 
oft zum Beweis des Verbrechens, besonders dann, wenn diese 
anderen selbst ihre tabulae dem Ankläger anboten.') 

Andererseits fand aber auch der Verteidiger des vor ein 
Judicium ambitus oder repetundarum gezogenen Angeklagten 
in des letzteren und in den tabulae anderer reichen Stoff zur 
Verteidigung, Waffen zur Bekämpfung des entstandenen Ver- 
dachts: der Unschuldige siegte, der Verdächtige entging der 
^^erurteilung, wenn geordnete, detaillierte, durch keine Rasur 
entstellten tabulae aufgelegt wurden, wenn sich nirgends Spuren 
von pecunia extraordinaria fanden. Ging die vom Ankläger 
behauptete Erpressung oder Bestechung weder der Zeit noch der 
Person nach aus den tabulae eines einzigen Bürgers hervor, so 
entschied dies immer gegen die Anklage. Daher forderte der 
Verteidiger so oft den Ankläger auf, mit tabulae hervorzutreten, 
und warf ihm darüber, daß er keine aufzulegen wagte, mutig 
den Fehdehandschuh zu. Als Cicero den Cluentius gegen den 
Verdacht, daß er ein Kriminalgericht bestochen habe, retten 
wollte, da trotzte er auf die tabulae : ihr habt seit acht Jahren — 
sagte er zu seinen Gegnern — in Cluentius tabulae und in den- 
jenigen anderer geforscht und habt nichts auf ihn bringen 
können.2) Existierten irgendwo tabulae, welche ihn verdächtig 
machten, ihr hättet sie längst ausfindig machen müssen.3) Als 
er seinen Freund Fontejus gegen die Anklage, daß er als 
Prätor in Gallien das crimen repetundarum begangen habe, ver- 
teidigte, forderte er Beweise aus den tabulae, 4) er, der selbst 
so oft aus ihnen bewiesen hatte. 



^) Dies geschah von seilen der bedrückten Darlehnsgeber des unersättlichen 
Verres. Cic. in Verr. I. lo bei Grolmann, II. Bd. 

2) Vgl. S. 200, Anm. i. 

3) Cic. pro Cluentio, 30. 

4) Cic. pro Fontejo I. 



> 



200 



Zweiter Teil 



Aber auch unbegründete Anklagen waren in Rom nichts 
seltenes. Dann war es natürlich der Verteidigung ein leichtes, 
aus dem Kodex des Angeklagten triumphierend dessen Unschuld 
zu beweisen. Die geordnete Buchführung, das Fehlen jeder 
Spur von Verdacht in den tabulae, die Detaillierung der nomina, 
die zuverlässige Bekanntgabe aller mit den Buchungen zusammen- 
hängenden Namen waren scharfe Waffen in den Händen der 
Verteidigung, die besonders dann ohne weiteres siegten, wenn 
die vom Ankläger behauptete Erpressung oder Bestechung 
weder der Zeit noch der Person nach, noch aus den vorgelegten oder 
einverlangten tabulae der Bürger hervorging. Konnte der Ver- 
teidiger auf einen Ausgang zählen, so verlangte er trotzig die 
Vorlage der tabulae.») 

Die Herbeischaffung des Beweises war nicht Sache des 
Richters. Der römische Krimi nalprozeß war im strengsten 
Sinne accusatorisch.^) Der Richter inquirierte nicht selbst, wie 
es überhaupt keine von der entscheidenden abgesonderte inqui- 
rierende Behörde gab. Der Ankläger legte die Beweise der 
Schuld, der Verteidiger die Beweise der Unschuld dar. Die 
Geschworenen unter dem Vorsitz des Prätors und des mit ihm 
nicht identischen judex quaestionis sprachen ihr Urteil über 
Schuld oder Unschuld oder erkannten auf die Notwendigkeit 
eines weitern Verfahrens. Sache des Anklägers war es, den 
Tatbestand zu untersuchen. Hatte er die Anklage angekündigt 
und sich zur Durchführung derselben verbindlich gemacht, so 
erbat er sich zwecks Einbringung derselben eine bestimmte 
Frist (dies inquirendi). Nach Ablauf dieser Frist erschien er mit 
allen zusammengetragenen Beweismitteln. Zeugen, Urkunden und 
Bücher suchte und holte er sich zusammen, wo er wollte. Dies konnte 
er nur, weil seine Rolle als eine ehrenvolle galt und der Staat ihn 
mit seiner Autorität deckte. Darum erschien der Ankläger in den 
Gegenden, wo er Spuren oder Beweise des Verbrechens auf- 

1) »Ihr habt seit acht Jahren«, so wirft Cicero seinen Gegnern, die den Cluen- 
<ius der Bestechung eines Kriminalgerichts anklagten, vor, »in den tabulae des Cluen- 
;^ius und anderer geforscht und habt nichts auf ihn bringen können. Existierten 
irgendwo tabulae, welche ihn verdächtig machten, ihr hättet sie längst ausfindig 
machen müssen«. Cic. p. Cluentio, 30. S. Note 52 bei Grolmann. 

2) K. Grolmann, II. Bd. S. 188 ff. 



Die Adversarien und Ephemeriden 



201 



suchen wollte, bis zum Ablauf des dies inquirendi mit öffent- 
licher Macht bewaffnet. Ihm mußten sich die Archive der 
Munizipien öffnen. Er konnte die Vorlage (Edition) sämtlicher 
tabulae accepti et expensi fordern.^) Die Zeugen mufften ihm 
auf sein Verlangen folgen, weil bei dem Judicium privatum 
niemand gegen seinen Willen Zeugnis abzulegen brauchte. 
Andererseits sorgte aber auch das Gesetz für die Sicherheit der 
Sache des Angeklagten. Damit nicht zu seinem Nachteil der 
Ankläger die aufgefundenen Rechnungen fälschen konnte, mußte 
er sie auf der Stelle, wahrscheinlich in Gegenwart und mit 
Hülfe von Zeugen, versiegeln. Binnen drei Tagen hatte er sie 
dem Prätor vorzulegen, wo sie mit dem Amtssiegel versehen 
wurden. Erst bei der mündlichen Verhandlung konnten die 
Siegel gelöst und die Beweisstücke aufgelegt werden. Nur die 
für die Pächter der Staatseinkünfte geführten tabulae societatis 
wurden dem Ankläger nicht ausgeliefert. Diese mußte er viel- 
mehr an Ort und Stelle untersuchen, sich getreue Abschriften 
oder Auszüge anfertigen und diese in authentischer Form dem 
Gericht vorlegen.^) 

Damit, daß der Kodex im Priv-atrecht als sichere Unter- 
lage bei Forderungen und Schulden diente und im Kriminal- 
recht eine Erkenntnisquelle für Schuld und Unschuld abgab, 
war seine Wirksamkeit erschöpft. 



Die Adversarien und Ephemeriden. 

Über die Ableitung der Bezeichnung adversaria bestehen 
verschiedene Ansichten: Das Wort soll daher rühren, daß die 
Römer in diesem Buche beide Seiten (opistographa) zu beschreiben 
pflegten,3) nach anderen, weil die adversa pars als die Ausgabe- 
seite die mehrgebrauchte (usitatior) war, während die aversa als 
die Einnahmeseite weniger Einträge enthielt; wieder andere 
leiten die Bezeichnung von assidue obversabantur (quasi adversus 

1) Cic. in Verrem II, lib. 2, 74 u. Hb. i, 19 bei Grolmann. 

2) K. Grolmann, Bd. 2, S. 197 ff. 

3) V. Keller, Grundriß zu Vorlesungen über Institut, und Antiquit. des röm. 
Rechts, Berlin 1854—58, S. iio. Die Frage ist, ob dann auf den übrigen Büchern 
nur auf der einen Seite gebucht wurde. 



I' i 



202 



Zweiter Teil 



posita) ab, und bringen damit den Sinn, daß das Buch immer 
zur Hand sein mußte, in Verbindung.^) Ob zu diesen Tage- 
büchern, Manualen, Diarien oder Kladden auch das Kalendarium 
als Zinsverfalibuch der Kapitalisten gehört hat, ist aus den Quellen 
nicht festzustellen. War dies der Fall, so wurden jedenfalls darin 
im voraus die Fälligkeitstermine nebst Zinsbeträge eingetragen, 
um bei Verfall als nomina arcaria in den Kodex übergeführt 
zu werden. 

Im allgemeinen erfüllten die adversaria oder ephemerides^) 
in den Hausstandsbüchern die Aufgabe eines Tagebuchs. Es 
läßt sich annehmen, daß diese Bücher nicht von jedem Pater- 
familias, dem die FiVhrung eines codex accepti et expensi oblag, 
sondern nur in den ausgedehnteren Hausständen, vornehmlich 
aber von den Argentaren geführt wurden. Bei diesen bildeten 
die Adversarien die Unterlage für den codex rationum. Aus 
ihnen wurden die Posten gruppenweise am Monatsschluß auf 
die tabulae des besagten Kodex übertragen. 3) In dieser Form 
entsprachen jene römischen Bücher unserm heutigen Journal.^) 
Wurde ein solches Hülfsbuch von einem gewöhnlichen Pater- 
familias geführt, so richtete man es gleich so ein, daß die 
Führung eines besondern Kodex entbehrt werden konnte.5) 

In den Quellen wird auch die Ansicht vertreten, daß die 
Adversarien Notiz- oder Schmierbücher gewesen seien, in wel- 
chem Falle sie unserer heutigen Kladde oder Strazze entsprochen 
haben mochten. 



1) V. Keller, Grundriß, S. iio. 

2) Nach Salmasius bestanden die römischen Strazzen aus auf beiden Seiten be- 
schriebenen Blättern (chartae opistographae). Sie waren gleichwertig mit den i<ptjfieoideg 
und hatten keinen Beweiswert. 

3) Cic. p. Rose. Com. Kap. II § 5 — ;; Kap. III § 8, 9. Vgl. bei Heimbach. 

4) V. Savigny in seinen Vermischten Schriften schreibt (S. 240) diesbezüglich: 
»Neben diesem Kodex stand nun noch als Hülfsbuch das Journal (adversaria), ia 
welchem auch die noch ungewissen, unerledigten Geschäfte verzeichnet wurden, bis 
sie zur sicheren Eintragung in den Kodex reif waren. Diese Zweckbestimmung der 
adversaria würde sich genau mit derjenigen decken, welche für das heutige Memorial 
(in größeren Geschäften) und die heutige Kladde oder Strazze (in mittleren Waren- 
geschäften) maßgebend ist. 

5) Nep. Attic. XIII, 6: Seimus non umplius quam terna milia peraeque in 
singulos mense.s ex ephemeride eum expensuni sumptui ferre solitum, bei Hecht S. 66. 



Die Adversarien und Ephemeriden 



203 



Die Adversarien wurden häufig dazu benutzt oder besser 
mißbraucht, die pecuniae extraordinariae (gesetzwidrige Einnahmen 
und Ausgaben bei Amtserschleichung, Erpressung und Pekulat), 
die zu Kriminalprozessen Anlaß geben konnten, aufzunehmen. 
Und die meisten dieser Prozesse waren wenigstens zu Ciceros 
Zeiten iudicia publica de repetundis, de peculatu, de ambitu. 
Die fragHchen Gelder wurden dann nicht weiter auf den Kodex 
übertragen, sondern blieben in den adversaria vergraben.^) 

Was die innere Einrichtung der Bücher anlangt, so fehlen 
darüber genauere Nachrichten. Daß ihnen jedenfalls bei den 
Argentaren eine bestimmte Ordnung und Reihenfolge zugrunde 
lag, geht aus folgenden Stellen der Rede Ciceros für den Schau- 
spieler Roscius hervor. 

IL § 6: quod si eandem vim, diligentiam auctoritatemque 
* habent adversaria, quam tabulae, quid attinet codicem in- 
stituere, conscribere, ordinem conservare, memoriae 
tradere litterarum vetustatem? 
11- § 7- quid ^st quod negligenter scribamus adversaria? quid 
est, quod diUgenter conficiamus codicem? quia haec sunt 
me'nstrua, illae sunt aeternae; haec delentur statim, illae 
servantur sancte; haec parvi temporis memoriam, illae per- 
petuae existimationis fidem et religionem amplectuntur; 
haec sunt deiecta, illae in ordinem confectae. 
III. § 9: utrum cetera nomina in codicem accepti et ex- 
pensi digesta habes, an non? Si non, quo modo tabulas 
conficis? Si etiam, quamobrem, cum cetera nomina in 
ordinem referebas, hoc nomen triennio amplius, quod 
erat in primis magnum, in adversariis relinquebas? 
Insbesondere waren es Abschlüsse von Rechtsgeschäften, 
deren Realisierungen erst später erfolgten, die Gegenstand einer Ad- 
versarienbuchung waren.^) Denn wenn der Verkäufer ex vendito 
den Preis, der Sozius aus seiner Kontraktklage den Saldo zu 
fordern hatte, oder sonstige Verpfändungs- oder VerpfHchtungs- 
bedingungen stipuliert wurden, so eigneten sich solche Posten 

1) S. Hotomans Note über pecunia extraordinaria zu Cic. pro Rose. Com. I. 

Vgl. bei Grolmann, S. 196. 

2) Vgl. V. Keller, Grundriß zu Vorlesungen über Instit. und AnÜqu. des rom. 

Rechts. S. 109 ff. 



204 



Zweiter Teil 



Die Adversarien und Ephemeriden 



205 



I ( 



noch gar nicht zu einer Eintragung in den Kodex, viehnehr 
mußten sie bis zur Realisierung der Sache in den Adversarien 
liegen bleiben. Die Reahsierung konnte eintreten: 

a. durch Zahlung, wodann das empfangene bzw. ausgezahlte 
Geld unter Bezugnahme auf das früher abgeschlossene Rechts- 
geschäft in die beiderseitigen Codices als nomen arcarium über- 
ging; 

b. durch Novation im Wege des Litteralkontraktes (nomen 
facere), wodann das Geschäft als nomen transcriptitium in die 
Codices gebucht wurde; 

c. durch Novation im Wege der Stipulation, welche Form 
aber für den Eintrag in den Kodex untauglich war und daher in 
den Adversarien so lange stehen blieb, bis Zahlung erfolgte.^) 

Ob die verschiedenen und ungleichzeitigen Abschlüsse und 
Ereignisse, welche zur Entwicklung eines und desselben Rechts- 
geschäftes gehörten, in den Adversarien genau, jedes unter seinem 
Tage, und ob in diesem Falle mit oder ohne Verweisung an 
der einen Stelle auf die andere, oder aber, ob die späteren 
Posten bloß etwa durch Hinzusetzen bei den früher eingetrage- 
nen gebucht wurden, das wird ohne Zweifel von der individuellen 
Ausbildung der Hausbücher bei den einzelnen Buchführenden 
abgehangen haben. 

Salmasius^) führt an, daß die adversaria auf beiden Seiten 
beschriebene Blätter (chartae opistographae) waren, und mit dem 
Kalendarium und den Ephemeriden ein und dasselbe gewesen seien.3) 
Es sollen dies nach ihm sog. Schmierbücher, in denen allerlei Notizen 
von vorläufigem Wert eingeschrieben wurden, gewesen sein. Die 
Kommentarien, in welchen Trajan nach seinen Briefen 4) Gesuche 



1) Hiernach waren die Vorwürfe, wekhe Cicero a. a. O. dem Gegner des 
Q. Roscius darüber machte, daß er sich auf sein Adversaria und nicht einmal auf 
den Kodex berufe, durch die einfache Entgegnung zu entkräften, daß man nicht einen 
Litteralkontrakt, sondern eine Stipulation zu beweisen habe. Vgl. v. Keller, S. 103. 

2) Salmasius, De modo usurarum ; de usuris. Leiden 1638, 1639. 

3) Nach fr. 88 pr. D. de leg. II. 3 1 soll das Kalendarium etwas ganz anderes 
gewesen sein und ihm Beweiskraft beigewohnt haben. Offenbar ist aber hier das 
Kalendarium als spezifisch röm. Institution, das in Verbindung mit der arca stand, 
gemeint, während Kalendarium im gewöhnlichen Sinne des Wortes in der Tat nichts 
weiter, wie heute auch, ein für die täglichen Notizen bestimmtes Tagebuch ist. 

4) Plin. Epist. 96, lib. 10. 



und Vorschläge des Plinius sich notieren Heß, scheinen nur 
eine Art Taschenbuch gewesen zu sein.^) 

In einer Stelle der Verrinen findet sich ein weiteres Bei- 
spiel zu einer Adversarienbuchung, welche wie folgt lautet: 

Accepi HS. viciens ducenta triginta quinque miha quad- 
rin gentos XVII nummos. 

Dedi stipendio, frumento, legatis, pro quaestore, cohorti 
praetoriae HS. mille sexcenta triginta quinque milia qua- 
dringentos XVII nummos. 

Reliqui Arimini HS. sexcenta milia.^) 

Wir denken uns unter Annahme eines fingierten Personen- 
namens als Gegenpartei dieses Material wie folgt nach römischer 
Art in die adversaria gebracht: 

Accepi a Gajo 

in pecunia HS. 225417 

Dedi Gajo 

Stipendio, frumento, legatis, pro quaestore, 

cohorti praetoriae HS. 1625 417 



An Wichtigkeit standen diese Bücher weit hinter dem 
Kodex. Darum hatten dieselben auch keinen Beweiswert, ja 
nicht einmal eine Dauer, da sie allmonatlich gelöscht wurden.3) 
Deshalb hatten Forderungen, welche bloß in die Adversarien 
eingetragen waren, allenfalls den Wert einer pactio.4) 

Auch das Kommentarium war, wie die Adversarien, ein 
Tagebuch, nur scheint es mehr dem Zweck gedient zu haben, 
durch Aufnahme der nötigen Einzelheiten oder Details der 
Vorkommnisse den Kodex zu entlasten bzw. diesen zu er- 
gänzen.5) 



1) Schüler, Die Litter. obl. S. 9, der übrigens bestreitet, daß kalendaria und 
adversaria dasselbe gewesen sei, indem er behauptet, daß Salmasius, der die beiden 
Bücher für eins erklärte, sich geirrt habe. 

2) Cic. Verr. act. II. i, XIV. 36. 

3) Schüler, S. 8. 

4) Vgl. Cic. p. Ros. Com. : Streit zwischen Roscius und Fannius wegen Forderung 
von 100 000 Sesterzen; in Richter und Schneider, Kritische Jahrbücher, Leipzig 1840. 

5) Die Kommentarien, in welchen Trajan nach seinen eigenen Briefen (ep. 96, 
S. IOC, lib. IG Plin.) Gesuche und Vorschläge des Plinius sich notieren ließ, scheinen 
nur eine Art Taschenbuch gewesen zu sein. H. Schüler, Die Litter. oblig., S. 8, 9. 



2o6 



Zweiter Teil 



Die Einträge im Kommentarium lauteten etwa wie folgt :^) 

VII Kalendas Sextilis: 

In praedio Cumano 
nati sunt pueri XXX 

puellae XL 
sublata in horreum ex area tritici millia modium quingenta; 
boves domiti quingenti 

Eodem die: 

Mithridates servus in crucem actus est quia Gai nostri genio 
maledixerat. 

Eodem die: 

In arcam relatum est, quod collocari non potuit, 

sestertium centies. 

Eodem die: 

Incendium factum est in hortis Pompeianis, ortum ex 

aedibus Nastae vilici. 

Aus dieser Darstellung erhellt, daß das Kommentarium 

in den rationes domesticae etwa dieselbe Bedeutung hatte, 

welche die Strazze oder das Memorial für die heutige Buch- 
haltung hat. 



Die römische Bankbuehitihrung. 

Allgemeines über das Argentariat. 

Geldwechsel und Geldhandel einerseits und das Aufbewah- 
rungsgeschäft andererseits sind die ältesten Vorläufer des Bank- 
geschäfts gewesen. Geschichtlich nachweisbar ist, daß die 
igaTisCiTai im hellenischen Handelsverkehr bereits eine bestimmte 
Erwerbsgruppe bildeten. Von Großgriechenland her fand das 
griechische Institut der Trapeziten aus Latium unter Mitwirkung 
des Staates zu Anfang des 5. Jahrhunderts der Stadt Rom 



I) Aus einem Kommentarium nach Petr. satir. 53 bei Voigt, Leipzig 1887. 



Allgemeines über das Argentariat 



■07 



Eingang.^) Hier nahmen sie den Xamen argentarii an und 
betrieben privatgeschäftlich, aber unter staatlicher Kontrolle, das 
Bank- und Auktionsgeschäft. Erwähnt werden die argentarii im 
zweiten punischen Krieg bei Plinius.^) Veranlassung zur Etablierung 
von Wechselstellen gab das viele ausländische Silbergeld, welches 
im geschäftlichen Leben Roms in größter ;Mannigfaltigkeit zirku- 
lierte, aber auch das Kreditbedürfnis des bürgerlichen \'erkehrs, 
dem die argentarii dienten. 

Die Verkaufsbuden wurden vom Staate erbaut und das 
Benutzungsrecht (nicht auch der Grund und Boden) an die 
argentarii verkauft. Ihnen wurden die sieben tabernae lanienae 
an der Südseite des Forums eingeräumt.3) Die argentaria4) war 
das Kontor des Bankiers, mensa {^tdov bei den Griechen) war 
die Geschäftstafel, an welcher Zahlungen geleistet wurden. Diese 
Zahlbank war die Hauptsache in der Marktbude, so daß mensa 
und taberna oft gleichbedeutend gebraucht wurden.5) Mensarius 
hieß der Kassierer der Stadt- oder der Bankkasse, mensa publica die 
Zahlstelle des Staates oder einer Kommune, so insbesondere dieStaats- 



n Moritz Voifft, Über die Bankiers, die Buchführung und die Litteraloblig. 
der Römer, in den Abhandlungen der philol. histor. Klasse der Königl. Sachs. 
Gesellsch. der Wissenschaften, 10. Bd., Leipzig 1888. Obige Behauptung Voigts 
widerlegt Th. Niemeyer in Halle in der Zeitschr. der Savignystiftung, ii. Bd., ro- 
manist. Abt., wobei ausgeführt wird, daß der Durchgang der Trapeziten durch Latium 
eine Unmöglichkeit sei. Hingewiesen wird auf Mommsen, Rom. Gesch. Bd. 1., 

193 ff., 45 ff. 

2) H. N. XXL 38. Vgl. Literatur: H. Herbert, De argentaria veter. Traj. 
ad Rh. 1739, 1740. V. Almendingen, Über Urkundenedition und Argentarien in 
Grolmann, Magazin 1800. I. 319 ff- Th. Kraut, De argent. et nummulariis, Göttingen 
1826. Ed. Guillard, Les banquiers atlieniens et romains, Paris 1875. G. Gruchon, 
Les banquiers dans l'antiquite, Paris 1879. G. H. Richard, Les argentarii, Paris 
1881. Moritz Voigt, Über die Bankiers, die Buchführung und die Litteralobligation 
der Römer in Abhandlungen der philol.-histor. Klasse der Königl. Sachs. Cxesellsch. 
der Wissenschaften, X. Bd., Leipzig 1888. H. Taudiere, Des argentarii in Droit 
rom., Poitiers 1884. 

3) Daher foro cedere oder abire = bankrott werden. Plaut. Truc. I. i , 51; 
Ter. Phorm. V. 8, 28; Adelph, IL 4, 13; Dig. XVI. 3, 7 § 2; auch foro mergi, 
Plaut. Epid. I. 2, 16; Liv., IX. 40, XXVI. 11, 27, Flor. IL 6, 48. 

4) Daher erklärt sich im prätorischen Edikt Dig. II. 13, 4 die Bezeichnung 
aT^entariae mensae exercitores und der Ausdruck: argentariam exercere. So auch bei 
Verr. V. 155, 165 argentariam artem exhibere CCL. VIII. 7136. Für argentarius 
die Bezeichnung mensarius bei Suet. Aug. 4 und mensularius Dig XLII. 5, 34 § 2. 

5) Cic. p. Flac. 19, Dig. II. 13, 4; XIV. 3, 20. 



208 



Zweiter Teil 



kreditbank, wie solche im Jahre 401 und 538 errichtet wurden.^) 
Solche Marktbuden legte schon Tarquinius Priscus an. Sie 
lagen zuerst an den beiden Längsseiten des Forums.^) Nach 
dem großen Brande desselben kamen die tabernae argentariae 
veteres3) in die Nähe des Kastortempels und die novae^) oder 
plebeiae in die Nähe des JanustempelsS) auf dem Forum zu 
liegen,^) auf welchem sich auch die Börse der Janus medius 
befand.7) 

In Konkurrenz zu den argentarii traten zu Ausgang der 
Republik die nummularii,^) welche mit der Einführung der Silber- 
prägung in Rom im Jahre 486 die Prüfung des Metallwertes 
der umlaufenden Silber- und Goldmünzen zu besorgen, also das 
Amt von Münzwardeinen zu verrichten hatten.9) Sie waren im 
Range niedriger wie die argentarii. Ihre Mitwirkung bei größeren 
Zahlungen war infolge der Münzfälschungen, besonders während 
der Kaiserzeit, nachgerade unentbehrlich.9) Dagegen waren sie 
vom Auktionsgeschäft ausgeschlossen. Ihr publizistischer 



1) Voigt im Handb. d. klass. Altertumswiss. IV., 766, A. 4. 

2) Cic. p. Quinct. 4. Phil. VI. 5. Ovid. rem. am. 561. Sen. const. sap. 13. 

3) Vgl. Paulys Real-Encyclopädie der klassischen Altertumswissenschaft, Bd. II. 
Stuttgart, J. B. Metzlerscher Verlag 1896. Livius IX. 40, 16 erwähnt sie zum Jahre 
444 = 310, doch wird ihre Einführung in die Zeit zwischen 419 = 335 und 424 
= 330 zu setzen sein. Vgl. M. Voigt, Abhandl. d. sächs. Gesellschaft der Wissen- 
schaft X. 516. 

4) Dig. XVIII. I, 32; Liv. XXVII; II. 16, XL. 51, 5; Fest. 230 a. 31 in 
Paulys Real-Encyclopädie, IL Bd. 

5) Liv. IX. 40, 16, XXVI. 27, 2, XXVII. II. 16, XL. 51, XLIV. 16, 10. 

6) Cic. Acad. IV. 22; Varro, L. L. IV. 59 sub novis; ebenso Cic. de erat. 
IL 66. Liv. XXVL 27. 

7) Cic. de off. IL 25; Becker, röm. Altertümer I. S. 32, 67; Brissonius, ant. 
ex jure civ. sei. IL 12. 

8) Auch mensarii genannt. Jedoch nicht zu verwechseln mit den mensarii 
quinquoviri und triumviri, die eine Art außerordentlicher Magistrat waren, zu dem 
die angesehensten Männer genommen wurden, welche das Schuldenmachen der Bürger 
regulierten und denselben aus dem Schatz Geld vorschössen. Liv. VII. 21; XXIII. 
21; XXIV. 18; XXVL 36 in Paulys Real-Encyclopädie des klass. Altertums. 

9) Bei Paul. 3 ad Ed. (D. H. 13, 9 § 2): Nummularii, sicut argentarii ra- 
tiones conficiunt, quia et accipiuut pecuniam et erogant per partes, quarum probatio 
scriptura codicibusque eorum maxime continctur. Scaev. i. Dig. (D. H. 14, 47 § i): 
Lucius Titius Caium Seium mensularium, cum quo rationem implicitam haberet propter 
accepta et data. Voigt, S. 521. 



Allgemeines über das Argentariat 



209 



Charakter als öffentliche Münzprobierer bedingte, daß sie samt 
ihrer Geschäftsführung einer staatlichen Kontrolle unterstellt 
waren, die von Hadrian dem praefectus urbi und in den Pro- 
vinzen dem praeses provinciae übertragen wurde. In dieser 
grundsätzlichen Verschiedenheit bestanden die argentarii und 
nummularii etwa 6 Jahrhunderte hindurch nebeneinander.^) 

Unter Konstantin dem Großen wurden beide Bankarten 
zu einem Gewerbe zusammengeschlossen. Die Gewerbetreiben- 
den selbst nannte man collectarii^). Nach 363 n. Chr. wurden 
letztere wieder in der früheren Trennung auseinandergehalten, 
während sie in der Gesetzgebung als argentarii oder trape- 
zitae bezeichnet erscheinen. Unter Justinian erhielten sie den 
Namen argenti distractores und dazu verschiedene Privilegien. 
Die Tatsache, daß eine Reihe gesetzgeberischer Maßregeln 
bezüglich der Bankiers erlassen wurde, zeigt, welchen wesent- 
lichen Faktor im römischen Geschäfts- und Verkehrsleben das 
Bankgevverbe bildete. 

Immerhin aber blieb das charakteristische Unterscheidungs- 
merkmal zwischen beiden erhalten. Der argentarius besorgte 
vornehmlich die Auktionen und darum waren an seiner Bude die 
tabulae au ct. angeheftet.3) Außerdem wirkte er bei Kauf- 
abschlüssen privater Natur als Mäkler oder interpres.4) Die 
coactores waren die Einkassierer, eigentlich nur Diener der 
argentarii. Diese waren zwar keine unter öffentlicher Autorität 
angestellten Personen, wie die nummularii, soweit diese in den 
staatlichen Münzen als Probierer funktionierten.?) Aus ihnen aber 
ging das eigentliche Bankgeschäft hervor. Der argentarius war 
der Typus des römischen Bankiers. Ursprünglich war Wechseln 
des Geldes bei ihm die Hauptsache, namentlich Umtausch 
fremder gegen einheimische Münzsorten, wobei er ein kleines 
Aufgeld, collybus genannt, empfing.^) Der Geschäftskreis der 



1) Voigt, S. 518 in Abhandl. 10. Bd. 

2) Vgl. Niemeyer, S. 315 in Zeitschr. d. Savignystiftung, ii. Bd. 

3) Hotom. zu Cic. p. Caec. 6 in Paulys Realencyclopädie. Stuttgart 1886. 

4) Plaut. Cure. III. i, 63 ff ; Dig. V. 3, 18, XLVI. 3, 88; P. Fabri, Semest. IL 15. 

5) Schüler — Litter. oblig. — ventiliert, allerdings ohne weitere Begründung, 
die Möglichkeit, daß die nummularii Privatpersonen, die argentarii aber vereidete 
Beamte waren. 

6) Cic. Verr. III. 78, doch heißt collybus auch das Wechseln selbst. Cic. 
ad Att. XII, 6. 

Beigel, Rechnungswesen. '4 



2IO 



Zweiter Teil 



argentarii erweiterte sich aber im Laufe der Zeit ganz wesent- 
lich. Außer der Abhaltung von Auktionen und Verwaltung 
fremder Vermögen übernahmen sie das von Griechenland 
herübergekommene Geschäft der Zahlungen durch Wechsel, die 
permutatio, so daß sie z. B. Geld in Rom annahmen und durch 
einen andern Wechsler in Athen auszahlen ließen.^) Auch 
berechneten sie den Geldkurs der verschiedenen Länder zu 
den verschiedenen Zeiten.^) Durch diese Geldgeschäfte erhoben 
sie sich eigentlich überhaupt erst zu einer Bank. Li dieser 
Eigenschaft erhielten sie Gelder anvertraut, die sie teils als 
Depositum zur \^erfügung der Hinterleger hielten, oder zu Zahlungen 
im Xamen ihrer Deponenten verwendeten, oder auf Zinsen ausleihen 
durften. Dieses deponierte Geld hieß vacua, weil die argentarii keinen 
Zins dafür gaben,3) oder creditum, wenn sie es zur Verzinsung in 
Empfang nahmen, um es selbst wieder zinstragend auszuleihen.4) 
Dieser Unterschied zwischen dem deponere und dem credere war 
praktisch nicht unwichtig und darum streng durchgeführt. Die 
Zahl der xVrgentarier war an eine bestimmte Grenze gebunden; 
sie bildeten, in societates geschieden, ein Kollegium, von 
welchem die Aufnahme der neuen Mitglieder abhing.5) Auf- 
nahmefähig waren nur Freie. Die rechtlichen Verhältnisse der 
argentarii waren derart geregelt, daß ein Socius für den andern 
haften mußte.^) Daneben genossen sie auch Vergünstigungen, 
so z. B., daß man nur auf den Saldo bei ihnen klagen durfte, 
d. h. was nach gegenseitiger Abrechnung zu fordern übrig blieb, 
sonst lief man (jefahr, das Ganze einzubüßen.7) Diese Privilegien 
hat Justinian, der besondere Gönner der argentarii, noch wesent- 



M Bei Cicero ist die Bedeutung verschieden, ad Farn. IL 17, III. 5, ad Qu. 
fr. I. 3- 

2) Vgl. die Erklärer zu Cic. p. Quinct. 4, namentlich Klotz S. 568 — 572, wo 
auch Niebuhrs Bemerkung im Rhein. Mus. I. S. 224 — 226 mitgeteilt ist. Vgl. 
Paulys Realencyclopädie, S. 15 14. 

3) Beispiele solcher Depositen s. Plaut. Cure. II. 3, 66 — 69, TU. 66, IV. 3 f. 
Dig. XVI. 3, 7, § 2. XLII. I, 15, § II, 5. 24, § 2 u. A. 

4) Z. B. Suet. Oct. 39, II. 14, 47, § I. 

5) Orelli-Henzen, 1885 corpus argen tarionim. Inst. Nov. 136. 

6) Cic. ad Her. II. 13. Dig. II. 14, 9 ff. 

7) Gaj. IV. 64, 68, vgl. Quintil. Instit. V. 10, 105. 



Die Geschäfte der Argentarier 



21 1 



lieh vermehrt. Den unredlichen argentarius bedrohten aber auch 
desto härtere Strafen.^) 

Das Ansehen des Wechslerstandes im alten Rom ist sehr 
bestritten, indem manche Stellen dafür sprechen, daß es ein anstän- 
diges, ehrenhaftes und namentlich durch den Reichtum der Mit- 
glieder angesehenes Gewerbe gewesen sei, 2) während andere Stellen 
nur verächtlich desselben erwähnen. 3) Allem Anscheine nach war 
der reiche und große Argentar gewiß ebenso angesehen wie 
der heutige Bankier, während der, welcher durch schmutzigen 
Wucher das an sich achtbare Geschäft herabwürdigte, oder welcher 
wegen ungenügender Mittel nur im Kleinen handeln konnte, 
wie der Kleinhändler auch nur wenig oder gar nicht geachtet 
wurde.4) 



Die Geschäfte der Argentarier. 

Große und wichtige Geldgeschäfte gingen durch die Hände 
der Argentarier. Sie waren in einem gewissen Sinne die öffent- 
lichen pararii (Vermittler). Um nicht die Last der Verwaltung 
der Kapitalien selbst tragen zu müssen, war es in Rom längst 
Sitte geworden, die Kapitalien den Händen des Argentars 
anzuvertrauen. Zur Sicherung der Einlage wurde ein contractus 
nominis geschlossen und durch eine expensilatio (Gutschrift) im 
codex rationum durch ein acceptum relatum (Angabe in der 
Buchung, daß im codex accepti et expensi der Betrag in die 
tabula accepti eingetragen steht) gedeckt. Damit ersparte man 
sich, in den eigenen tabulae die Verwendung der Fonds bücher- 
lich detailliert nachzuweisen. 5) Die Depositen wurden in Gewölben 
oder in eisernen Kasten aufbewahrt. Für das Depositum, welches 
der Argentar auf Verlangen der Deponenten in deren Namen 



1) Dig. I. 12, I § 9. Cujac. obss. V. 18, VIT. 13. 

2) Cic. p. Caec. 4, argentariam non ignobilem. Aur. Vict. 72, 2. Suet. Vesp. 
I. Hör. Sat. I. 6, 86. 

3) Plaut. Pars. III. 28—38; Cure. III. i— 12; IV. 2, 20 ff. Cas. 25 bis 28. 
Truc. I. I, 47 ff. 

4) Paulys Realencyclopädie, S. 15 17. Cic. p. Caec. 4, ai^entariam non ig- 
nobilem. 

5) K. Grolmann, Bd. 2, S. 218. 

14* 



212 



Zweiter Teil 



weiter geben bzw. auf Zinsen ausleihen durfte, wurden keine 
Zinsen gezahlt, darum hießen die einschlägigen Depositen vacua. 
Im Gegensatz hierzu stand das creditum, das Zinsen trug, weil 
darüber der Argentar frei verfügen konnte. Daß die argentarii 
im Namen ihrer Deponenten Zahlung leisteten, kam sehr oft vor. 
Eine solche Zahlung hieß man per mensam, de mensa oder per 
mensae scripturam. Die Zahlung, die dem Argentar geleistet 
wurde, war eine Zahlung ex arca oder de domo.^) Scribere 
wurde bei Kreditposten im Rechenbuch angewandt, wobei die 
Summe im codex rationum der einen Person abgeschrieben und 
der andern zugeschrieben wurde.^) Da der argentarius die ihm 
anvertrauten Gelder auslieh, so hatte er auch die Geschäfte des- 
jenigen zu besorgen, welcher Beträge von den ihm anvertrauten 
Summen als Darlehn erhielt. Es war somit für ihn ein leichtes, 
den gebenden Teil durch die expensilatio (Gutschrift) zum' 
Gläubiger und den empfangenden Teil durch die acceptilatio 
(Belastung) zum Schuldner zu machen. Der argentarius, als 
Unterhändler großer Geldgeschäfte, als Vollmachtinhaber beider 
kontrahierenden Teile und als Rechnungsführer seiner Kunden 
betrachtet, erscheint uns in einem Gesichtspunkte, aus welchem 
das römische Argentariat als ein die Sicherheit des Handels und 
die Erleichterung des Verkehrs beförderndes Institut angesehen 
werden muß. 

Eine spezifisch römische Sitte war es, geheime Anleihen, 
unlautere Ausgaben, besonders aber die pecunia extraordinaria 
durch die Hände des argentarius gehen oder sie in 
tabulae publicae eintragen zu lassen, bevor man sie den 
eigenen tabulae anvertraute.3) Dieses Eintragen der Schuld- 
forderungen in den Büchern der Argentarier, wie auch in 
öffentlichen Büchern, scheint aus Griechenland zu stammen.4) Eine 
solche Eintragung konnte nur auf einer Zession beruhen und 

1) Plaut. Cure. V. 3, 7, Capt. IL 3. 89; Cic. Top. 3, ad Att. I. 9; San. ep. 
26; Gai. III. 131; Salmas. de modo usur. 11 p. 473 ff. bei Paulys Realencyclopädie 

2) Cic. ad Att. IV. 18; IX. 12; XII. 51; XVI. 2; Phil. V. 4, 11 Verr 
V. 19. Pauly, ibid. 

3) Cic. pro Cluentio 30, bei Grolmann, S. 218. 

4) Quinctihan lib. XI. c. 2; Cicero pro Quinctio c. 4 und Brisson, de verb. 
signif. sub voce argentarii. 



Die Geschäfte der Argentarier 



213 



setzte naturgemäß voraus, daß der Zessionar mit dem Argen- 
tar in einem Rechenverhältnis stand, es sei denn, daß letzterer 
die Zession gegen Barzahlung erwarb. Allgemeiner Bankbrauch 
war es, daß (wie Pithoeus erinnert) die römischen Geld- 
verleiher die an den Kaienden (Monatsersten) fälligen Gelder 
bis zu den Iden^) stehen ließen, ohne sie einzutreiben. 

In einer lex Cornelia war die Bestimmung enthalten, daß 
sich niemand für dieselbe Person und bei demselben Gläubiger 
innerhalb eines Jahres auf mehr denn 20000 HS. pecuniae 
creditae verbürgen dürfe.^) 

Der gesetzliche Zinsfuß war zu Ciceros Zeiten auf 12 vom 
Hundert festgesetzt, ein Zinsfuß, der von Justinian auf 6 und für 
die Kaufleute auf 8 vom Hundert herabgesetzt wurde.3) 

Zur Sicherung der den römischen Banken anvertrauten 
Interessen des Kapitalistenpublikums wurde den Argentariern 
auferlegt : 

1. Bücher zu führen, 

2. mit diesen Büchern Beweise zu liefern, 

3. die jeweiligen Gutschrifts- und Belastungsposten im 
Wege der Kompensation auszugleichen. 

Unabhängig von den hieraus für die Bankkunden ent- 
standenen Rechten genossen diese letzteren noch besondere 
Vorrechte auf die Güter des Argentars.4) 

Zweifelhaft ist, ob die altrömischen Bankiers schon Wechsel- 
geschäfte kannten, wie es zweifelhaft ist, ob es damals über- 
haupt schon Wechsel gegeben hat. Gewiß kannte man damals 
den Weg, wie man durch das Übertragungs verfahren Geld auf 
einen fremden Ort erheben konnte. Man suchte sich jemanden, 
der auf jenen fremden Platz eine Forderung zu gut hatte, 



1) Idus, ein altrömischer Kalender, der 15. Tag der Monate März. Mai, Juli 
und Oktober, in den übrigen Monaten der 13. 

2) Gaius inst. III, § 124, in Heimbach, Die Lehre von dem Creditum, Leip- 
zig 1849. 

3) L. 26, Code 4, 32, vgl. Edmond Guillard, Les banquiers ath^niens et 
romains. 1875, p. 40 et suiv. 

4) Ed. Guillard, p. 52. 



214 



Zweiter Teil 



i 



kaufte dieselbe dem Inhaber ab und ließ sich dagegen auf den 
Schuldner des fremden Platzes eine Art Kreditbrief geben ^) 
Das war aber kein Wechsel. Cicero selbst^) bediente sich dieses 
Mittels, als er seinem Sohn, der in Athen studierte, Geld senden 
wollte. Er setzte sich mit einem römischen Gläubiger aus 
Athen in Verbindung und kaufte diesem seinen Forderungstitel ab. 
Der Verkäufer dieses Titels ermächtigte dann seinen Schuldner 
in Athen, den einschlägigen Geldbetrag zu seinen Lasten an den 
Studenten Cicero auszubezahlen. Allein, wie gesagt, die bei 
solchen Übertragungen zustande gekommenen Titel waren keine 
Wechsel, bildeten kein cambium im rechthchen Sinne des 
Wortes, abgesehen davon, daß die Sache insofern unpraktisch 
war, als nicht immer und überall mangels geeigneter Gläubiger 
solche Forderungskäufe abgeschlossen werden konnten. Weit 
wahrscheinlicher hat unser heutiger Wechsel seine Ausläufer im 
Mittelalter zu suchen, wo der Handel in Blüte stand und die 
Italienischen Städterepubliken mit ihren Messen als Handels- 
emporen den Großhandelsverkehr an sich zogen. Dagegen war 
es einfacher und gebräuchlicher, sich, falls man auf einem 
fremden Platz eine Zahlung zu leisten hatte, schriftHchs) von 
semem argentarius einen Zahlungsauftrag auf den argentarius 
des fremden Platzes geben zu lassen. Auf diese Weise besorgten 
die Bankiers den größten Teil des Zahlungsgeschäfts, was um 
so mehr in der Natur der Sache lag, als Münzverschlechterungen 
und Münzverfälschungen zur ständigen Plage gehörten und die 
argentarii selbst den Schaden zu tragen hatten, wenn sie falsche 
Stücke bei Einzahlungen durchgehen ließen. Andererseits hatten 
die Bankkunden die Gewißheit, daß, wenn sie bei der Bank 
Geldbeträge abholten, sie auf gutes vollwichtiges Geld rechnen 
konnten. Zum altrömischen Bankbetrieb gehörte es ferner, auf 
Grund eingezahlter Baardepots Kredite einzuräumen. Über das 

^) So im 421. Brief ad Atticum (Hb. XI. No. 24): Scripseras ut HS XII 
permutarem; ferner im 542. Brief ad Atticum (lib. XII. No. 24): Sed quaero, quod 
illi opus erit Athenis, permutarine possit, an ipsi ferendum sit; oder im 545. Brief 
ad Att. (lib. XII. No. 27): De Cicerone, ut scribis, ita faciam; ipsi permittam de 
tempore: nummorum quantum opus erit, ut permutetur, tu videbis. 

2) V. Pothier, du contrat de Change No. 6. 

3) Ed. GuiUard (S. 44) nennt diesen Zahlungsauftrag billet ä ordre, was dem 
Begriff nach unsern heutigen Saldowechseln entsprechen würde. 



Die Geschäfte der Argentarier 



215 



Depot konnte, auch zugunsten Dritter, durch Mandat verfügt 
werden.^) 

Das Buch, in welches die Depots mit festen Fälligkeits- 
terminen eingeschrieben wurden, nannte man kalendarium, weil 
die Zinsen gewöhnlich an den Kaienden (Monatsersten) zur Aus- 
zahlung kamen.2) Indes waren es nicht bloß die Bankgeschäfte, 
mit denen sich der argentarius befaßte, er betrieb auch, gleich 
dem athenischen trapezita, rein kaufmännische Geschäfte, 
ebenso den Seetransport; er rüstete Handelsschiffe aus und zog 
daraus hohen Gewinn. 

Älter als das eigentliche Bankgeschäft war die tätige 
Wirksamkeit der Argentarier im Handel, besonders bei Auktionen. 
Bei Privatkäufen und Verkäufen dienten sie als ^lakler oder 
Vermittler.3) Ja sie besorgten übertragene Auktionen ganzer 
Vermögen, so z. B. von Erbschaften u. dgl. Bei den öffentlichen 
Auktionen waren sie stets zugegen, nicht als Vorsteher, sondern 
als Protokollisten, wo sie die Sache, den Ersteigerun gspreis und 
den Ersteigerer in die Liste eintrugen und die Bezahlung ein- 
kassierten. 4) 

Es ist festgestellt, daß schon zu altrömischer Zeit zwei oder 
mehrere argentarii sich zu einer Gesellschaft zusammenschließen 
konnten und daß dieses Gesellschafts Verhältnis gesetzlich vor- 
gesehen war.5) Auch das Zusammengehen zweier oder mehrerer 
argentarii zum Abschluß eines ganz bestimmten Bank- 
geschäfts (nach Art eines Syndikats) kam vor, ohne daß es 
hierzu eines besondern Gesetzes oder auch nur Kontraktes 
bedurft hätte. Auf ein solches Zusammengehen waren die 

M Gronov, lectiones Plautinae, 1740 p. 37 ff., 123 ff. Marquardt, II. Aufl. 
p. 69, bei Gustave Humbert, Essai sur les finances et la comptabilite publique chez 
les Romains. I tome p. 135. 

2) Dig. XII. I, 41, De rebus creditis; XXXII. XLI. 6, De legatis; Horaz, 
Sat. I. III. 87, Walter, § 306, 609, Note 96; Plutarch, Cato minor. XVIII; 
Mommsen, II. 2. Aufl. 534, Note i und 2. Vgl. bei G. Humbert, p. 135. 

3) Plaut. Cure. III. i, 63 ff. bei Paulys Realencyclopädie, S. 13 16. 

4) Cic. p. Caec. 4, 6; Quintil. XI. 2, 24; Gai. IV. 126, Capit. Ant. 6 (wo 
Gesetze de mensariis und de auction. verbunden vorkommen). 

5) L. 52, § 5, D. pro socio, 17, 2. Vgl. Ed. Guillard, p. 47, Kaiser Severus 
in einem Streitfalle nach seinem Urteil befragt, entschied, daß der von einem Sozius 
durch ein außerhalb des Bankbetriebs betätigtes Geschäft erzielte Gewinn (non ex 
argentarii causa) nicht der Gesellschaft gehöre. Der codex accepti et expensi und die 
Litteralobligation werden für die socii im Jahre 561 bekundet. Liv. XXXV. 7, 2. 



2l6 



Zweiter Teil 



Regeln der Solidarhaft anwendbar. Handelte es sich um die 

Ae Ruckzahlung des (xesamtbetrages verlangen. Die erfolgte 
fre elrn b'; ''"" ?■■ ^"' ~-"^<^^-en argentarii S! 
Ib chluß . "" '" ^^''""- '^^'''" *^ -™ Geschäfts- 

so h.Se ™"'?f '"■"'"""" "■^'"'^■"'' ^''^ Darlehnsempfänger. 
der Jir T "'""'' '""■ "'' ^-Pf-'gene Darlehen. Zahlte 
der e,ne von ,hnen, so waren alle übrigen von der Schuld befreit ■) 

Die Geschäfte der römischen Banken zerfielen in zwei Haupt- 
gesXt' '' ''"""" *'' '• '»^^ ^«"kiergeschäft, 2. das Auktions- 

KredifglSf?'""^"''"'' ""''^'" ^' '^ Sortengeschäf, b) das 
DasSortengeschäft, gewöhnlich als permutatio bezeichnet, 

rlder Ar """''"' ""''''° ""™"-rum, den Ein- und Verkauf 
fremder Munzsorten und die Umwechslung heimischer Münzen.^) 

Bedeutender war das Kreditgeschäft, welches sich aus 
dem Bedürfn,s entwickelte, flüssige Gelder nutzbar anzulegen 3) 

rUr F'^'^t^'' ^'''*''"'* '"^'■^' ''"' ^'^^ Zinsdarlehen, sodann aus 
der Annahme von Geldeinlagen als Depositum, endlich aus der 
Annahme von Geldeinlagen als Zinsdarlehen oder zum Aus- 
leihen für Rechnung der Einleger.4) Noch bedeutender gestaltete 
s.ch das Kreditgeschäft als Ordregeschäft. Dahin gehörte: 

I. Zahlungsleistung an einen Dritten auf Ordre des Kunden 5) 
D,e Anweisung erfolgte entweder mündlich und vor dem Bankier 
oder durch einen Brief an den Bankier, oder gegen Vorweisung' 
einer Legitimation, z. B. des Siegelringes.^) Auf diese Weise er- 
^^^^'"^ ^^' " ß^"kier als Kassenführer der beteiligten Parteien, 

S ,. r- ^"TJ" ''"°''"' ■■"' "'""'""''' " P'-»«"i"«-di. '6; v. Savigny, Oblig. R 
§ I-; Cic. ad Hcrennium 11. 13. L. 27 pr. Di? de Pir.U ■,,.!■ t-j r •„ , 

s> r. x-7,,T,. ' '"^•'^'6"<*"«'s- 2. 14 ■>« Ed. Guillardp. 4Q. 

J) D.g. XI. VIII. ,0, 9, § 2. Cod. Inst. XI. II. ,; Plaut. Truc I , ,0 
Oc. ad AU. XII. 6. ,; Verr. III. ,8., Suet. Aug. 4 ' ^ 

3) Liv. XXIV. 18. 

425; ^i;'^;^^^^^^^^^^ "• Bd. Plaut. Cure. 480; Truc. ;x; Trin. 

C.n .1 ^t'"\r"'""u '''" '' ''^"" ^"- '^' ^"- ^- ^^' ^^ "• ö.; Plaut. 

Cap. 449. So erklaren s,ch auch die Ausdrücke alteri pecunian. relegare (delegare) 

^b argentano. Cato de agric. 150. 2; Cic. ad Att. XII 3 2 ^ ^ S re) 

6) Plaut. Bacch. 327. 



Die Geschäfte der Argentarier 



217 



was bequem und zweckmäßig war. Dieses Zahlen auf Ordre 
eines Dritten wurde bezeichnet als erogare pecuniam.') 

2. Erteilung einer Zahlungsanweisung auf einen auswärtigen 
Geschäftsfreund durch Kreditbrief, d. i. die permutatio pecuniae 
und permutare pecuniam, was auf verschiedene Weise erfolgen 
konnte. 

Nach einzelnen Gattungen geordnet, lassen sich die Ge- 
schäfte der Argentarier wie folgt einteilen .-2) 

1. Ein- und Verkauf fremder und Umwechselung ein- 
heimischer Münzen, emptio, venditio nummorum, wobei der Bankier 
eine Provision nahm. 

2. Gewährung von Zinsdarlehen, Annahme von Geldein- 
lagen im Depot oder als Zinsdarlehen. 

3. Zahlungsleistungen an Dritte auf Ordre des Kunden. 

4. Erteilung einer Zahlungsanweisung auf einen auswärtigen 
Geschäftsfreund an den Kunden (permutatio pecuniae.) 

5. Zahlungsleistung an einen Dritten auf Ordre des Kunden 
(alteri pecuniam relegare oder delegare ab argentario). 

6. Bürgschaftsleistung für den Kunden. 

7. Eintritt in eine Schuldverbindlichkeit des Kunden als 
Mitschuldner. 

8. Übernahme von Schuldverbindlichkeiten des Kunden an 
Stelle desselben und als Selbstschuldner infolge einer Delegation. 

Hierzu trat als besondere Art 

9. Das Auktionsgeschäft mit Veranstaltung einer Auktion 
von Vermögensmassen oder Grundstücken für Rechnung eines 
Kunden. 

10. Das Societätsgeschäft, wobei der Bankkunde das Kapital 
und der Bankier seine Geschäftserfahrungen und Verbindungen 
sowie seine Mühe und Zeit einschießt, während der Gewinn 
prozentual geteilt wird.3) 

1) Vgl. bei Paulys Realencydopädie, II. Bd. Dig. IL 12, 9 § 2. 

2) Moritz Voigt, Bd. X. der Abhandlungen etc. S. 524 ff.' 

3) Th. Niemeyer in Zeitschr. der Savignystiftung, 11. Bd., S. 315, welcher 
rügt, daß M. Voigt in seiner Abhandlung diesen Geschäftszweig übersehen hat. 



Jl 



K '' 



2l8 



Zweiter Teil 






Die Buchführung der Argentarier. 

Die Buchführung der argentarii umfaßte folgende Geschäfts- 
bücher: 

1. die adversaria (Kladde oder Primanota), 

2. den codex accepti et expensi (Kassabuch), 

3. den codex rationum (Kontokorrentbuch). 

Einer besondern Besprechung bedürfen nur die Adversarien 
und der codex rationum, während das über den codex accepti 
et expensi gesagte auch für den gleichen Kodex der Argentarier 
gelten kann. 

Die Buchführung der Argentarier war im allgemeinen eine 
ausgebildete,^) aber dafür auch eine kompliziertere, wie die des 
gewöhnlichen Paterfamilias, schon deshalb, weil sie ein Konto- 
buch (codex rationum) führen mußten für die Privatpersonen, 
welche mit ihnen in laufender Rechnung standen. Diese laufen- 
den Rechnungen waren in Soll und Haben (Debet — Kredit) 
eingeteilt. Alle Geschäfte sowohl mit dem Argentar selbst als 
mit andern gingen über diese Konti und regelten sich durch 
bezügliche Einträge bzw. Umbuchungen ähnlich unserm heutigen 
Giroverfahren.2) Da der codex rationum die finanziellen Vor- 
gänge ersehen ließ, so wird dieser Kodex wohl das Bankbuch 
gewesen sein, in welches der gesamte Giro- und Depositenver- 
kehr zur Buchung gelangte. 

Waren die Bücher richtig geführt, so buchte z. B. der 
Bankier Titius, der an seinen Kunden Maevius, sagen wir 100 
Sesterzen geliehen hatte, in seinem Kassenkodex auf Haben: 
»Expensum Alaevio centum«, während Maevius auf Soll seines 
Kassenkodex buchen mußte: »Acceptum a Titio centum«. Auf 



Die Buchführung der Argentarier 



219 



») Probablement ces registres — schreibt Ed. Guillard (S. 54) — etaient tenus 
en partie double avec une colonne pour l'actif et une pour le passif. Wenn der 
Verfasser für diese seine Aufstellung die Quelle aus Plinius »Huic omnia expensa, 
huic omnia ferunter accepta ; et in tota ratione mortaliuni sola utramque paginam facit« 
anführt, so ist diese Bezugnahme nicht stichhaltig, weil in dem Zitat nichts enthalten 
ist, was für seine These spricht. 

2) Vgl. bei Keller, Gai. IV. 64, 66, 68; Donat, ad Ter. Phorm. V. 7, 29; 
Sen. de benef. III. 15. Über die noch nicht ganz aufgeklärte Sitte, gewisse nomina 
durch die Hausbücher dritter Privatpersonen durchlaufen zu lassen: Cic. ad Att. IV. 
18, 2 pro Q. Ro. I; de orat. IL 69, 280, Sen. 1. 1. 



diese Weise fand gegenseitige Feststellung des zustande 
gekommenen Darlehens statt.^) Fehlte bei einer Partei die sinn- 
gemäße Gegenbuchung, so konnte die andere Partei stets im 
gegebenen Falle die Einrede des numerata pecunia oder 
der Arglist geltend machen. Diese dem Schuldner auferlegte 
Beweislast war nur ein Ausfluß des römischen Rechtssystems und 
stand nicht in Kollision mit der Redlichkeit des Argentars oder 
eines sonstigen Gläubigers. 

Bedenkt man, was der Kodex dem römischen Bürger war, 
welche Wichtigkeit ihm beigemessen wurde und welcher heilige 
Charakter diesem Buche beiwohnte, so wird man ermessen, wie 
schwer es war, Rechtsverhältnisse zu erwirken oder gar zu 
beugen, für welche der Kodex den Boden bildete. 

Damit ist auch die Stellung des Kodex im römischen Rechts- 
leben gekennzeichnet. Während nach heutigem Recht (§ 45 
H.G.B.) das Gericht im Laufe eines Rechtsstreites auf Antrag 
oder von Amtswegen die Vorlegung der Handelsbücher der 
Parteien, soweit diese dem Handelsgesetzbuch unterstehen, an- 
ordnen kann, die Edition also nur eine »fakultative« ist und die 
Bücher selbst nicht einen Beweis an sich liefern, sondern ledig- 
lich nur als erhebliches Beweismittel für das freie richterliche 
Ermessen dienen können, konnten die tabulae durch die Prätur 
von jedermann eingefordert und gegen jedermann geltend 
gemacht werden. Auch lieferten die tabulae, wennschon gegen 
sie mit allen Mitteln angekämpft werden durfte, vollen Beweis, 
Beweis an sich, und keinen solchen mit Vorbehalt. In diesem 
blinden Glauben, der dem Kodex beigemessen wurde, lag seine 
eigentliche Stärke, die von fraudulösen Gedanken abhielt; der 
römische Kodex war ein Rechtsbuch, während das heutige 
Hauptbuch rein Geschäftsbuch ist, bei dem einzig und allein 
das Geschäftsinteresse dominiert. 2) 



^) Obiger Buchungsgang war nach Cicero (pro Roscio Comoedo No. i) in all- 
gemeiner Übung. Wären diese beiden Buchungen nicht eins, nicht korrelativer Xatur, und 
dürfte eine einseitige Buchung ohne Ermächtigung der andern Partei unternommen 
werden, so würde Cicero einen solchen Akt nicht schmachvoll und verbrecherisch ge- 
nannt und geschrieben haben: Quemadmodum turpe est scribere quod non debitur, 
sie improbum est non referre quod debeas.« Ed. Guillard, Les banquiers atheniens 
et romains, p. 66. 

2) Ed. Guillard, p. 53 et suiv. 



220 



Zweiter Teil 



Ji 



Berief sich jemand auf den Kodex des argentarius, um 
damit Beweise zu erbringen, und verweigerte dieser die Vorlage 
des Buches in böser Absicht, oder legte er es vor mit falschem 
oder unvollständigem Inhalt, so konnte der Prätor, falls aus 
diesem Tatbestand materielle Nachteile für den, der sich auf das 
Buch des argentarius berief, entstanden, Schadenersatz gegen den 
argentarius anordnen. Der Schadenersatzanspruch konnte aus 
verschiedenen Ursachen hervorgehen. So konnte jemand wegen 
einer Schuld verklagt und zur zweimaligen Bezahlung ver- 
urteilt werden, die er durch Vermittlung eines Bankiers bereits 
bezahlt hatte, wenn dieser Bankier in mala *fide oder aus Nach- 
lässigkeit seinen Kodex nicht vorlegte, aus welchem der Beweis 
der erfolgten Schuldregulierung klar hervorgehen mußte.^) Es 
konnte weiter der Fall eintreten, daß der Argentar sich 
weigerte, das Konto seines wegen einer Schuld verklagten Bank- 
kunden vorzulegen, in welchen die Bezahlung der Schuld, die 
durch Vermittlung des Bankiers geschehen war, eingeschrieben 
stand, und daß der Schuldner aus seinem eigenen Kodex, in 
welchem das expensum ferre gebucht war, die Bezahlung nicht 
nachweisen konnte, weil ihm sein Kodex abhanden kam. Wurde 
der Schuldner infolge dieser Sachlage zur nochmaligen Zahlung 
verurteilt, so konnte er sich, falls er in der Frist eines Jahres 
seinen Kodex wieder fand, mit Hülfe dessen er nun die erfolgte 
Zahlung beweisen konnte, oder falls er binnen einer gleichen 
Frist durch Zeugen diesen Beweis zu erbringen in die Lage 
kam, an dem Argentar schadlos halten.^) Nicht anwendbar 
war die einjährige Frist gegen Erben, es sei denn, daß persön- 
liches Verschulden vorlag, z. B. daß diese die Bücher führten 
und die Herausgabe derselben verweigerten. Trat für den 
argentarius der Fall der Schadenersatzleistung ein, so hatte er 
außer der Schadensumme den Zins für die Zeit, die zwischen 
dem Termin lag, an dem er die Vorlage der Bücher zu bewerk- 
stelligen hatte, und der Zeit, zu der es dem Schuldner gelang, 
seine Zahlung durch andere Beweismittel klar zu legen, an den 
Schuldner zu bezahlen. 



1) Ed. Guillard, Les banquiers athen. et rom. p. 68. 

2) L. 10, § 3, D. de edendo. 



Die Adversarien 



221 



Die Adversarien. 

Die adversaria bildeten einen Bestandteil der Bankbuch- 
führung. Sie entsprachen unserm heutigen Journal oder 
Memorial^) und dienten besonders bei einem ausgedehnten 
Betrieb als Hilfsbuch.^) Die adversaria waren das Buch, 3) in 
welches die einzelnen Handlungen und Ereignisse des Verkehrs 
vorweg, so wie sie vorkamen, von Tag zu Tag verzeichnet 
wurden. Gegenstand der Eintragung waren Einnahmen und Aus- 
gaben von Geld, gleichviel ob sie solvendi oder credendi 
causa geschahen, aber auch Rechtsgeschäfte, wie diese 
eben vorkamen. Somit hatten die Bankadversarieneinträge 
nicht bloß allein den täglichen Baarumsatz, sondern überhaupt 
und vielleicht vornehmlich alle sonstigen finanziellen Vorgänge 
zum Gegenstand. Nicht ausgeschlossen, wenn auch nicht erwiesen 
(aber auch nirgends bestritten) ist, daß die Baarumsätze un- 
mittelbar in dem codex accepti et expensi gebucht wurden 
und nicht erst durch die Adversarien gingen. Trifft diese 
Annahme zu, so haben die Bankadversarien nur Kreditgeschäfte, 
sowie Abschlüsse über Kauf, Verkauf und Abrechnungen über 
Sozietäten und Mandate enthalten. 

Die Einschreibungen geschahen in den Adversarien un- 
mittelbar auf einfacher pagina formlos. Erst im Kodex erhielten 
die Posten Form und Gestalt.4) Wie in dem heutigen Journal, 
so machte sich auch in den römischen Adversarien durch die 
sofortige Buchung eines jeden Vorfalls 5) die chronologische 
Ordnung von selbst.^) Das Geschäft selbst hieß banktechnisch 
permutatio pecuniae (permutare pecuniam), wobei der iVusdruck 
die vierfache dem Geschäfte beiw^ohnende Beziehung vertreten 



i 



1) V. Savigny läßt die Römer in die Adversarien die ungewissen, unerledigten 
Geschäfte einschreiben und sie solange darin bestehen, bis sie zur Eintragung in den 
Kodex reif waren. 

2) Vgl. Kellers Cic. p. Q. Ros. 2. 

3) ibid. 

4) Auf diesen Gegensatz mag wohl auch das zu beziehen sein, was Cicero p. 
Q. R. 1. 1. mit einiger Übertreibung bezüglich der strengen Ordnung im Kodex her- 
ausstreicht. 

5) Nach Cic. pro Rose. Com. c. 2, vgl. bei Danz. 

6) F. L. V. Keller, Grundriß zu Vorlesungen über Institutionen und Antiqui- 
täten des röm. Rechts, S. io8 ff. Berlin 1854—58. 



222 



Zweiter Teil 



konnte, und zwar: die Auftragserteilung des Kunden an den Bankier, 
auf seinen Geschäftsfreund Geld zur Zahlung anzuweisen, die 
Erteilung solcher Anweisung seitens des Bankiers an seinen 
Geschäftsfreund, die Ausstellung eines bezüglichen Akkreditivs 
seitens des Bankiers auf seinen Kunden, endlich die Zahlung 
des angewiesenen Geldes seitens des Geschäftsfreundes an den 
Kunden.^) 

Ob die zu ein und demselben Rechtsgeschäft gehörigen 
Buchungen genau jede unter ihrem Tagesdatum, unterbrochen 
durch andere am gleichen Tage eingetretene Ereignisse, unter 
gegenseitigem Hinweis auf die verschiedenen zusammengehörigen 
Posten, gebucht oder ob die späteren bei den früheren hinzu- 
gesetzt wurden, dies wird wohl von der individuellen Ansicht 
des Buchführenden abgehangen haben. Jedenfalls erfolgte die 
Führung der Adversarien in einer etwas freiem Form, wie dies 
bei Büchern, die stets zur Hand sein müssen, nicht anders der 
Fall zu sein pflegt.^) 

Gleichbedeutend mit den adversaria wird der Name 
euphemeris (i. e. diarium) gebraucht; vielleicht, daß dies nur 
eine mehr vulgäre Bedeutung, etwa wie unsere heutige Strazze 
{Schmierbuch), war. 3) 

Aus den Adversarien geschah die Übertragung des 
gebuchten Stoffes auf den Kodex, nicht ohne vorher einer 
gewissen Verarbeitung und Sichtung unterzogen worden zu sein. 
Es ist nach den Quellen anzunehmen, daß eine einheitliche 
Sammlung der Einträge stattfand, dergestalt, daß die gleichartigen 
Vermögensveränderungen und Rechtsgeschäfte, soweit diese in 
den Adversarien unter verschiedenen Tagen eingetragen waren, 
zusammengefaßt in den Kodex übertragen wurden.4) Es scheint 
somit, daß aus den Adversarien der Stoff dem Datum und der 
Natur nach gesammelt (gruppiert) wurde, um so gesichtet auf den 

») Cic. ad Att. V. 13, 2. Vgl. Voigt, S. 527. 

2) Vgl. auch S. 223. Anni. 2, Darauf bezieht sich, was Cic. p. Rose. 1. 1. 
von der Unordnung der Adversarien im Gegensatz zur Ordnung im Kodex sagt. 
Vgl. Keller. 

3) Vgl. Keller, Corn. Nepos, Att. 13, 6. Cic. p. Quinctio 18. Propert, III. 
22, 19. Ebenso bei Sen. Ep. 123, 10. Quotidie sobrius prodis; sie coenas tamquam 
ephemerideni patri approbaturus. 

4) Eine Andeutung hierüber findet sich in Com. Nep., Att. 13, 6, scimus 
non amplius quam terna niillia aeris, peraeque in singulos menses, ex ephemeride. 



Die Adversarien 



223 



Kodex übertragen zu werden, wie denn dieser das bleibende, jene 
das interimistische Andenken der darin verzeichneten ökono- 
mischen Ereignisse zu bewahren bestimmt waren. Ob und in 
welchen Zeiträumen (täglich oder monatlich) die Übertragung 
geschah, ist aus den Quellen nicht ersichtlich. Mit der erfolgten 
Übertragung war der Inhalt, wie der Adversarien des gewöhn- 
lichen Paterfamilias, so auch der Bankadversarien, gegen- 
standslos geworden. Damit war der interimistische Wert 
dieser Primanotaeinträge gegeben, welchem der Kodex mit 
seinen konstanten Buchungen aller ökonomischen Ereignisse 
gegenüberstand. 

Daß das in den Adversarien gebuchte .Material zusammen- 
gefaßt und als summarischer IMonatsposten im Kodex gebucht 
wurde, wird von Keller^) behauptet. Nach ihm findet sich dafür 
eme zuverlässige Andeutung bei Corn. Nep., Att. 13. 6, 2) welche 
Stelle nichts anderes besagt, als daß Atticus monatlich einen bestimm- 
ten Betrag für Unterhalt aus den Adversarien in den Kodex als 
Ausgabe übertragen habe. Daß man aus dieser Andeutung auf 
eme Gruppierung gleichartiger, in den Adversarien gebuchter 
Posten zu Monatsposten und auf eine summarische Übertragung 
in den Kodex schließen muß, kann nicht gesagt werden. Nichts 
hindert, aus der angeführten Stelle auch auf Einzelübertragungen 
schließen zu dürfen. Denn was Attikus monatlich als Ausgabe 
in den Kodex übertragen hat«, läßt sich ebensogut bei Einzel- 
übertragungen durch Addition derselben im Kodex ersehen. 

Ob augenblickliche Ausgaben von geringerer Bedeutung 
deren Betrag vor der Eintragung in den Kodex wieder in die 
Kasse zurückflössen, aus dem Kodex ganz weggelassen wurden 3) 
ist mehr als zweifelhaft, weil sonst die einschlägigen Umsätze 
im Kassenkodex gefehlt hätten. Außerdem wäre festzustellen 
was es heißt, »vor der Eintragung in den Kodex.. Denn wenn 
nicht angegeben werden kann, ob und welche Zeit verstrich, bis 
die ersten Buchungen in den Adversarien auf den Kodex über- 
tragen wurden, so ist die Aufstellung von den Beträgen, die 
»vor der E intragung in den Kodex wieder zur Kasse zurück- 

I) Keller, Institutionen etc. 

■^) Die Stelle lautet: scimus, non amplius quam terna millia aeris, peraeque in 
smgulos menses, ex ephemeride eum expensum sumptui ferre solitum. 
3) Keller, Institutionen etc. 



I 



224 



Zweiter Teil 



flössen '<, ohne jede Bedeutung und daher wertlos. Sodann 
hätten mit gleichem Recht ja auch die Kreditgeschäfte, soweit 
diese vor der Übertragung auf den Kodex ihre Erledigung 
fanden, aus dem Kodex ausfallen können. Dann wäre aber die 
römische Buchführung eine außerordentlich fragwürdige gewesen, 
während alles zur Annahme hindrängt, daß sie sich, und nicht 
zuletzt die Buchführung der Argentarier, in durchaus korrekten 
Formen bewegt haben muß. 

Der codex rationum. 

Für die Eintragung bestimmter obligatorischer Rechts- 
geschäfte müssen nach den Quellen die Argentarier einen beson- 
dern Kodex geführt haben. So sollen darin Änderungen der 
Person des Kreditors oder Debitors, wie dies durch Zession, 
Delegation oder Expromission geschieht, also sogenannte Litteral- 
kontrakte, eingetragen sein.^) Die Eintragungen in diesem 
Buche ergaben eine eigene juristische Modalität der Eingehung 
wie Lösung von Kontrakten, wie das litteris contrahere und 
litteris tollere obligationem. Damit wurde das Buch zum 
Litteralgeschäftsjournal.2) Später wurden in dasselbe auch die 
arcaria nomina, d. h. die Zinsdarlehen eingeschrieben. Ob es 
dadurch seinen ursprünglichen Charakter wechselte, muß gerade 
nicht aus dieser Änderung gefolgert werden. Daß, wie Voigt 
behauptet, mit der angegebenen Erweiterung des Buches in die 
»Sphäre des kaufmännischen Kapitalkontos« eingegriffen sei, ist 
durch nichts gerechtfertigt und nirgends ersichtlich. Dieser 
spezielle Kodex, sofern er überhaupt existierte, konnte, da er 
im Kontokorrentbuch nicht gewesen sein soll, nur ein Skontro, 
entweder, wie die Quellen besagen, zur Aufnahme der Litteral- 
akte selbst oder der aus ihnen hervorgegangenen Werkbestände 
oder beides zu gleicher Zeit gewesen sein. Was er aber der 

1) Keller, S. 103. Rein, Privatrecht S. 6;8 ff., erklärt den codex a. et ex. 
für ein Kassabuch, hebt diese Zweckbestimmung aber auf S. 680 sofort wieder auf, 
indem er diesem Kodex eine dreifache Funktion beimilJt, nämlich: dieser Kodex ist 
nach ihm ebenso Kassabuch, wie Handbuch zur Aufnahme der schwebenden Obligos 
an Schuldforderungen und Schuldverbindlichlichkeiten, wie Litteralgeschäftsbuch zur 
Aufnahme der kontrahierten wie gelösten Litteralobligationen. Voigt, S. 551. 

2) Nach Voigt ist dieser Kodex eine Art Wechselbuch gewesen. Vgl. auch 
Zentner in A. 76 cit. 20, 30 ff. 



Der codex rationum 



225 



Tat nach auch immer gewesen sein mag, niemals kann er auch 
nur m. entferntesten etwas mit dem Kapitalkonto gemein gehabt 
haben_ dessen emzige und ausschließliche Bestimmung die ist, das 
dem Besitzer des Unternehmens gehörige Rein vermögen nach- 
zuweisen. War der spezielle Kodex ein mit Litteralkontrakten 
verknüpftes Bestandsbuch, so müssen die darin enthalten 
gewesenen rationes, damit die Bestände evident gehalten werden 
konnten, in Zu- und Abgang geführt worden sein. Dies 
bedmgte ihren Zusammenhang mit den tabulae im Konto- 
korrentkodex oder dem codex rationum. 

Um diesen Zusammenhang buchhalterisch herzustellen wird 
es wohl auch bei den römischen Bankiers kein anderes Mittel 
gegeben haben, als die eingezahlten Depositen, mit denen die 
ratio des Bankkunden im Kontokorrentkodex erkannt wurde in 
der ratio des - sagen wir - Bestandskodex auf der tabula 
accepti und die ausgezahlten Depositen im umgekehrten Sinne 

n ''"^Tl ^"' ''^'^"' "^'^' ^^^ ^^^^^^ ^P^-i^lle Kodex als 
Bestandsbvich überhaupt gar nicht existiert hat, sondern einfach 
mit dem Kontokorrentkodex, d. i. dem codex rationum, identisch 
ist Hier, in diesem Buche, war der Ort, wo geschlossene 
Literalkontrakte gebucht werden konnten, nicht aber im Bestands- 
buch, und wir haben das Gefühl, als ob bei Aufstellung der 
Ansicht von dem Vorhandensein dieses vermeintlich bestandenen 
Spezialbuches die falsche Beurteilung der Begriffe accepta (Belastung) 
und expensa (Gutschrift) eine verhängnisvolle Rolle gespielt hätte 
Fest steht, daß der römische Bankier zunächst genau so 
wie der gewöhnliche Paterfamilias seinen codex accepti et 
expensi für den Barverkehr führte, in welchem Sinne dieser 
Kodex^m heutigen Kassenbuch entsprach.^) Daneben aber 

H,-. T. 'J "^"'^ ^'' ""' ^^'''^"^ ^^- '^''^ ''' ^°" "^"^^ zweimaligen Buchung im Kodex 
de Rede, so zwar daß jedes transcriptitium nomen als expensum und das andere mal 
als acceptum gebucht wurde. Wie dieses ^^veimalige Buchen ein und desselben Postens 
vom Standpunkte der Buchhaltung zu verstehen ist, wird freilich nicht ausgeführt. 

Salnius S 8r ffT'" T''^ '' "'"" ^'"^ Kontokorrentbuch war, wird von 
Saipms (S. 81 ff.) aus Ciceros Verrinen ausgelegt. So auch Wunderlich S. 20- 
He.mbachS. 610; Reim (Priv. Recht S. 678) erklärt den cod. a. et ex. direkt fü 

ZetTt ;. : T'\ ^"' ''''' ^"' ''' ^^°^^^ accepta -Einnahmen und 

expensa-Ausgabe und übersehen, daß die Begriffe accepta und expensa auch auf 

BeJgel. Rechnungswesen. 



I 



I 



226 



Zweiter Teil 



Der codex rationum. 



227 



mußte der argentarius gegenüber seinen Bankkunden noch 
einen besondern Kodex führen, um darin auf besondern rationes 
die laufenden Forderungen bzw. Rechtsgeschäfte verfolgen und 
übersehen zu können. Dieses Buch war der codex rationum, 
der das eigentliche Kontokorrent- oder Hauptbuch der Bank 
bildete.^) Die Einträge in denselben hatten das Schuldverhältnis 
des argentarius ersichtlich zu machen und andererseits einen 
Einblick in die aus zweiseitigen Geschäften entsprungenen, noch 
mit einer Gegenleistung verknüpften Forderungen, wie in die 
Ablösung solcher Gegenforderungen zu einfachen und selb- 
ständigen Rechtsgeschäften zu gestatten.^) Chronologisch wurden 
darin alle Vorgänge gebucht, welche entweder den Kassen- 
bestand veränderten (was darauf hindeutet, daß in dem Buche eine 
summarisch geführte, mit dem Kassenkodex parallel gehende 
Kassenratio geführt wurde), oder ohne numeratio eine Obligation 
begründeten, änderten oder beendigten.3) In diesem Kodex 
wurde den einzelnen Bankkunden namentliche rationes mensae 
(Girokonti), vielleicht auch für die verschiedenen Vermögens- 
bestandteile einzelne wSachkonti, wie die ratio praedii, pecudis, 
frumentaria usw., geführt. 

Für die Bucheinträge im Kodex kamen folgende vier 
allgemeine Momente in Betracht: 4) 

1. daß die Buchungen kurz gefaßt waren, z. B. profert — 
duobus versiculis expensum Niciae (Cic. ad Farn. IX. 10, i.;, 

2. daß dieselben den Namen des Mitbeteiligten unter Bei- 
fügung des Vatersnamens angaben, z, B. erant acceptae 
pecuniae C. Verrucio C. f(iUo) (Cic. in Verr. act. II, lib. IL 
76. 187); 



») Voigt, (S. 532) hält die pagina accepti und die ratio accepti, sodann die 
pagina expensi und die ratio expensi für identisch, was u. E. unzutreffend ist. 

2) Was Keller, S. 103, weiter von der Leistung dieses Kodex verlangt, nämlich 
den Preis für eine gekaufte Ware, die merces für ein gepachtetes Grundstück, scheint 
uns nicht gerechtfertigt, es sei denn, daß damit die Texterläuterung gemeint ist; dann 
bildeten diese Auskünfte nur Behelfe zu den selbständigen Belastungs- und Gut- 
schriftsposten. 

3) Th. Niemeyer, S. 316. M. Voigt in Abhandlungen. 

4) Voigt, Über die Bankiers, in den Abhandlungen etc. S, 555 ff. 



3. daß diejenigen Einträge, in denen eine von den Mit- 
beteiligten geschuldete Leistung ausgedrückt war, auf den 
Namen des Betreffenden mit der Präposition »af« abgefaßt 
wurden. 

(Cic. Or. 47. 158); praepositio »af« nunc tantum in accepti 
tabulis manet. 

Vel. Long. d. orthogr, p. 60 K. quotiens acceptam pecu- 
niam referebant, non dicebant a Longo, sed af Longo; endlich 

4. daß bei Forderungen mit bestimmtem Verfalltage der 
Zahlungstermin gebucht wurde, nomina se facturum, qua ego 
vellem die (Cic. ad Fam. VII. 23. i), z. B. X. af Num. Negidio, 
C. f., ex emtionis causa debita expensa Num. Negidio fero in 
proximas Kalendas Maias; oder 

X. af L. Titio, M. f. debita expensa Num. Negedio, C. f. 
fero in (diem).^) 

Jedenfalls war für die Bucheinträge die Geschäftssolen nität 
erforderlich, und diese war vorhanden, wenn das »ferre« gehörig 
angewendet wurde.^) Das ferre mußte verbis solennibus (mit 
bestimmten, zur Gültigkeit erforderlichen Worten) geschehen. 
Darnach bedeutete: 3) 

expensum fero: ich buche als eine von mir dem Schuldner 

geleistete obligierende Zahlung; 
expensum refero: ich buche dawider als eine vom Gläubiger 

empfangene obligierende Zahlung: 
acceptum fero: ich buche als eine von mir dem Gläubiger 

geleistete solutarische Zahlung; 

^) Voigt. S. 558 der Abhandlungen, erklärt bei Aufführung obiger Posten den 
Ausdruck expensum referre als Kreditposten, »wodurch der Delegat den von ihm 
dem Deleganten geschuldeten Posten dem Delegatar als von diesem gezahlt gut. 
schreibt«. Wir würden das expensum referre mit schlichten Worten als die Ausgabe 
erklaren, die der Zahler oder Gläubiger aus dem Kassencodex heraus auf die tabula 
semes Schuldners überträgt bzw. seiner ratio zur Last schreibt. Xoch geschraubter 
ist die Erklärung des Ausdrucks transcribere a persona in personam des Delegatars- 
es heißt da: d. i. Kreditposten, wodurch der Delegatar den von dem Deleganten 
Ihm geschuldeten Posten dem Delegaten expensiliert. somit als an diesen geleistete 
obligierende Ausgabe schlecht schreibt. »Schlecht schreiben« ist zwar korrekt im 
Gegensatz zu >gut schreiben« ausgedrückt, aber trotzdem dürfte der Ausdruck wohl 
emzig in der deutschen Buchführungsterminologie dastehen; denn tatsächlich sagt man 
nicht »schlecht schreiben« sondern »zur Last schreiben«. 

2) Th. Niemeyer, in der Zeitschr. d. Savignystiftung, S. 321. 

3) Voigt, Über die Bankiers, in den Abhandlungen, S. 561. 

IS* 



228 



Zweiter Teil 



acceptum refero: ich buche dawider als eine vom Schuldner 
zurückempfangene solutarische Zahlung. 

Diese Lösung scheint weder klar noch zutreffend. Nicht 

einmal ist ersichtlich, wer als der buchende Teil zu betrachten 

ist. Stellt man sich auf den Standpunkt des Gläubigers, als des 

Buchenden, so ist folgende Lösung denkbar und erklärlich: 

expensum fero: ich buche in Ausgabe des Kassenkodex eine 

an den Schuldner geleistete Zahlung; 

expensum refero: ich übertrage eine Ausgabe auf das Soll 
(accepta) der ratio des Schuldners; 

acceptum fero: ich buche in Einnahme des Kassenkodex eine 
vom Schuldner empfangene Zahlung; 

acceptum refero: ich übertrage eine Einnahme auf das 
Haben (expensum) der ratio des Schuldners.^) 

Nach Asconius und Cicero 2) sollen in dem codex rationum 
sämtliche Vermögensveränderungen eingetragen worden sein. 
Demnach mußten auch darin eine ganze Reihe von Dingen 
gebucht werden, die nicht auf einer Litteralobligation, sondern auf 
Stipulationen und Real- oder Konsensualverträgen beruhten. Bezüg- 
lich der auf einer Litteralobligation beruhenden scriptura codicis 
wird behauptet, daß diese Obligationen ihrem ganzen Umfange 
nach im Kodex eingeschrieben wurde. Denn sonst würden, so 
wird begründend ausgeführt, 3) die Litteralobligationen nichts 
von allen andern Buchungen voraus gehabt haben. Folglich 
mußte die Beziehung des Kodex zu den Litteralobligationen eine 
andere sein, als bei den übrigen Kontrakten. Es ist indes nicht 
einzusehen, warum diese Bevorzugung gerade nur mit einer 
völligen Abschrift der Litteralobligation und nicht ebensogut 
mit einer einfachen aber regelrechten Buchung zusammenhängen 
konnte. Was hinderte, daß bei dieser Buchung auf die fragliche 
Obligation, die man separat aufbewahren oder in ein besonderes 
Buch abschreiben konnte, hingewiesen wurde? Das Klage- 
fundament konnte auch bei einer einfachen Buchungsnotiz das- 



«) Vgl. diesbezüglich S. 84. 

») Asconii Paediani expositio in IV. orationes Ciceronis contra Verrem. 

3) Schüler, die litterarum obligatio, S. 29. 



Der codex rationum 



229 



selbe sein, nämlich die dieser Notiz unterliegende Litteralobligation 
Daß in dem Kodex, wie Schüler schreibt, nicht bloß Rechte 
d. h. Aktivbuchungen, sondern auch Pflichten oder Passiv- 
buchungen eingeschrieben wurden, bedurfte nicht erst eines 
Hinweises auf Asconius, denn sonst wäre der Kodex kein 
Hauptbuch, d. h. keine Rechnung über sämtliche accepta et 
expensa, d. h. Zu- und Abgänge der verschiedenen ^'ermög•ens- 
bestandteile, gewesen. 

Nach den Quellen wohnte dem codex rationum eine selb- 
ständige Bedeutung für Rechtsgeschäfte nicht bei, so daß 
wenn jemand Geld darlieh und diese Auszahlung in seinem 
Buche in Ausgabe schrieb (expensum ferebat), oder wenn der 
andere das Geld empfing und es in Einnahme stellte (acceptum 
terebat), das wirkliche Auszahlen und Empfangen die erheb- 
liche Tatsache für Entstehung und Natur der Forderung abgab 
wofür unter allen Umständen der codex accepti et expensi 
maßgebend blieb.-) Nur wenn bei einer novatio der Kreditor 
den in Betracht kommenden Betrag in seinem Buche mit Ein- 
willigung des Schuldners so einschrieb, als wenn er denselben 
jetzt an den Schuldner bar bezahlt hätte, so entstand in diesem 
Eintrag, wie z. B. heute in dem als selbständige Urkunde aus- 
gestellten Wechsel, eine Rechtsform, welche fortan den einzigen 
und formalen Forderungsgrund ausmachte.^) Natürliche \^oraus- 
setzung war, daß der betreffende Schuldner ordnungsgemäß 
auch seinerseits in seinem Buche einen sinngemäßen Eintrag 
vollzog, 3) indem er den Betrag, als ob eben vom Kreditor 
empfangen, in Einnahme buchte. Es scheint jedoch, daß die 
Rechtskraft des Geschäfts an den Acceptilationsakt nicht 
gebunden war, wie denn auch die erwähnte Einwilligung des 
Schuldners in den Eintrag des Gläubigers weder an eine münd- 
liche noch aucn an eine sonstige Form geknüpft war.4) 

Nach Keller (S. 104) nannte man solche Buchungen, d. h 
Eintrage, welche anstatt der baren Einnahme oder Ausgabe nur ein 
Rechtsgeschäft der bezeichneten Art enthielten, nomina transcrip- 
titia; nicht weil eine Forderung in ein Darlehen (v. Savigny) oder 

■) Gaius III. 131 f.; bei Keller, S. 103. 
') Keller, S. 104, 106; Voigt, S. 535. 

3) Diesen Eintrag nannte man acceptum ferre, oder referre oder acceptilatio 

4) Das Gegenteil erzählt Tlieoph. ad Tit. I de litt. obl. bei Keller. 



230 



Zweiter Teil 



Überhaupt in eine andere Form (Wunderlich) umgeschrieben, noch 
weniger weil sie aus dem Journal (adversaria) in die eigentlichen 
tabulae übergeschrieben wurde (Kraut); sondern weil der 
Buchende, übereinstimmend mit der Gegenpartie, den Saldo als 
neuen, selbständigen Posten dem Konto überschrieb oder vortrug. 

Schon die ganze Art und Weise dieser von den argentarii 
lebhaft betriebenen Geschäfte,») sowie ihr ausgebildeter Giro- 
und Depositenverkehr lassen erkennen, daß die altrömischen 
Bankiers ein ausgeprägtes Kontokorrentgeschäft betrieben 
haben, woraus sich die Notwendigkeit zur Führung eines 
besondern Kodex mit offenen Rechnungen der Bankkunden 
(codex rationum) ganz von selbst ergab.^) Und wie der Bankier 
sein Kundenkonto (mensae ratio), so hielt der Kunde sein Bank- 
konto (argentaria ratio) im Buche offen. 

In diesem codex rationum wurde einem jeden Bankkunden 
ein laufendes Kontokorrent unter Eintragung der Einzelposten 
mit Angabe des Datums (dies et consul) geführt. Der Anfangs- 
posten oder Vertragssaldo gründete sich entweder auf einen 
Kredit, den der Bankier dem Kunden anfänglich eingeräumt 
hatte, oder auf ein Darlehen oder Depositum, das jener von 
diesem empfangen und über dessen Verwendung der Argen- 
tar seinen Kunden gegenüber das Kontokorrent zu führen 

hatte. 

Daß die Rechnungen der Bankkunden getrennt geführt 
wurden, geht deutlich aus der Stelle bei Ulpians) hervor, wo er 
den Grund angibt, weshalb die Argentarier von den Privat- 
leuten zur Vorlegung ihrer Rechnungen gezwungen werden 
konnten. BezügHch dieser Separatrechnungen drückt sich derselbe 
Jurist an anderer Stelle wie folgt aus: Wenn es sich zufällig 
treffen sollte, daß die Rechnung des Titius und meine auf dem- 



1) Gaius IV. 64. 66. 68; Donat ad Ter. Phorm. V. 7. 29. ad Adelph. 11. 4. 
13; Sen. de benef. III. 15. Keller, Seite 106. 

a) Lab. bei Ulp. 40 ad Ed. rationem esse ultro citro dandi accipiendi, credendi 
obligandi, solvendi sui causa negotiationem 

3) L. 4. § I. D. 2. 13 (de edendo) nam cum singulorum rationes 

argentarii conficiant aequum fuit, id, quod mei causa confecit meum quodammodo in- 
strumentum mihi edi (Ulpianus lib. 4. ad edictum). Dem Sinne nach soll dies 
heißen, daß der Banquier die Rechnungen, die er für mich geführt hat, als mein 
Eigentum zu betrachten hat und deshalb an mich edieren muß. 



Der codex rationum 



231 



selben Blatte steht, und die erste mit dem Datum versehen ist, 
nicht aber die zweite, so soll das Datum der ersten auch auf die 
zweite bezogen, und wenn die Edition der letztern verlangt wird, 
zugleich auch mit ihr ediert werden.^) Hiernach ist man versucht 
anzunehmen, daß darunter der Kodex überhaupt nicht zu ver- 
stehen ist. Denn man mag dieses Buch wie immer sich geführt 
denken, niemals wird man sich erklären können wie auf ein und 
demselben Folio zwei oder mehrere Konti so untergebracht 
waren, daß aus dem Datum des einen Kontos auf das Datum 
des andern geschlossen werden konnte. Um so einfacher gibt 
sich diese Bezugnahme bei den Adversarien, in welchen für ein 
und dasselbe Tagesdatum eine ganze Seite oder auch deren 
mehrere in Anspruch genommen werden mußten, wodann sich auf 
einer Seite die verschiedensten Konti kreuzten. Bei einer solchen 
Sachlage wird es sofort klar, wie ohne v'eiteres aus der mit 
Datum versehenen Buchung auf das Datum der darunter stehen- 
den Eintragung geschlossen werden konnte, falls diese Ein- 
tragung nicht datiert war. 

Daß die Posten der Bankkontokorrente mit dem Datum, 
wann jede einzelne Tatsache vorgefallen, versehen waren, geht 
daraus hervor, daß der Prätor die Edition der Rechnungen 
unter spezieller Angabe des dies et consul verlangte, ^j ein 
Verlangen, welches, wenn die Buchung des Datums keine stän- 
dige Einrichtung gewesen wäre, in dieser bestimmten Form nicht 
hätte gestellt werden können. Die Einzelposten in den Rech- 
nungen wurden bald mit accepta et data — bald mit expensa lata 
et accepta lata bezeichnet.3) 

Das Verhältnis zwischen dem Bankier und dem Kunden 
war das eines Auftrags, dergestalt, daß der Argentar zur Aus- 
bezahlung einer bestimmten Summe für Rechnung des Kunden 
stets einen schriftlichen Auftrag hierzu haben mußte. 4; Rechnete 
man auf einen bestimmten Tag ab über das, was der Bankier 
bis zu diesem Tage für den Kunden ausgegeben und einge- 
nommen hat, so wurde letzterm bei diesem Anlaß ein Schlußzettel 
ausgestellt, des Inhalts, daß gemäß dieser Schlußrechnung dem 

1) L. b. § 6. D. cit. (Ulpianus lib. 4 ad edictum). 

2) L. ibid. Vgl. Kraut I. c. p. 61. 

3) L. 47. § I. D. 2, 14 (de pactis). 

4) ibidem. 



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232 



Zweiter Teil 



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Kunden eine bestimmte Summe als Haben bei dem Wechsel- 
tische (mensa) verbleibt, und daß zugleich alle vom Kunden an 
den Bankier ausgestellten chirographa (Schuldverschreibungen, 
Schuldscheine) für kassiert erachtet werden sollen. 

Diese Einrichtung zeigt, daß die Argentarier mit denen, 
für welche sie Kontokorrente hielten, von Zeit zu Zeit abrech- 
neten und, falls der Rest dem Korrespondenten zu gut kam, 
dieses Guthaben dem Kunden entweder sofort auszahlten oder 
aber ihm in Form des Chirographum verschrieben. A^on diesem 
Gebrauch finden sich noch starke Spuren in den Pandekten 
Justinians vor.^) 

Aus dem codex rationum hat der Argentar seine Bilanz 
(rationem putarc) gezogen. Die Konti wurden abgeschlossen 
durch getrennte Addition der Debet- und der Kreditposten und 
Abzug der kleineren Summe von der größeren (rationem sub- 
ducere). Mit dem Saldo oder dem reliquum wurde die ratio aus- 
geglichen. Der Rechnungsauszug (mensae scriptura), dessen 
Übereinstimmung mit dem Konto durch die Prüfung oder 
das dispungere festgestellt wurde, mußte dem Bankkunden 
zugestellt werden, der bei Richtigkeitsbefund den Auszug durch 
das subscribere anzuerkennen hatte.^) Dies beruhte auf der 
Praxis, daß die betreffenden geschäftlichen Vorgänge von den 
beiden beteiligten Interessenten, dem Schuldner wie dem 
Gläubiger, korrespondierend gebucht wurden. Gerade darum 
konnte dieser Kodex als prozessualisches Beweismittel Ver- 
wendung finden. 



') In L. 47. § I. D. de pactis liegt eine Berechnnng des argentarius mit 
seinem Geschäftsfreunde vor, nach welcher dem letztern 386 Solidi und die geschulde- 
ten Zinsen verbleiben. Die Zahlung beider Posten verspricht der Bankier in der 
Form eines Chirographum. In L. 20. D. de instit. actione (14. 4) stellt Octavius 
Terminalis, welcher den Wechseltisch seines Patrons versieht, dem Domitius Felix 
ein Chirographum des Inhalts aus, daß dieser bei dem Wechseltische 1000 Denare 
zu fordern hat, die er ihm Ende April zu bezahlen verspricht. Vgl. bei Heimbach, 
Die Lehre von dem creditum. 

2) Nach Theoph. Par. III 21 bei Heimbach wurde der Consent zur Expen- 
silation in besondere Worte gekleidet: Der Gläubiger richtete an den Schuldner eine 
diesbezügliche solenne Anfrage; so: aureos, quos mihi ex causa locationis debes 
expensos tibi tuli.' worauf, was jedoch Theoph. nicht ausspricht, der Bucheintrag 
erfolgte und der Schultlner demselben seine solenne iyyQuqi} in den Worten beifügte: 
expensos mihi tulisti. Vgl. bei Voigt, S. 569. 



Die Beweiskraft der Argen tarienbücher 



233 



Die Beweiskraft der Argentarien buchen 

Die Einführung der argentarii in Rom und der mit ihnen 
in das Land gedrungene codex accepti et expensi hatte wesent- 
lich zur Verallgemeinerung und Vertiefung dieses Buches im 
bürgerlichen Leben beigetragen. Die Reichen, welche mit ihren 
Kapitalien zu spekulieren und sich schreibkundige Sklaven zu 
halten anfingen, führten das Buchungsverfahren der Argentarier bei 
sich ein, und die Plastik des römischen Rechtssinnes prägte den 
solennen Buchungsakten den Charakter des Formalgeschäfts auf.») 
Während aber die Anerkennung der Buchungen im Kodex des 
Paterfamilias als die einer Rechtsgeschäftsform (des nomen) eine 
ganz allgemeine war, blieb die Würdigung der Bankbuchungen 
auf das spezielle Gebiet der argentarii beschränkt. Dabei beruhte 
die spezielle Anerkennung nicht etwa auf einem besondern 
Gesetz, sondern auf der Interpretation und der prätorischen 
Jurisdiktion.2) Stützen sich die römischen Klagen allgemein auf 
den technischen Begriff der expensilatio, so begründete receptio 
argentarii eine Klage für sich, eine besondere Klage.3) Daher 
kam es, daß man in den Buchungen der Argentarier im klassi- 
schen Recht ein besonders taugliches Mittel der Wahrheits- 
erforschung erblickte. Dies geht auch daraus hervor, daß dem 
argentarius eine die sonstigen Grundsätze weit übersteigende, 
sehr allgemeine Editionspflicht auferlegt wurde.4) Dem römischen 
Prozeß war hiernach der Beweiswert kaufmännischer Urkunden 
genau bekannt, jedoch wurden die formellen Beweisregeln erst 
durch die Juristen des kanonischen Rechts ausgebildet. Die in 
dem justinianischen Gesetzbuche gesammelten Fingerzeige und 
Erfahrungssätze über den Zeugenbeweis wurden, dem hadria- 
nischen Rescripte zuwider, als unbedingte Regeln anerkannt. 



1) Prof. Dr. Kuntze, Zur Geschichte der Inhaberpapiere in Goldschmidts 
Zeitschr. f. d. ges. Handelsrecht. Bd. II, S. 596. 

2) Die diesbezügl. Stelle bei Plaut. Cure. IV. 2, 23 f. bezieht sich auf die 
Zinsgesetze. Fase, di Marzo 1885 ist ein transitorisches Gelegenheitsgesetz der an- 
gehenden Kaiserzeit, erlassen, um bei einer Geldklemme das bare Geld in Umlauf zu 
bringen, ohne dadurch die Solvenz der argentarii zu gefährden. Voigt, im Jahresber. 
f. Altertumswiss. 1886. XLVIII. 200. 

3) Voigt, S. 566. 

4) Goldschmidt, Zeitschrift für das gesamte Handelsrecht. II. Bd., S. 232. 



iii 



II 



234 



Zweiter Teil 



Den Büchern in foro mercatorum wurde vollkommener Glaube 
beigemessen. 

Gegenüber den mannigfachen Mitteln, welche das römische 
Recht verwendete, um eine Willenserklärung solenn zu gestalten,^) 
beruhte die Solennität der Litteralobligation in dem doppelten 
Momente, daß der maßgebende Interessent in seinem Kodex 
einen sinngemäßen Bucheintrag wie sein Gegeninteressent voll- 
zog, sodann, daß der Eintrag auf bestimmte, allgemein giltige 
Stichworte lauten mußte. Diese verba solennia, in abstracto 
vorgeschrieben, vermittelten den obligatorischen Effekt der 
Sache.2) 

Bestand Meinungsverschiedenheit zwischen dem Bankier 
und seinen Kunden, so w^urde dem erstem der Auftrag zur 
Edition seiner Bücher gegeben. Diese Editionspflicht war durch 
das Gesetz gesichert. Auch sonst mußte der Argentar seinen 
Kodex jedermann offen legen, der ein Interesse an den Ein- 
trägen nachweisen konnte. Immerhin brauchte er die Einsicht- 
nahme nur insoweit zu gestatten, als sie für das Interesse des 
Einsichtnehmenden ausreichen konnte. Der Interessent hatte 
vor dem Prätor einen Eid dahin zu schwören, daß er bei seinem 
Antrag auf Edition von keiner unlautern Absicht geleitet werde. 
Nur in zwei Fällen mußte der Editionsgrund angegeben werden, 
nämlich : wenn ein argentarius die Bücher eines andern argen- 
tarius einsehen wollte, sodann, wenn jemand ein zweites Mal 
die Büchervorlage verlangte. War der wiederholte Antrag 
berechtigt, so konnte ein zweites und selbst ein drittes Mal die 
Edition verfügt werden. 3) 



1) Gaius III. 89: contrahitur obligatio — litteris; 128: litteris obligatio fit. 
Vgl. Voigt, S. 567. 

2) So ward, schreibt Prof. Dr. Kuntzc, in überschwenglicher Begeisterung für 
das römische Obligationswesen in Goldschmidts Zeitschrift für das ges. Handelsrecht, 
II. Bd., S. 581, die verborum figura, die klassische Körperhülle der röni. obligatio, 
das Wort mit seinem spirituellen Habitus und seinem flüchtigen Gange ; gleichsam ein 
Hauch von den Lippen schien den Römern der glücklichste Ausdruck des obliga- 
torischen Wesens. Nur im Augenblick der Entstehung war dieser Ausdruck sinnlich 
wahrnehmbar, schon im andern Augenblicke hatte jene Veibalfigur der Obligation zu 
existieren aufgehört, und diese stand nun in unsinnlicher Reinheit da, ihr Bestand 
war ein völlig idealer. 

3) L. 6. § 8. 9. 10. D. h. litt., bei K. Guillard p. 60. 



Die Beweiskraft der Argentarienbücher 



235 



Das wechselseitige Aufrechnen von Schuld und Guthaben, 
d. i. die »Kompensation«, fand zu Anfang in Rom keine 
juristische Realisierung, weil das Recht hierfür keine bindende 
Norm zu finden wußte oder nicht aufstellen wollte.^) Die römi- 
schen Richter würden nicht begriffen haben, wenn etwa der ex 
mutuo (aus einer Geldschuld) beklagte Debitor deswegen nicht 
zahlen wollte, weil er den zu zahlenden Betrag ex vendito (aus 
einem Verkauf) zu fordern hatte.^) Anders im täglichen Verkehr, 
wo die Aufrechnung der Gegenleistung bei Begleichung einer 
Leistung gang und gäbe war.3) 

Da es jedoch eine »lächerliche Komödie :< gewesen 
wäre, 4) die wechselseitig schuldigen Summen in Zahlung 
zu geben und sofort wieder in Empfang zu nehmen, so war es 
schon im 6. Jahrhundert allgemeiner Brauch, daß die Parteien die 
anerkannten Gegenforderungen mit einander verglichen und bis 
zu gleicher Höhe durch Vertrag gegeneinander aufhoben. Beide 
Obligationen aber ihrer Wirkung nach durch Kompensation zu 
entkräften, konnte auch damals noch nicht durch Vertrag erzielt 
werden, vielmehr mußten die Parteien, jede für sich, ihre Forde- 
rungen, wenn diese nicht unverändert fortbestehen sollten, durch 
zwei getrennte Formelerklärungen aufheben (computare). Der 



^) Dr. H. Dernberg, Die Kompensation nach römischem Recht. Heidelberg, 
1854, Seite 21. 

2) Dr. H. Dernberg, ibid. 

3) Anspielungen auf solche Abrechnungen im täglichen Leben finden sich bei 
Plautus, auch bei Terenz (in Dernbergs Kompensationen). Eine der interessantesten 
(heißt es S. 23) in der Mostellaria act. i. sc. 3. 140.: Philolaches kost mit seiner 
Dirne Philematium und fordert sie auf mit ihm zu zechen; sie ist es zufrieden; »was 
dir gefällt, gefällt auch mir, mein Süßer«. Philolaches findet das Wort »zwanzig« 
Minen wert. »Ich lasse zehn davon nach«, scherzt, ihn beim Wort nehmend, die 
schlaue Dirne, »du sollst einen billigen Kauf machen«. Philolaches will aber nicht 
zahlen, »auch wenn ich dir zwanzig gebe, hast du noch zehn von mir, mache nur 
reine Rechnung, ich habe dreißig Minen für dich bezahlt«. Etiam nunc decem minae 
apud te sunt. Vel rationem puta, triginta minas pro capite tuo dedi. Philomatium 
schmollt. Philolaches gibt gute Worte und schließt den Streit mit den Worten: bene 
igitur ratio accepti et expensi inter nos convenit. »Wunderbares Volk«, schreibt 
Dernberg hierzu, »das selbst in Liebeshändeln noch vom Zivilrecht und Rechnungen 
phantasiert«. 

4) Dr. H. Dernberg, ibid. 



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236 



Zweiter Teil 



Ausgleich^) ergab sich bei Gleichheit von Schuld und Guthaben 
im codex accepti et expensi allein oder, wie bei den Kaufleuten 
und Argentariern, in dem codex rationum. Bei Ungleichheit 
von Schuld und Guthaben blieb das reliquum im Konto stehen. 

Dieser Kompensationsvorgang war für das römische Bank- 
geschäft von großer Tragweite und Wichtigkeit. Denn bei den 
Wechslern deponierte man alle nicht zur Bestreitung täglicher 
Bedürfnisse zu verwendenden Kapitalien, damit sie in diesen 
großen Geldreservoirs durch produktive Anlage den Argentariern 
Gewinn und den Eigentümern Zins bringen konnten. Diese 
Gelder konnten ratenweise oder auf einmal wieder zurück- 
gefordert werden; mit ihnen konnte der Kapitalist Geschäfte 
treiben, spekulieren oder Gläubigern durch Giroumschreibungen 
bei der Bank Zahlungen leisten, oder pecunia extraordinaria in 
Eingang oder Ausgang buchen lassen. Grade mit Bezug auf 
die letztere Sorte von Geschäftsoperationen waren die argen- 
tarii durch ihre größere Geschäftskenntnis, Schlauheit und 
Skrupellosigkeit den Römern unentbehrlich, ^j aber auch infolge 
der Furcht vor ihrer Überlegenheit, besonders beim Landvolk, 
verhaßt.3) Dies ging so weit, daß man gegen sie Ausnahme- 



^) Denibcrg sagt (S. 23), daß bei seiner Aufrechnung von Guthaben gegen 
Schuld eine »Umschreibung« im Hausbuch stattgefunden habe. Dies sclieint auf 
einem fonnidabehi Irrtum zu beruhen. Denn wenn Gaius von Titus 15000 HS. zu 
fordern und an diesen selbst 10 000 HS. zu zahlen hatte, so hob Titus seine ratio bei 
Gaius dadurch auf, daß er diesem, nachdem sich seine Forderung von 10 000 genau 
gegen einen gleichen Betrag seiner im Hausbuch des Gaius gebuchten Schuld von 
15000 von selbst ausglich, das verbleibende reliquum mit 5000 HS. heimzahlte. 
Diese reliqua auf die tabula e.vpensi des Titus im codex rationum des Gaius gebracht, 
bewirkten Ausgleich der ratio Titus. Dieser Vorgang entspricht aber nicht einer 
»Umschreibung«, sondern es handelt sich dabei vielmehr nur um eine einfache Aus- 
gleichungsbuchung. Eine Umschreibung lag nur da vor, wo z. B. ein argentarius in 
seinem codex rationum für zwei Bankkunden Konti führte und im Auftrage des 
einen Kontoinhabers eine Zahlung einem andern Kontoinhaber zu leisten hatte. In 
diesem Falle mußte allerdings die Belastung auf der ratio des Auftraggebers und die 
Gutschrift in der ratio des Gläubigers durch Umbuchung vollzogen werden. Daß 
Dernberg aber diesen Fall nicht im Auge hatte, geht aus S. 19 u. f. seines 
Werkes hervor. 

2) Dernbergs Kompensation S. 27. Es war sprichwörtlich, daß man einem 
Wechsler nicht gut trauen könne. Plautus spielt darauf des öftern an, z. B. bei 
Curculio act. 5, sc. 3, i, argentariis male credi, qui ajunt. Dernberg ibid. 

3) Cfr. Sueton, Octavius c. 2. et c. 4. 



Die Beweiskraft der Argenterienbücher 



237 



gesetze teils durch eigene leges, teils durch magistrath'che An- 
ordnungen^) erließ. Zu diesen Maßregeln gehört u. a. auch das 
prätorische Edikt, wonach die Wechsler ihre Bücher den 
Geschäftsfreunden soweit mitteilen mußten, als diese damit 
Beweise erbringen wollten, die auf ihre Geschäftsverhältnisse 
Bezug hatten. Es paßte daher auch vollständig in das System der 
Sache, wenn die Argentarier in bezug auf das Einklagen ihrer 
Forderungen unter ein Sonderrecht gestellt wurden, und daß 
man sie zwang, Gegenforderungen des Geschäftsfreundes abzu- 
ziehen. Gelangte die Kompensation zur Annahme, so wurden 
die Gegenforderungen nicht erst vom Augenblick des richter- 
lichen Urteils an als getilgt betrachtet, sondern es wurde viel- 
mehr rückwärts derjenige Zeitpunkt zugrunde gelegt, in welchem 
die Gegenforderungen sich kompensabel (abzugsfähig) gegenüber- 
traten.2) 

Wie das römische Recht Mittel besaß, um eine Willens- 
erklärung recht wirksam zu gestalten, so verstand es auch, den 
technischen Ausdruck, unter dem ein schriftlicher Bucheintrag 
im codex accepti et expensi erschien, unter gewisse juristische 
Stichworte zu bringen. Die hierdurch erzielte juristische Bedeu- 
tung der Buchung hatte zwar nicht die Wirkung, daß damit der 
Beweis der Wahrheit oder Richtigkeit des Eintrags erzielt 
wurde, denn diese Feststellung hatte stets nach den Regeln des 
prozessualischen Beweises zu geschehen. Aber die Aufnahme 
der buchhalterischen Terminologie in den römischen Rechts- 
begriff verlieh dem Bucheintrag — je nach Umständen — eine 
klageerzeugende oder klageaufhebende Wirkung.3) 

Bei der receptio argentarii oder dem Geldempfang wurde 
dem Buchungsakte die solenne Form dadurch gewahrt, daß der 
relatum-Eintrag in Gegenwart des Zahlers geschah, der sich 
hierbei überzeugen konnte, ob die Buchung wirklich legal 
erfolgt sei. Die Beifügung einer condicio zu dem juristisch rele- 
vanten Eintrag in dem Kodex war unstatthaft und entzog dem 
Eintrag die Rechtswirksamkeit.4) 



1) Ulpianus fr. i. §. 9. D. de off. praef. urbi, Dernberg, 

2) Dernberg, S. 23 ff. 

3) Voigt, in den Abhandlungen. 

4) Voigt, Über die Bankiers etc. in den Abhandlungen. S. 565 ff. 




i'i! 



I 



238 



Zweiter Teil 



Da die Einnahmebuchung im codex accepti et expensi stets 
in Gegenwart der Parteien vollzogen wurde, so stellte der Ein- 
trag regelmäßig den Vollzug eines Litteralkontraktes dar. Durch 
ihn vollzog sich, wie die Verbalobligation durch die Stipulations- 
formel, der Vertragsvville der Kontrahenten zu einer Obligation. 
Die argentarii taten mithin gewissermaßen notarielle Dienste, 
weshalb der praefectus urbi über ihre Verrichtungen eine 
gewisse Kontrolle ausübte. Ob dadurch der argentarius zu 
einer öffentlichen Amtsperson wurde, ist für das Beweisrecht 
des römischen Prozesses, welches den technischen Unterschied 
von öffentlichen und Privaturkunden im heutigen Sinne gar 
nicht besaß, völlig gleichgiltig.^) Da aber jede Skriptur den 
Körper des Vertragsaktes selbst enthielt, so leistete sie infolge 
ihrer urkundlichen Form die Dienste eines Beweismittels. Trotz- 
dem hatte der römische Richter, und zwar sowohl der magi- 
stratus der späteren, wie der judex der früheren Zeit, keine feste 
Beweisregel, sondern gründete sein Urteil auf das freie Ermessen. 
Man berücksichtigte schon damals wie heute, wie Mittermaier 
sagt, den Zusammenhang getreuer Buchführung mit der kauf- 
männischen Ehre. 

Damit war festgestellt, daß die rationes für den Buch- 
führenden beweisen konnten, aber nicht beweisen mußten, so 
daß dieselben vor andern Urkunden nichts voraus hatten. Die 
Pünktlichkeit und Ordnung der Geschäftsführung, die ordnungs- 
mäßige Einrichtung der Bücher und das Zutrauen, welches der 
Geschäftsherr (homo fide dignus) genoß, spielten überall, wo es 
auf die konkrete Bedeutung der inneren Gründe ankam, die 
gebührende Rolle. Das war römische Auffassung. Erst die 
Glossatoren und die kanonistischen Prozeßlehrer verwarfen die 
lebendige Auffassung der Tatfrage im römischen Recht und 
setzten, an dem Wortlaut des Gesetzes klebend, die in dem 
justinianischen Gesetzbuch gesammelten Fingerzeige und Erfah- 
rungssätze, welche insgesamt nach der Erkenntnis ihrer konkreten 
Anwendbarkeit zu beurteilen waren, dem hadrianischen Reskript 
in L. 3 de test. zuwider, als unbedingte Regeln fest.^) Aus der 



1) Dr. L. Goldschmidt, Zeitschrift für das gesamte Handelsrecht. II. Bd. 
Erlangen 1859. 

2) Vgl. Goldschmidis Zeitsch. f. Handelsrecht. 



Die Beweiskraft der Argentarienbücher 



239 



notariellen Wahrheit wurde eine juristiche Wahrheit, aus der 
freien Beweiswürdigung ein festes Schema.^) 

Da der codex accepti et expensi als scriptura quam tibi et 
alii facis angesehen wurde und infolgedessen die Eigenschaft 
einer besonderen sozusagen gemeinschaftlichen Privaturkunde 
besaß, so konnte er unter Umständen, besonders wenn der 
Gesichtspunkt einer obligierenden confessio geltend zu machen 
war, auch gegen den Geschäftsherrn (contra scribentem) voll 
beweisen. Sonst war die gewöhnliche Privaturkunde in der 
Regel unbeweisend. Nur wenn sie durch zwei oder drei Zeugen 
glaubhaft gemacht war, wurde ihr Beweiskraft zugemessen.^) 

Daß die Handelsbücher der römischen Bankiers ganz allge- 
mein in Privatprozessen Beweiskraft hatten und als Beweismittel 
dienten, geht aus dem Zeugnis des Gallius hervor. Sodann auch 
aus der Rede des Cicero pro Caecina (cap. 6. § 16 seq.). Es 
handelte sich hierbei um ein dem Fulcinius eigentümlich zuge- 
höriges Grundstück, das in der auctio unter Leitung eines 
Argentar verkauft worden war. Von diesem Grundstück 
sagt Cicero, daß es damals von dem Äbutius, dem Prozeßgegner 
des Cäcina, für eine gewisse Cäcennia gekauft worden sei, 
während Äbutius behauptete, daß er es nicht für diese, sondern 
vielmehr für sich selbst gekauft habe. Zum Beweis dieser 
Behauptung bezog sich Äbutius auf die Tatsache, daß der frag- 
liche Kaufpreis, den er dem Argentar versprochen habe, auf dessen 
Rechnung nicht der Cäsennia, sondern vielmehr ihm, dem Äbutius, 
in Ausgabe und Einnahme gestellt worden war.3) Man sieht, 
der Prozeßgegner beruft sich auf die tabulae des Argentars insofern, 
als er Dritten gegenüber, nicht aber für den Argentar daraus den 
Beweis einer Tatsache herzustellen gedenkt. Sonach vertraten 
diese tabulae ganz die Stelle des mündlichen Zeugnisses, das der 
Argentar in der Sache ablegen konnte, weil er im vorliegen- 

1) Bekanntlich fand das Beweisrecht der Kanonisten auch bei Einführung der 
fremden Rechte in Deutschland mit Eingang. 

2) Nach Endemann (die Beweiskraft des Handelsbuchs) machten die Bücher 
der campsores, sofern persona und munus öffentlich approbiert wurden, vollkommenen 
Beweis, wogegen die Bücher derjenigen Bankiers und Argentarier, quorum officium 
non est de public© approbatum, gar nichts bewiesen. L. 10 p. § 3 de edend. 2, 13 
Endemann, in Goldschmidts Zeitschrift f. Handelsrecht, Erlangen 1859. 

3) Cap. 6. § 16. 17. 



t 




240 



Zweiter Teil 



den Falle nicht Prozeßpartei war, und auch sonst weder Vorteil 
noch Nachteil aus der Entscheidung des Streites zu erwarten 
hatte. Daß darum die tabulae für den Argentar selbst, 
sofern dieser Prozeßpartei war, ein vollgültiges Beweismittel 
abgegeben hätte, soll damit nicht gesagt sein. 

Hiernach kann es keinem Zweifel unterliegen, daß zur 
klassischen Zeit die Handelsbücher der öffentlichen (argentarii) 
wie Priv^atbankiers (nummularii) für Geschäfte, die durch ihre 
Hand gegangen, ein treffendes Beweismittel abgegeben haben, 
wenn es sich um einen Prozeß handelte, in welchem sie nicht 
Prozeßpartei bildeten. Hingegen ist nirgends zu finden, daß die 
argentarii und nummularii in eigenen Prozessen ihre Handels- 
bücher für sich, d. h. zu ihren Gunsten, anziehen konnten. Dem- 
gemäß war auch die Editionspflicht davon abhängig, ob das zu 
edierende Buch zugunsten Dritter oder aber zum eigenen Nach- 
teil sprechen sollte. Dagegen meint Bartolus (ad h. i.), der- 
gleichen Bücher konnten wegen der Gemeinschaftlichkeit ihrer 
Urkundenqualität wenigstens dann von dem Argentar für 
sich angezogen werden, wenn der Prozeßgegner sich gleichfalls 
ihrer als Beweismittel bedient hat. Daraus würde sich ergeben, 
daß die Bankbücher nach dem Inhalte der römischen Rechtsquellen 
rücksichtlich ihrer Beweiskraft vor anderen Urkunden, welche 
auch nur gegen, nicht aber für den Aussteller zu beweisen ver- 
mochten, nichts voraus hatten. 

Somit findet sich die da und dort vertretene Ansicht,^) daß 
die Rechnungsbücher der Argentarier, weil die darin gebuchten 
Geschäfte im Interesse des Publikums geschahen und dieselben im 
Dienste des gesamten Volkes standen, besondern Glauben verdient 
hätten, im klassischen Pandektenrecht nicht bestätigt. Auch 
bei Gaius^) ist nichts zu finden, was auf eine Zuverlässigkeit der 
Bankbücher von Staats wegen schließen läßt, und wenn dennoch 
eine solche Zuverlässigkeit aus den Quellen herauszuinterpretieren 
versucht wurde, so weist Heimbach die Grundlosigkeit einer 
solchen Interpretation in seiner Lehre vom creditum schlagend nach. 

Nur die receptio argentarii, die die Wirkung einer Litteral- 
obligation hatte, war mit besonderer Klage, der recepticia actio, 



») Salmasius de foenore trapezit. p. 14 sex. und Kraut 1. c. p. 67. 
2) Salmatius i. c. 



Die Beweiskraft der Argentarienbücher 



241 



bewehrt, weil sie auch auf nicht fungible Objekte sich richten 
konnte.^) 

Als in Rom die dem griechischen Leben entnommene 
Gepflogenheit sich verallgemeinerte, die Verträge in dokumen- 
taler Form zu fassen, um sich damit ein wirksameres prozes- 
sualisches Beweismittel zu sichern, als es der Kodex zu bieten 
vermochte, da verlor sich allmählich die rechtliche Bedeutung der 
expensilatio und damit auch diejenige des codex accepti et 
expensi des Paterfamilias. Dagegen behauptete sich im Kreise 
der argentarii die expensilatio und blieb als ein jus speciale in 
Anwendung.2) Und als in der nachdiocletianischen Zeit im 
Occident des Reichs im gemeinen bürgerlichen Leben der 
codex accepti et expensi ganz aufgegeben ward, 3) wurde der- 
selbe von den Argentariern beibehalten und zu den hergebrachten 
Geschäften der expensilatio, transcriptio, recceptio wie accepti- 
latio nach wie vor verwendet.4) 

Im orientalischen Reiche aber, wo der Kodex im helle- 
nischen Leben niemals sich einzubürgern vermochte, ward die 
expensilatio wie acceptilatio durch die Stipulation und die 
receptio argentarii durch das constitutum debiti alieni ersetzt.5) 
So ist selbst im Kreise der argentarii der codex accepti et 
expensi der justinianischen Zeit nicht überiiefert worden. Die 
receptio argentarii wurde mit dem constitutum debiti aheni ver- 
schmolzen, womit die alte Litteralobligation als ein unter- 
gegangenes Rechtsgebilde nur noch der Geschichte angehört.^) 



1) Justin, im cod. IV. 18. 2 pr. Die receptio argentarii war unabhängig von 
Dasein wie Beschaffenheit der unterliegenden causa, in welchem Punkte sie auf dem 
Boden des vigor juris stand. Voigt, Jus. nat. III. 524. 

2) Paul, 13, ad Ed. (D. W. 8. 34. p.), duobus argentariis, quomm nomina 
simul eunt. Voigt, S. 576. 

3) Bezeugt (nach Voigt, S. 576) durch Pseudo-Asc. in Cic. Verr., p. 175 in 
§ 2 A. 18, das selbst in die Zeit v. 4. Jahrh. n. Chr. fällt. Teuffei, Gesch. d. 
röm. Literatur 4. § 295. 3. 

4) Voigt, S. 576. 

5) Dig. XLVI. 2. C. Just. VIII. 41. Dig. XIII. 5. Dann Justin, in cod. 
IV. 18. 2 pr. bei Voigt, S. 577. 

6) Voigt ibid. 

B e i g e 1 , Rechnungswesen. 16 



242 



Zweiter Teil 



\ i 



Die Hausbücher. 

I. Die Buchhaltung des Paterfamilias. 

Allgemeines. 

Genau wie der Hohepriester in den großen Annalen des 
Tempels alle religiösen Begebenheiten von Belang, und 
der Magistrat in seinen Akten alle besonders wichtigen Tat- 
sachen des politischen Lebens zu verzeichnen pflegte, so war es 
ein durch Sitte und Gesetz geheiligter Brauch, daß der Pater- 
familias oder Hausvater seine Ehre darein setzte, in ein Journal- 
register, genannt adversaria, alle Einnahmen und Ausgaben 
seines Hausstandes aufzuschreiben. Von hier aus übertrug er, 
falls der Betrieb dies erheischte, die Begebenheiten auf seinen 
mit größter Sorgfalt geführten codex accepti et expensi. Es 
steht aber auch weiter fest, daß die in Gegenwart und mit Zu- 
stimnumg der Gegenpartei^) gemachten Einträge den Wert einer 
zivilen Litteralobligation erhielten. Dieses System, welches sich 
bis zur Zeit Justinians fortpflanzte, wurde noch weiter von den 
römischen Bankiers (argentarii) ausgebildet.^) Sämtliche im 
Hausstand tatsächlich geführten Bücher nannte man Hausstands- 
bücher, rationes domesticae. Nur Sklaven und Filiifamilias, die 
kein eigenes Vermögen besaßen, führten keine solchen rationes. 
Jedenfalls ist der Fall, daß jemand anfangs die tabulae wohl 
führte, nachher aber sie zu führen aufgehört hat, nur höchst 
selten oder gar nicht vorgekommen. 3) 

Über die Art, wie die Hausstandsbücher geführt wurden, 
sind die Ansichten 4) geteilt. Einige Schriftsteller halten die 
Hausbücher der Römer für Kassabücher, andere wieder für 
Kontokorrentbücher. Beide Ansichten können falsch, beide 
richtig sein. Man muß nämlich, was sämtliche Schriftsteller, die 



Die Buchführung des paterfamilias 



1) G. Humbert, Essai etc. S. 11. 

2) Ortolan, Explication des instituts de Justinian ii. Edit., Paris 1880. III 
No. 14 14 et suiv. Damangeat, cours elementaire du droit romain II p. 325, 3 edit. 
Paris 1876; Marquardt, Admin. rom. II, S. 66, Note 9, 2. Aufl. 1884. 

3) Cicero rechnet es dem Verres zu einer lächerlichen und ungereimten Sünde 
an, daß er sich in einem solchen Falle zu befinden behauptete. Cic. 1. c. Hoc vero 
novum et ridiculum est. etc. 

4) V. Savigny. Verm. Schriften, Bd. I. S. 211 ff. Cic. pro Coel. c. 7. Almen- 
dingen, C. Grolmann, Mag. f. Philos. u. Gesch. des Rechts. Bd. II, S. 178. Keller, 
Institutionen u. Antiquitäten d. r. R., S. 98. 103. Besonders Seils Jahrb., S. 94. 



243 



über diesen Gegenstand schrieben, zu tun unterließen, zwischen 
einem Paterfamilias, der den Kodex lediglich zum Ausweis seiner 
eigenen Einnahmen und Ausgaben, also rein für den Hausstand, 
sozusagen als Haushaltungsbuch, führte, und einem Paterfamilias,' 
der Kaufmann war, Handel trieb und in Verkehr zu andern 
Kaufleuten stand, scharf unterscheiden. Dem Erstem genügte 
es vollständig, den Kodex als Kassabuch zu führen, i) der 
Letztere mußte darüber hinausgehen. Er hatte neben dem 
Kassenkodex noch einen codex rationum mit tabulae für die mit 
ihm in Verkehr stehenden Personen zu führen. Denn daß der 
gewöhnliche Paterfamilias auch den codex rationum geführt 
haben soll, dürfte ganz ausgeschlossen sein, schon weil die 
Führung eines solchen Kontokorrentbuches weder dem Bedürfnis 
noch den Fähigkeiten des einfachen Bürgers entsprochen hätte. 
Außerdem ist sowohl das Institut selbst als sein Name rein aus 
dem gemeinen Leben her\^orgegangen, so daß der codex accepti 
et expensi unzweifelhaft auch für den römischen Nichtkaufmann 
nichts weiter als das römische Kassabuch gewesen ist.^) In 
diesem Buche lag wohl der Schwerpunkt der Hausstandsbuch- 
haJtung. In der Literatur begegnet man bezüglich dieses 
Hausstandsbuches Widersprüchen, ohne eine Lösung derselben 



^) Habeo et istius et patris eins accepti tabulas omnes. Cic. in Verrem. lib. 
I. 23. --- tabulae servantur sancte -- Cic. pro Rose. Com 7. Quid est, - heißt 
es in M. TuUii Ciceronis pro Q. Roscio comoedo oratio - quod negligenter scriba- 
mus adversaria? quid est, quod diligenter conficiamus tabulas? qua de causa? quia 
haec sunt menstrua, illae sunt aeternae; haec delentur statim, iUae servantur sancte; 
haec parvi temporis memoriam, illae perpetuae existimationis fidem et religionem 
amplectuntur; hae sunt deiecta, illae in ordinem confectae. 

2) Vgl. auch bei Rein, S. 262, Note i. Hingegen begreifen wir nicht das 
Bedenken Reins, daß bei Zulassung des codex accepti et expensi als Kassabuch in 
der Bilanz ein Fehler eintreten müsse, weil in dieser dann bezüglich der nomina 
transcriptitia der Gläubiger ein Guthaben erhalte, was nicht in Geld bezahlt sei. Wir 
vermögen nicht einzusehen, was der vermeintliche Fehler mit der Zulassung des 
Kodex als Kassabuch zu tun haben soll. Wenn der Gläubiger für eine bestimmte 
Summe, die der Paterfamilias ihm aus einem Guthaben bei einem Argentar oder 
einer Drittperson überwies, zu belasten war, so kam bei dieser Umschreibung der 
Kassenkodex überhaupt nicht in Betracht, sondern der Kontokorrentkodex. Dann 
handelte es sich aber nicht mehr um einen gewöhnlichen Paterfamilias, sondern um 
emen Kapitalisten oder einen Kaufmann, der seine Bankverbindung hatte und seinen 
codex rationum führte. 

16* 



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244 



Zweiter Teil 



Die Buchführung des paterfamilias 



245 



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ZU finden. Bald wird vom Kodex und den tabulae^) als wie 
von ein und derselben Sache gesprochen, bald wieder werden 
diese beiden Begriffe als verschiedene Dinge behandelt. 

Hartnäckig wird auch die Ansicht vertreten, 2) als ob der 
codex accepti et expensi ein Buch gewesen sei, in das alles, 
was die Vermögensverwaltung betraf, und zwar sowohl die Ein- 
nahmen und Ausgaben, wie die geschlossenen Verträge, in 
chronologischer Folge niedergeschrieben worden sei. Die nächst- 
liegende Einwendung, daß bei einer solchen Buchführung weder 
eine Übersicht noch ein Abschluß möglich wäre, versucht 
Schüler dadurch zu beseitigen, daß er ein Schema aufstellt, wie 
möglicherweise das chronologische mit dem tabularischen ver- 
bunden und Einnahme und Ausgabe gehörig getrennt hätte 
werden können. Außerdem habe das dispungere, d. h. das Zu- 
sammenstellen der einzelnen Posten, die sich auf einen bestimmten 
Schuldner bezogen, das Zeichen einer Bilanz (pariatio) möglich 
gemach t.3) Wie und wo in einem solchermaßen geführten 
Buche eine Bilanz hätte gezogen werden sollen, wird nicht 
gesagt. Es ist in der Tat nicht recht denkbar, wie ein Buch 
gleichzeitig buchhalterischen und Korrespondenzzwecken dienen 
kann. Wie hätte man in einem solchen Buche zusammen- 
hängend buchen, wie mit späteren Ereignissen auf die damit 
zusammenhängenden früheren Ereignisse im Konto zurückkommen 
können. Und nun soll auch noch gar zu diesem Doppelgesicht 
von Buch die Bilanz hinzugekommen sein. Ein Verfahren, wie 
das gekennzeichnete, wäre ein Chaos, aber keine Buchhaitun g.4) 

Die Hausstandsbücher wurden bald vom Paterfamilias selbst, 
bald von Sklaven oder Freigelassenen geführt, je nachdem ein Haus- 
stand oder Gewerbe umfangreich oder minder umfangreich war.5) 



1) Cic. in Verr. i. 23; de orat. 11.: 23. 97; p. Q. Ro. 2. 3; p. Cael. 7. 17. 
(tabulas, qui in patris potestate est, nullas conficit). Vgl. auch in Lael. i6. 5; Plin. 
H. N. IL 5. 

2) So Schüler, a. a. O. S. 3 ff.. 

3) Vgl. Danz., S. 46. D. de V. S. (L. 16). 

4) Gegen seine Ansicht auch v. Savigny, venu. Schriften, Bd. I, S. 243 f. 
Heimbach, S. 358, Keller, S. 103. 

5) Plinius sagt in ep. 4 lib. II quidquid mihi pater tuus debuit, acceptum tibi 
fieri jubebo. Das »jubeo« zeigt, daß ein Buchhalter da sein mußte, an welchen der 
gedachte Befehl zur Vornahme der Buchung erging, cf. Cic. in Verr. IL 77, 
V. Schüler, S. 34. 



Wer sie überhaupt nicht führte, wurde wahrscheinlich 
incensus, d. h. er konnte keine Ämter bekleiden und hatte wahr- 
scheinlich in den Volksverhandlungen kein Stimmrecht. Ob er 
nicht zur Buchführung gezwungen werden durfte und welches 
Verfahren eingeschlagen wurde, um sonst sein Vermögen zu 
ermitteln, damit er zur Steuer herangezogen werden konnte, 
läßt sich aus den Quellen nicht entnehmen. 

In der Blütezeit des Hausbuchwesens verband man') bei 
den Stipulationsschulden, welche vom Gläubiger als expensa 
gebucht waren, mit dem verbalen Erlaß das acceptum referre 
(später ferre) im Hausbuch; der Gläubiger fügte seiner Antwort: 
(acceptum) habeo ein acceptumque rettuli (tuli) hinzu. Somit 
konnte, wie heute auch, ein Darlehn oder eine Stipulation, die 
als expensum gebucht war, nur durch Buchung des entsprechen- 
den acceptum beseitigt werden. Selbstverständlich brauchte 
dieses acceptum nicht gleich in Barzahlung zu bestehen. Es 
konnte gerade so gut der Ausgleich auch in anderer Form, 
durch Gegenleistung anderer Art (in Gegenrechnung) geschehen. 

Es ist daher unbegreiflich, weshalb die systematisierenden 
Juristen bei dieser einfachen Sachlage nach substantivischen 
Begriffen suchen, 2) wobei nicht bloß eine ganze Reihe bald sich 
widersprechender, bald mehr oder weniger gelehrter Deduktionen 
herauskommt, sondern auch die buchhalterische Seite der Sache 
verwirrt wird. Gerade diese Seite wird, wie von den klassi- 
schen so auch von den neuern Juristen, bei ihren Untersuch- 
ungen falsch verstanden oder ganz außer acht gelassen. Allen 
geht, wohl aus Mangel an Buchführungskenntnissen, die juristische 
Formel über alles, während doch bei Beurteilung der Fragen über 
die Bildung von nomina, über tabulae novae, über accepta und 
data ratio, reliquum, über die mit der acceptilatio und expensilatio 
zusammenhängenden Buchungen und Gegenbuchungen usw., 
die eingehenden Kenntnisse über das Wesen und die Technik 
der Buchhaltung eine sehr wichtige Rolle spielen. 



1) Voigt, Inst, naturale II, S. 244 ff. und Danz, Gesch. d. R. R. II, S. 58. 

2) So: ob ein Akt dem Zivilrecht oder einem andern Recht angehört, oder ob 
die acceptilatio auf die Verbalsolution anzuwenden ist, oder ob Caius, Pomponius, 
Ulpian oder Julian pecuniam acceptam oder habitam gesagt haben u. dgl. m. 






246 



Zweitei Teil 



Die Beweiskraft der Hausbücher im Privat- und Kriminalprozeß 247 



11 



Die Beweiskraft der Hausbücher im Privat- und 

Kriminalprozeß. 

Der zu Justinians Zeiten vielleicht schon lange zu einer 
Antiquität herabgesunkene contractus nominum^) oder die obli- 
gatio litterarum hing, wie es scheint, mit den rationes domes- 
ticae eng zusammen. Den Vorschuß, welchen man seinem Mit- 
bürger geleistet hatte oder den dieser als empfangen anerkannte, 
zeichnete man in seine tabulae auf den Namen des Schuldners 
als ein expensum (Ausgabe) ein. Der Schuldner erkannte ihn 
dagegen in seinen tabulae auf den Namen des Gläubigers als 
ein acceptum (Einnahme) an.^) Indem ein Teil in seiner auf 
Pflicht und Gewissen geführten häuslichen Rechnung 
den andern schriftlich als Schuldner erkannte, und der 
andere gleichzeitig in seiner ebenso pflichtmäßig geführ- 
ten häuslichen Rechnung sich schriftlich zum Schuldner 
bekannte, war der Kontrakt geschlossen. 

Das Beweisrecht des römischen Prozesses kannte den tech- 
nischen Unterschied von öffentlichen und Privaturkunden 
im heutigen Sinne nicht. Der Richter, sowohl der magistratus 
der späteren, wie der judex der früheren Zeit, war lediglich auf 
seine freie Überzeugung verwiesen, mithin konnte auch keine 
Vorschrift demselben zwangsweise sagen, ob und wie viel die 
Urkunden für oder gegen den Aussteller beweisen. Die Beweis- 
kraft hatte daher auch keinen andern Maßstab, als den des ver- 
ständigen Ermessens. Lag das Buch zum Beweis vor, so war 
es Sache des Richters, nach natürlicher Logik zu prüfen, wie weit 
er demselben Glauben schenken könne.3) Daß keine Schrift, 
welche der Aussteller sibi scripsit, überhaupt keine Urkunde pro 
scribente beweise, stand auch bei den Hausstandsbüchern des 
gewöhnlichen d. h. nicht kaufmännischen Paterfamilias als Regel 
fest. Zuverlässige Rechts Wirkung, nämlich die Begründung einer 
den Gegner zum Beweise des Gegenteils nötigenden Rechtsver- 



») Inst. III. 22. 

2) Schüler (Litt.-Obl.) vertritt die Ansicht, daß die Parteien wechselseitig und 
eigenhändig sich in dem Kodex belasteten und erkannten, während Almendingen, dem 
Wunderlich gefolgt ist, glaubt, daß es genügt habe, wenn jeder Kontrahent einseitig 
und ohne Zuziehung des andern die Eintragung in seinen Kodex vorgenommen habe, 
so daß die obligatio perfekt war, sobald beide Codices miteinander übereinstimmten, 

3) Goldschmidts Zeitschrift für das ges. Handelsrecht, II. Bd., S. 332. 



mutung kam hauptsächlich nur der notariellen Urkunde zu. Die 
strenge Befolgung dieser Grundsätze mußte für den Handels- 
verkehr und seinen Rechtsschutz alsbald unerträglich erscheinen. 
Sobald daher das Handelswesen über die ersten 
Anfänge des Eigenhandels unter Anwesenden hinaus war und 
sobald die täglichen Geschäfte immer mehr an Zahl zunahmen, 
war es unmöglich über jeden Akt eine notarielle Urkunde auf- 
nehmen zu lassen.i) Der Handel brauchte eine leichtere Form 
der Beurkundung. Diese Form entstand in der epistola. 
Während sonst nur die mit drei Zeugen versehene Privatskriptur 
beweisfähig war, erschien die epistola, namentlich in Verbindung 
mit dem Siegel, voll beweisend, als eine Konzession an solche 
Personen, die sich nicht wohl den Förmlichkeiten der notariellen 
Errichtung, der jurisdictio notarii, unterwerfen konnten.^) Diesen 
Beweismitteln kamen die litterae mercatorum nur einigermaßen 
gleich. Nur die Bücher der bancherii und campsores sollten, 
sofern diese öffentlich approbiert waren, vollkommenen Beweis 
machen, wogegen die Bücher derjenigen Bankiers und Argen- 
tarien, quorum officium non est de publico approbatum, gar 
nichts bewiesen.3) 

Immerhin sicherten die tabulae den Beweis aller recht- 
lichen Verhältnisse und Verhandlungen. Nur dem filius familias 
konnte, selbst wenn er ein peculium (ein in Händen zur Ver- 
waltung habendes, aber dem Vater gehöriges Vermögen) hatte 
und tabulae führte, bezüglich dieser letzteren kein Glauben bei- 
gemessen werden.4) 

Dem römischen Richter galt die Ordnungsmäßigkeit der 
Bücher mehr als der Eid. So z. B. beruhte die Beweiskraft der 
expensilatio nicht auf einer eidlichen Bekräftigung, sondern auf 
der Gewohnheit und dem Ansehen, welches die ordentliche 
Buchführung eines rechtschaffenen Mannes in den Augen des 
Richters verdiente. Weil die expensilatio nicht galt, wenn 
die zugrunde liegende causa nicht wahr war, so kam es auch 
noch auf diese an. Da die Beweiskraft der Bücher durchaus 
von der Glaubwürdigkeit des Klägers abhing, so mußten 

1) Goldschmidts Zeitschr. f. d. ges. Handelsrecht. Bd. II, S. 335 ff. 

2) Mascard concl. 626. Summus pontifex, rex, princeps, episcopus usw. 

3) Mascard concl. 975, § 5; 976 § i und die dort zitierten Schriftsteller. 

4) Cic. pro M. Coelio, 7. 



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248 



Zweiter Teil 



mit den allgemein sinkenden Sitten auch die Codices accepti 
et expensi ihre frühere Bedeutung verlieren und endlich ganz 
abkommen. 

Wie der römische Kaufmann, so ließ auch ganz allgemein 
der Paterfamilias gewisse facta mit vermögensrechtlichem Unter- 
grunde, da sein eigener Kodex für ihn nicht beweisen durfte, 
in den tabulae anderer eintragen. Professor Dr. Huschke in 
Breslau^) erklärt diese Buchung eigener Verhältnisse in fremde 
Bücher auf folgende Weise: Wer z. B. Kaufgeld zu fordern 
hatte, trug die Forderung nicht gleich in seinen codex ein, 
sondern er zog einen Dritten hinzu, dem er den Käufer dele- 
gierte, welcher Dritte nun in seinen codex das nomen a persona 
in personam transcribebat, zugleich aber auch paria faciebat, 
d. h. die Forderung dem Verkäufer zurückdelegierte und sie in 
seinem Kodex als bezahlt vermerkte. Nun erst trug sie der 
Verkäufer in seinen Kodex ein. Diese Buchungsmethode scheint 
eine etwas sehr künstliche oder besser erkünstelte zu sein, zu 
erkünstelt, als daß der römische Richter nicht den Sachverhalt 
hätte durchschauen und erkennen sollen, daß es sich hierbei 
lediglich um willkürlich dazwischen geschobene Buchungen, 
also um eine Fiktion, handelte. Wollte der Verkäufer sich 
den Beweiswert des in seinen Büchern gebuchten nomen sichern, 
so brauchte er nur zu stipulieren, daß eine wechselseitige Aus- 
führung der Buchungen über Geldempfang (beim Verkäufer) und 
Geldzahlung (beim Käufer) stattzufinden hat, wo dann beide 
nomina zusammengehalten die litterarum obligatio darstellen 
konnten. Wurde das Kaufgeld gestundet, so hatten die gegen- 
seitigen Buchungen das creditum sinngemäß auf den tabulae des 
codex nitionum auszuweisen. 

Auch Heimbach 2) versucht zu erklären, wie man darauf 
gekommen ist, das nomen facere in fremden Büchern vorzu- 
nehmen, und zwar tut er dies mit dem Zeugnisse des Gaius, 
nach welchem das Wesen der Sache darin bestand, daß, wenn 
z. B. A eine Schuld an B tilgen wollte, er ihm den C zur 
litterarum obligatio delegierte. Hierdurch wird nun die Schuld 
zwischen A und B getilgt und C wird Schuldner des B für die 

^) Recensionen, S. 481 ff, 

2) Die Lehre von dem Creditum von Heimbach, Prof, der Rechte an der 
Universität Leipzig. 



Die Beweiskraft d er Hausbücher im Privat- und Kriminalprozeß 249 

betreffende Summe. Hier wird, so heißt es in der Erklärung 
weiter, die Sache in der Lehre von der Solution so behandeh, 
als ob A das Geld von C empfangen, dieser es dem B gegeben, 
und dieser B es dem C wiederum kreditiert hätte. Auf diese 
Weise entstand die Gelegenheit, der zwischen B und C ein- 
gegangenen litterarum obligatio in den Tafeln des A Erwähnung 
zu tun. Und das soll der ganze Zw^eck dieser, man möchte sagen, 
bei den Haaren herbeigezogenen Buchungsmanipulation gewesen 
sein! Konnte nicht B, wenn dieser doch einmal die Zahlung 
des A ableugnen wollte, sich darauf berufen, daß die ganze 
Delegation mit C nichts als ein zwischen A und C abgekartetes 
Scheinmanöver gewesen sei? Wäre es nicht viel einfacher 
und beweiskräftiger gewesen, wenn, wie oben ausgeführt, A den 
B bei Zahlung veranlaßt hätte, ein diesbezügliches nomen als 
Einnahmebuchung in seinem Hausbuch zu vollziehen? Und was 
hindert anzunehmen, daß das facere nomina in den Büchern ver- 
schiedener Personen in der Weise zu verstehen ist, daß der 
Schuldner dem Gläubiger die Schuldsumme durch einen Dritten 
(Geschäftsfreund oder Argentarius) überweisen ließ, um außer 
den beiden Hauptparteien einen unparteischen Dritten zu haben, 
der die Buchung in seinem Kodex ausführen mußte, und der nun 
mit dem seinerseits vollzogenen nomen den Beweis der betätig- 
ten Zahlung mit erbringen helfen konnte? Wenigstens hätten 
wir in diesem Verlauf der Sache eine gesunde Logik, einen realen 
Geschäftsvorgang und kein Scheingeschäft, und noch dazu ein 
recht plumpes, sich selbst verratendes, vor uns, als welches sich der 
Fall mit der Delegation darstellt,») bei der der Delegierte das Geld 
dem Schuldner gibt, um sich dafür vom Gläubiger wieder 
kreditieren zu lassen, wobei die Frage ungelöst bleibt, wie dieser 
Gläubiger sich zweimal, und zwar: einmal mit dem mit fremdem 
Gelde zahlenden Schuldner und sodann mit dem, der ihm zur 
litterarum obligatio delegiert ist, verrechnen soll. 

Daß unter Umständen auch mit den römischen Strazzen oder 
den adversaria der Beweis der nomina facta erbracht w^erden konnte, 
geht daraus hervor, daß Cicero in seiner Rede für den Schauspieler 
Roscius, als Fannius sich zum Beweis der litterarum obligatio 
nicht auf seine Hausbücher, sondern auf seine monatlichen 



I) Vgl. Heimbach Die Lehre vom Creditum, 



I 



aiBian^mua 



250 



Zweiter Teil 



-il! 



Strazzen berufen wollte, diese Berufung nicht deswegen, weil es 
Strazzen waren, sondern nur deshalb , weil diese Strazzen un- 
ordentlich geführt waren, zurückwies.^) 

Über die Art und Weise, wie die Hausbücher bei dem 
römischen Beweisverfahren zum Zwecke des Beweises gebraucht 
wurden, sind die Ansichten sehr verschieden. 

Im allgemeinen hat sich unter den neuern Juristen die 
Ansicht geltend gemacht, daß die Beweiskraft der Hausbücher 
lediglich beruhte auf der Gewohnheit und dem Ansehen, welches 
die Buchführung eines ordentlichen Mannes in den Augen des 
Richters verdient hatte. Diese Ansicht scheint zutreffend zu 
sein; wenigstens wird dieselbe aus der Rede Ciceros pro Roscio 
II § 7 erhärtet. Hier wird der Beweiswert auf die sorgfältige 
Buchführung des Eigners und den Umstand, daß die 
tabulae perpetuam existimationis fidem et religionem amplec- 
tuntur, zurückgeführt. 

Die vielfach von Juristen vertretene Annahme, daß die 
Glaubwürdigkeit und Beweiskraft der Hausbücher auf einem 
besondern Eid, welchen die Zensoren jedesmal bei der Abhaltung 
des Zensus dem Einzelnen ausdrücklich aufgelegt hätten, beruhten, 
ist verschiedentlich aus der Rede Ciceros gegen Fannius 
Chärea widerlegt worden. Daß die Beweiskraft der (unbe- 
schworenen) Hausbücher mit der Beweiskraft der Zeugenaussagen 
verglichen wurde und daß ferner, wo Zeugen nicht ausreichten, 
doch die Hausbücher ohne weiteres zum Beweise benutzt werden 
konnten, ergibt eine Stelle Ciceros aus der Rede für den 
Fonteius. Auch noch aus einer andern Stelle Ciceros geht 
unmittelbar hervor, daß die Hausbücher zum Beweise zugelassen 
wurden (in Verr. act. II, lib. II. cap. VII, 20). 

Unter den Verbrechen nämlich, welche Cicero dem Verres 
vorwirft, findet sich ein Bestechungsvertrag, der gegen das 
römischrechtliche Prinzip, es soll sich niemand Geld geben lassen, 
um das zu tun, wozu er schon nach dem Gesetz und dem 



Die Beweiskraft der Hausbücher im Privat- und Kriminalprozeß 



251 



J) Keller, Institutionen, sagt, daß die stipulatio bis zur Zahlung in den adver- 
saria stehen blieb, weshalb denn auch die Vorwürfe, welche Cicero a. a. O. dem 
Gegner des Q. Roscius darüber macht, daß er sich auf seine Adversarien und nicht 
einmal auf den Kodex berufe, durch die einzige Entgegnung zu widerlegen waren, 
daß man nicht einen Litteralkontrakt, sondern eine Stipulation zu beweisen habe. 



öffentlichen Recht des Staates verpflichtet ist, verstößt. Einem 
gewissen Dio aus Haiesa war unter Verres Provinzialverwaltung 
die Erbschaft eines Verwandten zugefallen, die reichen Gewinn 
versprach. Als dies Verres hörte, schickte er von Messina, wo 
er sich aufhielt, einen Brief an den Dio des Inhalts, dieser 
möchte sofort zu ihm kommen, er wolle die Erbschafts- 
angelegenheit untersuchen. Dio kam und zaWte H-S undecies 
an den Statthalter, um die Erbschaft zu erhalten, die ihm als 
nächstem Verwandten von Rechtswegen gebührte; die Bestechung 
bezeichnete Cicero mit folgenden Worten: hie est Dio, judices, 
nunc beneficio Q. Metelli civis Romanus factus, de qJo multis 
viris primariis testibus multorumque tabulis vobis priore 
actione satisfactum est, H-S undecies numeratum esse, 
ut eam causam, in qua ne tenuissima quidem dubitatio posset 
esse, isto cognoscente obtineret. Auch hier beruft sich der 
Schriftsteller zum Beweise der Numeration auf die Hausbücher 
anderer. Das ist aber nur auf dem Wege der Expensilation 
möglich; also muß diese auch den Beweis der Zahlung ergeben 
haben in Fällen, wo von bloßer Auszahlung, nicht aber von dem 
Eingehen einer neuen litterarum obligatio die Rede war.^) 

Der aus einem contractus litteralis klagende Gläubiger 
begründete und beurkundete zugleich die Klage durch Vorlage 2) 
seines codex accepti et expensi. Seine in seiner eigenen Sache 
verfertigte Urkunde würde freilich nach dem auch damals in 
Geltung gewesenen Grundsatz: scriptura pro scribente non 
probat, nichts bewiesen haben, 3) wenn der Gegner seine tabulae 
ebenfalls aufgelegt und das Stillschweigen derselben über den 
behaupteten Kontrakt nachgewiesen hätte.4) Allein dann hätte 
auch der eine oder andere Teil sich eines infamierenden dolus 

1) G. E. Heimbach, Die Lehre von dem Creditum, Leipzig 1849. 

2) Sed postquam obsignandis litteris reorum ex suis quisque tabulis damnari coepit 
= allein, als man anfing — vor dem Prozesse — die Papiere der Verklagten zu ver- 
siegeln, so daß Jeder auf Grund seiner eigenen Bücher verurteilt werden konnte. Vgl. 
Schüler. 

3) So schärfte noch im 3. Jahrhundert n. Chr. Kaiser Philippus die Regel 
ein, daß Rechnungen eines Verstorbenen, die sich in dessen Nachlaß finden, zum 
Beweise einer demselben geschuldeten Geldsumme nicht ausreichen. Heimbach, Die 
Lehre v. d. Creditum, Leipzig 1849. 

4) Cic. p. Rose. Com i. 



m 



252 



Zweiter Teil 



schuldig gemacht, und bürgerliche Schande war seine Strafe.^) 
Die tabulae des Klägers fanden indessen schon dann Glauben, 
wenn der Beklagte mit den seinigen nicht hervortrat. 

Wer auf das in seinem Kodex verzeichnete expensum 
eine actio arbitraria hätte begründen wollen, würde schon 
dadurch gezeigt haben, daß es mit seinem Kodex nicht richtig 
sei. Er würde weder das certum, auf welches er nicht klagte, 
noch das incertum, welches durch eine expensilatio nicht 
begründet werden konnte, erhalten haben und leer ausge- 
gangen sein^.) 

Auch im Judicium bonae fidei wurden ohne Beziehung 
auf eine klagbar gewordene obligatio nominis Vermutungen für 
oder gegen die Wahrheit einer Tatsache aus den tabulae accepti 
et expensi hergenommen. Man bewies mit denjenigen Buch- 
ungen, welche man selbst vorzeigte, und man bewies noch mehr 
durch den Umstand, daß der Gegner seine Bücher nicht vor- 
zeigen konnte oder wollte, und durch den Verdacht, den er 
dadurch gegen sich erregte.3) 

Dem Kläger stand es frei, sich im Beweisverfahren auf 
jeden möglichen Kreditumgrund, auf obligatorische Numeration, 
Kreditstipulation, nomen facere usw., zu berufen, und darnach 
hatte er in der Klage kurz und bündig das Beweisthema, 
pecuniam deberi,4) zu bezeichnen. War nun irgend ein Kredit- 
grund erwiesen, so war dem Inhalte der Intention Genüge 
geschehen, und es erfolgte sofort die Verurteilung des Beklagten. 

Durch die tabulae domesticae erhielt man den zuver- 
lässigsten Aufschluß über den Vermögenszustand eines Bürgers. 
Jede durch irgend ein Geschäft, z. B. Kauf, Miete, Handlungs- 
verbindung oder dgl. veranlaßte Ausgabe, war darin verzeichnet. 
Über jede mit Ausgabe oder Einnahme verknüpfte Tatsache 
gaben sie Aufschluß. Bei Erbteilungen lieferten sie eine nirgends 
mit gleicher Zuverlässigkeit zu erhaltende Auskunft. 



1) Quemadmodum turpe est scribere, quod non debeatur: sie improbum est 
non referre quod debeas. Aeque enim tabulae condemnantur ejus, qui verum non 
retulit et ejus qui falsum perscripsit. Cic. 1. c. 

2) Qui cum de hac pecunia (expensa lata) de tabularum fide arbitrum sumpsit, 
judicavit, sibi pecuniam non deberi. Cic. 1. c. 4. 

3) — — — tabulae flagitatae — — - Cic. p. Coelio. 

4) Cic. pro Ros. com. cap. 4. § 13. 



Die Beweiskraft der Hausbü cher im Privat- und Kriminalprozeß 253 

« ~~ ~ — — ■ ■ _ 

Aus dem Gesagten wird klar, welche Wichtigkeit das 
Institut der rationes domesticae sowohl für das Privatrecht 
wie für das öffentliche Recht hatte. Es hing mit der Staats- 
verfassung, mit der periodischen Bildung des Zensus, mit 
der Versammlung des Zensus und mit der Versammlung des 
Volks nach Zenturien zusammen. 

Man könnte annehmen, daß nach Aufhebung der freien 
Verfassung und stillschweigenden Abschaffung der Komitien 
auch die tabulae accepti et expensi ihren Wert verloren und 
außer Gebrauch kamen. Denn die Stimme des Bürgers in den 
Zenturien, die immer weniger besucht wurden, verlor immer 
mehr ihren Wert. War aber das öffentliche Interesse an den 
tabulae erlahmt, so legte das Privatinteresse erst recht keinen 
Wert auf das Institut, weil die tabulae häufig die Verräter von 
Familiengeheimnissen waren; sie konnten ihrem Eigentümer die 
nota censoris zuziehen und lieferten bei Anklage weit häufiger 
den Beweis der Schuld als der Unschuld. Trotzdem ist nicht 
anzunehmen, daß nach August die bis dahin pflichtmäßig 
geführte häusliche Buchführung verschwand. Denn mit ihr 
hing ja der contractus nominis oder litteralis zusammen, und 
wurden keine tabulae mehr geführt, so konnte auch dieser Kon- 
trakt nicht mehr geschlossen werden. In der Tat hörten denn 
auch die rationes domesticae nicht auf, auch fernerhin wirksam 
zu sein; nur geschah dies nach Einführung der neuen Staats- 
verfassung in anderer Form. Es war dies die Form, die von 
den offiziellen Haushaltungsrechnungen des Paterfamilias zu dem 
Argentariatsinstitut herüberleitete. Mochten immerhin die 
Kontrahenten keine eigenen tabulae mehr führen, und aus diesen 
keinen contractus nominis mehr klagbar machen können, so 
halfen sie sich durch fremde tabulae, so der Munizipien, besonders 
aber durch die Codices der Argentarier. Denn schon lange vor- 
her gingen große und wichtige Geschäfte durch die Hände der 
Argentarier, die im gewissen Sinne öffentliche pararii waren. 
Es war längst Sitte, daß Kapitalisten, um nicht selbst ihre Fonds 
verwalten zu müssen, diese Verwaltung den Händen des Argen- 
tars anvertrauten. Über das ganze Kapital schlössen sie zu 
ihrer Sicherheit den contractus nominis und, durch eine Expen- 
silation im eigenen und durch ein acceptum relatum im Kodex 
des Argentarius gedeckt, ersparten sie sich die Mühe, in ihren 



^ii 



254 



Zweiter Teil 



Die Litteralobligation 



■33 



* 



eigenen tabulae weitere Nach Weisungen über die Verwendung der 
Fonds zu führen. War der Argentarius Prokurator oder Voll- 
machtsinhaber beider Teile, d. h. hatte er auch die Geschäfte 
desjenigen zu besorgen, welchem aus dem Guthaben des andern 
Teils Zahlungen zu leisten waren, so war ihm nichts leichter, 
als durch Expensilation dem Gläubiger oder Empfangsberechtigten 
den Betrag gutzuschreiben und dem Schuldner oder den 
Zahlungspflichtigen durch ein acceptuni relatum im Konto zu 
belasten. Auf diese Weise schloß der Argentarius als Reprä- 
sentant beider Teile den contractus nominis nach Art des Giro- 
vorgangs mit sich selbst ab, wobei Einheit und Übereinstimmung 
entgegengesetzter Anerkenntnisse verschiedener Kontrahenten 
zustande kamen, durch welche gerichtlich gültige Verbindlich- 
keiten erzeugt wurden. An Stelle der nomina in den eigenen 
tabulae traten die nomina in den pflichtmäßig geführten Bank- 
büchern, und die bezügliche Buchung war das klagbare Geschäft, 
die causa civilis selbst. 

Hatte ein argentarius eine Forderung einzuklagen, so mußte 
die Klage auf den Saldo cum compensatione angestellt werden, i) 
d. h. er mußte seine Forderungen und die Gegenforderungen bis 
auf das Minimum (nummus unus) genau angeben, so daß der Richter 
nur zu untersuchen hatte, ob der Saldo die angegebene Höhe 
habe oder nicht.^) Wegen der geringsten Zuvielforderung mußte 
der Richter absolvieren und der ganze Prozeß war verloren.3) 



Die Litteralobligation. 

Keine Nation der Welt vereinigte in sich einen solch hohen 
Sinn, man kann sagen, eine solche Leidenschaftlichkeit für 
Dokumente, für Schaffung schriftlicher Rechtsakte mit einem solch 
ausgeprägten Geschäftsgeist wie das römische Volk. Die Römer 
w^aren die geborenen Archivare; sie sammelten alle wichtigern 
Schriftstücke mit einer Hingebung und einem Ernst und einem 
Verständnis, wie kein zw^eites in der Geschichte bekanntes Volk 
der Welt. Bekannt ist, daß nach einem Brande im Capitol, wo 



1) Gaius IV. 64 bei Danz. 

2) Dernberg, Compens, S. 24 ff. 

3) Gaius IV. 68 b. Danz. 



ein großer Teil von Staatsdokumenten aufbewahrt war, der mit 
verbrannte, Kaiser Vespasian mehr als 3000 Bronzetafeln, enthal- 
tend Gesetze, Senatsbeschlüsse, alte Verträge, öffentliche Akten usw. 
bis auf die Katasterpläne der Gemeinden und der Kolonien, die in 
duplo im Tempel des Jupiter deponiert waren, wieder herstellen 
ließ.i) Es ist daher kein Wunder, wenn dieses selbe Volk sich 
in seinen Skripturen besondere Beweisakte sicherte und darnach 
seine Bücher und Bucheinträge gestaltete, woraus sich eigene 
Vertragsverhältnisse entwickelten. So kam es, daß bei den 
Römern die formellen Kontrakte eine weit größere Ausdehnung 
und Wichtigkeit als in unserm heutigen Rechtsleben hatten, 
die in den verschiedenen Epochen des römischen Reichs die 
verschiedensten Änderungen durchgemacht haben.^) 

Nicht jeder vermögensrechtliche Vertrag erzeugte bei den 
Römern eine Verbindlichkeit, 3) sondern nur gewisse von der 
Rechtsübung mit dieser Wirkung ausgestattete Verträge, welche 
man im Gegensatz zu den unklagbaren, pacta contractus nannte. 
Nur einigen dieser pacta legte der Prätor Klarbarkeit bei.4) 
Dahin gehörten i. die Realkontrakte, welche erst durch sach- 
liche Leistung eine Verbindlichkeit (auf Rückgabe) erzeugten, so 
beim Darlehn (mutuum), bei der Gebrauchsleihe (commodatum), 
bei der Hinterlegung (depositum) und dem Pfandvertrag (pignus). 
Bei diesen Geschäften gab es eine Klage bloß aus der münd- 
lichen Zusage nicht. Ihnen schließen sich die Innominalkon- 
trakte, d. i. die mit einem besondern Namen nicht bezeichneten 

1) G. Humbert, Essai etc. p. 12. 

2) Heinrich Schüler, die Litterarum obligatio des älteren röm. Rechts. Vgl. 
die dort angegebene Literatur: Brissonius de formulis libri VIII. Leipzig 1754. 
S. 510; Salmasius de modo usurarum. Leiden 1630 p. 302; Sigonius de judiciis I. 
5., S. 408; Unterholzner, Über die Rede des Cicero pro Rose; Harscher v. Almen- 
dingen, Über die rationes domesticae der Römer; Gans, Schollen zum Gaius, Berlin 
1821, S. 421, V. Savigny; Über den Litteralkontrakt der Römer; Wunderlich, 
Dissertatio, Göttingen 1832; Kraut, De argentariis et nummulariis commentatio, 
Göttingen 1826, S. 153; Schmidt, M. T. Ciceronis p. Q. Roscio com. oratio, Leipzig 
1839, p. 14. Hanlo, Dissertatio de nominum obligatione, praeside v. Hall, Amster- 
dam 1825; Schunck, Jahrbücher, Bd. 4, S. 153 fgde. Gneist, de recentiore littera- 
rum obligatione observationes quaedam exegeticae, Berlin 1837. 

3) Bei Aufnahme des röm. Rechts in Deutschland wurden diese Grundsätze 
nicht angenommen. Es erhielt sich vielmehr der deutsche Grundsatz, daß jeder 
Vertrag, welcher einem verständigen Interesse dient, klagbar sei. 

4) Brockhaus, Bd. 4, 14 Aufl. 



r^i 



256 



Zweiter Teil 



Verträge an, welche durch Hingabe einen Anspruch auf Gegen- 
leistung erzeugten; do ut des (ich gebe, damit du gibst; hierher 
gehörte der Tauschvertrag); do ut facias (ich gebe, damit du 
etwas tust) und die weitern Kombinationen. 2. Konsensual- 
kontrakte, Verträge, bei denen anders wie bei den Real- 
kontrakten, schon der mündliche Abschluß die wechselseitigen 
Verbindlichkeiten erzeugte: Kauf (emtio, venditio), Pacht und 
Miete (locatio, conductio), Gesellschaftsvertrag (societas), Auftrag 
(mandatum). 3. Formalkontrakte, welche durch den Gebrauch 
bestimmter Worte mit Frage und Antwort (Verbalkontrakte) 
oder durch Schrift (Litteralkontrakte, Stipulation) verpflichteten. 
Demnach bestand die Litteralobligation (litterarum obligatio) in 
einer bestimmten Form schriftlicher Abfassung und die Verbal- 
obligation (verborum obligatio) in einer bestimmten Art münd- 
licher Vereinbarung.^) 

Diese schon früh verbreitete Sitte, die Stipulation in einer 
cautio (Bürgschaft) oder einem Chirographum (Schuldschein) nieder- 
zuschreiben, hatte den Zweck, sich die Übereinkunft sicherzu- 
stellen. Dabei war vorausgesetzt, daß die stipulatio alle Erforder- 
nisse eines Verbalkontraktes aufwies, also namentlich Frage 
und Antwort mündlich und inter praesentes geschehen 
sei.2) Justinian bestimmte weiter: 3) i. bei Stipulationsurkunden, 
in denen geschrieben steht, daß die Stipulation durch einen 
bestimmten Sklaven vollzogen werde, solle immer ange- 
nommen werden, daß der Sklave gegenwärtig gewesen sei; 
2. wenn die Kontrahenten in der Urkunde als gegenwärtig 
bezeichnet sind, so solle auch dies für wahr gelten, sofern sich 
beide Teile an dem Tage, an welchem das Instrument aufgesetzt 
sei, in derselben Stadt befunden hätten. 

Neben den schriftlichen Aufzeichnungen abgeschlossener 
Stipulationen kamen auch die Stipulationen in epistulis vor. Waren 
die Kontrahenten darüber einig, daß die Übereinkunft nicht re 
oder verbis, sondern litteris geschlossen werden soll, so ward der 
Vertrag in den Kodex eingeschrieben. Dieses niederschreiben 



Die Litteralobligation 



257 



1) Titus I. de lit. obl. (3, 2i). Gajus II. 9. pr. und § 12 in Savigny. Verm. 
Schriften I. Bd., S. 208, Berlin 1850. 

2) Dr. H. A. A. Danz, Lehrbuch der Gesch. d. röm. Rechts. IL Teil, S. 42. 

3) C. 14. C. de contrah. stip. (8, 38). 



nannte man nomina facere.^) Ob der Litteralkontrakt^) in einer 
selbständigen und förmlichen Urkunde bestand,3) ist nicht fest- 
gestellt.4) Nach einem Teil der Quellen mußte der Litteral- 
kontrakt schriftlich abgefaßt sein, wenn er eine Vertragsver- 
.bindlichkeit begründen sollte. Ein anderer Teil behauptet gerade 
das Gegenteil.5) Für die Auffassung, daß unter nomina facere 
die ursprüngliche (nicht später umgeänderte [nomina transcri- 
bere]) Eingehung und Abfassung eines schriftlichen Kontraktes 
zu verstehen sei, werden folgende Quellen ins Feld geführt;^) 
In fr. 52. pr. D. de peculio 15, i : 

Plane si (tutor) ex re pupilli nomina fecit, vel pecuniam 
in arca deposuit, datur ei vindicatio nummorum. 
In fr. 9. pr. de pactio 2. 14: 

Flures argentarii, quorum nomina simul facta sunt, unius 
loco numerabantur. 

In dem oft erwähnten Briefe an Att. IV. 18. sagt Cicero, 
nachdem er den schmählichen Betrug und Bestechungsvertrag 
der Konsuln erzählt hat: 

haec pactio non verbis sed nominibus et perscriptionibus 
multorum tabulis facta est. 



1) H. Schüler, die litt, oblig. Ob dieser Kodex das zum eigentlichen Rech- 
nungswesen gehörige Hauptbuch und nicht vielmehr ein eigens für den in Rede 
stehenden Zweck vorgesehenes Buch war, bleibe hier dahingestellt. 

2) Nach Wunderlich (Diss. de antiqua litterarum obligatione. Goett. 1832), 
fällt die Zeit der Entstehung des Litteralkontraktes mit der einer größern Aus- 
dehnung des röm. Reiches zusammen, indem zu jener Zeit sich die Notwendigkeit 
herausgestellt habe, auch unter Abwesenden Kontrakte abzuschließen. 

3) Dagegen F. C. von Savigny, welcher schreibt, »daß die litterarum obligatio 
wirklich existierte, dürfen wir nicht bezweifeln«. (Vermischte Schriften, Berlin 1850, 
Seite 208.) 

4) Non figura litterarum, sed oratione quam exprimunt litterae, obligamus; qua- 
tenus placuit non minus valere, quod scriptura, quam quod vocibus lingua figuratis 
significabatur. E. Pagenstecher, de litterarum obligatione et de rationibus Heidel- 
bergae 1851. 

5) A. Pauly, Realencyclopädie des klass. Altertums (Stuttgart 1846, Bd. IV) 
schreibt: Früher glaubte man, die Litteralobligation sei eine eigentümliche Vertrags- 
urkunde oder ein Kontrakt, (zuletzt nach Unterholzer in Savignys Zeitschr. f. gesch. 
Rechtswiss. I, S. 248—269), während jetzt allgemein anerkannt ist, daß das Ein- 
tragen in das Hausbuch das Grundwesen des Litteralkontraktes sei. 

6) H. Schüler, S. 36 ff. 



Bei gel, Rechnungswesen. 



17 



258 



Zweiter Teil 



Ferner erzählt Cicero de off. lib. III. c. 14, von einem 
Kauf kontrakte : 

Tanti, quanti Pythiiis velit, emit instructos (hortos), nomina 

facit, negotium conficit. 

Die beiden ersten Stellen zeigen die Entstehung von Dar- 
lehen, die dritte die eines verwickelten Geschäfts (facio ut facias 
vel des, nisi facere possis), die letzte das Entstehen eines Kauf- 
kontraktes, bei allen durch nomina facere. Man sieht hieraus, 
daß Verträge verschiedener Art nomina werden konnten.^) Daß 
übrigens das nomina facere ganz allgemein für das Eingehen einer 
Verbindlichkeit gebraucht wurde, beweist unter vielen andern 
Stellen auch die pr. I. de litt, oblig. 3. 22, wo es heißt: 

Olim scriptura fiebat obligatio, quae nominibus fieri 

dicebatur.2) 

Neben der Litteralobligation bestanden für die Peregrinen im 
römischen Reich syngrapha und chirographum , welche später 
auch von den Römern zur Eingehung einer Litteralobligation 
vielfach angewandt wurden. 3) 

Die syngrapha (syngraphum) werden in den Quellen als 
eine von dem Debitor und Kreditor unterschriebene und 
besiegelte Urkunde erklärt, während das chirographum 4) nur ein 
Schuldschein des Debitors, ein bloßes Beweismittel gewesen ist. 
Die syngrapha sind in zwei Exemplaren ausgefertigt und von 
beiden Kontrahenten aufbewahrt worden. Das chirographum 
hat der Kreditor erhalten.-'^) Der größeren Glaubhaftigkeit halber 



1) Theoph. fragni. tituli de verb. signif. fr. 6. pr. 

2) Cic. in Verr. 2. 6., 4. 16. Das litteras facere, von dem Cicero hier 
spricht, ist augenscheinlich identisch mit dem nomina facere. Vgl. H. Schüler, S. 37. 

3) Peregrinus ist der Fremde, der im Gegensatz zum röm. Bürger stand. Auf 
dieser, durch alle Zeiten des röm. Reichs bestandenen Gegensätzlichkeit beruhte zu- 
gleich die verschiedene Rechtsfähigkeit zwischen reim. Bürgern und Perigrinen; denn 
der Fremde war zwar frei, hatte aber keinen Anspnich auf die nur dem Bürger 

zustehenden Rechte. 

4) Die Namen wie die ganze Sitte dieser Schuldurkunde entlehnten die Römer 
von den Griechen. Gaius III., 134. Vgl. Pauly, Bd. IV. 

5) Vgl. Paulys Realencyclopädie des klass. Altertums, Bd. IV. Von obigem 
Unterschiede enthalten die Rechtsquellen nichts, trotzdem wurde ihnen Glauben 
geschenkt, bis Gneist (die form. Verträge, Bd. IV. S. 1103) dagegen auftrat und 
zeigte, daß avyyQafftj keine besondere Form von Vertragsurkunden bezeichnete, daß ein 
innerer Unterschied zwischen beiden nicht bestanden habe und daß beide erst in der 
späteren Römerzeit sich zur Bedeutung von Schuldscheinen durchgebildet haben. 



Die Litteralobligation 



259 



pflegte man wie in Griechenland so auch in Rom diese Urkun- 
den zu versiegeln (obsignare), was Nero zur gesetzlichen Not- 
wendigkeit erhob. Diese Sitte kam zur Zeit der klassischen 
Junsten außer Gebrauch, an deren Stelle die subscriptio die vor 
Zeugen geschehen mußte, trat. Sowohl die syngrapha wie 
das chirographum wurden vorzugsweise bei Geschäften zwischen 
Römern und Peregrinen in Anwendung gebracht, weil diese 
letzteren zum Abschluß von Litteralobligationen nicht zugelassen 
wurden, so daß die syngrapha wie chirographa Litteralobli- 
gationen im uneigentlichen Sinne begründeten.^) 

Wie die Niederschrift der Litteralobligation selbst formell 
und materiell stattfand und ausgesehen hat, darüber herrscht 
Dunkelheit. Darum war die Lehre von dem römischen Litteral- 
kontrakte von jeher ein Stein des Anstoßes für die Rechts- 
gelehrten gewesen und hat eine Fülle von Widersprüchen und 
Unklarheiten gezeitigt. Die Hauptstelle für die Erklärung des 
Litteralkontraktes sind die Paragraphen 128—134 im IIL Buche 
des Gaius. Es werden hier drei verschiedene Arten von Ver- 
trägen aufgezählt: 2) 

1. Die nomina arcaria, 

2. Die nomina transcriptitia, 

3. Das chirographum und die syngrapha. 

Uns beschäftigen hier nur die unter Ziffer i und 2 auf- 
geführten nomina. 

Daß der Ausdruck nomen nur von schriftlichen und 
nicht etwa auch von den re oder verbis (mündlichen Stipula- 
tionen) geschlossenen Verträgen gebraucht wurde, ist aus den 
Quellen klar erkennbar.s) Da ist nun die Frage von Wichtig- 
keit, ob zum nomen facere eine eigens errichtete Vertrags- 
urkunde gehörte, oder aber ob schon die bloße Kodexbuchung 
das Vertragselement abgab. In dieser Beziehung lassen 
uns die Quellen völlig im Stich, ja zum größten Teil -wider- 
sprechen sie sich gegenseitig, so daß man rein auf den Weg 
der Vermu tungen gewiesen ist. Daß nomina facere in der 

») Paulys Realencycl., Bd. IV. 

2) Schüler, Die lit. oblig., S. 2. 

3) Asconius, Comm. ad Verrinam primam, c. lo. Tituli debitorum nomina 
dicuntur praesertim in iis debitis, in quibus hominum nomina scripta sunt, quibus 
pecuniae commodatae sunt, cui rei contrarium est mutuas accepisse. 

17* 






26o 



Zweiter Teil 



Tat die i»rsprüngliche Eingehung und Abfassung eines schrift- 
lichen Kontraktes bedeutet zu haben scheint, geht aus den 
Quellen hervorJ) Strittig ist nur, ob die Litteralobligation in 
einer bloßen Buchung oder in einer besonderen Urkunde bestand. 

Zwar lassen die Stellen des Gaius (Lib. 3. § 128, 131 und 
134) vermuten, daß die obligatio in der Buchung bestand. 
Darnach nämlich soll die römische litterarum obligatio entstehen, 
»si expensum tibi tulero ; das will heißen: Wenn ich dir Gut- 
schrift gestatte.2) Hier ist die bloße expensilatio als die einzige 
Form des Litteralkontraktes, ohne Erwähnung irgend einer 
selbständigen, außer dem Hausbuch vorhandenen Urkunde deut- 
lich bezeichnet. Diese Urkunde, wenn sie wirklich bestanden 
hätte, wäre offenbar wohl die Hauptsache gewesen, und mit 
welcher Wahrscheinlichkeit kann man annehmen, daß Gaius 
gerade die Hauptsache auszudrücken vergessen haben sollte? 3) 

Die Ansicht, daß zum Litteralkontrakt außer dem nomen 
factum, dem Bucheintrag, nicht notwendigermaßen noch eine beson- 
dere Urkunde gehörte, wird auch von Cicero indirekt unterstützt. 
Denn wenn er z. B. in der Rede für den Schauspieler Roscius aus- 
führlich davon spricht, daß alle die Tatsachen nicht vorhanden 
seien, die den Roscius hätten obUgieren können, und wenn er 
diese Tatsachen einzeln aufzählt, um dadurch die gerechte Sache 
des Roscius recht anschaulich zu machen, was wäre natürlicher 
gewesen, als unter diesen nicht vorhandenen Tatsachen jene 
besondere Urkunde obenan zu stellen, wenn es überhaupt solche 
Urkunden gegeben hätte.4) 

Nichts steht übrigens der Ansicht entgegen, daß bei einem 
Rechtsgeschäft beide, der Gläubiger und Schuldner, ihre Bücher 
zusammentrugen, und nun zu gleicher Zeit verbis solemnibus 
denselben Posten so eintrugen, daß der Schuldner im Kodex 



1) In fr. 52, p. D. de peculio, 15, i. In fr. 9. pr. de pactis 2, 14, es heißt 
da: Plures argentarii, quorum nomina simul facta sunt, unius loco numerabuntur. 

2) Damit ist gemeint, dal\ die Litteralobligation perfekt ist, sobald der Schuldner 
es duldet, daß der Gläubiger sich auf der ratio, die ihm der Schuldner im Kodex 
offen hält, Gutschrift erteilen darf. 

3) Vgl. V. Savigny, Verm. Schriften, S. 228. 

4) Ibid, S. 217. 



Die Litteraioblgation 



261 



des Gläubigers sich belastete und der Gläubiger im Kodex des 
Schuldners sich den Betrag gut schrieb, auf welche Weise dann 
der Litteralkontrakt zustande gekommen sein könnte.^) 

Wurde der Vertrag unter Abwesenden geschlossen, so wird 
wohl der Schuldner seine (ohnedies unentbehrliche, aber an keine 
Form gebundene) Einwilligung in die expensilatio gewöhnlich 
durch einen Brief ausgesprochen haben, und nichts hinderte den 
Gläubiger, diesen Brief als künftiges Beweismittel für den mög- 
lichen Rechtsstreit aufzubewahren, vielleicht auch dem Kodex 
beizulegen, oder vielleicht mittelst eines beigefügten Siegels 
anzuheften.2) 

Trotzdem läßt sich nicht annehmen, daß die Buchung der 
einfachen Geldeinnahme oder Geldausgabe mittelst des acceptum 
bzw. expensum ferre allein den Litteralkontrakt ausgemacht haben 
soll, weil für Entstehung und Xatur der Forderung nicht die Buch- 
ung, sondern das wirkliche Empfangen und Auszahlen die erheb- 
liche Tatsache bildete. Mit anderen Worten : Die nomina arcaria, 
d. h. die bloßen Kasseneinträge, hatten mit Kontrakten als solchen 
nichts zu schaffen. 3) Anders verhielt es sich mit solchen Buch- 
posten, bei denen, wie bei Zessionen, Delegationen und dgl., es 
sich gar nicht um g-egenwärtig-e Geldeinnahmen oder Ausgaben 
handelte, sondern bei denen eine Geldforderung lediglich durch 
Vertrag geordnet, oder eine aus zweiseitigem Geschäfte ent- 
sprungene, etwa noch mit einer Gegenleistung verwickelte Forde- 
rung von dieser abgelöst und zu einem selbständigen Guthaben 
erhoben, oder aber bei einer laufenden Forderung die Person 
des Debitors oder Kreditors geändert werden sollte. Li diesen 
Fällen genügte die regelrechte Buchung d. i. das nomen facere. 
Aber auch hier konnte die novatio durch Stipulation bewirkt 



J) Cic. pro Roscio Com. 2. »Scripsisset ille, si non jussu huius expensum 
tulissct«. Sodann bei von Savigny, S. 222 u. S. 242. 

2) V. Savignys Vermischte Schriften (S. 357) Ascon. in Verr. I. 23. Sed 

postquam obsignandis litteris reoruni ex suis quisque tabulis damnari coepit, 

haec vetus consuetudo cessavit. 

3) V. Keller, Grundriss usw., S. 103. A. Z. Hanio de. nom. oblig. Amst. 
1825. N. München, Cic. or. p. Rose. Com. Colon. 1829 p. 15—30. A. Wunderlich, 
de antiq. lit. oblig. Goetting 1832. Rein, Rom. Privatrecht, S. 320-328; Walter, 
Rom. Rechtsgesch, S. 630 ff. H. R. Gneist, Die formellen Verträge, Berlin 1845, 
S. 321 — 314. Vgl. Paulys Realencyclopädie des klass. Altertimis, Bd. IV. 



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262 



Zweiter Teil 



werden. Die Polens selbst nannte man nomina transcriptitia. 
V. Keller (Grundriß zu Vorlesungen, S. 104) schreibt, daß in 
diesen Fällen ein expensum ferre oder eine expensilatio vor- 
gelegen hätte. Diese Auslegung scheint nicht zutreffend zu 
sein, weil bei nomina bzw. Stipulationen der beregten Art von 
einer Kassenbuchung, als welche das acceptum und expensum 
ferre zu gelten hat, keine Rede sein konnte. Für sie war viel- 
mehr der codex rationum mit seinen Acceptilations- und Expensi- 
lationsbuchungen maßgebend. Anders gestaltet sich die Sache, 
wenn angenommen wird, daß einer der Kontrahenten oder gar 
beide keinen codex rationum führten und doch befristete Schulden 
bzw. Forderungen buchen wollten. Hierfür stand die Möglich- 
keit offen, im codex accepti et expensi, d. i. im Kassencodex, 
neben den Kolonnen für tatsächlich erfolgte Einnahmen und 
Ausgaben Kolonnen anzubringen, in welchen die befristeten, 
d. h. später zu erfolgenden Einnahmen und Ausgaben ein- 
getragen werden konnten, z. B. 

codex accepti et expensi. 



accepti- 
latio 



accep- 
ta 



expen> 
sa 



expen- 
silatio 



Nimmt man das Schema als zutreffend an,^) dann ist die 
Acceptilations-Kolonne mit der Belastungsspalte und die Ex- 
pensilations-Kolonne mit der Gutschriftsspalte der ratio identisch. 
In diesem Schema konnten die Kontrahenten sowohl den Kassen- 
verkehr wie die Umbuchungen, und zugleich auch die betagten 
Forderungen und Schulden buchen.^) 



^) Wenn ja, so wäre damit die Schwierigkeit im Kassenkodex nomina trans- 
criptitia zu buchen, auf welche Danz (Lehrbuch der Geschichte des röm. Rechts, II. 
Teil, S. 45) hinweist, gehoben. 

2) Das von v. Keller (Grundriß, S. 105) gegebene Buchungsbeispiel mit den 
»100 Scheffel dem X verkauftes Getreide an jenseitiger Verschreibung« ist voll- 
ständig unklar, wenn nicht verwirrend. Wenn der Belastungsposten von dem Konto 
A auf das Debet des Kontos Z übertragen werden soll, so handelt es sich hierbei 
um eine einfache Umschreibung (Girobuchung): Der Betrag ist dem Konto A per 
Saldo gutzuschreiben und dem Konto Z zu belasten, womit die Sache »im Lot steht.« 



Die Litteralobligation 



263 



Über die Form der schriftlichen Kontrakte gehen die 
Meinungen weit auseinander, und da die verschiedenen Vertrags- 
arten nicht streng auseinander gehalten wurden, so sind die in 
der Lehre vom altrömischen Kontrakt vorgekommenen Irrtümer 
und Mißverständnisse groß an Zahl. Almendingen, i) dem Wunder- 
lich gefolgt ist, glaubt, die obligatio sei perfekt, wenn die Ein- 
träge in den gegenseitigen Codices der Parteien übereinstimmen. 
Die Notwendigkeit eines zweiseitigen Schreibens zur Perfekt- 
werdung des Kontraktes will Savigny und nach ihm Hanlo, 
gestützt auf die Rede Ciceros pro Rose. Com., nicht anerkennen. 
Zwar sei nach ihm zur Vornahme der expensilatio durch den 
Gläubiger die Zustimmung des Debitors notwendig gewesen, 
aber die expensilatio als solche, sowie das damit in Zusammen- 
hang stehende expensum ferre sei das den Litteralvertrag eigent- 
lich begründende Moment gewesen. Die Willenserklärung des 
Schuldners, die der expensilatio vorangehen mußte, sei an keine 
Form gebunden gewesen.^) Schüler will diese Ansicht nicht 
gelten lassen,3) weil, wenn sie zugelassen würde, man zu der 
sonderbaren Erscheinung käme, daß gerade die Willenserklärung 
des Schuldners als desjenigen, der bei der obligatio litterarum 
die Hauptsache ist, ohne jede Form bliebe, während doch bei 
der stipulatio die sponsio der sich Verpflichtenden als die eigent- 
liche Hauptsache und der Mittelpunkt gelte, um den sich die 
ganze Form drehe. Diesen Widerstreit der Ansichten vermag 
nur eine richtige Antwort auf die Frage zu lösen, ob der 
Kontrakt in einem besondern Schriftstück oder in einer bloßen 
Buchung bestand, bei der der Gläubiger im Kodex des Schuld- 
ners die expensilatio vollzog, d. h. sich selbst Gutschrift erteilte. 
Eine stichhaltige Antwort hierauf kann aber niemand geben, da 
die Quellen keine Handhabe zu einer solchen bieten. Fest steht 
nur, daß, wenn ein besonderer und förmlicher Kontrakt abge- 
faßt wurde, beide Kontrahenten denselben wohl unterschrieben 
haben werden. Bestand die Litteralobligation aber schon in der 
oben gekennzeichneten Gutschrift, dann bedurfte es keiner 

1) Harscher v. Almendingen, über die rationes domesücae der Römer in 
Grollmann und Löhrs Magazin. Bd. 2, S. 178 fgde. 

2) Cic. pro Rose. cap. 4. Scripsisset ille, si non jussu hujus expensum tulisset. 
Vgl. H. Schüler, S. 40. 

3) H. Schüler, Litter. oblig., S. 42 ff. 



264 



Zweiter Teil 



Die Litteralobligation 



26: 



I i 



weitern Unter- oder Niederschrift des Schuldners. Es genügte 
für den Rechtsbestand der Forderung, wenn der Schuldner 
seinen Kodex dem Gläubiger hergab und zusah, wie dieser auf 
seiner ratio die expensilatio vollzog. Indem der Schuldner die 
Vornahme dieses Aktes zugab, lieferte er in tadelsfreier Form 
an den Gläubiger das beste Klagefundament aus. Nichts wider- 
spricht übrigens der Ansicht, daß der Schuldner neben der 
expensilatio, die der Gläubiger vornahm, vielleicht seine Unter- 
schrift, gleichsam als placet«, hinschrieb.^) 

Eine weitere Frage ist, ob, falls für die Litteralobligation 
eine besondere Abfassung bestand, hierzu eine solemne Form 
notwendig war.^) Von dem Verbalkontrakte ist bekannt, daß er 
die solemne Frage und Antwort erheischte. Bei der Verbal- 
obligation fragt der Gläubiger: Spondes? (gelobst du, verbürgst 
du dich), und der Schuldner spricht das feierliche Verpflichtungs- 
wort spondeo aus, womit der Wille der Parteien kkirgestellt 
ist. Noch zu Ulpians Zeiten, wo das Formelwesen des alten 
Rechts bereits sich zu verHeren begann, war es gebräuchlich, 
jedem schriftlichen Vertrage am Schlüsse die Stipulationsformel : 
»rogavit Titius< , »spopondit Maevius anzuhängen. Wenn 
nun schon für den Verbalkontrakt die solemne Form und für den 
alten Realkontrakt die Form der traditio per aes et libram Vor- 
schrift war, so läßt sich annehmen, daß bei dem Litteralkontrakt 
der gleiche Fall zutraf.3) xVls solche, hierher gehörende Formeln 
werden bezeichnet ^) 



1) Das Schreiben der Kontrahenten hat wohl in den meisten Fällen bei der 
damals keineswegs allgemein gewesenen Schreibenskunde nur in einem bloßen Unter- 
zeichnen bestanden, das entweder durch irgend einen Federzug, oder wohl auch durch 
das Aufdrücken eines bestimmten Zeichens oder Siegels geschehen sein mochte. Hier- 
nach ist der Ausdruck obsignare, der zwar in vielen Fällen Besiegeln und Versiegeln 
bedeutet, dem Effekt nach aber gleichbedeutend mit Unterschreiten ist, zu erklären. 
H. Schüler, S. 45. 

2) Schulting, jurisprud. antejust. not. ;6 ad Gaj. Inst. lib. II. tit. 9 § 12 (p. 
163. d. Leipz. Ausg. v. 1737); Lobethan Syst. element. jurispr. Halle 1778, § 374. 
Schweppes Reditsgeschichte, § 307. Christiansen, Die Wissenschaft der römischen 
Rechtsgeschichte, Altena 1838, Bd. I, S. 377, sprechen alle von Vertragsformeln, 
jedoch so unbestimmt, daß daraus nichts zu entnehmen ist. Vgl. Schüler, S. 54. 

3) H. Schüler, S. 55. 

4) S. Wunderlich, S. 38. 



Frage des Gläubigers: 

centum aureos, quos mihi ex causa locationis debes, expen- 
sos tibi tuli? 

Antwort des Suldners: 
* Expensos mihi tulisti. 

Bei gegenseitiger Abrechnung zweier Geschäftsleute fragt 
nach Theophilus^) der Gläubiger: Wirst du die 100 Goldmünzen, 
die du mir auf Grund des Mietsvertrages noch schuldest, den 
verglichenen (ovvd)'jy,i]g) und übereinstimmend gefundenen {öjuoloyiag) 
Hausbüchern gemäß mir geben? 

Und der Schuldner antwortete: 

Ich schulde und gebe dir so viel, wie die Vergleichung 
der Hausbücher zeigt. 

In die moderne Geschäftssprache übertragen, würde die 
Formel lauten: 

Erkennst du, daß nach Abschluß unserer gegenseitigen Konti 

dein Schuldsaldo noch 100 Goldmünzen beträgt? 
Ja, ich erkenne den Saldo an. 

Es ist schwer, über Sitten und Rechtsinstitute einer Zeit, 
von der uns Jahrtausende trennen, ein richtiges Urteil abzu- 
geben; aber übersieht man die Quellen, so gelangt man zu der 
Überzeugung, daß höchst wahrscheinlich, wie für den Verbal-, 
so auch für den Litteralkontrakt, die solemne Form bindend war, 
und an dieser Wahrscheinlichkeit muß so lange festgehalten 
werden, als nicht mit schlagenden Argumenten das Gegenteil 
-dargetan werden kann.^) 

Das Fortschreiten der Zeit, und insbesondere das schon von 
Cicero ^) beklagte Bestreben der Rechtslehrer, alte Einrichtungen 
-zu verdrängen, sodann die Begünstigungen, die man nach und 
nach dem auf bloße Billigkeit basierten prätorischen Recht zuteil 



1) H. Schüler, S. 74. 

2) H. Schüler, S. 59. 

3) Cicero pro Murena. In c. 12: Nam cum permulta praeclare legibus essent 
constituta, ea jurisconsultorum ingcniis pleraque corrupta et depravata sunt. Vgl. bei 
Schüler, S. 63. 



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Zweiter Teil 



werden ließ, haben die Litteralobligation ihrer strengen Formen 
entkleidet. Sie galt im Justinianischen Recht ohne alle Form. 
Man konnte den Vertrag ausstellen als cautio, als chirographum 
oder wie man sonst wollte. 

Im 4. oder 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung sind mit 
den Hausbüchern zugleich auch die Litteralkontrakte ganz außer 
Gebrauch gekommen.^) 



») Danz, Rom. Recht, II. Teil, S. 52. 



Weitere, von R. Beigel erschienene Schriften. 



Praktische Einführung in die kaufmännische Buchhaltung, ein theoretisch prak- 
tischer Leidfaden, für Handelsschulen und zum Selbstunterricht, Stuttgart. 

Katechismus der Wechsellehre und des Wechselrechtes, ein Nachschlagebuch für 
praktische Kaufleute und für Handelsschulen, Karlsruhe. 

Katechismus der Buchführungslehre und der Lehre von den Bank-Konto- 
Korrenten, ein Nachschlagebuch für praktische Kaufleute und für Handels- 
schulen, Karlsruhe. 

Frei Konkurrenz oder Staatsüberwachung? Ein Vortrag, gehalten im Arbeiter- 
Fortbildungsverein in Straßburg i. E., Karlsruhe. 

Die Beweiskraft der Handelsbücher nach dem deutschen Handelsgesetzbuch, Lahr. 

Die Buchführung nach den gesetzlichen Bestimmungen des deutschen Reichs 
und des gesamten Auslandes, Leipzig. 

Entwicklungsgeschichte der öffentlichen Beleuchtung Straßburgs, aktengemäß 

dargestellt. Mit Tabellen und Illustrationen, Straßburs i. E. 

Die Notwendigkeit einer öffentlichen Handelsschule in Straßburg i. E., 

Straßburg. 

Die Mängel unseres gegenwärtigen kaufmännischen Bildungswesens, Berlin. 

Die Notwendigkeit eines Lehrstuhls für Handelswissenschaften an den 
Universitäten, Separatabdruck aus dem Berliner Finanz- und Handelsblatt 

Erweiterung des Polytechnikums in Karlsruhe durch eine Abteilung für 
Handelswissenschaften, Straßburg i. E. 

Die kaufmännische Buchführung und das Elsaß-Lothringische Gewerbesteuer- 
gesetz. Eine Anleitung zur Ermittlung des steuerpflichtigen Erträgnisses 
djirch die Buchhaltung, Straßburg i. E. 

Leidfaden der einfachen und doppelten Buchführung, Straßburg i. E. 

Braucht der Jurist Buchführungskenntnisse? Straßburg i. E. 

Gewerbesteuer und Vermögensbilanz, Straßburg i. E. 

Der Kampf um die Handelshochschule, Leipzig. 

Allgemeines deutsches Buchführungsrecht nach dem neuen Handelsgesetzbuch: 
Band I, die kaufmännische Buchführung, 

„ II, die Buchführung und insbesondere die Bilanzen der Aktien- 
gesellschaften, Leipzig 1900. 

Handbuch des Bank- und Börsenwesens, Leipzig 1903. 









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